Auf der Jagd

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Mein lieber Freund,

nach viel zu langer Zeit melde ich mich endlich wieder bei dir. Nicht, weil mir langweilig wäre, ganz im Gegenteil. Wir haben uns nach unserem letzten größeren Desaster… äh Abenteuer erst einmal gesammelt, Knochen sortiert, Narben gezählt und beschlossen, dass man ja vielleicht doch noch ein wenig an sich arbeiten könnte, bevor man sich wieder freiwillig umbringen lässt.

Und siehe da: Es hat tatsächlich was gebracht. Mittlerweile sitzen wir alle auf eigenen Pferden, ja, wir fallen nur noch selten runter, unsere Ausrüstung ist deutlich besser und auch wir selbst sind nicht mehr so grün hinter den Ohren. Ich habe mich mehr auf das Kundschafterdasein verlegt und bilde mir ein, darin inzwischen ganz passabel zu sein. Alanus, Konrad und Ruben haben sich natürlich auch weiterentwickelt, jeder auf seine ganz eigene, mehr oder weniger gesunde Art. Kurz gesagt: Wir hielten uns für bereit.

Der neue Auftrag klang anfangs fast harmlos. „Großes Wildschwein“, hieß es. Du kennst mich, da gehen bei mir sofort die Alarmglocken an, auch wenn Wildschein eigentlich einen eher guten Geschmack mit sich bringt…

Somit starteten wir erst mal die große Informationsrunde und klapperten ab, wer uns eben in den Sinn kam. Konrad wälzte zudem Buch um Buch in der Bibliothek.

Und natürlich hatten wir recht: Kein normales, leckeres Borstenvieh, sondern ein riesiges, chaotisch verseuchtes Monstrum. Ein Gnargor. Hörner, Hauern, Stoßzähne, ein Gestank wie aus den tiefsten Abgründen und eine Aggressivität, die selbst gepanzerte Ritter samt Pferd innerhalb kürzester Zeit erledigt.

Es wurde auch mit richtig sympathischen Fähigkeiten und Eigenschaften in Verbindung gebracht: extrem widerstandsfähig, guter Schleicher, Meisterkämpfer, durchtrieben, Nachtsicht, infizierend, verstörend, zur Raserei fähig… Die Liste ließe sich weiter fortführen. Wo das Vieh sich rumtreibt, findet man kein anderes Leben mehr. Es bleibt nur Flucht oder Tot. Ein richtig lieblicher Zeitgenosse also.

Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht. Fallen, Sümpfe, Schluchten, Burggräben, alles mal durchgespielt. Am Ende entschieden wir uns, erst einmal die Lage vor Ort zu erkunden. Zur Sicherheit besorgten wir uns noch zwei Brandbomben und einen Sprengkörper. Man weiß ja nie, ob man einem Chaosmonster vielleicht mal höflich den Weg versperren muss.

So landeten wir abends in Geiselbach. Die Stimmung dort war, sagen wir, angespannt. Holzfäller verschwunden, Höfe angegriffen, die Leute hatten Angst, ihre Häuser zu verlassen. Der Baron hatte bereits ein Drittel seiner Männer verloren, also wurden wir behandelt, als wären wir die letzte Hoffnung. Kein Druck.

Am nächsten Morgen sahen wir uns einen angegriffenen Hof an. Zerstörte Gebäude, Blut, frische Gräber, verbrannte Tierkadaver. Keine Spur von normalem Wild, alles Größere war geflohen oder tot. Die Überlebenden hatten sich verbarrikadiert und schossen erst einmal einen Warnpfeil auf uns. Kann man ihnen kaum verübeln. Wir kamen dann aber mit den Überlebenden ins Gespräch und diese bestätigten, was wir bereits von dem Vieh gehört hatten. Sie erzählten uns auch, dass sich einige Gesetzlose in den Wäldern rumtrieben, was auch die durchschlagende Begrüßung erklärte.

Danach machten wir uns auf den Weg Richtung Burg. Es war mittlerweile später Vormittag und wir mussten uns etwas sputen. Unterwegs wurde der Wald immer stiller. Unnatürlich still. Kaum Vögel, keine Tiere. Dafür Spuren wie zertrampelte Wege, umgerissene Bäume, beschädigte Stämme. Irgendwann stießen wir auf ein zerstörtes Holzfällerlager, keine Leichen, aber sehr viel getrocknetes Blut. Und dann natürlich ein Steinkreis. Überwuchert, der Mittelstein umgestürzt. Das hätte uns eigentlich direkt sagen sollen, dass gleich etwas Unangenehmes passiert.

Ruben spürte plötzlich die Präsenz einer mächtigen Chaoskreatur, und keine Sekunde später brach der Gnargor aus dem Unterholz. Freund, ich übertreibe nicht: so groß wie ein Nashorn, Körper eines Wildschweins, übersät mit alten Pfeilschäften, Hörnern und Hauern, ein Blick wie reiner Wahnsinn. Konrad und ich mussten erst einmal mit uns selbst kämpfen, nicht schreiend davonzulaufen. Alanus und Ruben hielten sich etwas besser.

Der Kampf war die reinste Hölle. Konrad mit Pistolen und Schwert, Ruben mit allem an Zaubern, was ihm einfiel, Alanus mit seinem Schwert und ich mit Pfeil und Bogen, wobei erstaunlich viele Pfeile einfach wirkungslos abprallten.

Das Vieh war zäh, schnell und unglaublich brutal. Wir lagen alle zwischendurch am Boden, schwer verletzt. Mich hat es so erwischt, dass ich ohne Hilfe nicht mehr aufgestanden wäre. Wir haben aber wieder hervorragend als Team agiert. Das mag ich so an dieser Truppe. Jeder kämpft und hilft, so wie er es eben schafft. Niemand lässt die anderen im Stich.

Am Ende war es Alanus der dem Gnargor den entscheidenden Treffer verpasste, ein mächtiger Hieb in den Bauch. Und dann… platzte das Ding. Wortwörtlich. Innereien, Flüssigkeiten, Chaos in jeder Form ergossen sich über uns alle. Als Abschiedsgeschenk hat es uns also noch einmal ordentlich zugesetzt, bevor es begann, sich aufzulösen.

Wir konnten immerhin ein paar Trophäen sichern: Stoßzähne, Hörner und sogar den Schädel. Mit Holz aus dem zerstörten Lager bauten wir eine improvisierte Trage, um dieses Monstrum überhaupt transportieren zu können. Jetzt sitzen wir hier, machen eine kurze Pause, lecken unsere Wunden und brechen dann zur Burg auf.

Ich dachte mir, ich schreibe dir das alles mal nieder, falls ich es irgendwann nicht mehr kann. Aber fürs Erste lebe ich noch, und das ist ja auch schon was.

Auf bald, mein Freund.
Kruger

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