Die Nacht des kopflosen Reiters V – Nekroschlumpfs heimwehen

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02. Juni im Jahre des Herrn 1733 – Schaffberg, am Mittag

Liebe Cecilia,
noch immer verweilen wir in dem Umfeld der gefallenen Seelen um Schaffenberg. Auch wenn der Bann des Reiters von uns gelöst ist und wir unser Würgemal, welches uns an diesem Ort fesselte, verloren haben, so suchen noch weitere unheilvolle Gestalten diese Stätte heim. Allen voran der Leichenfresser. Wir können nicht bestreiten, wir profitierten nicht von unseren Funden in den verlassenen Häusern dieses verdorbenen Ortes und so gebietet es unser Anstand, ihn von dieser Verderbnis zu befreien. Wenn nicht aus Dankbarkeit, dann doch wenigstens um der Ausbreitung des Dämonischen Einhalt zu gebieten.

Und so machen wir uns auf den Weg zurück zum Marktplatz, an dem die erste Begegnung mit den hier ansässigen Kreaturen begann. Dort angekommen fällt uns etwas auf, weniger als dass etwas Neues erscheinen würde, sondern es fehlt etwas. Die ganzen Leichen und deren Körperteile sind in der Nacht verschwunden. Ein Heulen, ein wahnsinniges Lachen erreicht unsere Ohren … und unser Mark. Irritiert und doch bemüht einen Schritt nach dem anderen vorzugehen, wollen wir vorerst in den Häusern nachschauen, ob sich die Untoten nun dort aufhalten. Jedoch offenbart sich uns hier nur wenig der Erkenntnis, sodass wir wieder in die Richtung des Waldes streben. Um Lyras Sicherheit nicht zu gefährden, begleitet Karl sie in unsere zeitweilige Unterkunft, während Johann, Roland und ich dem Gelächter auf den Grund gehen wollen.

Als wir dem gespenstischen Lachen immer näher kommen, beschließen wir, dass ich mich durch das Unterholz an die Quelle der Angst einflößenden Gefeixe heranpirsche.
In Sichtweite gekommen, erreichen mich unheimliche Bilder von den drei untoten Hexen, die weiterhin um den rituellen Kreis vor dem Baum tanzen. Ihr menschliches Antlitz ist längst der hässlichen Fettelgestalt gewichen. Aus den Augen des Gesichtes am Baum schwellt langsam sein blutiges Harz, welches teilweise auf dem Boden schon verkrustet ist. Es sammelt sich in einem anliegenden Becken zu einem Teich des Unheils, neben dem schon ein Becher mit einem nichts Gutes verheißenden Trank platziert ist. Jetzt bloß keine falsche Bewegung denk ich mir und schleiche mich vorsichtig davon.
Kurz besprochen, entschließen wir uns wieder zu unserem Unterschlupf zurückzukehren und uns entsprechend auf einen Kampf vorzubereiten.
Alle wieder vereint, beschließen wir einiges Gefechtsgerät zu präparieren und uns für den bevorstehenden Kampf auszuruhen. Derweil mag sich Roland noch anschicken, Lyra auf die Besessenheit eines Sturmgeistes oder anderem dämonischem Ideentum zu prüfen, indem er ihr ein Kreuz auf die Brust legt. Sie reagierte in keinster Weise darauf, was wohl ein gutes Zeichen sein sollte. Nachdem wir zwölf Flaschen mit Öl befüllt und mit einem Stofffetzen gestopft haben, können wir zu unserem, mittlerweile eingespielten, Wechsel zwischen Wache und Schlaf übergehen. Doch die nächtliche Ruh hält nicht lang, als bald die vorher noch auf dem Marktplatz vermissten wandelnden Toten sich vor unserem Haus versammeln. Rolands alarmierender Weckruf lässt uns zu unseren Waffen greifen und die ersten Flaschen des Untotenvaporisierers entzünden. Derweil kommt auch Lyra wieder zu Bewusstsein. Ihr erster Gedanke gilt als gleich wieder ihrer Schwester, aus welchem sie auch keinen Hehl macht, uns diesen an möglichst unangemessener Stelle kund zu tun.
Wir gebieten ihr, sich lieber geschlossen zu halten und in der sicheren Ecke auf eine gewaltfreie Lage zu warten.
Unsereins bewirft die endlos scheinende Menge an seelenlosen Leibern mit den fackelnden Flaschen Öl, während Johann mit seinem Schießeisen das Blei in deren Körper brennt. Sie verenden zu dutzenden und doch rücken mehr und mehr nach. Einige von ihnen durchbrechen die Eingangstüre und drängen das Treppenhaus hinauf. Wir versuchen sie an der Treppe zurückzuschlagen, als jählich von Karl ein Gerumpel auf dem Dach vernommen wird. Unversehens hockt der Totenbeißer in dem Fenster des Schlafzimmers. Roland und Karl versuchen ihn noch hinaus zu pferchen, doch haben sie seiner unmenschlichen Stärke wenig entgegenzusetzen, sodass er in das Schlafzimmer hereinbricht. In höchster Eile ziehen wir uns in selbiges zurück und verbarrikadieren die Türe zum Korridor um unsere Kraft ganz auf das blaue Ungetüm ballen zu können,
welches von Roland und Johann bereits anvisiert wird um ihm einen gehörigen Schlag und Schuss zu versetzen. Gerade die letzte Elle des Regals vor die Tür geschoben, peilt die Cara picada mich für eine Sprungattacke an. Nur dem beherzten Training durch Pedro hab ich es zu verdanken, mich, durch ein Aufblitzen aus den Augenwinkeln ausgelöst, aus der Schlagreichweite des Monstrums rollen zu können. Irritiert von der vorgefundenen Leere erhält das Scheusal einen weiteren schmerzlichen Schuss aus Johanns Feuerwaffe. Gefolgt von einem heftigen Hieb mit Rolands Schwert, welcher den Angreifer empfindlich ins Wanken bringt. Eingeschüchtert von der unerwarteten gewaltigen Gegenwehr, visiert der Springensfeld das Dachfenster zur Flucht an. Doch das machte ihn unaufmerksam, sodass ihm nicht gewahr ist, wie sich Rolands Schwert seinem Genick entgegenschleudert. Die Haut des Halses reißt an der Klinge, die sich darauf folgend in Bruchteilen einer Sekunde durch sein Fleisch und den Kehlkopf senkt und ihn den letzten Unlebenshauch entgleiten lässt. Ein Hauch der ein letztes Mal das Hekate für ihn flüstern lässt, während sein Staub in ihm verweht. Für einen kurzen Moment scheint Karl in der Wolke seiner Asche ein Auge zu erkennen. Es ist das Auge des Akephalos. „Die Hexen waren das”, stellt er für sich fest. Den Satz noch nicht ausgesprochen rumpelt es hinter der Türe gefolgt von Stille.
Wir konnten stolz auf uns sein, haben wir doch das Erwecken weiterer Tote endlich zum Stillstand und denen die schon wandelten ihren Frieden gebracht.
Schnell legen wir die Tür zum Korridor wieder frei und eilen mit Decken zur Treppe um dort das Feuer, ausgelöst durch die entzündeten Willenlosen, wieder zu löschen.
Was ist eigentlich mit dem Esel, ist er in all dem Trubel doch untergegangen? „Igaaah“ ertönt es aus dem Keller. Der famose Señor Fred, immer für einen Scherz gut, el viejo burro.
Mit Blick auf all die Leichen im Haus ist es für uns alle klar, es reicht, die Hexen müssen ihrem gewaltsamen Schicksal überführt werden. Zusammen gehen wir das an.
In all der Zeit sind mir meine Begleiter immer mehr ans Herz gewachsen, selbst el loco racional.

Ich hoffe du hast dich in dieser düsteren Gegend auch mit zuverlässigen Gesellen anfreunden können. Das ist das wenige, was einem in dieser Zeit noch bleibt.

Dein Dir verbundener Bruder,
Ignacio

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