Die Nacht des kopflosen Reiters I – Der Weg hinein

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1. Juni im Jahre des Herrn 1733  – zwischen Kronau und Waldenau, morgens

Rudolf und Henriette diskutieren nicht lange, sie verlangen Heinrich und den Inhalt seiner Tasche und wollen dann Philipp suchen. Sie scheinen darin wichtige Dokumente zu vermuten. Wir versuchen sie zu beruhigen, doch meine eindeutigen Hinweise auf ihren Zustand nehmen sie nicht ernst. Bevor ich sie überzeugen kann überkommt Don Ignacio ein Verlangen nach Heinrichs Tasche, er versucht, Heinrich diese zu entreißen. Heinrich nimmt daraufhin Reißaus in den Sumpf, Don Ignacio hinterher. Letzterer sinkt schnell etwas tiefer ein, Heinrich dagegen gar nicht. Rudolf und Henriette sehen sich kurz an und rennen den beiden hinterher. Roland hat die Chance, Rudolf anzugreifen und nutzt diese. Durch Rolands Schwert getroffen fällt Rudolf mitnichten hin, er löst sich einfach in Luft auf. Ich lege an und schieße auf Heinrich, der getroffen zu Boden fällt. Henriette läuft weiter, ich rufe sie an und als sie nicht stehenbleibt, schieße ich auch auf sie. Auch sie löst sich auf und wird mit dem Wind davongetragen. Wir hören mit dem Wind eine Stimme, die wir aber nicht verstehen. Don Ignacio und Roland erreichen Heinrich, der sich umdreht, ungläubig guckt und dann zu Staub zerfällt.

Weitere Hinweise haben wir keine, vielleicht werden wir nun nicht mehr erfahren, warum ihre Seelen noch an unsere Welt gebunden waren. Also machen wir uns weiter auf den Weg Richtung Osten. Es ist weiter nebelig, wir sehen Tümpel und Waldstücke. Reisende sehen wir nicht. Mittags machen wir eine kurze Rast und reisen dann weiter. Nachmittags kommen wir an eine Abzweigung, hier biegt ein Weg nach Norden ab. Dort führt der Weg in eine hügelige Landschaft und hinter einem Hügel erkennen wir einen Kirchturm. In einiger Entfernung steht ein Karren auf dem Weg, der verlassen scheint. Wir hören Geräusche von Ziegen und Rindern. Wir nähern uns dem Karren, als ein Windstoß eine Glocke zum Läuten bringt. Der Karren ist ein älteres Modell mit einer Glocke auf dem Dach. Er scheint sehr schwer beladen zu sein, ein Pferd steckt noch im Geschirr. Menschen sehen wir nicht, aber Tiere, Schafe, Ziegen und Rinder, die herrenlos um den Karren herumstreifen. Es riecht nach Verwesung.

Karl geht zum Karren und wirft einen Blick hinein.  Die Ladefläche ist voller Leichen, deren Zustand so schlimm sein muss, dass Karl sich kurz übergeben muss. Auf dem Karren liegen zwei Dutzend Leichen, Männer, Frauen und Kinder.  Manche sind nur bleich mit einem schwarzen Ring um den Hals wie eine Tätowierung. Andere sind von schweren Waffen zerstückelt und wieder andere bis auf die Knochen abgenagt. Diese Spuren sehen menschlich aus!

Der Anblick ist wahrlich brechreizerregend. Karl untersucht die Leichen, als ihn plötzlich eine Hand an der Schulter packt. Ein alter Mann mit einem grauen Ring um den Hals sieht ihn aus gebrochenen Augen an und sagt: “Flieht, der kopflose Reiter kommt!” Dann stirbt er und der Ring um seinen Hals färbt sich schwarz. Aus seiner Hand fällt eine Bibel. Die Bibel gehört einer Familie Liebfeld aus der Brunnengasse in Schaffberg. Darin liegt ein gemaltes Bild einer Familie mit zwei kleinen Kindern. Auf der Rückseite steht ein Spruch: ‘möge der Kindsmörder in der Hölle schmoren und für alle Sünden bestraft werden’.

Hinter einer Klappe auf dem Karren finden wir einige Säcke und Taschen mit Wertgegenständen wie Kerzenleuchtern oder Silberbesteck. Um den Karren herum finden wir Spuren von mehreren Personen, die sich vom Karren entfernen. Wir finden auch Spuren eines schwer beschlagenen Pferdes. Wir folgen den Spuren, die nach Westen führen. Nach etwa 10 Minuten finden wir drei Leichen, die von schweren Waffen zerhackt wurden. Darunter ist auch die Leiche eines Pfarrers. Roland bekreuzigt sich. Wir gehen zurück und folgen weiteren Spuren nach Osten, wo wir ebenfalls nach einigen Minuten zwei Leichen finden.

Wir haben kein gutes Gefühl dabei, doch die Unvernunft siegt. Wir gehen nach Schaffberg, nachdem wir das Pferd aus dem Geschirr befreit und mitgenommen haben. Es ist ein idyllisch gelegener Ort, der aus etwa 70 Häusern besteht. Wir sehen einige Steinhäuser und viel Fachwerk. Um den Ort liegen einige Bauernhöfe, es gibt hier Werkstätten und in der Nähe Minen, es scheint ein wohlhabender Ort zu sein. Im Süden des Ortes sehen wir Obstplantagen, im Norden bewaldete Hügel. Was wir nicht sehen sind Menschen oder Tiere.

Als wir näher kommen, bemerken wir einen süßlichen Geruch. Die Häuser des Ortes sehen auf den ersten Blick gut aus, doch dann bemerken wir an fast allen Häusern Vandalismus: eingetretene Türen, Brandspuren und Schmierereien. Auf der Straße sehen wir Blutspuren, aber keine Leichen, aber auch keine Menschen. Als wir uns die Schmierereien genauer ansehen, die alle mit Kohle oder Blut geschrieben zu sein scheinen, lesen wir immer wieder das Wort: Hekate und das dazugehörige Zeichen. Hekate ist die griechische Göttin der Magie, die von Hexen angebetet wird. Ein Windhauch trägt einen Namen zu uns: Hekate. Was mag das alles bedeuten?

Wir gehen in die Mitte des Ortes auf einen großen Platz. Karl und ich hören ein schmatzendes Geräusch aus einer Gasse.  Wir schleichen hin und erschrecken uns fast zu Tode. Dort hockt eine widerliche, entfernt menschliche Figur mit verzerrten Gesichtszügen und scharfen Zähnen, die gerade an einer Leiche frisst. Ich muss mich beinahe übergeben, wodurch die Figur aufschreckt und mit einem Riesensatz in ein Fenster im ersten Stock eines Hauses springt. Welches Teufelszeug ist hier wieder am Werk? Diese Figur schien einmal ein Mensch gewesen zu sein, wir haben Reste von Kleidung gesehen. Die Leiche, an der diese Kreatur gefressen hat, ist ein toter Junge, der einen Ring um den Hals hat und angefressen ist. Das haben wir bisher noch nicht gesehen.

Wir gehen schnell weiter zum Marktplatz. Auch hier sehen wir viele Blutflecken und Schmierereien, aber auch hier: keine Leichen. Die Kirche, die hier steht,  ist ein prächtiger Bau, allerdings steht die Tür offen. Wir gehen hinein, wo sich uns ein Bild der Verwüstung zeigt. Wir sehen viel Blut, dutzende Leichen, die alle von schweren Waffen zerstückelt wurden. Neben dem Altar liegt die Leiche eines Pfarrers, die als einzige enthauptet wurde. In der einen Hand liegt ein heiliges Symbol, in der anderen die Kirchenchronik, die wir an uns nehmen. Die Menschen hier sind etwa eine Woche tot.

Überzeugt, dass es doch keine gute Idee war hierherzugehen, wollen wir diesen Ort schleunigst verlassen. Kurz bevor wir den Ausgang erreichen, hören wir das Schnauben eines Pferdes und als wir die Kirche verlassen läuft uns ein kalter Schauer über den Rücken.

Auf dem Marktplatz steht ein riesiges mit Waffen vollgepacktes Pferd mit glühend roten Augen. Darauf sitzt ein kopfloser Reiter, der eine Sensenklinge an einer Kette über dem Kopf schwingt. Ich lege an und schieße…

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