Trügerisches Glück (Prolog Teil I)

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Ich war zu euphorisch gewesen. Nachdem mein Vater es arrangiert hatte, dass ich aus dem Schuldturm in Bethana entlassen worden war und in Havena erfahren hatte, dass Romin Galahan all meine Ausstände übernommen hatte, war ich der Überzeugung, endlich auf der Siegerstraße zu sein. Dass man mich nach Andergast geschickt hatte, um dort einem entfernten Verwandten des Prinzen, der dort als König herrschte, zu dienen, war mir nur recht. Es schien mir ein fairer Preis für eintausend Dukaten zu sein, einige Jahre an der Grenze des Orklands in der Provinz zu verbringen. Schließlich hatte das Kampfseminar unter den Magiergilden einen ganz guten Ruf, sodass ich sicher Zeit für meine Studien finden würde.
Den Weg nach Norden nutzte ich ausgiebig, mein ungeahntes Glück zu feiern und lies mir Zeit mit der Reise. Auf ein paar Tage mehr oder weniger würde es sicher nicht ankommen, dachte ich. In Honingen verbrachte ich eine Weile im Gasthaus “Zum roten Einhorn”. Tagsüber besichtigte ich die Stadt und genoss ihre Annehmlichkeiten (für Ortskundige: Es war auch am Tag die ein oder andere “tulamidishe Nacht” darunter), in den Abendstunden verschlug es mich in den “Rosstäuscher”, in dem man immer eine Partie Boltan oder “Fünf hoch” spielen konnte. Lange Jahre hatte ich mich vom Glücksspiel fern gehalten, doch jetzt, als ich die ersten Münzen gewann und sie klimpernd in meiner Börse verschwanden, überkam mich der altbekannte, rauschhafte Sog. Immer riskantere Spiele wagte ich, immer höhere Einsätze setzte ich. Zum Schluss hatte ich, wie so oft, alles verloren. Nicht mal genügend Münzen blieben mir, um mich im “Roten Einhorn” auszulösen. Früher wäre ich in die nächste Wechselstube gegangen und hätte einen Schuldschein unterschrieben, doch ich hatte mir vorgenommen, nicht wieder in das alte Fahrwasser zu geraten. Und auch wenn es mir in der Seele schmerzte, so blieb mir nur, mein Pferd, dass man mir für die Reise geliehen hatte, zu versetzen. Sicher würde niemand Fragen stellen, schließlich kam es häufig vor, dass sich diese Tiere verletzten und getötet werden mussten. Damit hatte ich dann auch eine gute Begründung, warum ich mich dermaßen verspäten würde.Durch den Verkauf des Pferdes hatte ich, nach allen Abzügen, noch eine ganze Menge Geld in der Tasche, und trotz des kurzen Rückfalls in alte Gewohnheiten, verließ ich Honingen voller Zuversicht. Ich folgte dem Tommel nach Norden und genoss den Anblick, den mir der sagenumwobene Farindelwald bot. Am 29. Rahja erreichte ich Ambelmund. Der Ort bot nichts außer einem Gasthaus. Darum freute es mich, als man mir am nächsten Morgen sagte, dass es zwar bis Winhall zwei bis drei Tage sei, es aber eine Abkürzung nach Norden durch das Hügelland gab. Innerhalb eines Tages konnte man so den Ort Arraned erreiche. Ich würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, ein paar Tage Wegstrecke gut machen und noch vor Beginn der namenlosen Tage in einem Gasthaus sein.
Ich war gerade außer Sichtweite von Ambelmund, als es zu regnen begann. Erst war es nur lästig, doch schon bald war der Pfad durch die Hügel so aufgeweicht, dass ich ständig ausrutschte und phexverflixt aufpassen musste, nicht in den Dreck zu stürzen. Immer wieder zwangen mich wolkenbruchartige Schauer, meinen Marsch zu unterbrechen und Schutz zu suchen. Am Abend war ich froh, unter einigen Tannen ein trockenes Plätzchen gefunden zu haben. Da war es mir fast egal, dass von dem Dorf Arraned weit und breit nichts zu sehen war. So brachen die Namenlosen Tage an und ich verfluchte meinen Übermut, der dazu geführt hatte, dass ich ohne Pferd irgendwo im Nirgendwo war. Auch der Regen hatte nicht nachgelassen. Mittlerweile war der Pfad kaum noch zu sehen. Immer wieder musste ich meinen Marsch unterbrechen, um Schutz vor dem Unwetter zu suchen, und irgendwann hatte ich dann den Weg ganz aus den Augen verloren. Vier Tage irrte ich so durch die Gegend. Am fünften Namenlosen Tag gelang es mir immerhin, den Pfad wieder zu finden. Am Abend suchte ich am Rand eines kleinen Wäldchens unter den Bäumen Schutz und schlief völlig durchnässt ein.

Ich erwachte. Der Regen hatte aufgehört, doch irgendetwas stimmte nicht. Die Nacht war rabenschwarz. Nichts, wirklich gar nichts, war zu sehen. Noch nicht einmal die Sterne oder das Madamal. Ich wirkte einen “Flim Flam”. Aber obwohl der Zauber funktionierte, blieb es dunkel. Dann sah ich am Himmel zahlreiche Lichter. Sternschnuppen, die mit einem Schweif zu Boden stürzten. Eines der Lichter kam immer näher und wurde größer. Dann merkte ich, dass es direkt auf mich zu raste. Im letzten Moment versuchte ich noch zur Seite zu springen, als mich die Sternschnuppe traf und ich die Besinnung verlor.

Es war immer noch dunkel, als ich wieder erwachte. Es hatte nicht wieder angefangen zu regnen, doch die Sterne waren an den Himmel zurück gekehrt. Ich blickte an mich herunter und sah, dass meine Kleidung in Brusthöhe einen Riss aufwies und an den Rändern der Stoff verkohlt war. Hastig lüpfte ich meinen Wams und sah auf höhe des Herzen einen milchig weißen kristallinen Splitter in meiner Brust stecken. Die Ränder waren durchzogen mit einem schwarzen Metall. Der taubeneigroße Kristall schillerte im Licht der Sterne in den verschiedensten Farben.Ich hatte keine Schmerzen, eigentlich fühlte ich mich sogar ausgesprochen gut. Nur wenn ich versuchte, den fast zur Gänze im Brustkorb steckenden Splitter zu bewegen, verspürte ich ein unangenehmes Reißen, und mein Herz machte einige Aussetzer. Ein “Odem Arcanum” offenbarte mir, dass der Kristall von astraler Energie durchzogen war und in einer Helligkeit leuchtete, dass es mir in den Augen schmerzte. Als ich zum Himmel aufblickte, fiel mir auf, dass im Sternbild des Drachen einige dunkle Stellen waren. Die Legende sagte, dass man am Himmel die Karunkel der uralten Drachen sehen konnte. Jetzt fehlten dort offensichtlich einige der Sterne. Leider war mein astrologisches Wissen nicht so ausgeprägt, dass ich die fehlenden Gestirne hätte zuordnen können, ich prägte mir das nun veränderte Sternbild aber genau ein und nahm mir vor, in Andergast weitere Nachforschungen anzustellen.

Am nächsten Vormittag erreichte ich Arraned und setzte tags darauf meine Reise fort. Am zweiten Praios des neuen Jahrs, dem eintausenddreißigsten nach dem Fall Bosparans, war ich wieder alleine auf der Straße unterwegs, als mich das Gefühl beschlich, dass ich verfolgt wurde. Kurz darauf sah ich sie. Eine schlanke, hochgewachsenen Gestalt, die für einen kurzen Moment zwischen den Bäumen auftauchte und dann wieder in den Schatten verschwand. Sie hatte schlohweißes, glattes und ausgesprochen langes Haar. Die Haut war ebenholzfarben. Auf dem Kopf trug sie einen Helm und am Körper eine eng anliegende Rüstung aus glänzendem, aber schwarzem Metall. Ihre Bewegungen waren katzenhaft, und noch ehe ich sie genauer mustern konnte, war sie wieder verschwunden. Zurück blieb ein Unbehagen, das mich beschlich und mich deutlich warnte, dass das, was ich dort gerade gesehen hatte, gefährlich war.

Immer wieder schaute ich mich an diesem und den nächsten Tagen um, doch nie wieder konnte ich einen weiteren Blick auf meinen Verfolger erhaschen.Untersuchungen des Kristalls in meiner Brust zeigten mir, dass das arkane Leuchte an Helligkeit zunahm, aber nicht intensiver wurde. Noch während ich darüber nachdachte, was es mit dem Stein auf sich hatte, kam mir auf der Straße ein alter Mann entgegen. Einige Tage waren mittlerweile seit meiner unheimlichen Begegnung vergangen, dennoch war ich sehr vorsichtig und musterte den Reisenden aufmerksam. Trotz seines grauen Barts und des schütteren Haars hielt sich der Alte aufrecht und ging schnellen Schrittes. Beim Gehen stützte er sich auf einen mannshohen Stab aus dunklem Holz, dessen oberes Ende in einen fein gearbeiteten Drachenkopf mündete. Er trug einen Mantel und darunter weit fallende Roben in gedeckten Erdtönen. Als er nah genug heran war, grüßte ich ihn. Er erwiderte den Gruß und erhob dabei seine Hand. In der Innenfläche konnte ich ein Akademiesiegel ausmachen. Augenscheinlich schien der Alte irgendwann einmal seine Ausbildung im “Konzil der Elemente zu Drakonia” erhalten zu haben. Schnell kamen wir ins Gespräch. Der Magier stellte sich mir als Pher Drodont vor und behauptete, nach mir gesucht zu haben. Nun, nicht nach mir persönlich, schränkte er schnell ein, aber nach Personen, die wie ich einen Splitter in der Brust tragen würden. Wie ich schon vermutet hatte, handelte es sich dabei um Fragmente von Karfunkeln, die wohl ehemals mächtigen Drachen gehört haben müssen. Pher Drodont war sich nicht sicher, was im Moment vor sich ging, er hatte aber vor geraumer Zeit eine Vision gehabt, die ihn zu seiner Suche inspirierte. Er berichtete, dass er in Andergast schon einige Träger der Splitter gefunden hatte, und empfahl mir, mich mit ihnen zusammen zu schließen. Denn nicht nur er suchte nach den Trägern, auch eine finstere Macht, eine dämonische Kreatur namens Pardona hatte ihre Häscher ausgeschickt. Einem von ihnen war ich begegnet, sagte er, als ich ihm von der Gestalt im Schatten der Bäume berichtete. Dabei soll es sich um Shakagra handeln, sogenannte Dunkelelfen.Pher Drodont wollte sich auf den Weg machen und noch mehr Träger von Karfunkelsplittern suchen, um danach herauszufinden, was zurzeit vor sich ging. Um mich vor den Häschern zu schützen, legte er einen Zauber (für Leser vom Fach: eine abgewandelte Form des “Objecto obscuro”) auf den Splitter in meiner Brust. Außerdem nannte er mir noch einen Namen: Agrawan von Andrafall. Ihn würde ich in Andergast antreffen, und auch er trug einen Karfunkelsplitter in sich.

In der Nacht, nachdem mich Pher Drodont verlassen hatte, träumte ich: In der Dunkelheit erhob sich der Kopf eines goldenen Drachen und sprach: “Ich sehe dich! Du wirst gesucht, Zauberer. Sei auf der Hut!”

(aus: Naramis ya Spinosa ODL, Esq. – “Erinnerungen einer Reise: Die Rückkehr der Drachen”)

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Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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