Von Kuhfladen und Rothaarigen

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Mein lieber Freund,

mein letzter Brief ist schon wieder eine Weile her, und natürlich haben wir es auch diesmal nicht geschafft, einfach ein paar ruhige Tage zu verbringen. Offenbar wäre das für uns zu einfach. Also will ich dir berichten, wie wir schon wieder in die nächste Geschichte geraten sind.

Vor einigen Tagen trafen wir uns am frühen Abend in der Krone des Carolus mit Anders Wagenknecht. Er hatte einen neuen Mann dabei, Hieronymus Grubenschmalz, einen kräftigen Kerl von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, dem auffälliger weise eine Fingerkuppe an der linken Hand fehlt. Er erzählte uns, dass er für Geld nach Menschen sucht. Klingt für mich verdächtig nach Kopfgeldjäger, aber wir wollen ja nicht vorschnell urteilen.

Beim Essen erklärte Anders uns unseren neuen Auftrag. Offenbar herrscht inzwischen so etwas wie ein Krieg zwischen den verschiedenen Kutschlinien. Besonders die Vier Jahreszeiten, die Imperiale Schnelllinie, die Kanonenkugel-Expresslinie und die Ratschenlinie spielen dabei eine Rolle. Kutschen werden überfallen oder verschwinden, wobei Anders besonders Elisa Höchst von den Vier Jahreszeiten verdächtigt.

Eine Kutsche der Schnelllinie ist nun etwa vier Tagesreisen von Altdorf entfernt spurlos verschwunden. Wir sollen sie finden und nach Möglichkeit Beweise sammeln, wer hinter der Sache steckt. Dafür gibt es zwanzig Goldkronen plus Spesen. Eine Kutsche samt Kutscher wurde uns ebenfalls gestellt. Später erfuhr Konrad noch, dass sich in der verschwundenen Kutsche offenbar eine hochrangige Person befunden hatte. Das macht die Sache natürlich gleich viel angenehmer.

Auch Gunther Abend bat uns um Hilfe. Sein Brückenhaus leidet unter den Vorfällen, und er möchte seinen Ruf als neutraler Anlaufpunkt für alle Kutschlinien wiederherstellen. Gelingt uns das, winken weitere zehn Goldkronen. Alanus bekam von ihm für die lange Reise einen altertümlichen Kompass geschenkt. Ich hoffe, wir können uns eher auf den Kutscher verlassen. Ich bin mir bei Alanus Navigationskünsten nicht so sicher.

Während unserer Vorbereitungen sammelte jeder noch ein paar beruhigende Nachrichten für die Reise: Auf den Straßen treiben sich Freischärler, Grenzer, Raubritter und eine größere Bande namens Schwarzer Pfeil herum. Ruben bekam zusätzlich den Auftrag, nach verstärkten kultischen Aktivitäten Ausschau zu halten. Ich erfuhr von einigen Jägern außerdem, dass Tiermenschen und Goblins unterwegs sein sollen. Mit anderen Worten, beste Voraussetzungen für einen gemütlichen Ausflug nach Altdorf.

Wir trafen uns schließlich am Brückenhaus und machten uns auf den Weg. Am Stadttor erkannte ich, hinter einigen Zinnen versteckt, den Rothaarigen wieder. Offensichtlich blieb unser Aufbruch nicht so unbemerkt, wie wir es gern wollten.

Als erstes Zwischenziel erreichten wir den riesigen Viehmarkt. Dort stand bereits ein Zelt für uns bereit. Wir beschlossen, während der Nacht Wachen einzuteilen. Eine erstaunlich gute Entscheidung, denn während Hieronymus‘ Wache schlichen plötzlich mehrere Gestalten um unser Lager.

Kurz darauf wurden wir durch Geschrei geweckt. Konrad bekam einen Kuhfladen an den Hals, ich einen vor die Brust und Ruben einen Stein an den Kopf. Unsere Angreifer, insgesamt acht Mann, standen draußen, beleidigten uns aus sicherer Entfernung und bewarfen uns mit Kuhfladen und Steinen.

Nun, sie hatten offenbar mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass wir zurückschlagen. Konrad schnappte sich seinen Schlagring, Alanus seine Peitsche, Ruben sorgte mit Magie für etwas zusätzliche Überzeugungskraft und Hieronymus beförderte einen der Angreifer kurzerhand mit dem Kopf in die Kiste, aus der sie ihre Kuhfladen holten. Ein durchaus angemessener Einsatz ihrer eigenen Munition, wie ich finde.

Nach einigen schmerzhaften Treffern begriffen die Kerle schließlich, dass ihre Idee vielleicht doch nicht besonders gut gewesen war, und flohen. Dabei bemerkte ich einen Jungen in der Nähe unserer Kutsche und einen rothaarigen Mann, der aus Richtung einer Scheune davonlief. Kurz darauf roch ich Rauch. Natürlich brannte die Scheune.

Die darin untergebrachten Rinder gerieten in Panik und brachen aus. Wir konnten uns gerade noch auf und in unsere Kutsche retten, während die Tiere über den Platz stürmten und mehrere Zelte niedertrampelten. Unsere Ausrüstung blieb glücklicherweise unbeschädigt.

Wir beschlossen, lieber aufzubrechen, bevor jemand uns fragte, warum überall verletzte Leute herumlagen, eine Scheune brannte und eine Herde Rinder durch das Lager raste.

Am folgenden Abend erreichten wir einen recht schicken Gasthof mit dem Namen Auf halbem Weg, der interessanterweise das Zeichen der Vier Jahreszeiten trug. Dort wurden wir von einigen Waidmännern wiedererkannt. Wir befanden uns nämlich erneut in jener Gegend, in der wir seinerzeit den Gnargor erledigt hatten. Anscheinend vergisst man Leute nicht so schnell, die mit dem Kopf eines riesigen Chaosmonsters durch die Gegend ziehen.

Von den Jägern erfuhren wir, dass erneut ein gewaltiger Eber gesichtet worden war, vermutlich der sogenannte Alte Warzenbuckel. Außerdem sollen sich drei bis vier Dutzend Tiermenschen in den Wäldern herumtreiben. Auch das alte Grunewald-Anwesen wird offenbar wieder genutzt, vermutlich von den von Bruners.

Unser Kutscher Jan Harmar traf währenddessen auf eine Hausiererin namens Karla Pfeiffer und das Gespräch wirkte etwas komisch. Alanus wurde neugierig und sprach später mit ihr. Sie kennt Jan schon lange und machte sich offensichtlich Sorgen um ihn. Angeblich erledigt er gelegentlich Aufträge für jemanden, bei dem sie kein gutes Gefühl hat. Außerdem soll es in seiner Vergangenheit irgendeine unangenehme Geschichte gegeben haben. Näheres wollte sie natürlich nicht erzählen. Wie immer bekommt man gerade genug Informationen, um misstrauisch zu werden.

Am nächsten Tag sorgte auch unser neuer Begleiter Hieronymus für Fragen. Während der Fahrt bemerkten wir einen ziemlich seltsamen Geruch an ihm und fanden heraus, dass er irgendwelche Kräuter kaute. Seine Erklärung, ein altes Familienrezept, um Totengeruch zu überdecken. Ich bin mal gespannt, was bei ihm so die ganze Geschichte mit sich bringt.

Beunruhigender war die Entdeckung einer angebrochenen Speiche an unserer Kutsche. Der Verdacht liegt nahe, dass der Junge, den ich zuvor an der Kutsche gesehen hatte, daran herumgesägt hatte. Wer dahintersteckt, wissen wir allerdings noch nicht.

Am Abend erreichten wir schließlich die kleine Siedlung Walfen mit einem erstaunlich großen und uralten Sigmar-Tempel. Vater Stillmann, der dortige Priester, erzählte uns, der Tempel sei bereits zwischen tausend und fünfzehnhundert Jahre alt.

Wir nahmen uns ein Zimmer im Gasthof Zum krummen Haken, aßen ordentlich und gönnten uns tatsächlich einmal einen ruhigen Abend mit vernünftigen Betten. Du ahnst vermutlich schon, wo das hinführt.

Am frühen Morgen wurden wir von lautem Glockengeläut geweckt. Draußen schrien Menschen „Angriff der Tiermenschen! Alle in den Tempel!“ Und damit, mein lieber Freund, endete unsere erholsame Reise vorerst.

Was danach geschah, erzähle ich dir im nächsten Brief. Vorausgesetzt natürlich, die Tiermenschen lassen mir anschließend noch genügend Finger zum Schreiben.

Auf bald, mein Freund.
Kruger

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