Vom kleinen Maulwurf, der wissen will wer ihm ans Bein gepinkelt hat…
10. Mai 1881
Heute morgen beginnen wir auf Idas Drängen den Tag mit einem Besuch bei den Vätten. Wir, das sind konkret Norvid, Bengt, Ida und ich. Nils hantiert im Stall herum und kümmert sich grad um unsere Pferde. Wir biegen zum Vätten-Quartier ab und sehen mit hellem Entsetzen dass die Vätten-Box von einem unserer Pferde bezogen wurde. Schnell setzen wir Nils den Floh ins Ohr, dass diese Box verflucht ist und er beeilt sich mit kreidebleichem Gesicht das Pferd umzustellen.
Herr Vätte holt sich schimpfend unsere Lebkuchen und hat keinerlei Interesse an dem Umstand, dass wir unschuldig an dieser Misere sind. Trotz seines zuverlässig erpressten Lebkuchen-Nelkenmilch-Abonnements verwandelt er uns ohne Not in kleine Tiere. Norvid in eine Kröte, Bengt in eine Ratte, Ida in einen Igel und mich in einen Maulwurf.
Wir reagieren sehr unterschiedlich auf diese, plötzlich veränderte Situation: Während die retraumatisierte Kröte Norvid immer wieder gegen die Wand springt, legt Bengt die Ratte aus Strohhalmen das Wort Fluch. Igel Ida entscheidet sich Nelkenmilch zu trinken – guten Hunger. Das einzige Tier, dass sich besonnen verhält bin ich, der Maulwurf Linda. Ich bringe Nils zum Stolpern, der dabei war Kröte Norvid einzufangen und verhindere damit eine unangemessene Gefangennahme. Außerdem beiße ich Bengt und das fühlt sich sehr richtig an.
Frau Vätte taucht auf und erläutert uns, dass wir nun sicher ein paar Tage in unserer Tiergestalt bleiben werden, ich erkenne bei ihr keinerlei Reue und stelle fest, dass Vätten keineswegs sympathische Wesen sind, so kann man sich täuschen. Immerhin rät sie uns ein gewisses Tierzimmer im Schloss aufzusuchen, um uns dort zurück zu verwandeln. Wir standen bei einem unserer nächtlichen Schloss Spaziergänge schon einmal auf der anderen Seite der Tür davor und wissen dementsprechend wie verlockend diese Möglichkeit ist. Hurra, das wird kein Spaß.
Frau Vätte führt uns durch den wildwuchernden Garten zu einer Art Katzenklappe. Norvid ist immer noch viel zu gestresst um klar zu denken aber Bengt weicht ihm nicht von der Seite und beißt und streichelt ihn in einem fort. Ein eigenartiges Szenario, aber immerhin hält Norvid Kurs und bleibt bei der Gruppe. Wir landen durch ein Netz aus verschiedenen Tunneln im Schloss, Füchsen und Nattern, die sich unentwegt für uns interessieren, zum Trotz.
Durch ein vergittertes Fenster plumpsen wir in einen Kellerraum, an den ein Tunnel anschließt. Wir schlüpfen in diesen Tunnel und gelangen in eine Baumwurzel-Höhle, die allerdings so schneidend nach Gefahr riecht in unseren olfaktorisch nun kurzzeitig aufgepimpten Tiernasen, dass wir lieber wieder umdrehen wollen. Leider wartet im Kellerraum inzwischen eine geheimnisvolle schwarze Mamba, als doch wieder zurück zur Baumwurzel der Gefahr.
Das Klima in der Baumwurzel-Höhle ist sommerlich schwülwarm und etwas modrig. Obgleich unterirdisch trägt der Baum im Innern der Höhle grüne Blätter übrigens mit leuchtenden Adern und in seine Rinde sind die Runen Yggdrasil geritzt. Die Höhle ist riesig, dass sie unter unserem Schloss liegt ist eigentlich ausge-Schloss-sen. Wir hören das Bersten von Knochen.
Ratten-Bengt klettert ein Stück den Baum herauf, worauf die Runen im Baumstamm zu leuchten beginnen. Als Norvid nicht aufhört aufgeregt zu quaken kommt er wieder hinuntergeklettert und beißt ihn. Ich sehe schon recht viele Bisswunden auf Norvids Haut und denke, dass man die Häufigkeit der Bisse etwas einschränken sollte.
Grad als ich das mitteilen möchte sehe ich einen riesigen schwarzen Wolf in die Höhle schauen. Ich erstarre vor Angst aber der Wolf flieht winselnd mit eingezogenem Schwanz und findet sein Ende, dem lauten Knacken von berstenden Knochen nach. Bengt sieht in dem Moment kurz einen basiliksenartigen riesigen Schatten.
Aus der Höhle führen einige Tunnel in unterschiedliche Richtungen. In einer Ausbuchtung liegt ein Berg mannigfaltigster Knochen von Elchen, Bären, Menschen (MENSCHEN??? ich dachte das hier ist das TIER-Zimmer) und Vielem mehr.
Wir laufen durch einen Tunnel und kreuzen die runde Kriechbahn des großen schlangenhaften Wächters dieser Höhle. Den Geräuschen nach ist dieser grad mit dem Töten eines Bären beschäftigt. Im Gang leuchten Runen auf, die mutmaßlich erklären, wie man seine Verwandlung vom Mensch zum Tier besser kontrollieren kann. Leider haben wir keine Zeit sie weiter zu studieren bzw. um ehrlich zu sein Bengt Zeit zu geben sie weiter zu studieren, denn wir hören in unserer Nähe das Geräusch einer Klappe, die sich öffnet.
Wir sehen einen Menschen hindurchkrabbeln und sich in einen Hund verwandeln. Eine Sekunde später wohnen wir seinem Ableben bei, als die Riesenschlange ihn sich qualvoll einverleibt. Während die Schlange durch ihren Fraß abgelenkt ist, entdecken wir anhand der Runen die Klappe, die uns zurück in unser Schloss bringen kann.
Als diese Klappe sich öffnet sprinte ich sofort hindurch, gefolgt von Ida. Falls Jemand schon mal einen Maulwurf und einen Igel beim „Sprinten“ gesehen hat, es ist erbärmlich und nicht effektiv schnell, dementsprechend schaffen wir es auch nur knapp, aber wir schaffen es.
Sobald wir als Ida und Linda zurück verwandelt im Schlossgang stehen, müssen wir dem Keller-Ketten-Troll mit seiner Stinkeplautze und seinem geschmacklosen Totenkopf-Schmuck ausweichen. Wir tun so, als ob wir weggehen und hoffen dass er aufgibt uns zu erhaschen und verschwindet.
Da der Troll verweilt und wir auf das baldige Auftauchen von Norvid und Bengt im Gang hoffen, entscheiden wir uns spontan zu folgender Taktik: Ich laufe durch die Gänge und bringe mich hinter Keller-Krawallo-Klumpen-Knut in Position um ihn dazu zu bringen hinter mir her zu eilen, damit er abgelenkt ist und Ida schnell Norvid und Bengt aus seiner Reichweite ziehen kann.
Erstaunlicherweise gelingt dieser Plan und wir torkeln entkräftet von unserem Abenteuer und den Strapazen der Rückverwandlung in den uns wohlbekannten Wohntrakt von Schloss Gyllenkreutz zurück. Bengt und Norvid ziehen sich mit einer erheblichen Menge Alkohol auf ein Zimmer zurück und Niemand mag jetzt oder irgendwann in diesem Leben fragen wozu !?!
Ida und ich essen zu Abend und danach fallen wir allesamt in einen tiefen traumlosen Schlaf. Ida wird morgens von dem überflüssigen und enervierenden Kollo geweckt, der erläutert, dass wir die Vätten zu besänftigen hätten. WIR die Vätten? Dieses Ungeziefer müsste UNS beruhigen, meine Meinung, aber die Mistviecher sind ja wohl in der privilegierten Position sich uns gegenüber herausnehmen zu können was sie nur wollen.
Bengt möchte unbedingt sofort Kollos Anweisungen folgen und verschwindet, unangenehm beflissen, im Stall. Ida erwägt ihm zu folgen, während Norvid und ich auf keinen Fall bereit sind derlei Anstrengungen in Erwägung zu ziehen. Im Stall schwatzt Bengt mit Herrn Vätte und Kollo und geht auf jede Bedingung, im Sinne von Ausformulierung dreisterer Forderungen, ein.
Als ich unseren Hausmeister Harald Schönhaar zu den Umbaumaßnahmen im Stall befrage kommt heraus, dass jemand, der aussieht wie Algot den Auftrag dazu erteilt hatte. Da Algot allerdings ganz sicher zur Zeit nicht in Gyllenkreutz vor Ort ist, wächst in uns der Verdacht heran, dass Kollo in der Lage ist, unterschiedlichste Gestalt anzunehmen und uns mutwillig diesen grundbösen und gefährlichen Streich gespielt hat. Wir sind uns langsam einig, dass Kollo eins der gefährlichsten Viecher hier im Schloss ist.
In der geheimen Bücherei forschen Norvid und Ida nach dem Tierzimmer und dem „Großen Kollo“. Norvid liest in zahlreichen Berichten aus den vergangenen Zeiten der Gesellschaft von einem periodisch auftauchenden Wichtelwesen, immer mit anderem Namen.
Jedes Mal läutete sein Erscheinen eine Umbruchphase, ein wichtiges Ereignis oder eine größere Katastrophe ein. Danach verschwand es stets. Die letzte Sichtung war wohl vor 50 Jahren, ohje, in was für einem Schlamassel stecken wir hier drin. Wo ist der Trollbeutel, den ich aktuell meiner Lage hier vorziehe und in den ich mich verkriechen will?



