Geboren um zu sterben 7 – Es kam von jenseits des Schleiers

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Freitag, der 20. Tag des VI. Monats im Jahre 888 nGInnerhalb eines einzigen Augenblicks hat sich die ausgelassene, festliche Stimmung auf der luxuriösen Hochzeit von Kandess und Philippus Phrent in einen Hort des Grauens verwandelt. Paare, die sich eben noch voller Freude beim Tanze drehten, wenden sich vor Panik schreiend ab. Stühle werden umgeworfen, Schrecken und Furcht greifen um sich.
Mitten auf der Tanzfläche, im Epizentrum des Tumultes, liegt der Leichnam des Bräutigams. Über dem toten Philippus steht Kandess. Ihre attraktive Gestalt hat sich in ein bedrohliches Abbild ihrer bisherigen Schönheit transformiert: Sie ist nun ein ganzes Stück größer, ihre Hände wurden zu Klauen, die ihrem Geliebten den Tod brachten. Und ihr ebenmäßiges Gesicht hat sich zu einer Fratze des Hasses verzerrt, aus der rotglühende Augen nach dem nächsten Opfer gieren.
Ich verfluche die Tatsache, dass ich mein Schwert nicht mit zur Hochzeit bringen konnte und sehe mich nach etwas um, das ich als Waffe nutzen kann. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie in meiner Nähe Krätze seinen Löffel zückt und einen Zauber webt.
„Kandess, Schatz … was hast du getan?“ steigen Worte aus Phrents Kehle auf. Eine Illusion, die der Goblin zur Ablenkung der Braut geschaffen hat. Mit einem irritierten Knurren wendet sich Kandess tatsächlich wieder ihrem ermordeten Gemahl zu.
Diesen Augenblick nutzt Melina, um eine Schleuder unter ihrem Rock hervorzuziehen und sich in eine bessere Schussposition zu begeben. Auch Wilbur hat seinen Fokus umklammert und zaubert. Seine Haut wird dunkel und borkig, um sich gegen die kommenden Angriffe zu wappnen. Derweil haste ich geduckt zu einer der zahlreichen Öllampen, die den Garten des Goldenen Schwans erhellen. Mal sehen, was Feuer gegen dieses monströse Ding, zu dem Kandess geworden ist, ausrichten kann …
Mit einem tiefen Grollen zertritt Kandess die schlanken Hals von Philippus. Dann schaut sie lauernd in die Runde. Ihr glühender Blick bleibt an Rena hängen, die noch immer fassungslos neben Wilbur steht. Kandess schnarrt einige Worte in einer unverständlichen, hässlichen Sprache und fixiert die Frau. Ihre Fratze wird für einen kurzen Moment wieder zu dem uns bekannten Gesicht und mit sanfter, unschuldiger Stimme erteilt Kandess einen Befehl: „Hilf mir!“ Ein Ruck fährt durch Rena, sie zieht ihren Dolch und stellt sich schützend vor die Besessene.
Krätze ist es gelungen, einen weiteren Zauber zu wirken. Aus dem Nichts heraus materialisiert sich eine Art schwebender Armbrust, welche der Goblinmagier auf die Schreckensbraut ausrichtet. Doch Kandess wirft ihm selbst einen Zauber entgegen, der Krätze unter Schmerzen zusammenzucken lässt. Aber der Goblin schafft es, standhaft zu bleiben. Melina schleudert einen Stein auf Kandess und mir ist es gelungen, mit der Öllampe an sie heranzuschleichen. Während Wilbur versucht, beruhigend auf Rena einzureden, sie möge doch bitte ihren Dolch einstecken, werfe ich die Öllampe hinter Kandess auf den Boden. Das Gefäß zerbirst beim Aufprall, brennendes Öl spritzt in alle Richtungen. Melina schießt erneut mit der Schleuder, doch der Stein fliegt am Ziel vorbei. Dafür trifft das Geschoss aus Krätzes magischer Waffe Kandess am Oberarm.
Grelle Flammen züngeln an Kandess Hochzeitskleid empor. Die Braut fängt vor Schmerzen an zu brüllen. Melina schießt abermals auf sie, und Krätze versucht Kandess mit einem Zauber unter seine Kontrolle zu bringen. Wilburs Bemühungen, mit Worten auf Rena einzuwirken, zeigen eine gewisse Wirkung. Anstatt Kandess zu verteidigen, wendet Rena sich verwirrt dem Halbling zu. Sie ist unschlüssig, was sie tun soll.

Ich renne zu einem der Tische, reiße die lange Decke herunter, um Kandess darin einzuwickeln und zu fesseln. Krätzes Armbrust feuert erneut auf die brennende Frau.
Kandess finsteres Gebrüll wird plötzlich zu einem qualvollen, menschlichen Todesgeschrei. Sie bricht in den lichterloh brennenden Flammen zusammen und stirbt, nur wenige Schritte von Philippus entfernt.
Rena erwacht aus ihrer Verwirrtheit und Wilbur zieht sie sanft von der grausigen Szenerie fort, um ihr alles behutsam zu erklären. Es stinkt nach verschmorten Fleisch und Haar. Aber der Schrecken dieses Festes soll noch nicht vorbei sein.
Plötzlich bricht Kandess‘ verbrannter Körper auf und ihm entsteigt etwas Grausiges, so wie ein Schmetterling einem Kokon entschlüpft. Es ist eine tiefschwarze, groteske Kreatur mit peitschenden Tentakeln, scharfen Klauen und einem runden, von einem Kranz nadelspitzer Zähne gesäumten Maul. Die Flammen rund um das dämonische Wesen verfärben sich dunkel und es stößt ein erschütterndes Zischen aus. Düstere Schatten beginnen sich wie Fäulnis rund um das Wesen zu entfalten.

Geistesgegenwärtig lässt Melina wieder ihre Schleuder sprechen. Ich lasse die Tischdecke fallen und schleudere stattdessen einen schweren Kerzenleuchter auf den Dämon, doch verfehle die Kreatur. Krätze lässt auf dem Boden rund um den Dämon Krähenfüße sprießen und feuert mit der magischen Armbrust auf ihn. Das Geschoss trifft und „Blut“ spritzt aus einer Wunde. Dann umgibt Krätze sich mit einer magischen Rüstung. Wilbur baut sich neben Rena auf und wirkt den Zauber „Inneres Tier“: ihm wachsen scharfe Krallen und ein wildes Haarkleid. Melina schießt erneut, doch ihr Stein verfehlt den Dämon. Die Schatten vor dem Wesen verdüstern sich und es verschmilzt mit ihrer Finsternis. Plötzlich taucht der Dämon vor Krätze wieder aus den Schatten auf und greift ihn mit seinen zuckenden Tentakeln an.
Entschlossen greife ich mir Renas Dolch, den sie hat fallen lasen und renne auf den Dämon zu. Krätzes Armbrust schießt auf das Wesen, Wilbur fällt den Dämon von hinten an. Mein Dolchstoß geht ins Leere, der Dämon lässt von Krätze ab und wirft sich Melina entgegen. Mit seinen schwarzen Klauen zerreißt er ihr das Kleid und fügt ihr blutige Wunden zu. Unserer Gefährtin gelingt es so gerade noch ein Stück von der blutrünstigen Kreatur zurückzuweichen. Krätze schleudert einen Zauber auf den Dämon, das Tentakelwesen wird zu Boden geworfen. Mit dem Dolch füge ich der Kreatur eine schwere Stichverletzung zu, Wilbur attackiert sie mit seinen Klauen. Der Dämon bäumt sich wütend auf und verletzt mich. Da schlägt ein weiter Bolzen aus Krätzes Armbrust im Maul des Dämons ein. Er wird quietschend nach hinten gerissen und sein zuckender Korpus zerschmilzt zu einer brodelnden, schwarzen Masse.

Ich streiche mir das Haar aus dem Gesicht und blicke mich um. Die überwiegende Mehrheit der Hochzeitsgesellschaft hat natürlich ihr Heil in der Flucht gesucht. Außer uns sind nur noch ein paar der Gäste anwesend: Ich sehe natürlich Rena, dann sind da die Bürgermeisterin Kathrin Eckert, Jonas Kreucher und Pater Paulus. Neben einer weiteren Handvoll mir unbekannter Gäste fällt mir noch ein Zwerg auf, der das Schlachtfeld, das einmal eine Tanzfläche war, stoisch mustert. Meister Dreen ist ebenfalls nicht geflohen. Vor Schrecken starr wie eine Salzsäule blickt der Handelsherr auf die verbrannte Leiche seiner geliebten Tochter. Nun rücken Grieven und ein paar weitere seiner Bediensteten an. Ich bemerke, dass Melina von dem Dämon schwere Wunden zugefügt worden sind und rufe nach Wilbur. Während der Halbling ihre Verletzungen mit seinen Heilkünsten versorgt, begutachtet Krätze zunächst die sich auflösenden Überreste des Tentakelwesens und dann Kandess Leiche. Er kann an der toten Frau jedoch keine Magie mehr feststellen.
Wilbur begibt sich zu Herrn Dreen. Doch erst als er ihm behutsam die Hand drückt, scheint Dreen Wilbur wahrzunehmen. „Habt Ihr etwas davon kommen sehen“, fragt der Handelsherr mit rauer Stimme. Wilbur schüttelt müde den Kopf. Wir hätten wir so etwas ahnen können? Bürgermeisterin Eckert tritt hinzu und spricht Meister Dreen ihr Beileid aus. Dann dankt sie Wilbur für unser beherztes Eingreifen, wodurch sonst niemand zum Opfer des Dämons geworden ist. Bei der Leiche von Philippus bricht weinend eine schon etwas ältere Frau zusammen – seine Mutter. Sofort sind ein paar andere Frauen zu Stelle um ihr Beistand zu leisten. Als immer mehr Gäste zu Dreen kommen, um ihm zu kondolieren, hält Wilbur sie höflich aber bestimmt auf Abstand. Dann geleitet Grieven seinen Herrn weg von hier.
In dem ganzen Chaos fällt mir eine fremde Gestalt auf: Ein älterer, schlanker Mann mit schwarzem Haar, das langsam ergraut. Sein Gesicht wird von einem sorgsam gestutzten Vollbart eingerahmt. Er ist von drahtiger Gestalt und trägt neben dunkler Kleidung ein silbernes Schlangensymbol an einer Kette um den Hals. Ruhig und abgeklärt begutachtet der die grausige Szenerie, dann bewegt er sich auf den Tatschauplatz zu.
Krätze macht sich so seine Gedanken, ob man uns nach diesen Ereignissen einfach gehen lassen wird. Besorgt wendet er sich an Wilbur, der von uns allen am Besten mit Worten und der Obrigkeit umgehen kann. Mit einem Zauber inspiriert er Wilbur, damit dieser in der nächsten Stunde weise Eingaben hat, die uns helfen können.
Jonas Kreucher und ein paar seiner Braunröcke, die hinzugeeilt sind, decken gerade die Toten zu, als der Mann mit der Silberschlange bei ihnen ankommt. Er wechselt mit Kreucher einige Worte. Mir fällt eine weiteres unbekanntes Gesicht auf: Eine Frau mit dunklem Haar und dunklem, hochgeschlossenen Kleid. Sie scheint vor sich hinzumurmeln und ich kann sehen, wie sie mit der Hand einige Gesten ausführt. Ich vermute Zauberei und versuche, mich heimlich anzunähern. Leider vertritt mir ein Hühne in der Rüstung der Kreuzfahrer den Weg. Grimmig fordert er mich auch, zu verschwinden. Frustriert kehre ich zu meinen Leuten zurück und frage mich, wo der Krieger wohl gesteckt hat, als wir unsere Leben im Kampf mit dem Dämon riskiert haben.
Wilbur hat sich inzwischen zu Jonas Kreucher und dem Mann mit dem silbernen Schlangensymbol gesellt. Krätze weicht nicht von des Halblings Seite und benimmt sich dabei so unauffällig wie möglich. Der Fremde stellt sich als Inquisitor Randolphus vor.
Fatalistisch erklärt Randolphus, dass das Auftauchen des Dämons seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Das Schleier, der unsere Welt vor den Schrecken der Leere schützt, wird immer durchlässiger. Das Ende aller Tage dämmert herauf und der Horror dieser Nacht wird nur das Anfang von einem schrecklichen Ende sein. Inquisitor Randolphus ist nach Kreutzing gekommen, um diese Vorkommnisse zu untersuchen und wenn möglich das Schlimmste zu verhindern.

Jonas Kreucher erklärt dem Inquisitor, dass wir es gewesen sind, die im Murrhaus waren. Nun ist Randolphus interessiert und fragt nach Kontaktmöglichkeiten. Zwischenzeitlich haben wir zwei Zimmer in einer kleinen Pension in Münz bezogen.
Die Hausherrin ist eine ältere Damen, die dankenswerter Weise so kurzsichtig ist, dass sie Krätze für ein Kind hält. Wir haben sie in diesem Glauben gelassen und können so dort wohnen. Wilbur nennt Randolphus unsere Adresse und erbittet bei dem ebenfalls anwesenden Pater Paulus einen weiteren Besuch im Domarchiv, der ihm gewährt wird.
Als Melina und ich hinzukommen, sehe ich noch, wie die fremde Frau des Außengelände des Goldenen Schwans verlässt. Ihr grimmiger Leibgardist tritt an den Inquisitor heran und raunt ihm zu, Frau Feuerbach habe ihre Untersuchung abgeschossen. Randolphus nickt und vereinbart mit Wilbur noch ein Treffen um 09:00 Uhr am morgigen Tage. Dann verlassen er und der Kreuzfahrer das Anwesen.
Wilbur bittet Krätze, bei Caribdus nachzufragen, was dieser über die Dämonen jenseits des Schleiers weiß. Die Bürgermeisterin lädt uns vier noch für Morgen zu einer Sondersitzung des Stadtrates ein. Wir sollen zur zweiten Mittagsstunde im Ratssaal erscheinen.
Melina schaut sich noch nach den Freuden von Philippus und Kandess um, kann jedoch niemanden von ihnen sehen. Sie müssen alle geflohen sein, als der Dämon endgültig die Kontrolle über Kandess übernahm. Dafür sieht Melina, wie Frau Phrent von einigen anderen Damen nach Hause gebracht wird. Herr Phrent hingegen bleibt noch bei uns und erkundigt sich mit heiserer Stimme bei Herrn Kreucher, wann er wohl den Leichnam seines Sohnes abholen kann, um ihn zu beerdigen. Dann verlässt auch Phrent Senior den Goldenen Schwan.
Mein Blick wandert zu der Stelle, an welcher der Dämon sich in ätzenden Schleim aufgelöst hat. Ich verspüre in mir den Wunsch, nie wieder ein solches Scheusal sehen zu müssen – und denke nicht, dass wir soviel Glück haben werden …

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