Geboren um zu sterben 4 – Die Rettung der Kandess Dreen

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Montag, der 9. Tag des V. Monats im Jahre 888 nG – Die Nacht lag still und düster über Kreutzing. Gemeinsam mit Wilbur Weinberger harrte ich im tiefen Schatten eines Torbogens aus und spähte hinüber zur Alten Fischerei.
Das Bordell erhob sich wie ein schwarzer Scherenschnitt gegen den Nachthimmel.
In seinem mit allerlei Unrat und Kisten gefüllten Hinterhof hatten Wilbur und ich das Lösegeld für Kandess Dreen hinterlegt. Nun hieß es abwarten, was geschehen wird.
Ich konnte nur hoffen, dass Melina und Krätze, die sich in der Nähe des Goldversteckes auf die Lauer gelegt hatten, nicht von den Entführern entdeckt würden, wenn diese das Lösegeld abholten…
Da ertönten plötzlich Schritte und Melina tauchte aus der Dunkelheit auf. Sie hastete eilig an uns vorbei. Wilbur und ich folgten ihr sofort und holten die Gefährtin rasch ein. Melina berichtete uns, dass niemand anderes als das Uhrwerk aus dem Lagerschuppen das Kästchen mit den 100 Goldkronen abgeholt hatte. Krätze war der mechanischen Kreatur bereits auf den Fersen. Während Wilbur wieder an dem Tor Stellung bezog, folgte ich Melina in das Hafengebiet. Noch bevor wir die Anleger erreicht hatten, kreuzte das Uhrwerk unseren Weg. Fast wären wir ihm in die Arme gelaufen, im letzten Augenblick gelangt es Melina und mir, uns flach an eine dreckige Hauswand zu pressen.
Das Uhrwerk stapfte stoisch an uns vorbei, in seinen Händen ein in Stoff einschlagendes Päckchen haltend. Verdammt, wo ist die Kiste mit dem Lösegeld geblieben?
Wir trennten uns: Melina eilte weiter in Richtung Hafenbecken um nach Krätze zu suchen. Ich nahm die Verfolgung des Uhrwerkes auf, dass sich in Richtung Kummer fortbewegte. Glücklicherweise hatte es das Metallwesen nicht eilig, so dass ich es gut in einigem Abstand verfolgen konnte. Es überquerte eine schmale Brücke über den trägen, stinkenden Tränenstrom. Als ich die Brücke erreicht hatte, tauchte plötzlich Krätze aus einer Seitengasse auf. Im Vorbeilaufen rief mir der aufgeregte Goblin zu, dass das Uhrwerk die Goldkronen an zwei Männer in einem Ruderboot übergeben hatte. Sodann fuhren die Männer mit dem Boot raus auf das nächtliche Düsterwasser – scheinbar verfolgt von einem weiteren Kahn, in dem sechs Leute saßen. Melina und er suchten nun ebenfalls ein Boot, um die Verfolgung der Entführer und des zweiten Schiffes aufzunehmen. Wie ein langohriger Wirbelwind fegte der Goblin weiter. Ich zögerte kurz, doch dann beschloss ich, dem Uhrwerk zu folgen.
Wer weiß, ob den beiden es gelingen würde, den Entführern auf dem Düsterwasser zu folgen? Dann wäre das Uhrwerk unsere einzige Spur …
Tatsächlich schaffte ich es, das Uhrwerk nahe des Murrhauses wieder einzuholen.
Ich sah, wie es zum ebenfalls leerstehenden Nachbarhaus ging und dort in dem uns bekannten Schuppen verschwand. Nachdem ich noch einen Moment gewartet hatte, lief ich zurück zum Hafen. Auf der Brücke über den Tränenstrom kam mir Wilbur entgegen. Nachdem ich ihn mit knappen Worten auf den aktuellen Stand gebracht hatte, setzten wir gemeinsam unseren Weg fort. Da fiel mir auf, dass wir aus einer Gasse, die zum Murrhaus führte, von einer rotäugigen Gestalt beobachtet wurden …
Ich flüsterte Wilbur meine Entdeckung zu. Dann trennten wir uns, in dem Wilbur gerade aus weiterging und ich hinter einer Häuserzeile abbog. Wurden wir verfolgt?

Wurden wir. Denn plötzlich vertrat mir eine großgewachsene, vierschrötige Gestalt den Weg. Jemand mit rötlich glühenden Augen und gewaltigen Pranken, wie gemacht, um Gurgeln zuzudrücken …
Würger! Der Ork erkundigte sich misstrauisch, was ich hier mitten in der Nacht in Kummer zu suchen hatte. Ich konnte ihm schlecht erzählen, dass wir versuchten, den Entführern von Kandess Dreen auf die Schliche zu kommen. Daher offenbarte ich, dass wir im Auftrag von Johannes Kreucher weiterhin nach dem Organräuber suchen sollten, der das Armenviertel unsicher macht. Dies war nicht der Grund, warum ich in dieser Nacht hier herumlief, aber auch nicht wirklich gelogen. Der Ork gibt mir zu verstehen, dass er mir nicht traute. Barsch fragte der Kerl mich, was mich der Organräuber schere, wenn ich nicht mal aus Kreutzing stamme, wie er gehört haben wollte. Das Uhrwerk, das ich verfolgte, habe jedenfalls nichts mit dem Mörder zu tun. Angespannt erklärte ich, dass ich zwar nichts wisse, vom wem Würger seine Informationen hatte, aber dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Natürlich bin ich in Kreutzing geboren und aufgewachsen. Würger knurrte abfällige Worte vor sich hin, hielt mich aber nicht weiter auf, als ich darauf bestand, meinen Weg fortzusetzen.

Zusammen mit Wilbur erreichte ich die Anleger. Vor uns breitete sich das Düsterwasser aus. In der Nacht lag der See so schwarz wie Teer da, bleiche Nebelschwaden breiteten sich gespensterhaft über den kalten Fluten aus. Weder von den Entführern, noch von ihren Verfolgern oder von unseren Gefährten war etwas zu sehen. So konnten Wilbur und ich nur abwarten und das Beste für Melina und Krätze hoffen.
Wie wir später erfahren sollen, hatte sich folgendes zugetragen…

Melina und Krätze gelang es für die gerechte Sache ein Boot auszuleihen und hinter den Verfolgern her zu rudern. Das Boot mit den zwei Entführern wurden schnell vom Nebel verschlungen, doch der Kahn mit den sechs Verfolgern zeichnete sich noch erkennbar in den grauen Schwaden ab. Melina war sich gleich sicher, dass die beiden Entführer zur Bande der Schweren Jungs gehörten. Entschlossen trieb sie das Boot Ruderschlag für Ruderschlag vorwärts, weiter auf den See hinaus.
Bald tauchte eine der kleinen Inseln, die vor Kreutzingen liegen, aus dem Nebel auf. Krätze, der sich so weit wie möglich über den Bug des Bootes hinaus lehnte, erkannte, dass die Verfolger ihren Kurs änderten und in einer weiten Schleife um das Eiland herumfahren wollten. Offenkundig hatten die Sechs nicht bemerkt, dass sie ihrerseits auch verfolgt wurden. An dem schmalen Stand der Insel lag bereits ein Kahn. Also waren die Entführer hier an Land gegangen. Melina ruderte ebenfalls ans Ufer, landete jedoch ein ganzes Stücken entfernt zu dem Boot der Verfolger an.
Auf leisen Sohlen pirschten Wechselbalg und Goblin durch die flachen Dünung der Insel. Jenseits der Dünen wuchsen ein paar schlanke Bäume, vermutlich Birken. Melina und Krätze sahen orangen Feuerschein die Nacht erhellen und schlichen behutsam weiter.
Vor ihnen tat sich eine kleine Lichtung auf. Dort befand sich ein Lager aus mehreren einfachen Zelten. Das größte der Zelte war im Schutze einer Buche aufgeschlagen worden. Um das Lagerfeuer saßen ein paar grobschlächtige Gestalten. Zwei Männer näherten sich dem großen Zelt, aus dem zwei Personen heraustraten.
Melina erkannte sofort Wotan Silberzunge, den Anführer der Schweren Jungs. Er war von stattlicher, kräftiger Gestalt, das dunkle Haar nach hinten gestrichen.
Und die schwarzhaarige Frau mit dunklen Teint an seiner Seite … das musste Kandess Dreen sein, die entführte Tochter des steinreichen Oberhauptes der Kaufmannsgilde.
Sie stand ganz ruhig, wie selbstverständlich neben dem Verbrecher, und machte nicht den Eindruck, ein völlig verängstigtes Entführungsopfer zu sein. Silberzunge nahm von seinen Männern das Kästchen mit den Goldkronen entgegen und sie wechselten ein paar Worte.

Plötzlich peitschten tödliche Schüsse durch die Nacht.
Fassungslos und besorgt sahen Melina und Krätze zu, wie das Lager der Schweren Jungs von sechs vermummten Gestalten angegriffen wurde. Schon lagen zwei der Schläger tot am Boden. Währen die Schützen nachluden, rückten die übrigen mit gezückten Fechtwaffen gegen die völlig unvorbereiteten Schweren Jungs vor. Wotan Silberzuge packte Kandess Dreen und verschwand mit ihr in seinem Zelt. Durch das Überraschungs-moment und die beiden Schusswaffen klar im Vorteil, machten die sechs Angreifer raschen Prozess mit den Schweren Jungs. Bald lagen alle Bandenmitglieder blutend am Boden. Die Vier mit den Degen gingen umher und erstachen alle, die nicht schon an ihren Schusswunden gestorben waren.

Krätze versuchte, Kandess Dreen zu entdecken, konnte sie jedoch nirgend sehen. Aufgeregt schlug er Melina vor, die Boote der Schweren Jungs und der Verfolger zu zerstören. Dann könnten Melina und er mit dem eigenen Kahn von der Insel fliehen und später mit den Braunröcken als Verstärkung zurückkehren..?
Doch Melina hielt die Idee nicht für so gut. Sicherlich hätten die Schweren Jungs mehrere Boote. Um sie alle zu zerstören, ohne ertappt zu werden, reiche die Zeit sicher nicht…
Mit angespannten Nerven beobachteten sie, wie die beiden mit den Handfeuerwaffen nun das Zelt von Wotan Silberzunge betraten. Fast sofort kam einer der Schützen wieder heraus und rief, dass die Silberzunge und Kandess verschwunden seien, nachdem sie unbemerkt die Rückwand des Zeltes aufgeschlitzt hatten. Sicherlich versuchten die beiden von der Insel zu fliehen. Auf der Stelle nahmen die Sechs wieder die Verfolgung auf.
Melina beobachtete wie einer der verletzten, aber noch lebenden Schweren Jungs stöhnend davon kroch. Während Krätze voraus zu ihrem Boot eilte, ging Melina zu dem kriechenden Schläger hin. Als der Mann Melina sah, packte ihn das kalte Grausen. Schließlich hatte er die wahre Melina Nyberg sterben sehen und wusste nicht, dass er einen Wechselbalg vor sich hatte, welcher die Gestalt der Toten angenommen hatte.
Als Melina sich die Angst des Mannes zu Nutze machte und erklärte, sie sei der Geist, der ihn nun mit ins Totenreich ziehen würde, wenn er nicht alles gestehen würde, sprudelten die Worte nur so aus dem Kerl heraus:

Die reichen Fatzkes, die die Schweren Jungs im Gefallenen Soldaten angeheuert hatten, um das Murrhaus zu bewachen, hätten sie nicht bezahlt. Daher hatten sie Kandess Dreen entführt und von ihrem vermögenden Vater das Lösegeld erpresst. Erstaunt hörte Melina zu, dass Kandess mit Wotan Silberzuge geschlafen und ihm völlig den Kopf verdreht haben sollte. Unter Schmerzen nannte der Kerl ihr noch ein paar Plätze in Kummer, an denen sich Silberzuge mit Kandess verstecken könnte, wenn die beiden die Stadt erreichen sollten. Dann ließ Melina den verwundeten Schläger zurück und lief so schnell wie möglich zu Krätze. Der Goblin hatte es zwischenzeitlich geschafft, das Boot ins Wasser zuziehen.
Bereits ein ganzes Stück vor ihnen auf dem See war der Kahn mit Silberzuge und Kandess zu sehen. Aus westlicher Richtung näherte sich das Boot mit den sechs Verfolgern. Sie trugen gute Kleidung, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Dennoch konnten Melina und Krätze erkannten, dass eine der Personen eine blonde Frau war und eine weitere ein Halbling. Sie waren sich sicher, dass die Sechs zum Freundeskreis von Philippus Phrent und Kandess Dreen gehörten.

Das Verfolgerboot und das von Melina und Krätze waren sich nahe genug, um ein bisschen Konversation zu betreiben. Auf die Frage, wer unserer Gefährten sind und was sie wollten, antwortete Krätze mit einem energischen „Seit ihr bescheuert?“
Melina fragte, ab die Sechs zu Herrn Dreen gehörten. Dies löste einiges an Verwirrung auf dem Boot der Verfolger aus.

Derweil harrten Wilbur und ich noch bei den Anlegern aus. Als wir in der Ferne das Knallen von Pistolen hörten, zogen wir uns umsichtig in einen Häuserdurchgang zurück.
Nach einer Weile tauchte ein Boot aus dem Nebeln auf. Eine junge Frau, bei der es sich um Kandess Dreen handeln musste, und ein uns unbekannter Mann steuerten auf den Anleger zu. Der Kerl stiegt aus und hielt der Frau auffordernd die Hand hin. Sie machte eine abwehrende Geste, worauf er ungeduldig wurde und es zu einem kurzen Handgemenge kam. Plötzlich stürzte der Kerl ins Hafenbecken. Zwei weitere Boote schälten sich aus den Nebelschleiern heraus. Wilbur und ich eilten zum Kai. Der Mann trieb reglos im Wasser, das Gesicht nach unten. Das Boot begann langsam vom Anleger weg zu driften.

Wilbur rief Kandess zu, dass ihr Vater uns geschickt habe, um ihr zu helfen. Die junge Frau fasste den Entschluss, uns zu trauen und stieg aus dem Boot an Land. In der Hand hielt sie noch ein kleines, blutverschmiertes Messer, mit dem sie sich gegen ihren Entführer verteidigt hatte.
Das Boot der Verfolger drehte ab und ruderte davon. Melina und Krätze nahmen die Verfolgung auf.
Ich bot der zitternden Kandess meinen Mantel an, während Wilbur nochmal in aller Ruhe erklärte, wer wir waren und das wir sie zu ihrem Vater zurückbringen würden. Dankbar hüllte sich Kandess in meinen Mantel und gemeinsam traten wir den Weg nach Säckel zur Villa Dreen an. In der Altstadt begegnete uns eine Patrouilliere der Braunröcke.
Hilfswachtmeister Wilbur deutete auf sein Abzeichen und berichtete, in welcher Mission wir unterwegs waren. Die erstaunten Braunröcke fasten rasch den Entschluss, uns Geleitschutz nach Säckel zu gewähren. Auf dem Weg zur Villa gesellten sich auf diese Weise noch weitere Stadtgardisten dazu, hoch motiviert, vor dem Herrn der Kaufmanns-gilde eine gute Figur zu machen. So kam es, dass wir von reichlich Bütteln umringt waren, als wir Kandess ihrem erleichterten Vater übergaben.

Derweil folgten Melina und Krätze dem Boot der Verfolger. Die Sechs erreichten jedoch einen der Anleger und flohen in verschiedene Richtungen. Da sie zu zweit in den verwinkelten Gassen des Hafenviertels keine Chance hatten, den Sechs weiter zu folgen, überredete Krätze Melina dazu, zurück zum Boot von Kandess und Silberzunge zu rudern.
Denn in dem Kahn müsste noch ein Vermögen von 100 Goldkronen liegen, die nun dabei waren, auf das Düsterwasser hinauszutreiben. 100 Goldmünzen, deren Verlust Herrn Dreen nicht schmerzen würden, gleichzeitig jedoch einen größeren Reichtum darstellten, als sich ein Goblin aus Kummer überhaupt vorstellen konnte…

Tatsächlich gelang es ihnen, wieder bei dem Boot zu sein, bevor es in der Nacht verschwand und so das Gold zu retten. Dann zogen sie noch die Leiche von Wotan Silberzuge aus dem Hafenbecken. Sein Hemd ist nass vom brackigen Wasser und dem Blut, das aus der tödlichen Stichwunde geflossen war, die Kandess Dreen dem berüchtigten Verbrecher zugefügt hatte. Ein wahrer Glückstreffer.

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