Ernter des Leids 3 – In dunkler Nacht am Tränenstrom

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Donnerstag, der 5. Tag des V. Monats im Jahre 888 nG
Gemeinsam sitzen wir im Schankraum der Taverne „Zur Turmklausel“, die sich im Schatten eines schneeweißen Elfenturmes befindet. Das makellose Bauwerk wirkt hier, umgeben von den ärmlichen Häusern und Baracken von Kummer, noch unwirklicher als die übrigen Türme in den anderen Vierteln von Kreutzing. Nachdem wir besprochen haben, wie wir bei unserer nächtlichen Patrouille im Armenviertel vorgehen wollen, nutzen wir die Nachmittagsstunden, um noch etwas Schlaf zu finden, bevor es daran gehen soll, dem ominösen „Gugelmann“ eine Falle zu stellen.

Ausgeruht treffen wir gegen 21:00 Uhr bei Haus der Stadtgardistin Alyssa ein. Sie wirkt etwas überrumpelt. Anscheinend hat sie nicht damit gerechnet, dass wir schon heute Abend wieder vor ihrer Türe auftauchen. Wilbur informiert sie, dass Jonas Kreucher, der Hauptmann der Braunröcke, sie vom regulären Dienst freigestellt hat. Sie soll mit uns nach dem geheimnisvollen Übeltäter, der für das Verschwinden von mittlerweile sechs Bewohnern Kummers und Vater Gregorius verantwortlich sein soll, fahnden. Alyssa errötet. Anscheinend ist ihr der Gedanke, damit plötzlich nicht bloß irgendein Mitglied der Braunröcke, sondern im gewissen Grad für die Ermittlungen in diesem Fall verantwortlich zu sein, etwas unangenehm. Doch schließlich willigt Alyssa ein, sich mit uns in den Gassen rund um den „Gefallenen Soldaten“ auf die Lauer zu legen.
Wir hoffen, dass der „Gugelmann“ weiterhin in dem Gebiet rund um die Schenke seine Opfer suchen wird. Alyssa besteht lediglich darauf, zuvor bei der Stadtwache vorbeizuschauen und sich die offizielle Freistellung abzuholen, damit alles seine rechte Ordnung hat. Nachdem dies erledigt ist, brechen wir nach Kummer auf.

Mittlerweile hat sich die Dunkelheit über das traurige Viertel gesenkt. Die armen Leute haben sich in ihre schäbigen Behausungen zurückgezogen. In Hauseingängen und schmutzigen Winkeln kauern sich einige Obdachlose zusammen. Jetzt sind neben Straßenkötern, Kneipengängern und uns nur noch zwielichtiges Gestalten unterwegs – Kummer ist bei Nacht kein sicheres Pflaster. Aus meiner Zeit als Gehilfe des Kerkermeisters weiß ich, dass viele Beutelschneider, Räuber und Meuchler hier ihre Verstecke haben und in der Nacht ausschwärmen, um in den besseren Vierteln von Kreutzing ihrem Gewerbe nachzugehen.

Zunächst teilen wir uns in zwei Gruppen auf. Wilbur mimt ausgestattet mit einem Bierschlauch und Schmutz im Gesicht den Lockvogel für den „Gugelmann“. Alyssa wird in seiner Nähe bleiben, falls der Übeltäter sich auf den Halbling stürzen wird.
Krätze soll durch die umliegenden Gassen streunen und so vielleicht ins Visier des „Gugelmanns“ geraten. Melina und ich werden ihm sicherheitshalber in einigem Abstand folgen. Alyssa überreicht mir noch eine Signalpfeife, mit der wir Alarm schlagen können, falls wir in Gefahr geraten. Der schrille Klang der Pfeife wird von den Stadtgardisten benutzt, um Unterstützung anzufordern. Doch in Kummer wird wohl nur Alyssa auf das Signal reagieren. Wir sind also auf uns allein gestellt.

Krätze setzt sich in Bewegung, Melina und ich folgen dem Goblin in einigem Abstand.
Am Himmel steht die schmale Sichel des zunehmenden Mondes, ihr Licht ist fahl und schwach. Die übrigen Passanten tragen teilweise Laternen mit sich. Melina erntet ein paar zotige Bemerkungen von einem Betrunkenen, bewahrt aber äußere Ruhe.
Krätze lenkt seine Schritte in Richtung des Schuppens, in dem Tyrus gehaust hat. Dort angekommen wirft er mir vielsagende Blicke an und begingt, seltsam zu gestikulieren und vor der verschossenen Tür hin und her zu wuseln. Entweder führt er traditionelle Goblintänze zur Unzeit auf oder er will mich mal wieder zur widerrechtlichen Aneignung von fremden Eigentum überreden. Weil ich keinem kulturellen Vorurteil unterliegen und zudem unsere Mission nicht gefährden will, ignoriere ich Krätzes Gehabe und setze mit Melina meinen Weg fort. Von dem „Gugelmann“ ist keine Spur zu sehen.
Als die Domglocke 23:00 Uhr schlägt, treffen wir uns wie vorher vereinbart mit Alyssa, die von einem dunkeln Hinterhof aus Wilbur im Auge behält. Doch auch hier hat der „Gugelmann“ sich nicht blicken lassen.
Wir ändern den Plan. Da alle bisherigen Opfer Menschen gewesen sind, übernehme ich von Krätze den Part des Lockvogels und streife durch die krummen Straßen, während Melina und der Goblin in meiner Nähe bleiben. Wilbur und Alyssa hingegen bleiben auf ihren bisherigen Positionen. Zu jede vollen Stunde wollen wir zur gegenseitigen Kontrolle an Alyssas Hinterhof vorbeikommen.

Während Krätze, Melina und ich unterwegs sind, bemerkt Wilbur nach einer ganzen Weile einen Fuchs, der mit einem überraschten Fauchen aus einem dunklen Durchgang hervor springt und in der Nacht verschwindet. Der Halbling fühlt sich an jenen Fuchs mit auffallend buschigen Schwanz erinnert, der ihn seinerzeit in Pfeilersruh in den frühen Abendstunden auf seiner Bank Gesellschaft leistete. Handelt es sich etwa um das selbe Tier? Und was hat den Fuchs so erschreckt? Neugierig erhebt sich Wilbur und schleicht auf die dunkle Öffnung zu. Jetzt fallen dem Halbling zwei rot glühende Augen auf, die aus der Dunkelheit des Durchgangs hervor starren. Augen, die sich in gut zwei Metern Höhe befinden …
Vorbeugend wirkt Wilbur den Zauber „Eichenhaut“ und grübelt angestrengt. Irgendwo hat er bereits mal etwas über humanoide Kreaturen mit rot leuchtenden Augen gelesen. Es liegt ihm förmlich auf der Zuge, doch er kommt nicht drauf. Er tastet nach seinem Dolch und beschließt, einen Bogen um das Gebäude zu schlagen, um sich der verdächtigen Gestalt von hinten anzunähern. …

Als die Glocken Mitternacht schlagen, schlurfe ich an Alyssas Hof vorbei und nähere mich der Stelle, an der Wilbur eigentlich sein sollte. Wo steckt der Halbling nur, verdammt?
Plötzlich erklingt in der Nähe ein Fauchen und schwere Schritte entfernen sich. Dann ertönt Wilburs Ruf – ich beschleunige meinen Gang in diese Richtung. Alyssa, Melina und Krätze folgen mir. Zumindest Krätze und ich haben Wilbur schnell erreicht, der in einem schmuddeligen Hinterhof einen zwei Meter großen, bulligen Mann mit roten Augen, dichten schwarzen Pelz und Hauern im Mund gestellt hat. Der Kerl verströmt einen intensiven Moschusgeruch und seine Hände sind selbst für jemanden mit seiner beeindruckenden Körpergröße riesige Pranken.
„Ich will dich nicht verletzten!“, ruft der deutlich kleinere Halbling dem monströsen Fremden zu. Der Mann stutzt, dann fängt er grollend an zu lachen. Wilbur erklärt, wer wir sind und was wir vorhaben. Es stellt sich heraus, dass der Fremde ein Ork ist, der „Würger“ genannt wird – ob seiner riesigen Hände und seiner Art des Broterwerbs, wie ich vermute. Mit dem Verschwinden von Asa Myn, dem alte Pit, Forell, Enid, Tyrus, Vern und vielleicht Vater Gregorius hat er wohl nichts zu tun. Doch Würger bestätigt uns, dass auch er davon gehört hat, dass hier jemand oder etwas in Kummer umherschleicht und Leute verschwinden.
Jetzt kommt Alyssa zu uns. Sie berichtet, dass Melina auf dem Weg zu Wilbur eine weitere verdächtige Gestalt mit spitzer Kapuze aufgefallen ist, die hinter einer Häuserecke verschwand. Melina habe bereits die Verfolgung aufgenommen, wir sollten nun schnell folgen. Also lassen wir den Ork in der Mondscheingasse zurück und eilen in die von Alyssa genannte Richtung.

Melina hat unterdessen die verdächtige Kapuzengestalt bis zu einer Häuserzeile verfolgt, hinter welcher der giftige Tränenstrom von Schloten aus quer durch Kummer in Richtung Hafenbecken fließt. Der Verdächtige springt über eine anderthalb Meter hohe Mauer, die ein Grundstück mit verwildertem Garten umfriedet, in dem sich ein scheinbar unbewohntes Haus befindet. Melina erreicht die Mauer, wir sind ihr dicht auf den Fersen. Als sie die Hände verschränkt, um eine Räuberleiter zu bilden, ertönt plötzlich aufgeregtes Rufen:

„He! Was macht ihr da? Verschwindet!“
Drei kräftige Gestalten in dunkler Kleidung rennen von der Seite kommend auf uns zu, sie sind vielleicht noch 20 Schritte entfernt. Wilbur und ich überwinden die Mauer. Krätze zückt seinen Löffel und wirkt noch im Laufen eine „Arkane Rüstung“.
Die drei Gestalten sind jetzt fast bei der Mauer angekommen. Zwei sind mit Knüppeln bewaffnet, die dritte zückt sogar ein Messer. Melina springt auf die Mauer und reicht Krätze die Hand, um den rennenden Goblin hochzuziehen.
„Kümmer dich nicht um mich!“; schreit Krätze, während Alyssa sich über die Einfriedung zieht. Unsere drei Verfolger sind fast da. Melina springt von der Mauer in den Garten.
Im letzten Augenblick schafft es auch Krätze über die Mauer.
Während wir kurz nach Atem ringen, entbrennt auf der Straße unter den drei Vermummten eine kurze, aber hitzige Diskussion. Die Männer sollten wohl ein Auge auf dieses Haus haben, wollen das Grundstück aber nicht betreten. Was fürchten sie an dem Gemäuer..?
Der kleine Garten, der das zweistöckige Haus umgibt, ist verwildert. Das Mauerwerk ist grau und fleckig, die Türen und Fenster mit alten Brettern vernagelt. Ein Teil des Dachstuhls ist eingestürzt, ebenso der Kamin auf der Rückseite des Hauses. Der scharfe Gestank des Tränenstroms weht zu uns herüber. Von dem vermeintlichen „Gugelmann“ selbst ist nichts zu sehen. Doch ich kann in der Dunkelheit wenigstens ein paar Spuren ausmachen, die uns auf die Rückseite des Hauses führen. Ist er vielleicht durch das Loch im Dach in das Gebäude eingedrungen? Alle anderen Öffnungen sind verrammelt…
Krätze fragt Alyssa, ob sie das unheimliche Gebäude kennt. Sie macht einen besorgen Eindruck und erklärt, dass es sich bei dem verfallenen Bauwerk um das alte „Murrhaus“ handelt. Vor hundert Jahren habe hier ein Zauberer gelebt und nun soll ein böser Fluch auf dem Haus liegen. Deshalb steht es leer und wurde nie wieder bewohnt.

Wilbur bittet Krätze, auf der Rückseite des Murrhauses auf einen Baum zu klettern und von dort auf das Dach des Gebäudes zu springen. Dort soll er ein Seil befestigen, damit der Rest von uns ebenfalls hinauf kann. Der Goblin willigt ein, zuvor lauscht er jedoch an der vernagelten Tür. Es ist kein Sterbenslaut zu hören, doch Krätze überkommt ein magisches Gefühl, als er sich an die Bretter drückt. Vielleicht ist an der Sache mit dem Fluch doch was dran…
Wilbur verliert die Geduld und klettert selbst den Bau hoch. Mit dem Seil auf dem Dach angekommen, fällt ihm eine Gestalt auf, die außerhalb des Grundstücks auf der Flussseite der Mauer kauert. Unser „Gugelmann“?!
Wilbur gibt mir mit einigen Zeichen zu verstehen, was los ist und ich informiere leise flüsternd die anderen. Krätze schleicht zur Mauer und spitzt die fledermausartigen Ohren. Neben dem trägen Glucksen des Tränenstroms hört er ein seltsam mechanisch anmutendes Klicken und Klackern. Wir beschließen, den Überraschungsmoment zu nutzen. Alyssa, Melina, Krätze und ich springen über die Mauer, stellen den Flüchtigen.
Melina ist ihm am Nächsten, kann sogar sein Gesicht unter der Kapuze erkennen.
Es ist ein menschliches Antlitz, nur sehr bleich. Das Klacken, das Krätze gehört hat, stammt von einem Okular, das die Gestalt über dem Auge trägt. Mechanisch werden verschiedene Linsen vor dem Auge positioniert, um Objekte unterschiedlich betrachten zu können. Die übrige Kleidung wirkt zerlumpt und ärmlich, abgesehen von modernen, hochwertigen Gamaschen, die sogar mit Silberschnallen geschmückt sind.
Die Gestalt wirbelt herum und versucht, in Richtung Fluss zu entkommen. Ich schlage mit den Knüppel mach ihr, doch sie duckt sich rechtzeitig weg. Der Kerl macht einen weiten Satz und springt in den trüben, stinkenden Tränenstrom. Wir hechten hinterher.
Auch Wilbur hat es jetzt vom Dach und über die Mauer geschafft. Gemeinsam stürzten wir uns auf den vermeintlichen „Gugelmann“, um ihn an der Flucht zu hindern. Wilbur und Krätze hängen sich an seinen Körper, Melina geht in den Nahkampf über. Krätze versucht einen weiteren Zauber, der jedoch fehlschlägt.

Es gelingt mir, unserem Gegner einen Schlag an den Hinterkopf zu verpassen – doch es erklingt nur ein metallisches Geräusch. Gemeinsam ringen wir mit dem Fremden, versetzen ihm einen schmerzhaften Hieb. Doch der Kerl erweist sich als äußerst widerstandsfähig, und so finden wir uns bald in einem verbissenen Kampf wieder, mitten in dunkler Nacht im giftigen Wasser des Tränenstroms.

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