Joran Keller

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Mein Name ist Joran Keller und ich bin vor ein paar Tagen hier in Pfeilersruh angekommen. Doch dieser Ort wird für mich sicher nur eine Zwischenstation sein …

Aufgewachsen bin ich drüben, in Kreutzing, bei meinen Eltern, Freda und Korwen. Dadurch, dass mein Vater als Kerkermeister sein Auskommen hatte, ging es uns dort recht gut. Ich musste in seine Fußstapfen treten und lernte schon früh, wie man mit verhafteten Raufbolden, Taschendieben, aber auch Mördern und Vergewaltigern umzugehen pflegt, die auf die Vollstreckung ihrer Strafe warteten. Mir war diese Arbeit zuwider, und damit meine ich nicht das Ausleeren der vollen Eimer, die als Abort reichen mussten. Nein, mich belastete all das Elend und die Gewalt, die ich sah. So fragte ich mich stets, ob es nicht einen besseren Weg für diese Menschen geben könnte. Mein Vater schalt mich oft wegen dieser Gedanken und meinte, ich hätte ein viel zu weiches Herz.

Dann lernte ich vor etwas über einem Jahr Enna kennen. Ihr überschwängliches Lächeln, kastanienbraunes Haar und ihr warmherziges Wesen bezauberten mich sofort. Und womit auch immer ich dieses leider flüchtige Glück verdient haben mochte, Enna hegte ebenfalls Gefühle für mich. Doch meinen Eltern war unser junge Liebe ein Dorn im Auge, hing Enna doch noch sehr stark dem Alten Glauben an. Meine Familie hingegen besuchte die Gottesdienste in der Neuen Kirche. Doch die strengen Predigten und festen Rituale schienen mir distanziert und starr zu sein. Ennas Erzählungen über die Alten Götter hingegen faszinierten mich mehr und mehr. Die Berichte von der Sommerkönigin oder dem Gehörten König erschienen mir viel näher am Leben der Menschen. Immer öfter unternahmen Enna und ich heimlich Wanderungen in die Wälder, die Kreuzingen umgaben, um dort nach mystischen Orten der Alten Götter zu suchen. Enna war eine Träumerin, die immer mehr von der Welt und ihren Geheimnissen erfahren wollte. Als wir eines Marktages auf einen verwegenen Reisenden trafen, erzählte er uns von einem Kampf der Kreuzfahrer gegen einen leibhaftigen Drachen nahe der Festung Martereck. Als Beweis für seine wilde Geschichte bot er uns eine schimmernde Drachenschuppe zum Kauf an. Enna wollte sie unbedingt haben. Sonst halte ich mein Geld gut zusammen, doch diesen Wunsch konnte ich ihr nicht abschlagen. Ich erwarb die Schuppe als Verlobungsgeschenk.
Meine Eltern waren außer sich vor Empörung, als sie davon hörten. Sie nannten mich einen Narren, der auf die Worte eines Scharlatans hereingefallen war. Aber das war mir egal, solange Enna glücklich war und mich liebte. Gemeinsam träumten wir von unserer gemeinsamen Zukunft und den Reisen zu mystischen Orten.

Doch dann kam alles ganz anders.
Eines Abends wurde ich auf den Weg zu unserem Treffpunkt aufgehalten. Als ich meinen Weg durch die Gassen Kreutzings bahnte, hörte ich plötzlich ein ganzes Stück vor mir Ennas erschrockenes Geschrei. Sofort beschleunigte ich meine Schritte und sah sie auf einer hohen Treppe mit einem Taschendieb ringen, der ihr die Geldbörse vom Gürtel hatte schneiden wollen. Es gelang dem Kerl, sich loszureißen und ihr einen derben Stoß zu geben. Enna stürzte die Treppe so unglücklich herunter, dass sie sich das Genick brach. Als ich sie erreichte, konnte ich ihr nur unter Tränen beim Sterben zusehen, während die anderen Passanten einfach an uns vorbei gingen.

Die nächsten Tage und Wochen waren in tiefe Trauer gehüllt. Mir blieb kaum mehr von Enna als die Drachenschuppe. Sie ist jetzt mein Talisman. Wäre ich in Kreuzingen geblieben, wäre ich sicher verrückt geworden. Jetzt hoffe ich, auf den Reisen, die ich eigentlich mit Enna unternehmen wollte, einen neuen Sinn und die Abenteuer zu finden, von denen sie immer geträumt hat …

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