Geplagte Seelen Teil 1 – Der Goat Rider

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Tagebuch  von Johann Gerbrand

10. Mai im Jahre des Herrn 1733  – zwischen Jakobsheim & Waldenau

Wir brauchten etwa eine halbe Stunde um alle Schätze von Grendel zusammen zu raffen und uns auf den Rückweg zu machen. Grendels Körper in der Höhle schien zu schrumpfen und auch der Baum machte einen ungesunden Eindruck. Wobei das ja sehr relativ war, wirkte er ja vorher schon sehr maliziös. Die Aussicht, dass diese menschenaussaugenden Kreaturen nun dahinfuhren, ließ uns durchaus befriedigt zurück.

Am Lager der Faust-Gesellschaft angekommen war unseren neuen Freunden von der Gesellschaft trotz der widrigen Umstände nach einem Umtrunk. Es wurde ein noch geschlossenes Fass mit Bier angestochen und die Humpen gefüllt.

Herbert Grün übergab uns einen Brief von ihm verfasst, indem er uns Lob aussprach und der uns vielleicht bei einem erneuten Treffen mit Vertretern der Faust-Gesellschaft förderlich sein könnte. Des Weiteren bot er uns 20 Gulden pro Phiole, die Hubert Gimpel gestohlen hatte, wenn wir diese wiederbeschaffen. Der Tag klang aus und wir verbrachten eine ruhige Nacht.

11. Mai im Jahre des Herrn 1733  – zwischen Jakobsheim & Waldenau

Früh am Morgen machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Waldenau. Der Tag verlief ereignislos; als die Dämmerung hereinbrach, suchten wir einen etwas abseits des Weges gelegenen Hof auf, wo uns freundlich Einlass gewährt und ein Nachtlager zur Verfügung gestellt wurde. Hubert Gimpel war hier nicht bekannt, dafür das Essen gut und die Nacht ruhig.

Uns fiel auf, dass hinter dem Hof eine weitere Bruche ähnlich der um Grendels Hügel herum lag. Über die Herkunft konnte uns indes niemand etwas sagen.

12. Mai im Jahre des Herrn 1733  – zwischen Jakobsheim & Waldenau

Früh am Morgen brachen wir wieder auf. Die Gegend war immer stärker bewaldet und wird hier wohl landläufig „Starkwald“ genannt. Im Süden waren Felder und vereinzelt Gehöfte zu erkennen. Gegen Mittag bemerkten wir ein aufziehendes Unwetter, es begann zu regnen und hörte bis zum Abend nicht mehr auf. Wir erreichten den Lindenhof, einen umfriedeten Gutshof mit, Überraschung, einer riesigen Linde im Innenhof. Gerade rechtzeitig dachten wir, zog doch nun auch noch eine Sturmfront auf.

Die Umfriedung war gemauert und über zwei Meter hoch, es gab ein Hauptgebäude, zwei Nebengebäude und einen Wachturm. Alles sah gepflegt aus und machte einen gediegenen Eindruck. Beflügelt von der Aussicht auf trockene Kleidung und ein prasselndes Kaminfeuer beschleunigten wir unseren Schritt. Doch irgendetwas war merkwürdig. Wir erreichten das Tor, das offenstand, und man konnte allerlei frei herumlaufendes Vieh erkennen, jedoch keine Bewohner. Das Haupt- und das Gesindehaus waren verrammelt.

Vorsichtig betraten wir den Innenhof und Karl schloss das Tor hinter sich. Don Ignacio wandte sich zum Haupthaus als mir am Baum zwei Leichen, Mann und Frau, auffielen, die dort jemand aufgeknüpft hatte. Allerdings waren sie nicht gehenkt worden, sondern wiesen merkwürdige Wundmale am Kopf auf. Mit einem Strick aufgehängt hatte man sie wohl erst nach dem Dahinscheiden. Der Kleidung zufolge handelte es sich wohl um Knecht und Magd. Bevor ich überlegen konnte, was das wohl bedeuten mag, wies Don Ignacio auf etwas hin. Ein kleines Mädchen, vielleicht 12 Jahre mit einfacher Kleidung, stand plötzlich zwischen Haupthaus und Scheune. Ihr Kopf wies die gleichen Wundmale der beiden Leichen auf. In diesem Moment ertönte ein fast hysterischer Schrei aus dem Gesindehaus: „weg von der Hexe!“ und ein Schuss schlug in ihrem Oberkörper ein.

Davon gänzlich unbeeindruckt legte sie nur den Kopf schief und nun wurde es äußerst misslich für uns: die Tiere auf dem Hof veränderten sich urplötzlich. Den Schweinen wuchsen übergroße Hauer und die Augen leuchteten rot, die Hühner verdoppelten ihre Größe und angeführt wurden sie von einer dämonisch anmutenden eine Ziege, die in Flammen stand. Und alle griffen uns an.

Nach zähem Kampf konnten wir die Höllenbrut niederringen als sich die Tür des Gesindehauses öffnete und wir hineingerufen wurden. Da sich noch reichlich Federvieh und Paarhufer im Hof befanden, wenn auch noch nicht verwandelt, nahmen wir das Angebot dankend an.

Wir, das waren nicht nur Karl, Freiherr Heinrich, Don Ignacio und ich, sondern auch eine weitere Person. Für das erfahrene Auge sah er auf den ersten Blick wie ein Jäger aus, war offensichtlich kurz vor uns hier angekommen, hatte sich versteckt und hatte uns im Kampf gegen die Höllenwesen redlich unterstützt. Als wir nun durchatmen konnten, stellte er sich vor. Roland Voss, ein Streiter Gottes, zumindest sah er einem Mönch ähnlich, und wie wir zufällig in diese Misere gestolpert.

Das gesamte Untergeschoss war verrammelt und vernagelt. Bei den Personen, die uns die Tür des Hauses geöffnet hatten, handelte es sich um drei Bewaffnete, die sich uns als Bedienstete mit Namen Klaus, Wazlaw und Erhard vorstellten, auf uns jedoch eher den Anschein von Söldnern machten. Zumindest schienen sie im Umgang mit Waffen nicht ganz ungeübt und trugen auch einige Waffen am Leibe. Ein Vierter namens Pjotr lag im Obergeschoss auf einem Lager und war schwer verletzt. Dieser schien eine Art Mechaniker zu sein, da entsprechende Ausrüstung neben ihm lag. Karl behandelte seine Wunden.

Die drei drangen darauf, mit uns schnell zum Haupthaus zu gelangen, da sich dort noch weitere Bewohner befänden. Dabei waren sie aber weder verstört noch verängstigt, auch das war seltsam. Auch sie waren auf dem Hof von mutiertem Vieh angegriffen worden, woher das plötzlich kam, wieviel Bewohner hier sonst noch waren oder gar woher die Leichen kamen, konnten sie aber sonderbarerweise nicht erklären. Da wir uns abweisend verhielten, wurden sie immer aggressiver und nach kurzem Disput rückten sie mit der Wahrheit heraus.

Sie waren Söldner der Schwarzfedern, einer ruchlosen Bande, die mittels unerlaubter Seelen-Extraktoren Unschuldigen die Seelen entzogen und diese auf Schwarzmärkten verschacherten oder selber damit Schwarzmagie betrieben. Mörder der niederträchtigsten Art also.

Karl, manchmal erstaunlich impulsiv, fackelte nicht lange, zog seine Waffe und schoss auf den ersten Söldner. Wir machten mit den dreien kurzen Prozess und meiner bescheidenen Meinung nach waren sie damit noch gut bedient. Wer Unschuldigen die Seelen aussaugt, gehört auf den Scheiterhaufen. Den verletzten Söldner fesselten wir, wobei der sich ohnehin nicht wehren konnte.

Wir reimten uns die Sache so zusammen: die Schwarzfedern hofften, hier fette Beute zu machen, hatten offensichtlich schon zwei Unschuldige mittels eines Extraktors ermordet und dann schien bei dem Mädchen irgendetwas schiefgegangen zu sein. Entweder irgendetwas oder irgendwer war in das Mädchen gefahren oder vielleicht war sie auch ein Hexenkind, das durch die Prozedur erweckt wurde. Aber damit kenne ich mich ehrlich gesagt nicht sonderlich gut aus. Zur Prozedur des Extrahierens konnten wir nichts erfahren; Pjotr war wohl der zuständige Mechaniker der Gruppe, war aber momentan unpässlich.

Nun stellte sich uns die Frage, wie wir weiter verfahren sollten. Wir könnten durch ein Fenster zur Außenseite entkommen, das hieße aber auch, eventuell Überlebende im Haupthaus ihrem Schicksal zu überlassen. Zudem tobte über dem Gutshaus inzwischen ein mächtiger Sturm.

Wir brachten die Leichen nach draußen und Karl hängte ein Laken in eines der oberen Fenster. Wir hoffen, damit der Kreatur zu signalisieren, dass uns keine Schuld trifft. Kurz darauf hören wir draußen eine laute, krächzende Stimme. Das Mädchen sprach, war aber sicher besessen und lebte wahrscheinlich nicht mehr. Sie forderte uns auf, den Gutshof umgehend zu verlassen und vorher noch die Tür des Haupthauses zu öffnen. Auf weitere Diskussionen ließ sich die Kreatur nicht ein.

Pjotr war inzwischen erwacht, hatte aber hohes Fieber. Daher konnten wir nur so viel erfahren: der Extraktor befand sich im Haupthaus ebenso wie weitere Schwarzfedern und wahrscheinlich weitere Bewohner des Hofes. Da es spät war und dunkel wurde, entschieden wir, die Nacht abzuwarten und legten uns schlafen.

13. Mai im Jahre des Herrn 1733  – Lindenhof

Mitten in der Nacht, es mochte wohl nach Mitternacht sein, erreichte der Sturm seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Blitze zuckten über den Himmel und erleuchteten alles taghell. Ein Blitz schlug in die Scheune ein, so dass diese sofort lichterloh in Flammen stand. Es war so laut, dass wir nicht mehr schlafen konnten und so saßen wir unschlüssig da. Uns war klar, dass wir irgendwie in das Haupthaus gelangen mussten. Dort lag mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schlüssel zur Lösung des Problems. Und selbiges wurde drängender, denn der Sturm samt Blitzen hing mit Sicherheit unmittelbar mit der Hexe, oder was auch immer die Kreatur war, zusammen. Und langsam wurde wirklich gefährlich, denn die Blitze wurden zahlreicher.

Don Ignacio schien einige Vorkenntnisse des Festungsbaus zu haben und bemerkte, dass es von den Nebengebäuden oder Türmen in solchen Wehrhöfen häufiger Verbindungstunnel gab. Vielleicht hätten wir ja Glück und es existierte ein solcher Tunnel vom Turm zum Haupthaus. Denn im Turm hatte Roland in der Nähe der Mauer ein offenstehendes Fenster bemerkt, durch das wir in den Turm gelangen könnten.

Gesagt, getan; wir seilten uns aus einem Fenster zur Straße hinaus, gingen um die Ecke zum Turm und kletterten in der Ecke zwischen Turm und Mauer hoch. Und tatsächlich gelangten wir problemlos in den Turm. Dieser war innen hohl und hatte in jedem Stockwerk eine Galerie, wovon man die Schießscharten bedienen konnte. An der Seite waren die Stockwerke durch eine Leiter verbunden.

Im Turm angekommen erschraken wir zunächst, da vor unseren Augen eine dritte Leiche an seinem Seil baumelte, ebenfalls mit Wundmalen am Kopf. Wer die hier aufgehängt hatte, erhofften wir im Haupthaus zu erfahren. Zur Sicherheit überprüften wir die anderen Stockwerke, fanden unter dem Dach aber nur Tauben.

Im Untergeschoss fanden wir eine Luke, die uns ins Kellergeschoss führte. Dort fanden wir tatsächlich einen Gang, der in Richtung des Haupthauses führte. Dieser schien schon lange nicht benutzt worden zu sein, überall hingen Spinnweben und es roch sehr abgestanden. Zudem war der Gang vielleicht 1,20 Meter hoch, sodass wir kriechen mussten. Heinrich ging mutig voran, wir anderen hinterher. Nach einigen Metern zweigte der Weg nach rechts ab, von wo man ein plätschern vernehmen konnte. Dort ging es offensichtlich zum Brunnen des Hofes. Aus diesem Gang bemerkten wir auch einige Rinnsale; offensichtlich lief der Brunnen aufgrund des massiven Regens langsam voll. Wir krochen so schnell wie möglich weiter.

Nach weiteren 20 oder 30 Metern öffnete sich der Gang nach oben und endete in einer Luke. Heinrich öffnete diese vorsichtig, der Raum dahinter war aber unbewacht. Wir landeten in einem Kellerraum, der als Waschkeller genutzt wurde.

Durch eine Tür gelangten wir auf einen Gang mit weiteren Türen und einer Treppe nach oben. Geräusche hörten wir keine. Vorsichtig öffneten wir eine Tür nach der anderen, die Räume waren alle leer. Nur eine Tür war verschlossen. Mit Gewalt wollten wir sie nicht öffnen, da wir davon ausgehen musste, dass sich noch einige schwerbewaffnete Schwarzfedern im Haus befanden.

Wir wollten gerade weiterschleichen, als ich ein Geräusch aus dem Raum vernahm. Ein Husten? Oder vielleicht ein Schluchzen? Wir klopften und stellten uns vor und mit etwas Überredungskunst gelang es, dass die Tür geöffnet wurde. Drinnen befanden sich 15 Personen, alles Bewohner des Hofes. Die waren alle verängstigt, aber uns gelang es, sie ein wenig zu beruhigen. Einer von ihnen, ein junger Mann namens Siegfried, war der Anführer, der das Wort ergriff. Er stellte sich als Sohn des Verwalters Heinrich Gutenthal vor.

Im Prinzip bestätigte er unsere Geschichte: die Schwarzfedern, deren Anführer ein Mann namens Antonius sein sollte, hatten den Hof überfallen, die Bewohner gefangen gesetzt und ihre abartigen Seelenexperimente begonnen. Doch als das Mädchen, der Name war Adeltrud, extrahiert wurde, passierte etwas. Was genau, wusste niemand hier.

Die Schwarzfedern waren Profis und schwer bewaffnet und hielten sich wahrscheinlich in der Stube im Erdgeschoss auf.

Eine ältere Frau namens Maria erzählte sehr zögerlich eine alte Geschichte. Siegfrieds Urgroßmutter war vor etwa 40 Jahren böse geworden und man nannte sie eine Hexe. Sie wurde letztendlich lebendig eingemauert. Zudem war Adeltrud Siegfrieds Halbschwester.

Was war nun zu tun? Die Schwarzfedern bekämpfen und hoffen, dass das Zerstören ihre Maschine dem Spuk ein Ende bereitet? Versuchen, das Grab der Urgroßmutter zu finden? Würde das überhaupt etwas nutzen? Und vor allem: würden wir genug Feuerholz für den Scheiterhaufen von Antonius finden?

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