Der Händler

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Nachdem der Rabe von Punin mich fortgeschickt hatte, träumte ich jede Nacht. Sobald ich morgens erwachte, verblassten die Bilder allerdings, und es gelang mir nie, auch nur einen Eindruck festzuhalten. Jedes mal blieb ich mit dem drängenden Gefühl zurück, dass auf dieser Reise bedeutsames geschehen würde, nicht nur für mich persönlich, sondern etwas weitaus Größeres. Dieses Gefühl war so aufdringlich, dass meine Tage von großer Unruhe gezeichnet waren. Erst mit den Ereignissen, die nachfolgend beschrieben sind, endete mein Traum und kehrte nie wieder zurück.

Mein Name ist Zahir Errant. Ich bin ein Diener Bishariels, ein Geweihter Borons und Nachfolger des Boten der Träume und des Vergessens. Am 29. Praios 1017 BF war ich auf der Suche nach Kräutern in der Nähe des Dorfes Auweiler, als ich zum ersten mal auf die Personen traf, die mein Leben entscheidend beeinflussen sollten.
Ich befand mich in einer misslichen Lage, denn während ich meinen Blick gen Boden richtete und ganz in meiner Arbeit versunken war, bemerkte ich viel zu spät, dass sich auf dem Weg drei Orks genähert hatten. Sie wollten mein Geld. Doch die paar Münzen, die ich bei mir führte, waren ihnen nicht genug. Sie hatten mich gerade zu Boden gestoßen als eine laute Stimme rief: „Was geht hier vor? Aufhören! Sofort!“
Don Marco di Adante, horasischer Krieger, gerüstet und mit blanker Klinge, eilte mir zur Hilfe. Ihm folgten der Adeptus Minor Kolja Turleff, der Gelehrte Ninjo Lattanziani und Erian Tappenbeg gemeinsam mit seiner Mätresse Reike. Diese Übermacht und ein Gebet zu Boron ließen die Orks fliehen. Ich dankte meinen Rettern und begleitete sie nach Auweiler. Dort, im Gasthaus „Zum Flussfahrer“ verbrachten wir die Nacht.
Der Eingebung folgend, reiste ich am nächsten Tag mit ihnen nach Albenhus. Wir verbrachten die kommende Nacht auf einem Gehöft. Als wir uns am darauf folgenden Mittag der Stadt näherten, trafen wir auf der Straße auf zwei Männer und eine Kutsche mit gebrochenem Rad. Wir halfen den beiden bei der Reparatur. Prompt lud uns der Händler, sein Name war Ebelfried Eisinger, zu sich nach Hause ein, um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Wir nahmen die freundlich Einladung an und fuhren mit ihm und seinem Kutscher Jalik nach Albenhus.
Eisinger war ein reicher Mann und hatte ein Stadthaus in bester Lage. Sein Diener Jamion führte uns herum und wies uns Kammern zu. Ich teilte mir ein Zimmer mit dem Magier Kolja. Sogar eine Magd, ihr Name war Adelinde, stand uns zur Verfügung.
Bis zum Abendessen besuchte ich den Boronschrein am Westtor der Stadt. Ich war rechtzeitig zurück, um mich noch ein wenig frisch zu machen und dann pünktlich zur sechsten Stunde zu Tisch zu sitzen. Neben Ebelfried und meinen Gefährten nahmen an dem Abendessen auch Marco, der Sohn des Händlers und seine Mutter, Ileme Eisinger, teil. Die Dame des Hauses war blind, und allgemein konnte man sie als grantig alte Frau beschreiben. Sein Sohn Marco schien mir (und es sollte sich bald auch erweisen) ein ziemlicher Hallodri zu sein. Bemerkenswert war außerdem, dass sich Eisingers Sohn und mein Reisegefährte Erian Tappenbeg von früher zu kennen schienen.
Das Essen endete zeitig, und ich zog mich früh auf unsere Kammer zurück. Die anderen wollten noch mit Marco Eisinger in die Stadt und ein wenig feiern. Den Epilog dazu erlebte ich, als Kolja von dem Hausdiener und unserer Magd volltrunken auf die Kammer getragen wurde. Nur dank der Gnade Borons verbrachten sowohl der Adeptus als auch ich eine einigermaßen geruhsame Nacht.
Am nächsten Tag, es war der 2. Rondra, trafen wir uns erst wieder zum Mittagessen. Am Morgen hatte ich die Dame des Hauses konsultiert und ihrem Wunsch entsprochen, eine Weissagung vorzunehmen. Sie bat mich um eine Prophezeiung der Zukunft ihres Sohnes.
Im Anschluss an das Essen bat uns Ebelfried Eisinger zu einer Unterredung. In Albenhus gab es in der vergangenen Zeit zwei Giftmorde. Vor vier Monaten wurde ein Reisender aus Havena im „Torkelndes Einhorn“ tot aufgefunden, vor acht Wochen eine Hure bei den Lagerhäusern am Hafen. Bei beiden fanden Anconiten Hinweise auf ein Gift aus Mengbilla. Eisinger hatte einen Händler der Stadt im Verdacht, einen Novadi aus Fasar namens Raschim Al-Fessir. Dieser befand sich bereits seit zwei Jahren in Albenhus, Gerüchten zufolge soll er aber aus seiner Heimat geflohen sein, weil man ihn schon dort verdächtigte, mit Giften zu handeln. Dieser Al-Fessir gab nun morgen Abend eine Feier, zu der auch Eisinger geladen war. Unser Gastgeber bat uns, ihn auf das Fest zu begleiten, um sich dort „im Haus mal umzuschauen“. Wir willigten ein, machten aber gleich deutlich, dass wir uns zwar vor Ort ein Bild des Händlers machen könnten, uns aber nicht auf dessen Anwesen wie Diebe herumschleichen würden. Das schien Ebelfried Eisinger zu genügen, und wir machten uns an die Vorbereitungen für diesen Besuch.

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Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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