Der Golem

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Reisebericht von Meister Gorombolosch groscho Agrimmar, welcher von Elenvina den großen Fluss nach Osten bereiste, um in seine Heimat, dem Amboss zu gelangen. Ihn begleiteten der Adeptus Minor Kolja Turleff, ein windiger und noch sehr junger Magus, Don Marco di Adante, verbriefter Krieger aus dem horasischen Reich, der Gelehrte Ninjo Lattanziani und Erian Tappenbeg, welcher bei den Frauen wohl gelitten war.

Am 25. Praios 1017 BF nutzten wir die Mußestunden, um im Tal nach den Goblins zu suchen. Dank der Wegbeschreibung die wir hatten, fanden wir recht bald ihr Dorf. Am Hang der Berge kauerten ein paar mit Gras gedeckte Holzhütten. Auf dem Platz davor versammelten sich einige Goblins, bewaffnet und vorgewarnt dass wir kommen, da wir auf dem Hinweg zwei kleine Kinder aus dem Dorf aufgeschreckt hatten.
Wir näherten uns auf Rufreichweite. Ninjo Lattanziani versuchte sich in den verschiedensten Sprachen mit den Goblins zu verständigen, doch keine davon schien den Rotpelzen bekannt. Immerhin erreichten wir es so, dass man die Schamanin des Dorfes holte, welche, so sagte uns Norriega, Garethie verstehen würde. Doch damit war es nicht weit her. Die Alte begriff kaum, was wir von ihr wollten, als wir uns nach der Zwergenstadt erkundigten und ob schon Goblins dort unten gewesen waren. Alles in allem kehrten wir nach einer guten Stunde in unser Lager zurück mit der Erkenntnis, dass die Goblins von nichts wussten.

Am nächsten Tag führte uns Norriega zu dem Trichter im Wald. Wir seilten uns zu einer schmalen Öffnung am Hang ab. Hier war damals die unglückliche Gruppe in die Zwergenstadt hinab gestiegen. Norriega würde hier auf unsere Rückkehr warten. Wir ließen uns durch einen schmalen Riss im Fels und dann in einen verwinkelten Kaminschacht herunter.
Nach einer geschlagenen Stunden hatten wir uns und unsere Ausrüstung nach unten gebracht. Im Schein der Laternen sahen wir eine große Schmiede, die allerdings zur Hälfte eingestürzt war. Hinabgestiegen waren wir durch den Kaminschacht einer der Essen. Wir untersuchten den Raum rasch und machten uns dann auf den von Norriega beschriebenen Weg durch die unterirdische Stadt.
Eine wohltuende Ruhe herrschte hier unten. Klare Linien und Muster zeichneten sich in den Verzierungen der Gänge ab, die erhaben und uralt in den Fels getrieben waren. Alles zeugte von großer Kunstfertigkeit – eindeutig das Werk von Angroschim.
Meinen Gefährten hingegen schien die Ruhe und die Tatsache, dass sie sich einige Dutzend Meter unter der Erde befanden, recht bald auf die Nerven zu schlagen. Erian meinte in einem Seitengang eine Bewegung gesehen zu haben, doch als wir nach sahen, war dort nichts außer dem Schattenspiel der Flammen auf dem Stein. Kurz darauf war es Ninjo, der meinte Stimmen zu hören, doch als wir lauschten, war es absolut still.
Bald schon erreichten wir wie beschrieben den Brunnenraum und die dahinter liegenden Wendeltreppe. Wir stiegen die Stufen herauf und fanden, auf der Treppe liegend, zahlreiche steinerne Kugeln. Sie waren faustgroß und sauber gerundet. Beinah wirkte es so, als sei jemandem eine Kiste mit übergroßen Murmeln umgekippt.
Am ersten Absatz fanden wir einen Durchgang in eine große Halle. Zahlreiche Säulen trugen die Decke. In den Stein waren Figuren geschlagen, welche Angroschim zeigten, wie sie kämpften und wie sie ihrer Arbeit nach gingen. Da diese Halle aber so gar nicht der Beschreibung Norriegas entsprach, stiegen wir die Treppe weiter hinauf.
Nach zwei Umrundungen sahen wir das Ende des Schachts. Ein Abgang und ein Podest mit einer alten Ballista, außerdem die Reste eines Lastkrans waren im Licht der Laternen auszumachen.
Mit einem klacken gab die Stufe, auf die ich gerade getreten war, nach. Hastig warf ich mich nach vorne, um der Falle zu entkommen, als vor mir auf dem oberen Podest eine große steinerne Truhe begann nach vorne um zu kippen. Nun war klar, woher die ganzen Steine auf der Treppe kamen. Ich presste mich gegen die Wand. Mit einem dumpfen Geräusch kippte die Truhe vollständig um und heraus kam – eine einzige Kugel!
Fast hätte ich lauthals los gelacht. Klar! Die Truhe musste ja leer sein, schließlich lagen alle Kugeln schon über die Stufen verstreut herum. Während mein Herz noch galoppierte wie ein anstürmender Kampfeber, fiel die Steintruhe zurück in ihre Ausgangsposition.
Wir brauchten einen Moment, uns zu beruhigen, dann nahmen wir den Abgang in Augenschein und fanden das Eingangstor. Am Ende eines Ganges gelegen, waren beide Torflügel miteinander und mit dem Fels des Berges verschmolzen. Hier hatte jemand dafür gesorgt, dass dieser Eingang nicht mehr zu öffnen sein würde.
Wir gingen wieder hinab zu der großen Markthalle. Auch wenn sie nicht genau der Beschreibung Norriegas entsprach, gab es ansonsten nach oben hin keine weiteren Räume. Vorsichtig gingen wir hinein. Schon bald sahen wir an der gegenüberliegenden Wand ein großes Tor. Ein Flügel stand ein wenig offen, so dass man hindurch gehen konnte. Dahinter öffnete sich eine weitere Halle, etwas kleiner als der Marktplatz. Die Wände säumten über drei Schritt große Steinstatuen, welche Angroschimkrieger zeigten. Auch in der Mitte der Halle standen weitere bewaffnete und gerüstete Statuen, die sich um vier Säulen gruppierten. Alle Standbilder waren eindrucksvoll und handwerklich sauber gearbeitet, doch da wir von Norriegas Geschichte wussten, war uns allen mulmig zumute als wir weiter in die Halle eindrangen.
Dennoch kamen wir unbehelligt zum nächsten Tor, welches diesmal weit offen stand und in eine weitere Halle führte, an dessen Ende wir ein Podest ausmachen konnten. Der Beschreibung nach musste dort hinten die Axt liegen.
Da niemand sich vordrängte und wir keinen besseren Plan hatten, beschloss ich, nach hinten durch zu laufen und möglichst schnell mit der verlorenen Waffe wieder zurück zu kommen.
Meine Waffe verstaut, die Laterne in der Hand lief ich in die Halle. Von hinten hörte ich Erian erschrocken aufschreien. Eine der Statuen bei den vier Säulen begann sich zu bewegen. Ich lief weiter. Kolja stürzte ebenfalls in die Halle. Die anderen wichen nach hinten zum Ausgang zurück. Die Statue kam näher. Ich sah die Axt auf dem Podest liegen, linkerhands eines Throns aus Granit, welcher mit Juwelen verziert war. Kolja rief etwas von hinten. Ich griff die Axt und lief Richtung Ausgang, doch das Tor war versperrt. Im Durchgang, völlig regungslos, stand mit erhobener Waffe die Statue. Ich blieb stehen.
Was nun? Kolja schlug vor, den Raum mit einem Zauber zu verlassen, doch das kam für mich nicht in Frage. Als ich ihm das so sagte, wurde er zu meiner großen Verwunderung wütend und beschimpfte mich als engstirnig. Ich versuchte Kolja zu ignorieren, schließlich mussten wir hier heraus und brauchten einen Plan. Das machte ihn nur noch wütender, schließlich verglich er mich sogar mit Reike, dieser nervtötenden Göre, die Erian begleitete. Nur zu gerne hätte ich ihm ein paar Takte dazu gesagt, aber ich hielt mich weiter zurück und überlegte, wie wir den Golem von der Tür weg locken konnten.
Dann hörte ich plötzlich das Rufen von Don Marco, der in sicherer Entfernung aus dem Nebenraum mich aufforderte, auch wenn ich es nicht heraus schaffen würde, ihm doch zumindest die Axt zu zu werfen, damit sie diese in Sicherheit bringen könnten.
Ich war fassungslos über meine Gefährten und es fiel mir schwer, mich auf die Aufgabe zu konzentrieren, an dem Golem vorbei zu kommen. Ich versuchte es trotzdem. Gerade als ich in Schlagreichweite war, bewegte sich die Statue. Die Axt fuhr in einer beachtlichen Geschwindigkeit herunter. Ich sprang zur Seite, doch die steinerne Klinge streifte mich an der Brust. Das reichte aus, mir alle Luft aus der Lunge zu treiben und einige Meter durch die Halle schlittern zu lassen.
Benommen und mit Schmerzen rappelte ich mich hoch, darauf gefasst, einem weiteren Hieb auszuweichen, doch der Golem stand wieder reglos im Tordurchgang.
Kolja fing erneut davon an, dass ich mich nicht so anstellen solle und er uns mit irgendeinem Hokuspokus hier heraus zaubern würde, während Don Marco wieder um die Axt bettelte. Erian unternahm einen Versuch, ein Seil um die Beine des Golems zu werfen, um ihn damit zu Fall zu bringen, aber auch dieser Plan scheiterte, da das steinerne Ungetüm eine bösartige Intelligenz besaß und das Vorhaben durchschaute. Mit einer schnellen Bewegung stellte der Golem seinen Fuß einfach auf das Seil und entwand sich so der Fesselung.
Mir blieb keine Wahl. Ich hatte jetzt einen Eindruck von der Beweglichkeit des Kolosses, würde aber kaum noch einen Treffer weg stecken können. So nahm ich Anlauf. Der Golem ließ die Axt niedersausen. Ich sprang zur Seite und entkam dem Hieb um Haaresbreite. Steinsplitter schnitten mir in die Haut, aber ich schaffte es, an dem Ungetüm vorbei in den anderen Raum zu flüchten.
Ich rannte, so schnell ich konnte. Alle anderen auch. Zuerst folgte uns der Golem, doch dann wandte er sich plötzlich um und eilte zurück zur Thronhalle, so dass wir unbeschadet die Treppe erreichen konnten. Dort stand plötzlich Kolja vor uns. Er war mit dem Zauber entkommen.
So schnell wir konnten, eilten wir zurück zum Kamin. Dort angelangt, war es Don Marco, der als erstes hinaus klettern wollte, das wusste ich aber zu verhindern. Wäre ja noch schöner, wenn der feine Herr bei der Arbeit immer hinten an steht, dann aber vorprescht, wenn es an die Ernte geht.
So kletterte ich als erstes nach oben und übergab Norriega die Axt. Nach und nach kamen die Anderen hinterher, und gemeinsam gingen wir zum Steinkreis des Druiden. Die Stimmung war frostig, keiner Sprach darüber aber alle hingen noch dem Streit dort unten nach. Ich hatte meinen Entschluss gefasst. Ich würde noch bis Albenhus mit ihnen gehen, dann würden sich unsere Wege aber trennen.

Norriega entschuldigte sich bei dem Druiden Daliseon und dieser lenkte ebenfalls ein. Da es erst Mittag war beschlossen wir, gemeinsam zu den Trollen zurück zu kehren, denn denen gab es noch einiges zu erklären. Zuvor wollte sich Norriega allerdings noch erkenntlich zeigen. Sie bat jeden von uns, sich eine Waffe aus ihrem Arsenal, das sie in den vergangenen Jahren hier angefertigt hatte, auszusuchen. Für mich war nichts geeignetes dabei, die handwerkliche Leistung wusste ich aber dennoch zu würdigen. Es waren gute Waffen. Als besonderes Geschenk überreichte sie Don Marco ihr Meisterstück, einen gut geschmiedeten Anderthalbhänder. Lachend verließ ich die Waffenkammer.
(Ich möchte trotz all dem Zwist nicht unerwähnt lassen, dass das Schwert eine Besonderheit aufwies. Der Knauf war verziert mit einem Drachenauge, genau dem gleichen Stein, wie ihn auch Ninjo bei sich trug. Norriega sagte, sie habe ihn gestern auf dem Amboss vorgefunden und nahm es als Zeichen der Götter. Damit hatten wir schon zwei dieser seltsamen Steine.)

Die Trolle waren glücklich, als ihnen der Druide alles erklärte und sich entschuldigte. Sie waren uns so dankbar, dass sie uns erneut zu einem Abendmahl, diesmal jedoch in ihrer Höhle, einluden. Natürlich hatte ich nicht mehr so recht Lust, die Ankunft in Albenhus noch weiter hinaus zu zögern, aber die Höflichkeit gebot es, der Einladung nachzukommen. Zumindest kann ich dadurch über ein kleines Detail berichten, welches mich doch erstaunte. Die Trolle hatten in ihrer Höhle zahlreiche Figuren auf einem Podest aufgestellt. Manche davon hatten sie selber angefertigt, manche stammten augenscheinlich von anderen Völkern. Die meisten waren aus Holz, doch es war auch ein kleiner metallener Ritter dabei und ein Schwan aus Porzellan. Krschtil erzählte, dass sie diese Figuren sammelt und mit anderen tauscht.

Am nächsten Tag verließen wir die Trolle, Norriega und Daliseon. Wir waren kaum wieder auf dem Weg entlang des Flusses, als unvermittelt Kolja und Don Marco auf mich eindrängten, warum ich beinahe die gesamte Bergung des Schwertes mit meiner Engstirnigkeit gefährdet hätte. Auch Ninjo fiel in das Geplapper ein und sogar Reike konnte ihre Klappe nicht halten! Da habe ich allen mal deutlich die Meinung geblasen. Kolja seine Unverschämtheiten vorgehalten, Don Marco seine Feigheit und Reike hatte ich Schläge angedroht!
Naja, geholfen hatte es nicht viel, was zu erwarten war, denn das Ausmaß der Unzulänglichkeiten beim Adeptus Minor und dem sogenannten horasischen Ritter war gewaltig. Immerhin herrschte den Rest des Tages Ruhe.

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Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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