Ein trauriges Lied

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Reisebericht von Meister Gorombolosch groscho Agrimmar, welcher von Elenvina den großen Fluss nach Osten bereiste, um in seine Heimat, dem Amboss zu gelangen. Ihn begleiteten der Adeptus Minor Kolja Turleff, ein windiger und noch sehr junger Magus, Don Marco di Adante, verbriefter Krieger aus dem horasischen Reich, der Gelehrte Ninjo Lattanziani und Erian Tappenbeg, welcher bei den Frauen wohl gelitten war.

Nachfolgende Ereignisse begaben sich an den Hängen des westlichen Eisenwaldes, einige Tage vor Albenhus.

Am Abend des 19. Praios im Jahr 1017 nach Bosparans Fall erreichten wir nach langem beschwerlichen Weg durch den Wald endlich eine Anhöhe, von der wir die Burg sahen, die uns das kleine Mädchen beschrieben hatte. Ein Wehrhaus, an dem ein ebenso trutziger Turm angrenzte, bildeten den südlichen Teil einer vier Meter hohen Palisadenumfriedung. Innerhalb lagen ein Stall und eine Schmiede sowie drei weitere Häuser und ein Schuppen. Ein Tor führte nach Norden auf eine Straße, die vermutlich bis zum großen Fluss hinab verlief. Ein kleineres Seitentor gab den Weg nach Westen zu einem Bach frei.
Wir näherten uns bis auf wenige hundert Meter und beobachteten eine Zeit das treiben dort. Auf dem Wehrturm war eine Wache, zwei weitere Bewaffnete patrouillierten entlang der Palisade. Von der Schmiede hörte man den hellen Klang des Hammers, der auf Metall traf. Außerhalb der Burg war der Wald auf zweihundert Meter gerodet, einige Felder mit Gemüse und Kartoffeln waren dort angelegt. Gerade kamen aus dem Wald ein Mann und eine Frau, die ein erlegtes Reh bei sich trugen und durch das Nordtor im Hof verschwanden.
Wir beschlossen, nach einigem Gerede, um Unterkunft für die Nacht am Tor zu bitten. Auf dem Weg dorthin kam uns eine alte, buckelige Frau entgegen, mit der wir einige Worte wechselten. Nichts seltsames schien demnach in der Burg vorzugehen, allerdings wusste die Alte von drei Orks zu berichten, die im Dienste des Edlen von Sturzenstein, so der Name des Burgherren, stünden.
Während die Frau zum Kräuter sammeln im Wald verschwand, erreichten wir das Tor. Rasch holte man den Haushofmeister, einen Mann mittleren Alters namens Adrach, herbei. Ich erzählte ihm, dass wir im Eisenwald auf der Suche nach dem „Braunen Harro“, einem landläufig bekannten Wegelagerer und Dieb, seien, welcher vor einiger Zeit meinen Cousin überfallen hätte. Nun seien wir auf diese Burg gestoßen und würden, so es genehm sei, gerne eine Nacht hier verweilen.
Der Verwalter hatte von dem Verbrecher schon gehört, versicherte uns aber, dass die Gegend hier sicher sei, lud uns allerdings traviagefällig ein, die Nacht zu verweilen. Eine Gesindekammer wurde in der Burg für uns frei geräumt, und wir wurden freundlich an die Tafel des Hausherren zur Abendmahlzeit geladen. Bis dahin war es aber noch ein wenig Zeit, so dass Kolja und ich beschlossen, uns ein wenig im Dorf, wenn man die paar Hütten in der Umfriedung so nennen mag, unter dem Gesinde um zuhören.
Zuerst sprachen wir mit dem Schmied Eusin und seinem Gesellen Wulf. Auch ihnen tischte ich meine Geschichte vom „Braunen Harro“ auf und versuchte sie, in ein Gespräch über den Burgherren und der Vorkommnisse der letzten Tage zu verwickeln. Während der Geselle vornehmlich schwieg, merkte man Eusin bald an, dass er wenig mitteilsam, sogar eher abweisend und verschlossen wirkte. Zumindest erfuhren wir, dass der Edle Herr von Sturzenstein erst seit einem Jahr auf diesem Landsitz verweilt und vorher in Gareth lebte. Vorher verwaltete Adrach das Anwesen. Mit dem Herren sind einige Soldaten hinzu gekommen, die so genannten „Greifenfurter“, eine Familie von ebenda und drei Orks.
Nach dem Gespräch begab ich mich zu dem Jäger und seiner Frau, Bladuin und Finnla. Beide waren wesentlich freundlicher als der Schmied und luden mich zu einem Bier in ihr Haus ein. Einer Eingebung folgend, erzählte ich ihnen von dem Mädchen im Fluss, merkte aber sofort, dass ich damit einen Fehler begangen hatte. Es war offensichtlich, dass beide über die gefangenen Kinder und die Flucht des Mädchen Bescheid wussten. Während ich bei Finnla das Gefühl hatte, dass sie erleichtert war und mir nur all zu gerne von den Dingen berichtet hätte, war es ihr Mann Bladuin, der ihr über den Mund fuhr und mich energisch und mit Nachdruck aus dem Haus komplimentierte.
Kolja derweil sprach mit dem zehnjährigen Stallburschen Airic, aber außer dass er von den Orks geärgert wurde und das alte Kräuterweib Hanna ihn aufgezogen hatte und er nichts über seine Eltern wusste, konnte er uns nichts neues berichten.

Zum Abendessen versammelten wir uns im Rittersaal. Mit uns zu Tisch saßen der Hausherr, ein alter, kränklich wirkender Mann von stolzen siebzig Jahren, sein Weibel der Wache, Igrana Tainar, eine Frau mittleren Alters und vom Kriegshandwerk gezeichnet, natürlich der Haushofmeister Adrach und ein Mann von vielleicht 35 Jahren, schwarzhaarig aber grau meliert, in weiten Gewändern, uns vorgestellt als Meister Lederer, ein Alchemist.
Die Gespräche bei Tisch, als auch nachfolgend eine Unterredung der Gruppe außerhalb am Bachlauf ergaben keinen wirklichen weiteren Hinweis. Als wir zur Nacht auf unserer Kammer waren, hörten wir dann aber gar liebreizenden Gesang, nicht sehr laut, aus dem Turm des Burghauses dringen. Eine glockenhelle Frauenstimme sang eine traurige Weise. Dies war eindeutig keine Kinderstimme und mit Sicherheit auch nicht die Weibelin.
Während wir noch darüber nach grübelten, was das alles zu bedeuten hatte und wie wir nun vorgehen sollten, kam uns der Zufall ein wenig zu Hilfe. Eine der Mägde namens Reike, ein dralles Ding und etwas schlicht, gestand Erian in einem privaten Moment unter Tränen, was denn nun wirklich in diesen Gemäuern vor sich ging. Demnach war der Herr von Sturzenbach zwar alt, aber noch lange nicht so hinfällig, wie er sich gab. Er war ein verbitterter Mann, der mit seinem bisherigen Leben und dem nahenden Tod haderte, seitdem seine Frau vor einiger Zeit mit einem Jüngeren durchbrandte. Er entführte den Meister Alchemisten und seine Schwester, um ihm ein Elixier zu brauen, welches den Tod besiegen sollte, einen Trank ewiger Jugend. Aber an dem Punkt, wo die dazu notwendigen Experimente all zu finster zu werden drohten, wollte der Alchemist seinen Dienst aufkündigen und floh. Diese Flucht scheiterte. Da setzte der Burgherr die Schwester von Meister Lederer im Turm fest und drohte ihm, ihr Leid an zu tun, sollte er nicht mit seinen Studien fort fahren. Der Alchemist beugte sich und begann mit Experimenten an Kindern, die die Weibelin und die Soldaten des Burgherren aus einem nahe gelegenen Dorf entführten.
Als Erian Tappenbeg die tränenverschmierte Reike zu uns brachte, um uns die Geschichte zu berichten und wichtige Hinweise zu den Räumen der Burg zu geben, schien er ihr eine abenteuerliche Geschichte erzählt zu haben, denn die Magd hielt uns für Agenten der KGIA. Mir war nicht klar, was das sein sollte, erfuhr aber später, dass es sich dabei um einen garethischen Geheimdienst handelte – diese Menschen!
Als es in der Burg ruhiger wurde und sich alle auf den Kammern befanden, gingen wir die Befreiung der Kinder sowie der Schwester des Alchemisten an. Unser Plan sah vor, sich unter dem Schutz eines Zaubers, der wohl für Stille sorgte, nach unten zu begeben und die Wachen, die überall im Haus aufgestellt waren, möglichst lautlos zu überwältigen. Schon die erste Begegnung, nämlich mit dem Soldaten am Fuß der Treppe zu unseren Kammern, zeigte deutlich, warum man nie mit solch magischen Methoden vorgehen sollte. Der Mann war sicher nicht der hellste, aber als wir die Treppe herunter kamen und er nicht einmal sein eigenes Wort mehr hörte, wurde er misstrauisch. Noch bevor wir wirklich an ihm heran waren, versuchte er nach unten, wo sich eine weitere Wache befand, zu fliehen. Ich schoss. Der Bolzen durchschlug seine Schulter und nagelte ihn am Türrahmen fest. Ein schneller Schnitt mit dem Messer brachte ihm den Tod.
Das Treppenhaus mitten in der Burg war versaut mit einer Menge Blut und einer Leiche. Die Dinge begannen, uns zu entgleiten. Wir hatten nicht viel Zeit, bis man merken würde, was vorgefallen war. Also eilten wir rasch in den Keller und sprachen mit Meister Lederer. Mit der Zusicherung, seine Schwester zu befreien, zeigte der Alchemist sich kooperativ. In den Gewölben fanden sich weitere Kinder, die wir befreien konnten. Darum kümmerten sich Erian und Reike, die unten zurück blieben.
Wir eilten wieder hinauf zum Turm. Eine zweite Wache stellte sich uns auf dem außen gelegenen Wehrgang entgegen. Diesmal kam es zu einem Kampf, der weitere Soldaten in der Burg aufmerksam machte. Die Leiche im Treppenhaus wurde gefunden. Alarmrufe schallten durch die Gänge. mittlerweile hatten wir uns bis zur Kammer des Burgherren durchgekämpft, der sich uns, recht agil für sein Auftreten bei Tisch, mit Schwert und Nachtgewand entgegen stellte. Von der anderen Seite drängte nun die Weibelin mit einigen Soldaten auf uns ein. Noch während wir den Herrn von Sturzenbach nieder rangen, gelang es ihr, bis in die Turmkammer der Schwester vor zu dringen. Ich war ihr auf den Fersen, doch als ich in den Raum eilte, hatte sie schon das Mädchen in ihrer Gewalt. Ein klassisches Patt, denn ich versperrte den Ausgang. Nach kurzer Verhandlung ließ ich sie gehen im Austausch für die Gefangene. Zwar eilte ich der Weibelin, nachdem ich mich der Gesundheit der Schwester des Alchemisten versichert hatte, hinterher, ihr gelang aber die Flucht aus der Burg.
Mittlerweile waren auch die Kämpfe verklungen und Reite am Burgtor aufgetaucht. Gemeinsam mit einigen Bürgern aus Appelburg war Kaiman, der Vogt von Nilsitz, nach der Burg aufgebrochen. Unser Schiff war mit dem Mädchen in dem Dorf angelandet, wo der Vogt gerade zugegen war. Nachdem die Geschichte der Flucht berichtet war, waren die Männer des Dorfes nicht mehr zu halten und begleiteten den Landverwalter hier her. Doch ihre Arbeit war bereits verrichtet – von uns.
Der Rest ist schnell erzählt. Das Gelände wurde durchsucht. Der Alchemist und der Haushofmeister wurden verhaftet, ihr Schicksal ist ungewiss. Die Dorfbewohner waren uns sehr dankbar und luden uns zu sich ein. Und als der Morgen nach der Nacht dämmerte, reisten wir zusammen mit ihnen nach Appelburg.

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Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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