20. tuilë im 76. loa des 49. yén der Zeitrechnung von Imladris
Die Morgensonne vermochte den Nebel im Tal nicht zu vertreiben. Dichter noch als am Abend zuvor lag er über der Klamm, schwer und unnatürlich, als halte ihn ein finsterer Wille gebunden. Das Kratzen und die wirren Handlungen der Unglücklichen erinnerten uns unheilvoll an Gwendaid im Turm, und wir wussten, dass wir dem Ursprung dieser Verderbnis näherkommen mussten.
So suchten wir das Grabmal – und fanden in der Mitte des Tales eine alte, hölzerne Luke, halb verborgen im verdorrten Gesträuch. Als wir sie öffneten, entwich ein eisiger Hauch, kalt wie der Atem längst vergessener Tage. Da regten sich die Todesgeister im Nebel, und als wir uns umwandten, war Cornifera verschwunden.
Ohne Zögern stiegen wir hinab. Tiefe Kälte umfing uns, und eine Stille, die schwerer wog als jedes Geräusch. Selbst das Licht unserer Lampe schien verschlungen zu werden, als habe die Dunkelheit selbst Hunger nach jedem Schein. Über eine lange Treppe gelangten wir an ein Tor, in dessen Stein geschrieben stand: „Grab des Alafant, Sohn des Gorlanc“
Als wir es öffneten, erlosch unser Licht – und kein Funke wollte mehr brennen. In der Finsternis begannen sich die Deckel mehrerer Sarkophage zu heben, und ein bläuliches Leuchten glomm in den Augen der Toten. Eine Stimme, kalt und gebieterisch, rief den Sohn zu sich – und nur mit Mühe vermochte Yadri, dieses Werk zu verhindern. Mit einem unirdischen Kreischen stürzte sich der Vater auf uns.
Doch im Glanz des Hasses, der in mir aufflammte, fand ich die Kraft, den Unhold zu bezwingen und den untoten Vater niederzustrecken. Kaum war er gefallen, endete der Kampf, als sei mit ihm der Wille gebrochen worden, der die Toten band. Seine Wunde war seltsam: nicht nur viele Tage alt, sondern auch von einer Wucht gezeichnet, wie sie nur eine Trollfaust zu schlagen vermag.
Später fanden wir eine Blutspur, die in das Grab führte, und in einem verborgenen Fach die Chronik der Familie. Daraus erfuhren wir, dass die Nachfahren des Fürsten Gorlanc aus Athedain einst diesen Hof gegründet hatten. Er selbst war im Jahre 1974 des Dritten Zeitalters in der Schlacht von Fornost gefallen – durch die Hand Tarandis’, der Leibwächterin jenes Königs, dem er lange Zeit Freund und Berater gewesen war, bis dieser ihn schließlich verbannte.
Als wir wieder ans Licht traten, waren Nebel und Todesgeister verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Cornifera kümmerte sich um die Abenteurer, die langsam wieder zu sich kamen – doch ihre Erinnerungen waren fort. Mit dem Nebel war auch das Wissen gewichen.
Am folgenden Morgen brachen wir auf, eine Botschaft des Sohnes für seine Familie bei uns tragend, und wandten uns nach Bree. Von Skylda jedoch fanden wir keine Spur …



