Der Schmied Bert hat sich aus Ludovicum aufgemacht, um nach den verschwundenen Dorfbewohnern Ausschau zu halten, von denen er vermutet, dass sie in die Fänge des Untoten Grafen Erasmus Kordovan Dessangris geraten sind. Glücklicherweise konnten sie den 13 Bräuten des Bluts entkommen, und er trifft sie am Wegkreuz nach Eng, wo sie bei einem fahrenden Händler Lager aufgeschlagen haben. Vom Krämer hören sie, dass das Dorf Eng von unheimlichen Kreaturen in den Nächten heimgesucht wird. Tiere und Menschen würden verschwinden. Die Leute von Eng würden dringend Hilfe benötigen.
Nach den Schrecken der vergangenen Tage wollen nicht alle Dörfler den Bewohnern aus Eng zu Hilfe eilen, aber eine Handvoll bricht zusammen mit Bert auf, während der Rest nach Ludovicum zurückkehrt.
Während der letzten Nachtrast vor Erreichen ihres Ziels wird die Gruppe von einem Pack Wölfe angefallen. Der Angriff ist sehr ungewöhnlich und aggressiv. Ein unheimliches Heulen leitet die Tiere und kommt aus dem düsteren Ebichwald. Zwar kann man die Wölfe vertreiben, eine Untersuchung am Waldrand am nächsten Morgen ergibt aber keinerlei Hinweise, wer die Tiere aufgehetzt hat. Allerdings finden die Gefährten einige große Wolfsspuren, aber auch die Abdrücke weicher Lederstiefel.
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Das Tal von Eng ist ein breites, flaches Flusstal: hauptsächlich Weideland und kleine Gehölze, dazwischen Feldsteinmauern und Hecken. An seinem Westrand liegt ein kleiner, aber alter Wald, an dessen Bäumen sich der Ebich (wie man hier zu Efeu sagt) emporrankt – daher auch die Bezeichnung Ebichwald.
Nichts unterscheidet Eng von Tausenden anderer kleiner Bauerndörfer: ein paar Wohnhäuser, dabei unausweichlich eine Wirtschaft, eine Mühle, ein Schmied, ein Gerber und noch ein paar andere Handwerker, dazu noch im Umland verstreut weitere kleine und große Bauernhöfe. Eine einzige Straße führt durch den Ort und über den Dorfplatz, um dann eilig woandershin zu streben. Ein paar Kilometer weiter nördlich steht die Burg der Herzöge.
Im Gasthaus berichten die Ludovicumer vom nächtlichen Überfall und bieten ihre Hilfe an, woraufhin sie zum Dorfrat beim Müller geladen werden. Im Esszimmer des Müllers sitzt um einen großen Tisch eine Runde von mehreren Männern und einer Frau, alle schon deutlich älter. Es ist ein ordentlicher, sauberer Raum, erleuchtet von rauchenden Kerzen. Am Kopfende des Tisches sitzt ein rotwangiger, backenbärtiger Mann mit einer Seidenkappe, der offenbar das Haupt der Versammlung ist.
„Seid willkommen!“, sagt er. „Wir, das Parlament von Eng, sind beglückt, dass ihr in unser Dorf gekommen seid, um uns vor dem zu beschützen, was uns bedroht. Dringend bedürfen wir des Heldenmutes und der Fertigkeiten solch tapferer Recken, wie ihr es seid, denn es treten hier an unserem Heimatort Gefahren auf, mit denen wir einfachen Bürger und Bauern nicht fertigzuwerden vermögen.
In jüngster Zeit nämlich treiben grauenvolle Geschöpfe ihr Unwesen in den Schatten um Eng und bringen unser Vieh um und sogar Leute, die noch spät unterwegs sind. Beim Ebichwald sind abscheuliche, bluttriefende Gestalten gesehen worden und nachts hat man geisterhafte Stimmen heulen hören. Wir haben nicht die geringste Ahnung, was wir tun können, und so brauchen wir jetzt dringend Leute, die sich wirklich mit Waffen und Zaubern und Glaubensdingen auskennen, damit sie uns helfen. Der ganze Ort hat zusammengelegt und wir können denen, die uns von diesen Ungeheuern befreien, 50 ordentliche Goldstücke zahlen. Wollt ihr das für uns tun?“
Als die Helden von Ludovicum einwilligen, berichten die Frauen und Männer aus Eng von verschiedenen Vorfällen in den letzten Tagen: Zahlreiche Schafe und Ziegen (und sogar ein paar Rinder) wurden tot in ihren Gattern oder Unterständen aufgefunden. Ausnahmslos waren die Tiere an Blutverlust durch eine einzige große Stichwunde gestorben, „wie mit einem riesigen Spieß“. Die Gatter und Unterstände waren aufgebrochen. Häufig wurden zu diesem Zweck, anstelle der Tore, feste Zäune oder ganze Wände eingerissen. Die Meldungen von den Gestalten, die man gesehen haben soll, sind ausgesprochen wirr. Nächtliche Wanderer berichten verschiedentlich von riesigen Hirschen mit panzertragenden Reitern, von blutverschmierten grässlichen Wölfen, von geisterhaften Jungfern, die wehklagten und heulten, aber auch von umherhüpfenden, haarigen, zwergenhaften Gestalten mit Augen, die im Schein des Mondes hell leuchteten.
Die ersten Sichtungen der berittenen Hirsche waren vor sechs Nächten. Seither sind drei Menschen gestorben: eine Reisende, die vor Tagesanbruch bereits im Dorf aufgebrochen war, ein Schäfer, der nachts nach seiner Herde sah, und ein Mann, der noch spät aus der Wirtschaft auf seinen Hof zurückkehrte. Die Frau war wie von wilden Tieren zerfleischt, die anderen beiden hatten genau solche Stichwunden wie das Vieh.
Die meisten Sichtungen wurden in der Gegend gemacht, wo der alte March seine Hofstelle hat. March zählt zu den ältesten Leuten von Eng und ist eigentlich ein rechter Eigenbrötler, doch keiner hat mehr Vieh durch diese nächtlichen Überfälle verloren als er: Vielleicht weiß er ja noch ein wenig mehr darüber zu sagen. Er hat ein kleines Gehöft Richtung Ebichwald, die letzte Hofstelle des Ortes nach Südwesten hin, zu Fuß etwa zwei Stunden weit weg.



