Wir überlegten noch einmal, welche Informationen unter Umständen noch hilfreich für uns sein können, aber viel hatten wir nicht herausbekommen. Anfang des 18. Jahrhunderts ist nach Gründung des Equilibriums zum Schutz von Nicht-Magiern Mitte des 17. Jahrhiúnderts in der Schweiz ein Gelehrter dort aufgetaucht und hat seine Dienste angeboten. Seit Jahrhunderten hat man nichts mehr von ihm gehört. Er war der erste Gelehrte, der in alten Aufzeichnungen erwähnt wurde.
Außerdem erinnerten wir uns, dass es zur Zeit der Feen noch keinen Mond und auch keine Jahreszeiten gab, das bedeutet, dass bei dem Wechsel der Welten unter Umständen auch eine geologische Umgestaltung erfolgt. Der Himmelskörper, der den Mond aus der Erde geschlagen hat, hieß Theia. Könnte das bedeuten, dass die Leere mit diesem Himmelskörper auf die Erde gekommen ist, Theia und in der Folge auch Gaia vergiftet oder infiziert hat und damit ein neues Zeitalter eingeläutet hat?
Wir standen am Eingang von Yggdrasil, über uns schimmerten Sterne und ein Netz aus Leere zog sich über den Himmel. Johnny sorgte sich um die Magier, die freikommen und dann möglicherweise von der Leere ausgesaugt würden, wenn Yggdrasil abgeschaltet würde. Wir vermuten, dass die Vision, die die anderen Magier und uns zu Yggdrasil gelockt hat, bewußt als Schutz gegen die Leere gesendet wurde, vielleicht von dem Riesen.
Wir liefen die Wendeltreppe hinab und kamen zu den Türen, die wir bereits kannten. Glewlwyd lief zu einer Wand und Yggdrasil legte einen Gang frei. Wir folgten einem Weg, der in einen Saal mündete. Von hier aus ging es einige Zeit hinab und wir erreichten den Weg der zu Yggdrasil führte und sich verrückterweise in Yggdrasil befand. Wir stiegen weitere Treppen hinunter, die kein Ende zu nehmen schienen, obwohl sie nicht so zahlreich waren.
Wir befanden uns im Wurzelwerk des Weltenbaumes, das in der Luft schwebte und von Steinen umschwebt wurde. Wasser floss aus Yggdrasil in ein steinernes Becken. Hier fanden wir auch ein riesiges Horn auf einem Kliff. Als wir uns darauf zubewegten, sprach uns mit tiefer Stimme Marie oder Mimir an und fragte, was wir an ihrem Ort wollten. Liam berichtete von unserem Anliegen. Mimir schien nichts dagegen zu haben, also bliess Liam das Horn.
Ein melodischer, stark und schnell wechselnder Ton entstand. In der Ferne donnerte es. Danach befühlte Liam das Brunnenwasser, das von seinen Händen abperlte. Er versuchte es zu trinken, es gelang im allerdings nicht, da die Flüssigkeit den Kontakt mit ihm zu vermeiden schien. Als er sich unter den Strahl stellte und zu trinken versuchte, zuckte ein Blitz am Himmel und die Quelle versiegte. Mimir berichtete uns, dass für ihn das Ende des Zeitalters gut sei, während das für die Menschen nicht ganz sicher zu beurteilen sei. Das Ende ihres Zeitalters hätten die Menschen schon vor längerer Zeit selbst eingeläutet. Uns trifft also letztendlich keine Schuld.
Wir liefen mit Mimir zu einem Felsplateau, das vor einem Gespinst aus Wurzeln endete. Mimir tippte auf meine Stirn, an dem ein kleiner Einstich verblieb. Liam und ich näherten uns auf Anweisung von Mimir den Wurzeln, die sich zu einem Drachen formten und selbst jeweils kleine Drachen zu sein schienen. Ich befahl dem Drachen zu gehen und erstaunlicherweise tat er das einfach. Offenbar hatte Mimir meine Fähigkeiten mit Geistern zu interagieren deutlich verbessert.
Liam sah sich weiter um. Ein Strom Magie floss in ein Tor. Der Strom war unten dicker als oben, da auf dem Weg Magie abgezweigt wurde. In form dieser Magie wurde das gesamte Wissen der Menschheit gespeichert. Während Johnny Mimir mit Fragen überschüttete, tippte er auch auf seine Stirn, antwortete jedoch nicht. Die abgezweigte Magie bildete ein kunstvolles Geflecht, das nicht sehr stabil zu sein schien. An dieser Stelle wurden Redundanzen und Fehler aussortiert. Liam stellte fest, dass das Gebilde irgendwie geschützt wurde.
Lena zeigte Liam einen bestimmten Punkt des Geflechts, das Liam darauf berührte, was einen Sprung in dem System erzeugte. Darauf schlug er auf die Linien ein, worauf der Magiestrom ebenfalls versiegte.
Abermals stiegen wir Treppen, kamen zurück ins Innere des Baums, betraten einen Raum, in dem ein goldener Nebel die Sicht behinderte, so dass die Orientierung schwer fiel. Zwischen Verdichtungen des Nebels liefen goldene Strahlen. Liam empfand den Raum als Zentrum, in dem die Funktionen Yggdrasil verortet waren. Er steuerte auf ein Podest zu, in das er seinen Samen einsetzte. Der verschmolz mit dem Podest, das sämtliche Lichtblitze in sich aufnahm. Auch der Nebel verschwand. Nach einigen Minuten verlosch das Licht, nur noch das Saatkorn leuchtete sanft und schwebte nun über dem Podest. Liam nahm es an sich.
Erleichtert lief Johnny hinaus. Der Saal der Welten beherbergte nun nicht mehr die goldenen Tore, sondern nur noch Löcher in den Wänden. Vor einer der Löcher standen Glewlwyd, Ratatosk und eine große Frau. Sie stießen zu uns und wir verließen den Baum. Alle Blätter Yggdrasils wurden braun und fielen zu Boden. Wir wussten, mit dem Fall von Yggdrasils Blättern beginnt Ragnarök.
Die Eschen um Yggdrasil verfielen in rasender Geschwindigkeit. Unter dem Bäumen entstanden Löcher, in denen Gestalten lagen. Liam öffnete ein Portal nach Bad Wildungen und wir scheuchten alle Magier durch das Tor, um sie in Sicherheit zu bringen. Mein Drache half uns dabei. Johnny griff die Leere an, um ihre Aufmerksamkeit zu binden. Doch sie wich aus und versuchte Johnny zu isolieren.
Schrecklicherweise konnten wir nicht alle Magier retten, bevor die Leere über uns zusammenbrach und wir durch das Portal fliehen mussten. Liam schaffte es, das Portal zu schließen, bevor die Leere es erreichte. Die Magier kamen langsam wieder zu Bewusstsein und Johnny kündigte eine Erklärung an, nachdem die Verwundeten versorgt worden waren.
Eine Abordnung des Equilibriums kam zu uns und Matheus dankte uns, lud uns zu einer Nachbesprechung ein und lief in die Nacht, wie auch die anderen Grüppchen, die sich gebildet hatten. Offenbar hatten sie sich telepathisch mit ihren Organisationen verständigt.
Die Freien vermittelten wir an Miranda, damit sie wieder nach Hause kamen. Erschöpft machten wir uns auf den Heimweg nach New York. Dort wartete bereits jemand auf uns, mit dem wir an dieser Stelle sicher nicht gerechnet hätten. Minerva lehnte an der Hauswand und gab zu, dass sie unsere Hilfe brauchte.