Briefe in die Heimat: Verrat in Übersreik!

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1. April 2512 IC Reikland, Imperium

Geliebte Schwester,

du wirst nicht glauben, was uns in Übersreik passiert ist, unglaublich. Innerhalb eines Tages wird man vom unbescholtenen Diener Sigmars zu einem, ja, Verbrecher! Aber immer der Reihe nach.

Wir waren ja wie schon berichtet auf dem Weg nach Übersreik. Schon mittags sehen wir geschäftiges Treiben auf den Straßen und den immer zahlreicher werdenden Gehöften. Die Stadt ist noch nicht in Sicht, aber bald können wir die Stadtmauern sehen. Als wir näherkommen trübt sich unsere zunächst freudige Stimmung: an der Stadtmauer hängen etliche Leichen aufgehängt. Mit etwas mulmigem Gefühl betreten wir die Stadt, den Wegzoll von einem Schilling pro Bein bezahlt der Bauer Dietmar Leiber ebenso wie die Herberge, die wir aufsuchen.

Die Stimmung in der Stadt ist sehr angespannt und wir erfahren auch bald, warum. Der hiesige Graf Sigismund von Jungfreud wurde abgesetzt und seine Anhänger vertrieben oder gleich an der Stadtmauer aufgehängt. Was dem Grafen vorgeworfen wird, wissen wir nicht. In der Stadt patrouillieren 500 Soldaten des Imperators, die aber wohl Schwierigkeiten haben, die Kontrolle zu behalten.

Dabei ist mein erster Eindruck der Stadt sehr zwiegespalten. Eine große Stadtmauer, beeindruckende Gebäude, prächtige Straßen, viel Trubel und exotische Gerüche auf der einen Seite. Verlässt man aber die Hauptstraße sieht man schnell die andere Seite der Stadt. Elend, Bettler, heruntergekommene Häuser, viel Dreck und Ratten.

Wir lassen unser Gepäck in der Herberge und begleiten den Bauern zum Marktplatz, wo wir ihm beim Aufbau seines Standes helfen. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Ein riesiger Platz mit Marktständen wo man alles Erdenkliche kaufen kann. Mit Handwerkern, Marktschreiern und Gaunern, mit Glitzerkram, Speisen und Getränken aus aller Herren Länder. Es gibt Bühnen für Musiker und Gaukler. Wir beeilen uns mit dem Aufbau, verabschieden uns vom Bauern und lassen uns dann von der Masse treiben.

Auch hier ist die Stimmung sehr angespannt. Man hört immer wieder Beleidigungen gegen die Soldaten des Imperators, wahrscheinlich von Loyalisten des Grafen. Die Anhänger des Imperators pöbeln derweil zurück. An einem Stand mit Glasschalen und Vasen bleiben wir stehen und reden mit der Glasbläserin Heske Glazner, die ihre Waren feilbietet.

Erst hören wir nur wieder Beleidigungen, doch dann entlädt sich die angespannte Stimmung in einer wüsten Schlägerei, die plötzlich und gleichzeitig auf dem ganzen Platz losbricht und wir mittendrin. Alanus, Ruben und ich wehren uns, so gut wir können, Kuzak und Gerwin verliere ich aus den Augen. Wir werden ein paar Mal getroffen, können uns unserer Haut aber erwehren. Auf einer Bühne unweit von uns sehen wir einen der Gaukler, einen Feuerspucker, der sein Feuer auf einige Angreifer spuckt.

Ruben erzählt später, wie der Feuerspucker unvermittelt von einem Armbrustbolzen in den Hals getroffen wird und tot zusammenbricht! Auch den Angreifer konnte er erkennen: einen älteren Mann mit Dreispitz und milchigem Auge.

Auch Alanus bemerkt etwas: neben der Bühne werden ein junges, sehr wohlhabend gekleidetes Mädchen und eine Frau mittleren Alters, womöglich ihre Gouvernante, von drei finster aussehenden Gestalten mit Messern bedroht! Alanus macht Ruben und mich darauf aufmerksam und wir versuchen, uns zu ihnen im wahrsten Sinn des Wortes durchzuschlagen. Das gelingt uns und auch Kuzak sieht uns und versucht, zu uns zu stoßen.

Auf dem Platz ist unterdessen das Chaos ausgebrochen. Einige Stände sind umgeworfen, auf dem Boden mischen sich Essen und der Inhalt einiger Fässer, die zerbrochen sind. Auch ein ausgerissenes Schwein rennt quickend umher.

Die drei Räuber sehen uns finster an und einer raunt missmutig: haut ab! Dieser unfreundlichen Aufforderung kommt Alanus nicht nach und greift den ersten an. Ein kurzer Kampf entbrennt. Einen der Räuber strecke ich nieder, einen weiteren haut Kuzak mit seinem Spaten um. Der Dritte flieht.

Plötzlich hören wir etliche Schüsse und laute Rufe. Soldaten strömen auf den Platz und eine rothaarige Frau auf einem Pferd, offensichtlich die Hauptfrau der Stadtwache, ruft laut: ihr seid alle verhaftet! Die Soldaten beginnen sofort, alle auf dem Platz abzuführen. Wir bleiben einfach stehen, wo sollen wir auch hin? Wir haben ja auch nichts verbrochen, im Gegenteil.

Gerwin kriecht derweil unter der Bühne hervor. Was er da wollte, vermag ich nicht zu sagen. Wir kümmern uns noch kurz um die Frau und das Mädchen, bis die Soldaten auch uns abführen. Wir sehen noch die Hauptfrau, die zum Mädchen und der Frau geht.

Wir werden etwas unsanft quer durch die Stadt in den sogenannten Distrikt geführt. Da sind die Kasernen und das Gefängnis von Übersreik. Auf dem Weg dorthin werden wir über eine große Brücke über den Teufel geführt und auch die große Burg Schwarzfels können wir sehen. Beides sehr beeindruckende Bauwerke. Während wir über den Hof zum Gefängnis-Gebäude geführt werden, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Gerwins Blick auf einer Person am Rande des Platzes hängen bleibt und auch diese Person, ein Mann, zurückblickt. Gerwin scheint kurz beunruhigt, sagt aber nichts.

Im Gefängnis werden wir zunächst mit Namen registriert und dann in mehreren Gruppen in Gemeinschaftszellen gebracht. Hier passiert bis zum nächsten Morgen nichts mehr.

Du kannst dir vorstellen, wie ich mich hier gefühlt habe. Ich ein Verbrecher? Aber das würde sich ja hoffentlich schnell aufklären.

Naja, immerhin ist das nicht alles Gesindel hier, eher normale Marktbesucher wie Bürger, Soldaten und Gaukler. Mit zwei von letzteren kommen wir ins Gespräch, einer Halblings-Gauklerin Gerinderella und ihrem älteren Kollegen Henroth. Auch sie sind unschuldig hier und gehören zu einer Gruppe namens Betsi Soßters wundersame Kalvakade. Viel Interessantes wissen die beiden nicht zu berichten, aber durch ein unfreundliches Gespräch mit zwei Soldaten erfahren wir, dass die Stadtwache hier gelinde gesagt nichts taugt. Die Nacht müssen wir leider zu unserem größten Missfallen hier verbringen.

2. April 2512 IC Übersreik, Reikland

Morgens wird das Tor geöffnet und die erste Gruppe Gefangene herausgeführt. Das Tor wird geschlossen, kurz danach hören wir Schüsse. Ein kurzer Schreck fährt durch alle Personen hier, aber die Schüsse waren weit weg, standrechtlich erschossen wurde niemand. So barbarisch ist man dann hier doch nicht.

Es dauert bis nach Mittags, bis wir als letzte herausgeführt werden. Wieder quer durch die Stadt bis zum Marktplatz, wo sich auch das Gerichtsgebäude befindet. Davor steht eine große Menschenmenge, die uns wüst beschimpft. Im Haus werden wir in einen großen Saal mit Zuschauertribüne geführt. Vorne sitzt erhöht der Richter Reinfried Mellert mit Perücke und ist sichtlich genervt. Er macht es recht kurz: wir werden als Verantwortliche des Aufruhrs, des Diebstahls, Zerstörung von Eigentum und des Mordes bezichtigt.

Wie bitte?!?

Bevor wir nach einem kurzen Schock das Wort erheben, geht die Tür auf und eine sehr gut gekleidete Frau betritt eilig den Saal. Sie stellt sich als Rechtsgelehrte Rosanna Winandus vor uns will unser Rechtsbeistand sein. Sie bedeutet uns, zu schweigen und will sich erst mit uns besprechen. Das wird gewährt und sie erklärt sich und unsere Position. Sie ist eine der besten Rechtsgelehrten der Gegend und wurde von der Familie Karstadt geschickt. Das junge Mädchen, das wir beschützt haben, heißt Josefine Karstadt und die Familie zeigt so ihre Dankbarkeit. Na immerhin.

Die Lage ist dagegen prekär. Alle anderen Gefangenen haben bezeugt, dass wir die Schuldigen des Aufruhrs und des Mordes sind. Aber Rosanna hat einen Plan: wir sollen den Mord abstreiten und den Rest zugeben, dann kann sie mit etwas Glück eine Zeit Zwangsdienst in der Stadtwache heraushandeln. Das missfällt mir zutiefst, aber eine Wahl haben wir wohl nicht.

Sie hält vor dem Richter eine längere Rede und führt einiges zu unserer Verteidigung an. So zum Beispiel, dass wir zu fünft wohl kaum die anderen 145 Beteiligten gleichzeitig angreifen konnten und auch, dass der Ermordete mit einer Armbrust erschossen wurde, aber weder auf dem Platz noch bei uns eine gefunden wurde. Zähneknirschend und missmutig muss der Richter dem beipflichten und entscheidet dann tatsächlich „nur“ auf schuldig in ein paar der geringeren Anklagepunkte und verurteilt und zu einem Jahr Dienst als Stadtwache.

Angesichts der Situation lief das noch einigermaßen gut. Wir stimmen dem, wenn auch äußert widerwillig zu und werden aus dem Saal geführt. Draußen steht immer noch der Pöbel und geifert, jedoch müssen sie sich wohl traurigerweise von einer Hinrichtung unsererseits wegen Mordes verabschieden. Das Pack.

Wir hingegen müssen wieder quer durch die Stadt zur Kaserne der Wachen und uns dort bei der Hauptfrau Andrea von Pfeffer melden.

Liebe Schwester, du kannst erahnen wie wütend ich bin und verspreche, das so nicht auf mir sitzen zu lassen.

Ich melde mich alsbald und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Dein Konrad

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