Missetat in Pfeilersruh 1 – Das Ding in der Kapelle

1 Antwort

Dienstag, der 10. Tag des III. Monats im Jahre 888 nG
Mein Name ist Joran Keller. Erst vor ein paar Tagen bin ich in Pfeilersruh angekommen und im Gasthaus „Zum derben Vogt“ abgestiegen. Aus Kreutzing komme ich und dieses kleine Dorf mit 150 Seelen wird für mich hoffentlich nur eine Zwischenstation auf dem Weg sein, die Orte und Wunder zu entdecken, die meine arme Enna nun nie zu Gesicht bekommen werden wird …
Hier in der nördlichen Weite gehen die meisten Dinge noch ihren gewohnten Gang. Zwar dringen immer wieder Gerüchte aus dem kälteren Süden zu uns vor, wie die Orks nach dem Sturz des Imperators immer mehr Schrecken und Gewalt unter den Menschen verbreiten. Auch wird von Seuchen berichtet, die dort um sich greifen und von Flüchtlingen, doch all das interessiert mich genau so wenig wie die Schlägerei, die gestern ein paar Reisende im „Derben Vogt“ angezettelt haben. Die resolute Wirtin Mercurio Blanche rief sogar den örtlichen Wachmann Harald Krey zu Hilfe. Nachdem er ein paar Schläge eingesteckt hatte, gelang es ihm, die Radaubrüder zu verhaften. Aber mich kümmert dies nur wenig. In Gedanken beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich von hier am besten zur Burg Martereck gelange, dem ersten Ziel meiner Pilgerfahrt.

Als ich in Reiseplänen versunken mich dem „Derben Vogt“ nähere, entdecke ich Wilbur Weinberger vor dem Gasthaus sitzen, seine Laute stimmend. Der Halbling spielt des Abends im Gasthaus zur Unterhaltung der Trinkenden und Reisenden auf. Aus den Augenwinkeln sehe ich die kleine, grünhäutige Gestalt des Goblins Krätze, der an den Steinen eines Brunnens herumkratzt. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob dies wirklich sein Name ist oder ob er doch diese scheußliche Krankheit verbreitet. Allerdings hat Mercurio Blanche ihm ebenso wie mir einen Platz im Schlafsaal des „Vogts“ vermietet, und sie ist niemand, der sich zu so was aus reiner Freundlichkeit herablässt. Am Platz liegt auch eine Stellmacherei, vor der Melina Nyberg steht, eine Handwerkerin, die ich auch schon einmal kurz im Gasthaus gesehen habe.
Plötzlich wird die Tür zur Kirche von Pfeilersruh aufgerissen. Ein junger Mann stürmt panisch um Hilfe rufend aus dem Gotteshaus.
„Ein Monster! Da ist ein Monster in der Kirche!“, schreit er.
Alarmiert nähern Nyberg, Weinberger, Krätze und ich uns dem Mann. Er trägt ramponierte Kleidung, sein Gesicht ist mit Lehm verdreckt. Aufgeregt stammelt er etwas von einem Monster, das ihn in der Kirche des Neuen Gottes angegriffen habe. Es gelingt uns den Mann wenigstens etwas zu beruhigen und gemeinsam betreten wir das Gotteshaus, um nach dem Rechten zu sehen.

Im dämmrigen Innern des Kirchenschiffes befinden sich an den Seiten noch die Alkoven mit den Symbolen der Alten Götter, wie der Sommerkönigin oder dem Gehörnten König, die mir seit Enna sehr viel näher stehen als der Neue Gott. Doch ihm ist der Altar im Zentrum der Kirche geweiht. Dort steht eine 40 cm hohe Statue der Heiligen Astrid, seiner Prophetin, die den Märtyrertod gestorben ist. Doch das weiße Altartuch und die Statue darauf sind verrutscht, eine der zwei großen Kerzen liegt auf dem steinernen Fußboden. Ein leichter Windzug streift durch das Kirchenschiff, die hintere Tür zur Sakristei seht offen. Auf dem Boden entdecken wir grüne Blätter und etwas verstreute Erde. Was ist hier nur geschehen?
Der junge Mann berichtet, er habe mit Priester Salomon sprechen wollen, da ihn seit einigen Nächten heftige Albträume plagen. Doch der Priester habe ihn plötzlich angegriffen und versucht, ihn zu erwürgen. In Notwehr griff er zum Dolch und stieß zu. Da verformte sich die Gestalt Salomons und Äste seien aus seinem Körper hervor gewachsen. Dann ließ ihn das Ding, das wie der stadtbekannte Priester aussah, los und floh. Was ist das nur für eine wilde Geschichte?
Vorsichtig machen wir uns daran, die verschiedenen Räumlichkeiten des Gotteshauses zu durchsuchen. Doch von Priester Salomon finden wir keine Spur. Melina entdeckt in der Sakristei nur den Schrank mit den Roben und etwas Weihrauch. Wilbur findet die Wohnkammer des Priesters zwar unaufgeräumt, aber nicht verwüstet vor. Ein Kampf scheint hier jedenfalls nicht stattgefunden zu haben. Im Kellergewölbe der Kirche finde ich einen kleinen Altar, auf dessen Oberfläche eine kleiner, rechteckiger Abdruck im Staub darauf hindeutet, dass hier vor kurzem noch ein Kästchen oder eine kleine Figur stand. Wo ist sie nur geblieben? Auf dem Boden finde ich zwei kleine Pergamente mit Schriftzeichen der Gemeinsprache. Doch die Worte, die sie bilden, kann ich nicht übersetzen.
Danach treffe ich mich mit den anderen oben im Kirchenschiff. Weil offenkundig nur wir uns in dem Gotteshaus aufhalten, scheint die Kreatur, die wie Priester Salomon ausgesehen haben soll, das Gebäude verlassen zu haben. Wir beschließen die angrenzenden Friedhof zu durchsuchen. Draußen bemerken Krätze und Wilbur, dass sechs Grabstellen wie frisch angelegt wirken, die letzte Bestattung ist erst kürzlich geschehen. Einige der Gräber sind aber bereits vor etwa zwei Wochen ausgehoben worden. Keiner der Verstorbenen in den “frischen” Gräbern war länger als zwei Jahre hier vergraben. Hat sie jemand aufgebuddelt, um dort etwas zu suchen? Diese ganze Geschichte wird immer mysteriöser.
Ich reiche die Pergamente an Wilbur weiter. Der erkennt in der fremden Sprache rituelle Gebete an den Neuen Gott, die um Heilung und Schutz bitten. Kreuzfahrer heften sie an ihre Rüstungen, um gegen die Monster und anderes Unheil in der Wüstnis im Norden besser geschützt zu sein. Wir bitten den jungen Mann, der sich uns als Edgar vorstellt, seine Begegnung mit dem vermeintlichen Priester erneut zu schildern. Edgar wiederholt, was er uns schon erzählt hat, schmückt es nur ein wenig aus. Weitere Erkenntnisse gewinnen wir so leider nicht. Doch dafür erinnern sich Melina und Wilbur daran, dass Bruder Salomon bei seiner letzten Predigt etwas geschwächt und fahrig wirkte. Auf Wilburs Nachfrage gesteht Edgar uns noch, dass er mit der Karawane nach Pfeilersruh gekommen ist, deren Mitglieder die wilde Schlägerei im „Derben Vogt“ angezettelt haben.
Melina und Wilbur kontrollieren die Friedhofsmauer am nahen Waldsaum und finden eine Stelle, an der jemand allem Anschein nach über die Mauer geklettert ist. Stiefelspuren führen in den Alten Wald. Wir beschließen, den Spuren nachzugehen. Nur Edgar fürchtet sich zu sehr vor dem dichten Forst und kehrt in den „Derben Vogt“ zurück.

So folgen nur Melina, Krätze, Wilbur und ich der Fährte des Flüchtigen in den Alten Wald, der einst zum Reich des verschwundenen Elfenvolkes gehört hat. Da die Dämmerung nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, versorgen wir uns zuvor mit Laternen aus der Kirche. Nach einer Weile fallen Krätze einige abgebrochene Äste in einem dichten Gebüsch auf. Im Unterholz finden wir die nackte Leiche eines Mannes.
Ein Messer steckt in seinem Rücken, der tote Körper ist sogar noch etwas warm. Der Mord kann also noch nicht lange her sein. Der Mann ist etwa dreißig Jahre alt und war kräftig, wir erkennen Dorulf, einen Jäger aus Pfeilersruh. Auf der nackten Leiche liegen ein paar grüne Blätter verstreut, wie wir sie auch in der Kirche gefunden haben.
Das ist seltsam, da jetzt im Frühjahr die Bäume und Büsche neu austreiben und keine Blätter abwerfen. Es sieht danach aus, dass Dorulf von dem Wesen, dass aus der Kirche geflohen ist, getötet und seiner Kleidung beraubt worden ist. Von der Leiche führen schwere Stiefelspuren fort, denen wir jetzt eilig doch aufmerksam folgen. In einem weiterem Gebüsch finden wir einen Priestertalar mit einem Riss, als habe ein Messerstoß den Stoff aufgeschlitzt – Edgars Dolchstoß? Rund um den Schnitt findet sich eine seltsame, gerinnende Flüssigkeit. Krätze schnuppert daran und meint, sie rieche nach Blut und Pflanzensaft. Die Fährte führt uns tiefer in den Alten Wald hinein. Am Stamm eines Baumes entdecken wir von oben nach unten verlaufende, fremdartige Schriftzeichen, die in das Holz hinein gebrannt worden sind. Melina erkennt in den Symbolen die Glyphen der Dunklen Sprache, wie sie finstere Kultanhänger bei ihren Zusammenkünften und Ritualen nutzen. Fasziniert betastet Krätze die Symbole, die Berührung der Zeichen löst bei ihm Übelkeit aus.
Die Dämmerung bricht über uns hinein, doch wir beschließen, der Spur im Lichte des fast vollen Mondes zu folgen. Plötzlich hören wir vor uns eine Stimme, deren Worte nur Krätze deutlich genug verstehen kann.
„Aldermann, bist du hier?“
Vor uns öffnet sich eine kleine Lichtung, auf der drei dunkle Zelte stehen. Weder eine Laterne noch ein Feuer erhellt das heimliche Lager…

Print Friendly, PDF & Email

Teile diesen Beitrag

0 0 vote
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments
thd

Ich habe den Text durchgesehen und kleinere Korrekturen vorgenommen. Eine wichtige inhaltliche Änderung gab es bei den frischen Gräbern: die wurden alle in den letzten zwei Wochen ausgehoben. Drei von ihnen sehr frisch, die anderen vor dem großen Regen vor ein paar Tagen, aber innerhalb der letzten 10-14 Tage.
Die restlichen Gräber reichen z.T. Jahre zurück. Geöffnet wurden nur Gräber mit Verstorbenen der letzten zwei Jahre vielleicht. Vermutlich war das so im ursprünglichen Text auch gemeint, war aber etwas missverständlich.