Die Thorwalertrommel I

Schreibe eine Antwort Beitrag drucken

Aufzeichnungen von Testos a‘ Teremon dylli Efferdskome

Ich beginne diese Aufzeichnungen auf einer Seereise. Unter mir wiegen sich die Planken der Bartenwartin der wackeren Kapitänin Nadjescha Marmulov während uns die Kogge bei günstigem Wind Richtung Festum trägt. Ich bin sonst nicht unbedingt der schreibfreudigste Mensch auf Deres Boden, doch ich möchte mich später einmal der Gültigkeit meiner Erinnerungen versichern können und in mir hat sich in den vergangenen Wochen, seit ich diese bunt zusammengewürfelte Truppe kennengelernt habe, zunehmend das Gefühl ausgebreitet, dass bedeutsame Ereignisse vor mir, vor uns, liegen. Zumindest bedeutsam für mich, der ich Efferdskome und die heimatlichen Gefilde der warmen, freundlichen Zyklopeninseln verlassen habe, um dem Kriegerhandwerk ehrenhaft und nach meinem Verständnis nachzugehen, wo immer Hilfe, Recht und Anstand von Nöten sein mögen – wo immer die Götter mich hinführen.

Doch beginnen wir von vorne. Beginnen wir mit unserer Abreise aus Mengbilla. Es war im frühen Firun 1038 BF als wir die, zu dieser Jahreszeit immerhin noch erträglich warme, chaotische Stadt an der Mündung des Nordask eilig verließen. Es hatte uns einen Großteil unseres ohnehin schon zusammengeschmolzenen Goldvorrates gekostet, auf die Schnelle eine Schiffspassage nach Perricum zu bekommen. Fünf Personen plus einige Tiere… es hat uns reichlich Überredungskunst und viele Dukaten gekostet, um ein paar andere Passagiere auszukaufen und zu überreden, das nächste Schiff zu nehmen.

Doch unsere Abreise duldete keinen Aufschub, das hatten uns die Rondrianer klar gemacht, die uns mit gezogenen Schwertern gegen zwei Heshthotim erst zur Seite gestanden hatten, nur um uns dann quasi zu verhaften. Zum Glück besänftigte die Rückgabe der von uns aufgrund von Yussufs „Visionen“ gestohlenen Reliquien die Rondrianer einigermaßen. Immerhin genug, um uns einen Aufpasser zur Seite zu stellen und auf diese Reise zu schicken.

Immerhin scheint er ein vernünftiger Mann zu sein, dieser Cordan von Perricum. Ein Geweihter der Rondrakirche, wie er im Buche steht, soviel ich sagen kann. Ein Mittelländer mit schiefer Nase, kurzen Haaren und der einen oder anderen Kampfnarbe, würde ich meinen. Er mag wohl an die 30 Götterläufe alt sein und ich würde keine Wetten darauf abschließen, dass er sein geliebtes Kettenhemd auch nur zum Baden auszieht. So weit, so typisch. Einzig diese auf mich etwas unförmig wirkende Waffe, im Grunde ein Kriegsflegel mit zwei Ketten und Dornenbewehrten Kugeln an deren Enden, den man wohl Ogerschelle nennt, dürfte man wohl nicht an  jedem Rondrianer sehen. Bis jetzt gibt er sich eher wortkarg, aber seine strengen bis manchmal finsteren Blicke, lassen vor allem Yussuf spüren, dass er keinerlei Fehltritte dulden wird.

Armer Yussuf! Ich habe noch nie einen Menschen so häufig speien sehen, wie unseren Phexgeweihten Yussuf al Fasir. Seine Heimat Mhanadistan hat ihm nicht viel Gelegenheit gegeben sich an die See zu gewöhnen, er scheint sogar eine rechte Angst davor zu haben. Ich habe ihn mehr als einmal dabei gesehen, wie er sich schweißnass und mit geschlossenen Augen an den Mast klammerte, sobald er nach einer weiteren ordentlichen Kotzerei die Reling verlassen konnte. Gut, dass er ein gläubiger Mann ist, vielleicht helfen ihm seine Gebete ein wenig über das Schlimmste hinweg. Was für Cordan das Kettenhemd, scheint indes für ihn Turban und Kaftan zu sein, denn nie sieht man ihn ohne diese beiden landestypischen Kleidungsstücke. 25 Götterläufe ist er wohl alt und sein dichter, schwarzer Vollbart sowie sein dunkler Teint würden ihn auch von Weiten schon als  Mhanadi verraten, selbst wenn es seine Kleidung nicht täte. Ich habe Yussuf schon einiges Akrobatisches vollbringen sehen, er hat nicht selten sogar etwas Katzenhaftes in seinen Bewegungen, doch Seereisen bekommen ihm ganz und gar nicht gut.

Perjin hingegen scheinen die Wogen ebenso wenig auszumachen wie Wind und Wetter. Wie viele Halbelfen umgibt ihn manchmal eine gewisse Aura von Schwermut, die ich schwer greifen kann, doch wenn er so an Deck steht, in seinen schwarzen Kaputzenmantel gehüllt und schweigend auf die See hinausstarrend, dann kann ich nicht umhin, ihn zu bedauern. Halbelfen haben vielerorts einen schwierigen Stand, stehen sie doch zwischen den Kulturen der Elfen und Menschen und werden sowohl von den Einen wie auch von den Anderen mit Misstrauen betrachtet. In seiner Heimat, auf Maraskan, sind Elfen meines Wissens nach noch viel seltener und werden von den Einheimischen noch viel argwöhnischer gesehen, als zum Beispiel im Mittelreich. Als wäre das nicht schon übel genug, so muss der schlimme Vorfall mit seinem Vater ihm ganz sicher eine tiefe Wunde an der Seele hinterlassen haben. Man wird nicht jeden Tag vom eigenen Vater hinterrücks erdolcht, um einen dämonischen Pakt zu besiegeln. Keine Frage, Golgaris Schwingen rauschten schon über ihm, als wir ihn in letzter Sekunde dank der entwendeten Reliquien noch gerade so retten konnten und er buchstäblich aus Borons Hallen zurückkehrte. Manchmal konnte ich sehen, wie seine Fingerknöchel sich weiß um die  reich verzierten Griffe seiner beiden Nachtwinde verkrampften, wenn er wieder seinen wohl düsteren Gedanken nachhing. Ich kann es ihm nicht verdenken.

Frode hingegen, unser junger Thorwaler Magus aus der Sippe der Guddir, scheint mir dagegen eine rechte Frohnatur zu sein. Obwohl ich fürwahr ganz sicher nicht viel für sein dreizehn mal verfluchtes Priatenvolk übrig habe, scheint er doch ein ungewöhnliches Exemplar seiner Gattung zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass er in Lowangen auf der Akademie ausgebildet wurde und somit wohl schon über längere Zeit nicht mehr viel mit seinem Volk zu tun hatte, jedenfalls kann ich inzwischen den Drang unterdrücken, ihm seinen Kiefer umzugestalten. Vielleicht steckt in dem dürren Bürschchen ja doch mehr Verstand, als ich anfangs dachte. Ein paar deutlich sichtbare Narben, eine davon am Hals, deuten auf eine turbulente Vergangenheit hin, über die er sich aber bisher ausschweigt. Ich muss ihn einmal danach fragen, wenn die Zeit günstig ist. Nun, jedenfalls abgesehen von der eher hageren Gestalt kann Frode rein äußerlich seine Sippschaft nicht verleudmen. Nur zehn Finger unter zwei Schritt groß, blauäugig, blondschopfig und bärtig würde man an ihm eher zwei ordentliche Thorwaleräxte vermuten als einen langen Magierstab. Immerhin steckt oft ein Entermesser an seiner Seite, obwohl ich annehme, dass es mehr der Erinnerung oder der Zier dient.

In Perricum nach langer Reise endlich angekommen, stieg schließlich noch Onburiel Kieferblick zu, eine Gestalt, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte. Ein Auelf, soviel ich sagen kann, aber ein Riese seiner Gattung, misst er doch über zwei Schritt! Obwohl er wie 30 Götterläufe aussieht, habe ich inzwischen doch erfahren, dass er knapp über 50 ist. Nun, bei Elfen soll das ja normal sein, dass sie jung oder alterslos wirken, sagt man. Auch sonst schreit alles an ihm einem förmlich „Elf!“ entgegen: Dunkelblondes Haar, dunkelviolette Augen, Lederkleidung, Stoffrüstung, und der obligatorische, legendäre Elfenbogen. Ungewöhnlich ist allerdings sein überdeutliches Interesse für uns und generell alles Menschliche, denn er löchert alles und jeden mit tausend Fragen zu Dingen, die uns alltäglich erscheinen, ihm aber immer wieder ein erstauntes „Bagropa!“ entlocken. Das wird wohl ein typischer Elfenausruf des Erstaunens sein, der sich meiner Kenntnis entzieht. Und, wie um alle Gerüchte und Legenden, welche sich um Elfen ranken, komplett zu machen, spielt er nachts an Deck manchmal auf einer kleinen Holzflöte. Man könnte ihn glatt in ein Bilderbuch für Kinder malen!

Aber ich habe gut Reden! Ich selbst bin wohl auch nicht weit entfernt von dem, was sich der durchschnittliche Aventurier unter einem normalen Zyklopäer vorstellt: Braune Augen, brozefarbene Haut, lockiges, dichtes Haar, ein gut gepflegter Vollbart und eine Adlernase, die ich persönlich lieber als klassisches Profil bezeichnen würde. Dazu noch eine Lederrüstung und halbwegs gute Kleidung, sowie der weit geschnittene weiße Umhang mit hellblauer Rahmung und dem springenden Schwertfisch in der Mitte, der meine Heimat Efferdskome repräsentiert. Ich mag mit meinen zwanzig Götterläufen noch recht jung sein, aber wenn ich mein treues Schwert in der Hand und meinen noch treueren Hund Jakko an meiner Seite habe, dann darf ich schon annehmen, dass ich recht typisch zyklöpäisch aussehen mag.

Wie dem auch sei, eines steht jedenfalls fest: Eine Reise bietet doch immer wieder neue Überraschungen, ob nun erfreuliche oder unerfreuliche. Während wir Festum langsam näher kommen erfahren wir, dass im Bornland nicht, wie üblich, mit Dukaten und Silbertalern bezahlt wird, sondern dass es eine eigene, gleichwertige Währung gibt, die sich in Batzen, Groschen und Deut unterteilt. Unser erstes Ziel wird wohl demnach die berühmte Nordlandbank sein, die einen großen Sitz in Festum hat, um unser Geld in die landesübliche Währung umzutauschen. Die Besatzung indes ist guten Mutes und zeigt einige Vorfreude und Aufregung ob der baldigen Ankunft in Festum. Wie wir hörten, wird es wohl einen großen Heerzug gegen den letzten verbliebenen Heptarchen Helme Haffax geben, dem auch das Bornland Truppen beisteuern will. Außerdem soll es wohl ein großes Stadtfest geben, kurz nach unserer Ankunft in der Stadt. Es nennt sich die „Atmaskott-Umzüge“ und rührt wohl von einem düsteren Ereignis aus der Geschichte Festums her, bei dem ein übler thorwalscher Pirat und Menschenschinder namens Atmaskott Blutsäufer (natürlich wieder ein Thorwaler, wer sonst!), die der Stadt vorgelagerte Speicherinsel einnahm, für gute drei Jahre besetzt hielt und furchtbare Greueltaten beging. Schließlich konnte er niedergeworfen werden und als Exempel wurde er gefoltert, gevierteilt und schließlich eine große Trommel mit seiner Haut bespannt, die nun alljährlich zu den Umzügen geschlagen wird. Raue Sitten, hier im hohen Norden!

Nun, da Festum endlich am 2. Phex 1038 BF, langsam am grau verhangenen Horizont emporwächst, können wir langsam die enorme Größe der Bornlandmetropole erahnen.Die meisten Fensterläden sind in den Stadtfarben rot und weiß gestrichen und manch imposantes Gebäude erhebt sich weithin sichtbar über die einfachen Bürgerhäuser hinaus. Über allem liegt eine harsche Kälte, die uns sonnenverwöhnten Südländern kräftig in die Gesichter biss und uns zum frösteln brachte. Cordan überprüfte noch einmal gewissenhaft die konfiszierten Reliquien der Rondrakirche, die er hier wieder zurück in den Besitz seines Ordens überführen soll. Beim Einlaufen erklärte die Kapitänin Marmulov, sie bliebe drei Tage lang in Festum, bevor die Bartenwartin wieder in See steche, doch wir hatten ja ohnehin weder vor noch das Geld, eine Rückpassage auf dem Schiff anzutreten. So verabschiedeten wir uns und gingen unserer Wege.

Kaum dass wir von Bord gegangen waren, hatte die Besatzung auch schon mit dem Löschen der Ladung angefangen und wir setzten nach zweimonatiger Reise endlich unsere Füße auf Festumer Boden. Hier auf der Speicherinsel sah man überall bewehrte Gardisten in voller Montur und der silberne Schwan auf rotem Grund, das Stadtwappen Festums, prangte auf jedem Wappenrock. Schon bald wurden wir auf die Atmaskott-Umzüge hingewiesen und von einer Gardistin über die hiesigen Einreisebestimmungen aufgeklärt, die aber nichts Ungewöhnliches beinhalteten. Immerhin musste ich dann in der Hafenmeisterei meinen Kriegerbrief vorzeigen, um Probleme wegen meines Schwertes zu vermeiden. Trotzdem wurden ich, Cordan und auch der Magier Frode mit spürbar mehr Respekt und weniger Argwohn behandelt, als die anderen Mitglieder der Gruppe. In diesen Landen scheint der Stand einer Person noch einiges Gewicht zu haben, sogar bei den Offiziellen!

Als die Formalitäten erledigt waren, konnten wir schließlich die Zollbrücke überqueren. Überall waren Aushänge zu sehen, entweder zu den Umzügen, oder aber einer der besagte, es würden noch dringend Ordner für die Umzüge gesucht. Wer Arbeit suche, der solle sich doch am 6. Phex zur Rondrastunde bei der Garnison einfinden. Nun gut, da mir so langsam das Geld zu einem seltenem Gut zu werden droht, sollte ich mir vielleicht den Spaß gönnen und kurzfristig dort anheuern. Wie schwer kann es schließlich schon sein, ein paar feiernde Städter im Zaum zu halten?!

Als Erstes suchte ich einen gabz brauchbaren Mietstall, in dem ich meine treue Jolante unterstellen konnte. Das Tier war sicher froh, endlich die ewig schwankenden Planken der Bartenwartin gegen einen schönen, festen, mit frischem Stroh bestreuten Stallboden einzutauschen. Auch Perjin stellt seinen Klepper dort unter, bevor wir uns in der nahe gelegenen Taverne „Zum Bären“ einfinden.

Der Wirt, ein Norbarde namens Petrov, begrüßte uns freundlich mit einem Schnaps aufs Haus, ein Gebräu namens Meskinnes, dass, wie ich sagen darf, an Schärfe dem Premer Feuer in nichts nachsteht und offenbar hier zu Lande viel getrunken wird. Die schlimmste Kälte war damit zwar bekämpft, doch wir ließen dem Schnaps gleich noch eine warme Mahlzeit folgen, um auch die letzten Reste von Firuns Atem aus unseren Knochen zu vertreiben. Noch bevor serviert wurde, erklärte uns Petrov, dass heute abend zur sechsten Stunde die Frau Anjescha auftreten werde, die auf der Bühne mit ihren beiden Bornbären ohne Leine, Seil oder Kette an den Tieren ihre Vorstellung gebe. Da man derlei noch nie gesehen hatte, ließen wir uns einen Tisch in der ersten Reihe gerne reservieren. Frau Anjescha, so sagte Petrov, werde sich leider in den nächsten Monden zur Ruhe setzen, so dass es nicht mehr lange Gelegenheit gebe, sich ihre fabelhafte Aufführung anzusehen.

Aufgewärmt und erkundungsfreudig machten wir uns dann zunächst auf uns ein Quartier für die nächste Zeit zu besorgen und kamen schließlich im nahen Gasthaus „Lavastis“ unter, wo wir uns Zimmer für eine Woche nahmen. Danach ging es zur Nordlandbank, um Geld zu wechseln und bei den Göttern, diese Leute machen keine halben Sachen, wenn es um Prunk geht! Ich habe Paläste gesehen, die nachgerade ärmlich gegen diesen Prunkbau wirkten! Marmor, Gold, Reliefs und breite Treppen, wohin das Auge auch schaut. Alles untergebracht in einem vierstöckigem Ziegelbau, der von Wachen mit dem eigenem Wappen der Bank bewacht wird.

Cordan, Frode und mich zog es danach zum Rondratempel. Cordan natürlich, weil er sich wegen der Reliquien dort melden sollte, Frode, weil er sich den imposanten Bau anschauen wollte und mich aus dem selben Grunde, jedoch auch, um ein paar Gebete zur Herrin Rondra zu sprechen, der ich, wenn ich ehrlich bin, durchaus öfter meine Aufwartung machen könnte.

Auch der Tempel ist ein beeindruckender Bau, ich nehme an in dieser Stadt ist eben alles ein bisschen größer, doch als wir schließlich genug gesehen hatten und gerade wieder gehen wollten, da sprach uns der persönliche Adjutant des Sennemeisters, ein Mann namens Jegor Andrastar von Festum, an. Cordan wurde nun also zum Meister des Bundes gerufen, wir anderen hatten ja kein Geschäft mit ihm und so warteten wir.


Aufzeichnungen von Cordan von Perricum

Jegor Andrastar führte mich eiligen Schrittes durch die hallenden Gänge zum Sennenmeister. Ich nehme an, ein Mann wie er ist es gewohnt, dass all seine Befehle umgehend in die Tat umgesetzt werden und er darum nicht gerne wartet. Ich bereitete mich unterdessen innerlich auf das Kommende vor und war auch voller Erwartung, was für eine zweifellos ehrfurchtsgebietende Gestalt der berühmte Gernot von Halsingen ist. Wie sich zeigte, ist er ein Mann von über sechzig Götterläufen mit weißem, gepflegten Bart, doch die Jahre sind mehr als gnädig zu ihm gewesen und seiner Statur nach könnte er sich auch heute noch mit so manchem, weitaus jüngeren Kämpen messen. Zudem umgibt ihn eine Aura von Würde, Kompetenz und Autorität, wie nur ein wahrer Anführer sie besitzt.

Nach kurzer Vorstellung informierte er mich, dass die übergebenen Reliquien überprüft würden, doch dass ihn aktuell andere Dinge weitaus mehr beschäftigten. Durch die Verstärkung des Heeres wegen des anstehenden Heerzuges gegen den Reichsverräter Helme Haffax seien die Kräfte in Festum unterbesetzt und als sei dem nicht genug, sollten die Atmaskott-Umzüge erstmals nicht auf der Speicherinsel bleiben, sondern durch die Stadt selbst führen! Er rechne deshalb mit Ausschreitungen, ja sogar mit regelrechten Aufständen! Er suche daher nach verlässlichen Ordensmitgliedern, die sich als Ordner eintragen ließen. Für mich speziell sei ein Posten vorgesehen, bei dem ich eine der Strohpuppen bewachen helfen solle und natürlich war ich nur zu bereit der „Bitte“ nachzukommen.

Danach aber teilte er mir etwas Beunruhigendes mit: Ein Bannstrahler ist auf dem Weg nach Festum, ein gewisser Hauptmann Reto von Sturmfels, der wohl ein Befragungsexperte sei. Was das bei den Bannstrahlern heißen kann, war mir sofort klar. Ich jedenfalls würde mir große Sorgen machen, wenn ich an der Stelle der Leute wäre, welche ich seit Mengbillar begleite, denn eine Inquisition durch die Praioskirche wird sich sicher nicht als reines Vergnügen herausstellen für sie.

So verließ ich mit den beiden anderen im Gefolge darauf den Rondratempel tief in Gedanken und frage mich seitdem, ob ich ihnen von der bevorstehenden Befragung berichten soll. Für den Augenblick jedoch beschloss ich, alles für mich zu behalten und den Dingen ihren Lauf zu lassen.


Aufzeichnungen von Yussuf al Fasir

Während die anderen den Rondratempel aufsuchen, lenke ich meine Schritte in Richtung des Phextempels, den es schließlich ganz öffentlich in dieser überraschenden Großstadt voller Möglichkeiten gibt. Vielleicht bin ich nachlässig geworden, oder aber Phex hat seine Hand nach mir ausgestreckt, wie er es schon in den Visionen während meines Fiebers getan hat. Jedenfalls fand ich noch an Bord der vermaledeiten Kogge (möge sie von Dschinnen heimgesucht werden!), eine Nachricht in meiner Kleidung, die mich in den Tempel des Fuchses in Festum bestellte. Als wäre die verfluchte Kälte hier im Norden nicht schon schlimm genug, führte mein Weg mich auch noch durch wahrlich üble Viertel der Stadt und ich schreibe es meiner Fremdheit in diesen Gefilden zu, dass ich mich nicht, wie sonst in derlei Gegenden, schnell wohl und heimisch fühlte, sondern mir doch einige Bedenken zu meiner Sicherheit kamen. Ich passierte das tobrische Viertel und dachte, mehr Gestank und Elend würde mir nicht mehr zugemutet werden, doch das Gerberviertel belehrte mich schon bald eines Besseren. Wie um Phex Willen können Menschen mit diesem bestialischen Gestank leben?

Weiter ging es entlang des Zwielichtberges, ein Hügel, der offenbar einmal besiedelt und mit allerlei Häusern bestanden war, nun aber vollkommen von allen lebenden Seelen verlassen scheint und nur von geisterhaften Schemen bewohnt   wird. Kein Ort, dem man nahe sein möchte! Bei den Werften und Trockendocks im Kriegshafen, ein wenig den Fluss hinauf, fand ich endlich den Tempel, aus dessen Schornstein und Fenstern bläulicher Rauch in großen Schwaden aufstieg. Ansonsten war das Gebäude kein besonderer Anblick, eher wie ein Bürgerhaus erhob es sich zwischen all den anderen. Ich trat ein und zeigte meine Nachricht vor. Zu meiner Bestürzung hielt der Mann die Botschaft über eine Kerzenflamme und noch bevor sich die mit Zitronensaft geschriebene geheime Nachricht zeigte war mir klar, welch törichter Anfängerfehler mir unterlaufen war. Natürlich stand dort Weiteres geschrieben, doch zu meinem Unglück konnte ich keinen Blick darauf erhaschen. Immerhin aber wurde nun Vogtvikar Bosper Alriksen benachrichtigt und ich zu ihm vorgelassen, nachdem ich meine Waffe abgegeben hatte.

Der Besuch scheint mir allerdings kaum günstiger für mich verlaufen zu sein als die Anreise, denn der Mann fragte mich allerlei Dinge, wie ich sie eher von einem Inquisitor als von einem phexgefälligen Mann erwartet hätte. Warum ich denn in Festum sei, was meine Beweggründe wären und ob ich eine persönliche Motivation habe. Ich verhaspelte mich wohl etwas und er eröffnete mir, meine fehlende Motivation sei auch ein Grund für die versteckte Nachricht gewesen. Jemand interessiere sich für mich, ich stünde aber unter Beobachtung und solle einen ersten Test bestehen. Ich soll mich nun also als Ordner bei den Festlichkeiten eintragen!  Das war wohl kaum das, was ich als Test für einen Mann meiner Fähigkeiten erwartet hätte, aber andererseits war das eindeutig die Art Angebot, welches man nicht ablehnen kann. Phexens Wege sind bekannter Maßen nie die geradesten und offenkundigsten und einem Mann wie Bosper Alriksen widerspricht man besser nicht.


Aufzeichnungen von Onburiel Kieferblick

Das also ist eine richtige Menschenstadt! Steinhaus reiht sich an Steinhaus und obwohl es an der Luftigkeit und Schönheit der Bauweise meines Volkes mangelt, hat dieser Ort doch auf seine Weise etwas überwältigend Faszinierendes. Tatsächlich scheinen sich manche der Menschen auf Holzschnitzkunst zu verstehen, denn ich entdecke allerlei geschnitzten  Zierat an den meisten Häusern und Giebeln. Fachwerkhäuser kommen häufig vor und dazwischen wuselt das bunte Treiben der Stadt. Eines fiel mir sofort auf: Es stinkt hier nicht. Zumindest nicht so, wie andere Menschensiedlungen stinken und schon bald bemerkte ich den Grund dafür. Es scheint mir, als wären Goblins hier für die Reinigung der Gassen und Kanäle zuständig. Ich glaube, sie müssen bei den Menschen in hohen Ehren stehen, halten sie doch den Schmutz und Unrat und eben nicht zuletzt auch den fürchterlichen Gestank von den Menschen fern.

Dann sehe ich etwas Interessantes. Zwei Goblins klettern aus einem der Kanäle, in ihrer Nähe steht ein junges Rotpelzpaar und ein dritter Goblin, der die Uniform der Stadtwache trägt. Ich verstehe, dass die Goblins offenbar auch für niedere Dienste wie Wachen bereitwillig eingesetzt werden. Meine Aufmerksamkeit erregt jedoch eine ergraute, alte Goblindame. Sie bemerkte mich und lächelte mir zu, also zeigte ich Freundlichkeit und ging auf die Gruppe zu. Sie heißt Tantchen Manriischa und eine Aura des Besonderen umgibt sie. Ich kann es nicht greifen, aber es ist ebenso real wie ein Wahrtraum oder die Sprache der Tiere. Das Päärchen heißen Jääni und Bruutsch, der Wachgoblin nennt sich Juuksed. Anscheinend sind sie überrascht, dass ich sie überhaupt bemerkt habe. Sollte das etwas Besonderes sein? Sind Stadtmenschen wirklich so blind, dass sie Goblins übersehen könnten?

Juuksed ist offenbar sehr stolz darauf, der erste Goblin in der Stadtwache von Festum zu sein. Offenbar hält er das für etwas Besonderes, besser als Rattenfänger oder Kanalreiniger. Seltsam! Bruutsch ist schon interessanter. Er ist auch ein Jäger, wie ich. Aufregend, einen Jäger von einem anderen Volk, außer vielleicht den Menschen, habe ich noch nicht getroffen. Er möchte gern mit mir jagen gehen, außerhalb der Stadt, sagt er. Das klingt aufregend und obwohl ich sicher Vieles von Festum noch nicht gesehen habe, spüre ich, wie die Sehnsucht nach der Weite des Landes und dem  Atem der Bäume nach mir greift. Bruutsch empfiehlt mir jedenfalls, dass ich den Firunstempel besuchen soll. Ein Tempel der Menschengötter, freilich, aber dennoch ein Ort, an dem die Jagd und das Wild mit Respekt und Ehrfurcht behandelt werden. Am Rande des Gerberviertels, soll er liegen, sagt Bruutsch, gemacht aus Knochen, Geweihen und Häuten. Ich danke ihm für die Beschreibung und seine Einladung und verabschiede mich. Seine Jääni sagt etwas von Gefahr außerhalb der Stadt, aber sie ist schließlich keine Jägerin. Wir gehen auseinander.


Aufzeichnungen von Perjin

Ich schlenderte durch die Stadt und hielt die Augen offen. Auch wenn es nicht stimmt was man sagt, alle Städte seien gleich, so ist doch ein Körnchen Wahrheit in dem Spruch. Nach meiner Erfahrung haben alle Städte etwas von einem gewebten Tuch: Sie besitzen ein Muster, dem sie folgen müssen, denn ohne es, würde das Gewebe der ganzen Stadt zerfallen. Und oft sind es gerade die groben Fäden, die das Tuch zusammenhalten. Die Arbeiter, die Halunken und Gauner, die Säufer und Kanalratten, sie bilden den Untergrund, auf dem sich die feineren Fäden weben lassen. Folgt man den feineren Fäden, so gelangt man schließlich zu den Knotenpunkten des Gewebes, dort, wo alles zusammenläuft.

Ich sah den Maraskani schon lange, bevor er mich ansprach. Er folgte mir durch das Gewirr der mir unbekannten Gassen, beobachtete, wie ich meinen aufmerksamen Blick hin und her schweifen ließ und hielt sich dabei verborgen, so gut er konnte. Nicht gut genug! Schließlich stellte er sich mir als Vasim vor und riet mir, mich an den Tetrarchen zu wenden, der im Palast Frumolds zu finden sei. Er könne jedem Landsmann Arbeit verschaffen, erklärte er mir bereitwillig. Sicher hatte er die beiden reich verzierten Schwerter gesehen, die ich am Gürtel trug. Er ließ sich nichts anmerken, aber ich bin sicher er ahnt, dass ich kein mittelloser Söldner bin. Seine Einladung war also nur eine Verkleidung für eine Aufforderung, wie es oft bei meinen Landsleuten der Fall ist.

Bevor Vasim wieder im Getümmel verschwand, warnte er mich noch vor den Mondkindern und der Kugelbande, von denen ich mich um jeden Preis fernhalten solle. Ich solle besser zu Mulziber von Neu-Jergan kommen, drängte er, bevor er verschwand. Bis zum Rand des Hafenviertels bemerkte ich daraufhin eine „Eskorte“, die sich auffällig unauffällig hinter mir in den Schatten herumdrückte, mir aber nicht näher kam.

Nun, ich bin zufrieden mit dem Erreichten. Ich habe Flagge gezeigt, mich quasi vorgestellt und eine Verabredung getroffen, der ich sicherlich später noch nachkommen werde. Wenn es mir beliebt, versteht sich. Allerdings es hat sich schon oft ausgezahlt, bei den wichtigen Leuten vor Ort vorstellig zu werden. Folge den Fäden, dann erkennst du schon bald das Muster. Und wer das Muster kennt, der kann an den richtigen Fäden ziehen und das Muster manipulieren.

Festum…. eine Stadt voller Möglichkeiten, da bin ich sicher. Die Welt ist schön, Bruderschwester!


Aufzeichnungen von Testos a‘ Teremon dylli Efferdskome

Schließlich, nach einem anstrengendem Tag, da meine Seebeine schon schmerzen und nach Ruhe schreien, kommen wir alle wieder des Abends in der Taverne „Zum Bären“ zusammen. Rundheraus, wie es so meine Art ist, erzählte ich den Anderen von der Knappheit meiner Dukat… das heißt, meiner Batzen und teilte ihnen mit, dass ich mich wohl als Ordner würde einschreiben lassen, um Abhilfe zu schaffen. Zu meiner Überraschung stimmten mir Yussuf, Cordan und Perjin bereitwillig zu und schließen sich an. Im Anschluss können wir uns, während wir auf den Beginn der viel gepriesenen Vorstellung warten, an einer ordentlichen Mahlzeit wärmen und die Eiseskälte aus den Knochen vertreiben.

Das Mahl aber verblasst vor der atemberaubenden Aufregung und Eleganz der Vorführung! Zunächst führen zwei Norbarden  zwei gewaltige Bornbären herein, die noch an Ketten gehalten werden. Dann kündigt Petrov die Herrin Anjescha an, die ihr Erscheinen mit einem nackten Fuß an einem langen, ebenfalls nackten Bein einleitet. Sie ist auch sonst mit Schleiern nur leicht bekleidet, von exotischem Aussehen, wie man es wohl eher aus den Tulamidenlanden oder gar von der Maraskan her kennt, doch meine Augen wissen nicht, wo sie verweilen sollen, so atemberaubend und bezaubernd ist ihre Eleganz und Schönheit. Ihre Schleier überlassen fast nichts der Phantasie, einzig ihr Gesicht ist zunächst nur zu erahnen. Warum nur mag eine solche menschgewordene Rahja über den Ruhestand nachdenken, scheint doch Satinavs Strom folgenlos an ihr vorüber gestrichen zu sein!

Nachtschwarzes Haar, tiefgrüne Augen, jedermann ist augenblicklich in ihren Bann geschlagen und mit Haut und Haaren dieser göttlichen Kreatur verfallen! Sie tanzt, sie singt, wir jubeln und gröhlen und mögen uns gar aufgeführt haben wie rechte Narren, aber im Nachhinein weiß ich, dass sie es weder anders kennt noch wollen würde. Doch dann löst sie die Ketten der Bären und bezieht sie in ihren Tanz mit ein, schmiegt sich an sie, lässt sich von mächtigen Pranken hochheben, steckt gar ihr zartes Haupt in den grässlichen Rachen einer der Bestien! Für einen Augenblick stockt uns der Atem und ich schwöre bei allen Göttern, dass man in jenem Moment eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können, bevor dann Erleichterung und tosender Jubel die Spannung entläd.

Schließlich zieht sie sich zu einer halbstündigen Pause zurück und deutet eine bestehende Herausforderung an. Wer sie sprechen wolle, der müsse nur in ihren Wagen kommen. Yussuf  erkundigt sich – natürlich Yussuf! – und erfährt, das folgendes Angebot bestehe: Wer es schaffe, an den Bären vorbei zu kommen, ihren Wagen zu betreten und Herrin Anjescha einen Wunsch zu erfüllen, der dürfe eine Nacht mit ihr verbringen. Ich sehe am Glitzern in Yussufs Augen, dass er ganz sicher einen Versuch wagen will. Die Gerüchte, einmal habe es schon jemand geschafft, spornen ihn gewiss noch an und lassen ihn all die warnenden Geschichten von denen, die geschunden und mit verletztem Stolz davongeschlichen sind, auf der Stelle vergessen. Ich mag erst zwanzig Götterläufe alt sein, aber ich erkenne einen Narren, wenn ich einen sehe! Seine Grenzen zu kennen ist eine der frühesten Lektionen, die ein Krieger zu lernen hat. Aber Yussuf ist kein Krieger.

Der zweite Teil der Darbeitung ist dem Ersten ebenbürtig und als sich Anjescha zum zweiten mal zu einer halben Stunde Pause zurückzieht, sieht Yussuf seine Stunde gekommen. Mit entschlossener Miene tritt er durch den Hintereingang, wo ihn zwei breit grinsende Norbarden erwarten und bereitwillig passieren lassen. Vor dem aufgebockten Wagen ihrer Herrin liegen links und rechts neben der Türe die beiden Bornbären und dösen. Nun, beginnt Yussuf seine Vorbereitungen. Ich nehme an, er flehte seinen Gott um Hilfe an oder kramte nach allerlei versteckten alchemischen Gebräuen und Tinkturen, dann plötzlich verdunkelte sich der Hinterhof und er rannte los. Nicht, dass man viel gesehen hätte, aber sein Schmerzensschrei war dafür umso deutlicher zu hören.

Als die Sicht wieder aufklart blutet Yussuf aus einer Wunde am Bein, scheint aber ansonsten unverletzt. Wie konnte der Narr nur glauben, er könne ein Tier, welches so stark auf seinen Geruchssinn setzt wie ein Bär, mit etwas Dunkelheit täuschen? Und dass er die Wagentüre verschlossen vorfinden würde, hatte sich jeder Anwesende an den Daumen einer Hand abzählen können. Alle wussten es – alle, außer Yussuf. Unter dem schallenden Gelächter der Norbarden bringen wir den Geschundenen wieder hinein und versorgen seine Wunde. Sein Stolz aber, wird sicher noch eine Weile länger brauchen, um sich von dieser Schmach zu erholen. Erst die Speierei auf der Kogge und nun die Schmach der öffentlichen Niederlage, Phex scheint es nicht gut zu meinen mit der Würde des armen Yussuf! Mögen die Götter in Zukunft ihm mehr Glück – und Verstand –  bescheren, oder er wird uns noch alle in Schwierigkeiten bringen.

Schließlich ist die Vorstellung vorbei und die Taverne leert sich. Erschöpft von der Reise und den Ereignissen des Tages klingt ein weiterer Tag bei einem letzten Getränk für uns aus. Ich für meinen Teil kann es kaum erwarten zu sehen, was die kommenden Tage und der bevorstehende Umzug, noch für uns bereithalten. Wie würde Perjin es doch in seiner maraskanischen Art so vieldeutig sagen?

Die Welt ist schön, Bruderschwester!

Recht hat er!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzhinweise: Die E-Mailadresse wird an den Dienst Gravatar übermittelt (ein Dienst der Wordpress Entwickler Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Deiner Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Dich auf unsere Datenschutzerklärung. Du kannst gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

76 − = 67