Die nicht mehr warten wollen – Teil 4

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12. August des Jahres 2947 des Dritten Zeitalters
Gasthaus zur Alten Furt, Wilderland

Ein richtiges Bett, was für eine Wohltat nach gefühlten Monaten in den Kerkern von Dol Goldur! Diese eine Nacht vom 9. auf den 10. August wird uns wohl allen als die längste unserer Lebens im Gedächtnis bleiben. Aber beginnen wir am Anfang dieses Schlamassel …

Ich hatte Irimees Ruf „Er kommt!“ noch vernommen, konnte mich der düsteren Präsenz allerdings auch nicht erwehren. Aber dies sollte uns trotzdem zum Vorteil gereichen, denn so vermuteten wir von Anfang an das alles „nur“ ein sehr realer Alptraum sei. Hierfür sprach auch das am ersten Tag in unserer Zelle auf einmal Earendil aus dem Nichts auftauchte. Er brauchte einen Augenblick um sich zu orientieren, konnte uns dann aber berichten das er zuerst in der Schattenwelt aufgewacht sei. Hier hatte er einen schattenhaften Elben beobachtet welcher gerade in Schwarzer Sprache auf eine gebundene Irimee einredete, war dann aber auch in unseren Alptraum gezogen worden.

Zum Frühstück tauchte dann ein furchtbar missgebildeter Ork mit 1½ Köpfen in Begleitung zweier Wachen auf. Es gab schimmliges Brot und Menschenfleischeintopf. Den Eintopf rührte niemand an, aber mit dem Brot und etwas Wasser, das wir an der feuchten Wand auffangen konnten, würden wir uns wohl halbwegs am Leben halten können. Den Tag über versuchten wir
uns und unsere Mitgefangenen halbwegs bei Laune zu halten, was zum Glück auch gelang.

In der Nacht erwachte ich für einen kurzen Augenblick außerhalb des Alptraums. Dort erkannte ich Irimee, welche von einem großen Schatten gefangen gehalten wurde. Earendils Beschreibung aus der Schattenwelt stellte sich also in der Wirklichkeit sehr ähnlich dar. Bevor ich wieder „einschlief“ gelang es Irimee noch mir zukommen zu lassen das wir von einem Geist der Verzweiflung gefangen gehalten wurden.

Am nächsten Morgen konnte Hergrim, mit einer Haarspange Rodwens und seiner Gürtelschnalle, das Schloss der Gittertür öffnen und sich draußen ein wenig umsehen. Wir waren allerdings recht tief in den Kerkern untergebracht und eine direkte Flucht erschien zu diesem Zeitpunkt wenig ratsam.

Gegen Nachmittag kam dann ein Mensch an unsere Zelle, welcher sich selbst als Anatar, Diener des Herrn von Dol Goldur, vorstellte. Er hatte gutes Essen und frisch gezapftes Bier auf einem Tablett bei sich und betrat selbstbewusst unsere Zelle. Wer sein Knie vor seinem Herrn beuge, solle reich belohnt werden verkündete er uns. Wir, allen voran Roderic, warfen ihn allerdings aus unserer Zelle und sein Tablett samt Inhalt auf den Boden. Als er wieder verschwunden war, stärkten sich Geb, Haleth und Aldor an den Resten vom Boden. Gerade letzterem ging es nicht gut und ohne Roderics Heilkünste wäre er vermutlich bereits von uns gegangen gewesen. Geb zweifelte sehr ob er sich nicht besser anschließen solle, da er furchtbare Angst hatte. Aber wir konnten ihn nach einigen Mühen davon überzeugen das alles was ihn in Diensten dieses Herrn erwarten würde deutlich schlimmer sei als der Tod. Auch Haleth war ziemlich verzweifelt und wusste nicht genau was er tun sollte. Mit etwas Einfühlungsvermögen und der Frage was denn wohl sein Vater getan hätte, gelang es aber seinen Kampfgeist zu wecken. Zu fünft schmiedeten wir dann unseren Plan. Wir wollten noch einen Tag abwarten und dann versuchen auszubrechen. Hergrim sprach sich zwar gegen diesen Plan aus, war aber trotzdem dabei als wir ihn überstimmen.

Am nächsten Morgen erschien der missgebildete Ork mit vier Wachen und seinem Herrn. Eine grabeskalte Aura war zu spüren, Bodennebel begann aufzuziehen, giftige Dämpfe waberten umher und die pure Furcht drang in unsere Knochen. Dann erst gab er sich zu erkennen, ein totenbleicher Elb, an die zwei Schritt groß, mit schneeweißen Haaren, pechschwarzen Augen und einer durchringenden Stimme. Gekleidet in eine geschwärzte Dornenrüstung. Als niemand auf seine Frage hin das Knie beugte wurde er sehr ungehalten und wählte Hergrim aus „als erstes zu Leiden“. Dann ging alles sehr schnell. Gerade als die Wachen Hergrim ergreifen wollten, griff Roderic sie an. Wir anderen unterstützen ihn natürlich mit all unserer verbliebenen Kraft, aber einer nach dem anderen ging zu Boden.

Als wir wieder erwachten, spürten wir das uns etwas eingeflößt worden war während wir außer Gefecht waren. Allen ging es den Umständen entsprechend gut, nur Leudast war tot, ein Schwerthieb war tief durch seine Schulter in den Brustkorb eingedrungen. Gegen Mittag besuchte uns noch einmal Anatar, zog aber fast schmollend wieder ab, nachdem ihm Haleth mit einer stolzen Erwiderung klar gemacht hatte das sich niemand von uns seinem Herrn anschließen würde.

Kurz danach kamen die Wachen wieder um diesmal Roderic abzuholen. Sie waren deutlich vorsichtiger als zuvor und so gelang es ihnen Hergrim niederzuschlagen und Roderic zu überwältigen. Es dauerte nicht lange bis Roderic bewusstlos wieder zurück gebracht und Hergrim abgeführt wurde. Als Roderic wieder erwachte, berichtete er von einem recht aussichtslosen Kampf gegen einen Troll. Um so überraschter waren wir als kurz darauf Hergrim mit einem breiten Grinsen auf den Lippen wieder in unsere Zelle verfrachtet wurde. Trotz der mehr als misslichen Lage, führten seine Worte „Mal sehen wann ihnen die Trolle ausgehen.“ zu allgemeinem Gelächter in unserer Zelle und er berichtete von seinem heldenhaften Sieg gegen den Troll.

Nach dem was diese Kreaturen hier Abendessen nennen, wurden auf einmal alle Fackeln gelöscht und wir hockten im Dunkeln. Kurz darauf tauchte eine grün leuchtende, geisterhafte Gestalt auf, von der ein kalter Nebel ausging. Leudasts tote Augen begannen rot zu leuchten und mit seinem Mund sprechend versuchte uns dieses Wesen davon zu überzeugen die Noldor zu verraten. Als sich immer noch alle weigerten und ich ihm sogar vor die Füße spuckte, wurde es auf einmal pechschwarz und wir tauchten in der Schattenwelt auf. Wir befanden uns immer noch in dem hell leuchtenden Schutzkreis von Irimee. Sie war umringt von Geistern auf dem nicht weit entfernten Hügel. Ein gleißend helles Licht der Hoffnung ging von ihr aus und dann schossen plötzlich die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne über die die Gipfel des Nebelgebirges. Die Geister wurden von den Sonnenstrahlen verzehrt und der schwarze Schatten entschwand. Mit einem Mal waren wir wieder in der realen Welt und erwachten dort wo wir in der Nacht von ihm überrannt worden waren. Der Morgen des 10. August war angebrochen.

Irimee war auf dem Hügel zusammen gebrochen und wir eilten zu ihr. Mit einem warmen Lächeln im Gesicht erklärte sie uns das dieser Schatten ein gefährlicher alter Geist war. Uns unter dem Namen Galgenkönig bekannt, kennen wir nun die wahre Gestalt des Kerkermeister von Dol Goldur. Und er ist nicht besiegt, lediglich zurückgeschlagen. Ohne es direkt zu wissen, hatten wir Irimee im Kampf gegen ihn damit unterstützt Hoffnung zu haben wo alle Hoffnung fahren gelassen worden war.

Kurz nach Sonnenaufgang rit dann eine Schar Reiter in den Farben von Imladris, angeführt von Elronds Söhnen, über den Passweg herbei. Sie werden Irimee den Rest des Weges bis zu den Anfurten begleiten. Die Hohe Dame ehrte uns zum Abschied für unseren Mut mit der ewigen Freundschaft der Elben. Von nun an wird man uns als Elbenfreunde erkennen und Elronds Söhne luden uns ein die Letzte Zuflucht Imladris zu besuchen, sollten wir einmal auf der anderen Seite des Nebelgebirges wandeln. Mit dem Wissen das nicht alle Hoffnung in Mittelerde verloren ist, begab sich Irimee auf die Reise und auch wir machten uns auf den Weg.

Bis wir gestern Abend hier im Gasthaus einkehrten ist uns nicht ein Warg oder Ork begegnet, noch haben wir einen gehört. Es scheint als wenn der Pass, zumindest für den Augenblick, wieder sicherer geworden wäre. Gleich werden wir uns auf den drei Tage dauernden Weg zu Beorns Haus machen. Dort werden wir ihm von den Dingen berichten die wir erlebt und erfahren haben und auch Kunde darüber nach Waldhall und Rhosgobel entsenden. Und dann werden wir über den Elbenpfad ins Waldlandreich reisen um dort den Winter zu verbringen. Ich rechne damit das wir etwas mehr als drei Wochen für diese Reise benötigen und gegen Ende des ersten Monatsdrittels des September dort ankommen werden.

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