Alles Käse in Übersreik

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Schriftliche Aufzeichnungen von Alanus vom Fischteich vom 8. März 2513

Nachdem wir von unserem Auftrag außerhalb Übersreiks wieder in den Stadtmauern zurückgekehrt waren, blieb nicht all zu lange Zeit zum Luftholen. Unsere Wunden waren noch nicht einmal vollständig verheilt, da kam ein Mann auf Kruger zu. Er stellte sich als Thomas Grunwel vor und schien irgendein Beamter der städtischen Abwasserreinigung zu sein. Wir bekamen bei der Begegnung und den ausgetauschten Worten mit, dass Kruger ihm noch aus der Vergangenheit einen Gefallen schuldete und er ihn nun einforderte. Für das finale Gespräch nannte er als Treffpunkt eine abgelegene Kaschemme mit dem Namen „Zur ranzigen Ziege“ in der Nähe von Speichelfeld. Wir entschlossen uns als Gruppe hinzugehen.

Die Schänke hielt alles, was der Name versprach. Dauergäste würden wir hier nicht werden. In einer etwas dunkleren Ecke erspähten wir Grunwel. Von seinem Äußeren passte er gar nicht zu Kruger. Er sah so normal aus. Aber man erkannte, dass er entweder unter Stress litt oder unter Zeitdruck stand. Und dass er schon bessere Zeiten erlebt hatte. Aber wer hatte das Gefühl in dieser Stadt nicht auch.

Beim Trinken von bierähnlichem Gebräu kam heraus, dass es um eine diskrete Angelegenheit ging. Er erzählte von einem Abendessen mit seinen Vorgesetzten, welches als Grund eine mögliche Beförderung seinerseits hatte. Dafür hatte er sich von den dargebotenen Speisen nach seiner Erzählung, wohl stark ins Zeug gelegt. Trotzdem endete der Abend wohl nicht so, wie er es sich gewünscht hatte.

Einer seiner Vorgesetzten bekam wohl plötzlich starke Probleme. Er berichtete, dass es mit erschütternden Schreien und einem komischen Auswurf begann. Dann erbrach der Mann lebende Maden. Er dachte wohl nach dieser ersten Geschichte bei uns angeekelte Reaktionen sehen zu können, aber irritiert schaute er in unsere neutralen Mienen. Der arme Mann konnte auch nicht wissen, was wir alles in den letzten Monaten gesehen hatten. Da war diese Erzählung nicht besonders beeindruckend.

Wobei sie dann doch an Fahrt gewann. Es kamen nämlich noch andere Gäste zum Gesamtkunstwerk dazu. Ein anderer Mann begann zu schwitzen, bekam Krämpfe und schied einen Strom verfilzter Haare aus. Seiner Frau kamen übelriechende Dämpfe aus dem Hals. Das Ergebnis dieser Geschehnisse war dann die Vermischung dieser Gase zu einer entzündlichen Masse, die es dann auch tat. Schnell stand wohl das ganze Haus in Flammen und die beiden schafften es nicht mehr, sich zu retten.

Und so hatte Grunwel statt einer Beförderung ein riesiges Problem. Hier kamen wir dann ins Spiel, beziehungsweise erst einmal Kruger. Er sollte Beweise sammeln, die seinen Bekannten aus der Schusslinie brachten und seinen Ruf als angesehener Mitbürger sicherten.

Er hatte auch schon eine vage Vermutung. Es ging um einen gekauften Käse. Eine sehr hochwertige Sorte, die er bei dem Käsehändler Herbert Harzert erworben hatte. Es war ein bretonischer Käse Namens Baston Bleu. Er glaubte sich zu erinnern, dass alle betroffenen Gäste den Käse gegessen hatten. Nur er nicht, da er Käse nicht vertrug. Ob diese Tatsache stimmte, war nicht zu beweisen. Aber er schien kein begnadeter Lügner zu sein. Ich glaubte, dass er eh nicht sehr begnadet war. Daher glaubte ich ihm. Und die anderen wohl auch.

Nach Beendigung des Gespräches gingen wir schnurstracks zu Harzerts Käsespezialitäten in der Handwerkergasse. Eine feine Gegend. Der gute Herr Grunwel schien als Beamter nicht schlecht entlohnt zu werden. Wobei mir die Arbeit gar nicht zusagen würde. Viel zu wenig brenzlige Situationen, die wir bei unserer Tätigkeit fast alltäglich erleben durften und die mir bis jetzt Lebenskraft gibt – sofern wir am Leben bleiben.

Es erwartete uns ein gut ausgestattetes Ladengeschäft, welches wohl vom Angebot her auch gut sortiert war. Ich fragte mich aber sofort, wie man den ganzen Tag mit diesem Geruch leben konnte. Möglichweise kann sich auch in der Nase Hornhaut bilden.

Wir sahen im Laden vier Männer. Einer hob sich von seiner Kleidung und dem Alter von den anderen ab. Dieses war wohl der Käsehändler Harzert. Die anderen schienen seine Gehilfen zu sein. Da der Inhaber noch mit einem anderen Kunden beschäftigt war, kümmerte sich einer der Gehilfen, der sich später als sein Neffe offenbarte, um uns.

Kruger fragte gezielt nach einem bretonischen Käse. Harzert bekam das Verkaufsgespräch nun auch mit. Als sein Neffe den Baston Bleu vorschlug und mitteilte, dass nicht mehr viel in der Auslage sei, er ihn aber aus dem Keller hochholen könne, wurde der Käsehändler plötzlich für uns sichtbar verärgert und wies seinen Neffen aus dem Nichts in die Schranken. Er bestand darauf, selbst den Käse zu holen. Da war für uns klar, dass wir die richtige Spur verfolgten und unser nächster Aufenthaltsort das hiesige Kellergewölbe sein sollte.

Zum Schein kauften wir ein Stück des bretonischen Meisterkäses. Vielleicht kann es uns auch noch auf irgendeinem Weg hilfreich sein. Beim Rausgehen fiel uns eine starke Geräuschkulisse auf. Wir meinten, viele Kinderstimmen aus einer der oberen Etagen zu hören.

Wir entschlossen uns, an verschiedenen Orten nach dem Käse und seines Händlers zu fragen und dadurch neue Erkenntnisse zu erhalten. Bei Cordelia erfuhren wir, dass Harzert wohl bis zu den höchsten Familien liefert und ein angesehener Händler ist. Bei einem Zwischenstopp in der Explodierten Sau hörten wir, dass sich Bruchteile der Ereignisse im Haus Grunwels schon als Klatsch in der Stadt verbreitet hatten.

Der abschließende Besuch bei unserer bekannten Ärztin Dottoressa Alexandra Guiliani in der Medicusgilde brachte aber den meisten Ertrag. Sie erzählte uns von mehreren Todesfällen in der letzten Zeit, die vergleichbar mit unserer Erzählung waren. Besonders auffällig war die Tatsache, dass es sich alles um Stadtbedienstete handelte. Auch interessant war die familiäre Situation des Käsehändlers. Er galt als sehr beliebt und ausgestattet mit einflussreichen Freunden.

Diese konnten aber auch nicht den Tod seiner geliebten Frau Klara vor einem Jahr verhindern. Nebenbei erfuhren wir, dass sie die Schwester des uns bekannten Gustav Grabbe war. Wie klein die Welt doch ist. Besonders in Übersreik. Nach diesem Verlust zog sich Harzert immer mehr zurück und verhielt sich immer seltsamer.

Diesen Bericht konnte Ruben nach einem Gespräch mit der Mieterin Frau Duschen bestätigen, die in einer der oberen Etagen des Geschäftshauses von Harzert mit ihrer Familie lebte und für die gehörte Geräuschkulisse verantwortlich war. Er sagte uns später auch von der Art ihrer Erzählung, dass sie wohl ein Auge auf den Händler geworfen haben müsse.

Konrad kümmerte sich parallel um den zweiten Mitbewohner des Hauses, den schrägen Künstler Gunter Klosch. Der erzählte Konrad von eine Schaffenskrise, die aber seit etwa vier Monaten mit dem Malen von, für Außenstehende, sehr verstörenden Bildern durchkreuzt wurde. Klosch berichtete von immer wiederkehrenden Alpträumen, die dann seine Inspiration gewesen waren. Konrad gab am Ende des Besuches vor, später ein Bild erstehen zu wollen.

Frau Duschen war von dem anfänglichen Gespräch mit Ruben so begeistert, dass sie in den Hinterhof runterkam und richtigen Tratsch preisgab. Ihr angehimmelter Vermieter hatte wohl auch vor etwa vier Monaten eine besondere schwere Phase und viel gelitten. Aber dann von einem Tag auf den anderen nicht mehr.

Und dann passierten noch zwei, für sie, merkwürdige Dinge. Zuerst gab es einen Einbruch in den Geschäftsräumen durch eine Hafenbande, wo, wie sie hörte, alle Beteiligten des Raubes eine Woche später durch eine Krankheit gestorben waren. Sie hatten unter anderem ein wertvolles Käsebesteck und auch Käse gestohlen. Das für mich Sonderbarste war aber ihr Bericht, dass ihr Herbi zu seinem Käse singen soll. Ich sollte es später mit meinen eigenen Ohren zu hören bekommen.

Als es Abend geworden war und wir im Schutz der Dunkelheit das Haus von außen untersuchen konnten, hörten wir wirklich diese Geräusche des Singens aus dem Keller. Wir waren uns nun sicher, dass der Weg für uns in den Keller führen musste. Ich schlug vor, vor der Tür die Umgebung im Auge zu behalten. Die anderen gingen bis zum möglichen Schlafengehen von Harzert in ein Gasthaus. Wir verabredeten uns in drei Stunden wieder am Haus.

Dann hörten wir aus dem Erdgeschoss und dem Keller keine Geräusche mehr und begannen mit dem Einstieg. Ruben kümmerte sich mit seinen, für mich nicht erklärbaren, Fähigkeiten um das Schloss. Der erste sichtbare Raum war dann nach unserem Eintreten ein Büro mit dem Nebenraum als Lager. Wir gingen dann so leise wie möglich in den Laden und entriegelten die Kellertreppe. Ich versuchte den zurückgelegten Weg zu beobachten und gegebenenfalls zu sichern. Aber bis hier hin wurden wir nicht gestört.

Dann gingen wir runter in den Keller. Und, was sahen wir, Käse. So viel Käse. Meine Augen hatte damit keine Probleme. Aber meine Nase schon. Wir kann man das tagtäglich ertragen? Daher entscheid ich mich sehr schnell wieder nach oben zu gehen und dort zu wachen. Die anderen berichteten später, von vielen reservierten Käseportionen der bekannten Sorte.

Sie riefen mich wieder runter, da sie eine weibliche Stimme hörten. Als ich wieder im Keller war, fragte sie gerade in unsere Richtung, ob der Käse geschmeckt hätte? Und das Morr sie rief, aber morgen wieder kommen würde. Da wusste ich, dass ich am richtigen Ort war. So etwas Seltsames konnte nur für unsere Ohren bestimmt sein.

Konrad war der Erste, der um die Ecke ging und sah, wie in einer Nische auf einem Tisch eine Büste eines Frauenoberkörpers komplett aus Käse stand. Wenn ich es später nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, würde ich jeden, der mir so etwas erzählen würde, als Lügner oder Irren hinstellen. Ihre weiteren Worte waren dann: „Morr wird uns bald wieder zusammenbringen“. Dafür bekamen wir als vermeintlicher Käsehändler von ihr den Auftrag, den Käse weiter auszuliefern, und zwar zuerst an den Stadtrat.

Wir hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Überreste von Käsehändlers Weib Klara gefunden, die anscheinend gerne noch etwas leben möchte. Und um diesen Plan umzusetzen ist ihr und ihrem Ehemann wohl jedes erdenkliche Mittel recht.

Mir wurde durch das Gesehene und Gehörte schnell klar, dass die nächsten Minuten kein Sparziergang werden würden. Dieses Gefühl wurde durch Kruger mehr als untermauert. Denn er sah hinter der Büste einen unheilvollen Schatten. Darüber hinaus roch es stark nach Kanalisation. Und diese beiden Dinge stinken einfach zum Himmel.

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