Die Düsternis, die uns umgibt

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Nach unten! Siegfried und Paul musste der Lassombra entkommen sein. Doch nachdem Karl August, Heinrich, Gerd und Lorenz die Treppe hinab gerannt waren, versperrten zwei Wachleute den Zugang zu den im Bauch des Schiffes liegenden Kabinen. Die beiden Männer waren, trotz aller Bemühungen, nicht dazu zu bewegen, den Durchgang frei zu geben. Es begann schon eine leidige Diskussion, als die Vampire plötzlich rüde zur Seite gestoßen wurden und die Köpfe der Wachleute wie durch Geisterhand dumpf gegeneinander krachten. “Folgt mir”, rief Pavel Yschta noch während die beiden Männer bewusstlos zu Boden sanken.

Niemand hatte der Gruppe von der Anwesenheit der Geißel der Stadt auf dem Schiff berichtet, dennoch war die dadurch gewonnene Unterstützung wohlgelitten. Den Korridor weiter folgend, kamen die Vampire schließlich in den Maschinenraum. Siegfried Kramer war fest umschlungen von einem schattenhaften Tentakel, während Paul Laubenstein ihn versuchte aus der Umklammerung zu befreien und gleichzeitig zwei weiteren Fangarmen auswich. Hinter den beiden stand ein Bullauge offen. Der Lassombra war entkommen. Etwas abseits lag der portugiesische Botschafter am Boden – bewusstlos.

Nach kurzer Beratung ging Karl August Strasser hinauf auf die Brücke und Informierte per Schiffstelefon den Kapellmeister, Anton Großhaldern, über das was geschehen war.

Noch bevor die “MS Berlin” anlegte und die Diplomaten und geladenen Gäste das Schiff verließen, war die Geißel aufgebrochen, den flüchtigen Lassombra dingfest zu machen. Außerdem hatte Christine Bobelsbach die Erinnerungen der beiden Wachleute und des portugiesischen Botschafters korrigiert. Zuvor hatte man ihn in eine der Kabinen gebracht, und Paul gab ihm ein wenig seines Blutes.

Kaum waren die Vampire der operativen Einheit wieder in der konspirativen Wohnung in Charlottenburg eingetroffen, klingelte dort das Telefon. Es war Stephanie Niebach, eine Tremere aus der anderen Einheit, die ziemlich aufgelöst um Hilfe bat. Anscheinend wurden drei Assamiten bis auf den Nordfriedhof verfolgt und dort umzingelt, konnten sich aber im Schutz der Gräber verstecken.

Die Tremere wartete auf die Vampire der ersten Einheit am Eingang des Friedhofs. Das Gelände war nicht besonders groß und lag völlig ruhig vor ihnen. Gemeinsam drangen sie auf den Friedhof vor und erreichten rasch den Schauplatz des Kampfs. Drei Männer waren von den Vampiren der anderen Einheit umringt und lieferten sich ein blutiges Gefecht. Zu hören war davon nichts. Quietus, die Disziplin der Stille, lag über dem Kampf, eine Macht, die nur die Assamiten beherrschten.

Durch die eingetroffene Verstärkung wendete sich das Blatt rasch. Die Assamiten wurden vernichtet. Allerdings wurde Christine Bobelsbach so schwer zu verletzen, dass sie in Starre fiel. Jonas Forstberg sah, wie Christine zu Boden ging, im Getümmel von einer Waffe verletzt, doch es war keiner der Assamiten, der diese Waffe führte. Etwas verwirrt dachte Jonas einen Augenblick darüber nach, und ihn beschlich eine seltsame Angst. Er musste jetzt sehr vorsichtig sein mit dem, was er tat.

Am nächsten Abend, dem 25. Januar, fanden im Kongresszentrum die letzten Beratungen der Delegationen statt. Am morgigen Mittwoch sollte dann das Ergebnis der Konferenz der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Während es der anderen operativen Einheit gestern gelungen war, der Bedrohung durch die Assamiten einen Riegel vorzuschieben, war man in der Angelegenheit mit dem Sabbat nicht entschieden voran gekommen. Zwar war es Pavel Yschta gelungen, den Lassombra zur Strecke zu bringen, aber dieser hatte zuvor mindestens einen Ghul, Maria Santez, erschaffen und vermutlich auch indoktriniert. Inwiefern dies noch Einfluss auf die morgige Entscheidung haben würde wusste niemand, und da sich an den Hotels der Delegationen nichts tat, beschloss man, die Gespräche im Kongresszentrum im Auge zu behalten.

Karl August Strasser gelang es, eine leerstehende Übersetzerkabine zu besetzen, während die Delegationen in einer Pause sich auf die abschließenden Gespräche vorbereiteten. Paul Laubenstein gesellte sich in der Zwischenzeit unter die Reporter, bekam aber keine entscheidenden Informationen. Der Rest behielt das Gebäude und die Umgebung im Auge. Erst nach geraumer Zeit fanden sich die Diplomaten wieder im Versammlungsraum ein. Von der Kabine, in der Karl August saß, konnte er von oben in den Raum blicken. Nichts deutete darauf hin, dass sich unter den Diplomaten jemand befand, der dort nicht hingehörte. Allerdings wurde er Zeuge, wie Maria Santez sehr energisch auf den spanischen Delegierten einredete. Alles deutete darauf hin, dass sie noch immer unter dem Einfluss des Blutbands und der Indoktrination des verschiedenen Lassombras stand. Jetzt war schnelles Handeln gefragt. Karl August Strasser besprach sich kurz mit Paul Laubenstein und bat dann einen Saaldiener, Frau Santez aus der Konferenz zu holen. Ein wenig amüsiert musste Strasser feststellen, dass Maria wirklich kurz darauf bei ihm erschien. Die gemeinsame Nacht vor einigen Tagen hatte also durchaus einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen.

Unter Zuhilfenahme der den Ventrue eigenen Präsenz schaffte es Karl August Strasser dann auch, Maria Santez hinaus zu seinem Wagen zu bringen. Es war ihm allerdings nicht möglich, sie davon zu überzeugen, nicht weiter an den Beratungen teilzunehmen. Doch das war der Entscheidende Punkt. Unter allen Umständen musste verhindert werden, dass es Maria Santez gelang, den Gesandten soweit zu beeinflussen, dass das Antiterrorabkommen von Spanien nicht unterzeichnet würde. Strasser zog seinen Remington Revolver, ein Argument das Frau Santez durchaus überzeugte.

Lothar, Strassers Chauffeur, steuerte den Rolls Royce zur konspirativen Wohnung. Dort angekommen telefonierte Karl August sofort mit Großhaldern und schilderte dem Kapellmeister was vorgefallen war. Strassers Plan war es, Maria Santez bis zur morgigen Entscheidung in einem Hotel festzuhalten, dann ihre Erinnerungen an die letzten Tage zu korrigieren und sie in ein Flugzeug zurück nach Spanien zu setzen. Zuvor musste sie aber noch telefonisch ihre Abwesenheit der spanischen Delegation erklären, damit man nicht nach ihr suchen würde. Großhaldern versprach, sich darum zu kümmern.

Es dauerte eine ganze Weile, in der Karl August Strasser und Maria Santez in der konspirativen Wohnung warteten, während in der Zwischenzeit im Kongresszentrum Unruhe aufkam. Augenscheinlich hatte man das Verschwinden der Spanierin bemerkt und suchte sie nun. Das geschah viel früher als erwartet und brachte die Planungen in Gefahr. Kurzerhand entschloss sich Siegfried, etwas Zeit zu schinden, indem er telefonisch eine Bombendrohung gegen das Kongresszentrum bei der Polizei absetzte. Dadurch entstand kurzzeitig ein wenig Verwirrung und verschaffte genügend Luft, um die Dinge in der konspirativen Wohnung zu regeln. Dort war nämlich in der Zwischenzeit Mr. Angus Thorndale höchstpersönlich eingetroffen, um die notwendigen Erinnerungskorrekturen durchzuführen. Eigentlich bisher die Aufgabe von Christine Bobelsbach, war es nun an dem Prinzen, die Konditionierung vorzunehmen.

Maria Santez meldete sich, kurz nachdem der Prinz die Wohnung in Charlottenburg wieder verlassen hatte, telefonisch bei ihrer Delegation und entschuldigte sich für die nächsten Tage, da sie soeben einen Anruf von ihrer Familie erhalten hätte, dass ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden war und sie momentan nicht in der Lage sei, ihren Dienst wieder aufzunehmen.

Am Mittwoch, dem 26. Januar 1977 berichtete die Berliner Abendzeitung vom Ergebnis des Antiterrorgipfels. Alle 17 europäischen Staaten hatten einer Vereinbarung zur gemeinsamen Bekämpfung des Terrors zugestimmt.

Am Abend besuchte Karl August Strasser Maria Santez im Hotel. Nachdem er festgestellt hatte, dass die Konditionierung noch im vollen Umfang intakt war, verbrachte er die letzten Stunden vor ihrem Abflug gemeinsam mit ihr im Bett bevor er sie dann zum Flughafen fuhr. Stunden später saß Karl August Strasser im Salon seiner Spandauer Villa. Leise drang Edvard Griegs “Peer Gynt” aus den Lautsprechern seiner Anlage. Während er bedächtig den mit Blut versetzten Cognac in seinem Glas schwenkte, war das Gefühl des lebendig seins, dass er vor einigen Stunden in dem Hotelzimmer genossen hatte nur noch eine blasse Erinnerung, an der er sich verzweifelt klammerte, die ihm aber langsam entglitt.

***

Am Dienstag, dem ersten März im selben Jahr trafen sich die Vampire der operativen Einheit auf dem Anwesen von Paul Laubenstein. Die konspirative Wohnung in Charlottenburg wurde in der Zwischenzeit renoviert und neu eingerichtet, in der Stadt war es ruhig gewesen seit den Ereignissen im Januar.

Nachdem alle im Salon versammelt waren, begann Laubenstein von einer Unterredung mit dem Prinzen der Stadt zu berichten. Mr. Angus Thorndale war an den beiden letzten Tagen zu Gast bei Karl August Strasser und hatte sich gestern mit diesem und Paul Laubenstein sowie Jonas Forstberg inoffiziell besprochen. Thorndale hatte ausdrücklich auf absolute Geheimhaltung bestanden, es den dreien aber frei gestellt, den Rest der operativen Einheit einzuweihen. Alles drehte sich bei der Besprechung um einen Mann namens Michael Borges, einem Diplomaten der DDR, der jeden Freitag in den Westsektor der Stadt reiste, hier einige Geschäfte erledigte und dann donnerstags wieder in den Ostsektor überwechselte. Thorndale hatte Hinweise darauf, dass Borges als Spion des Sabbat fungieren könnte, führte diesen Punkt aber nicht näher aus. Er hatte Strasser, Laubenstein und Forstberg gebeten, Borges zu überwachen und ein Blutband herzustellen. Hierzu hatten die drei eine Ampulle mit dem Blut des Prinzen erhalten. Mr. Thorndale erläuterte weiterhin, dass es Anlass zu der Vermutung gab, dass der Ahn der Nosferatu, Karl Liebknecht, gegen den Prinzen arbeitete. Diese Annahme stützte sich vor allem auf eine Beobachtung, die Jonas Forstberg vor einiger Zeit gemacht hatte. Als Christine Bobelsbach in dem Kampf gegen die Assamiten so schwer verletzt wurde, dass sie in Starre fiel, hatte Forstberg gesehen, wie der letzte Streich gegen die Ventrue von einem der Nosferatu der anderen operativen Einheit geführt wurde. Liebknecht, so der Prinz weiter, war schon seit langem am drängen, dass beiden operativen Einheiten einer seiner Nosferatu zugewiesen wurde. Thorndale hatte dies immer abgelehnt. Jetzt war er sich nicht mehr sicher, wie weit er Liebknecht noch trauen konnte. Nicht dass der Prinz so dumm gewesen wäre, dem Nosferatuahn uneingeschränkt zu vertrauen, aber er war sich bis zu diesem Vorfall zumindest sicher, dass er Liebknecht unter Kontrolle hatte. Aber weil diese Sicherheit nicht mehr bestand, hatte Thorndale sich an die verbleibenden Ventrue und Jonas Forstberg gewandt, um sie mit diesem geheimen Auftrag zu betrauen. Wie weit das Misstrauen des Prinzen reichte wurde dadurch deutlich, dass er ausdrücklich befahl, jeden Vampir, ob Mitglied der Gesellschaft der Stadt oder nicht, der in der Nähe von Michael Borges auftauchen würde, eliminiert werden durfte. Natürlich war das auch ein Hinweis darauf, dass der Prinz diesem DDR Spion eine immense Bedeutung beimaß. Der Prinz wollte außerdem informiert werden, wann Michael Borges das Blut verabreicht bekommen würde, um zu diesem Zeitpunkt Karl Liebknecht abzulenken und so auszuschließen, dass der Ahn der Nosferatu von dem Blutband Kenntnis erlangen würde.

Nachdem Paul Laubenstein dies alles berichtet hatte, bekam jeder der versammelten Vampire ein Dossier mit Informationen zu Michael Borges. Danach brach die operative Einheit auf, um die Wohnung des DDR Spions in Augenschein zu nehmen.

Michael Borges bewohnte ein Haus in der nähe von “Bahnhof Zoo” im Zentrum der Stadt. Es gab dort mehrere Mietparteien, der Diplomat hatte eine Wohnung auf der Rückseite des Gebäudes zum Tiergarten hinaus im dritten Obergeschoss.

Zwei Wochen lang wurde der Diplomat überwacht und seine Bewegungen akribisch dokumentiert. Neben einigen wechselnden gesellschaftlichen Terminen stattete er jeden Dienstag der sowjetischen Botschaft einen Besuch ab. Außerdem ergab die Observation, dass er jeden Freitag- und Samstagabend eine Frau in ihrem Haus in den Außenbezirken Berlins traf. Recht bald war klar, dass es sich dabei wohl um eine Geliebte handelte. Der Name der Frau war Julia Hempe, von Beruf Filialleiterin eines Berliner Supermarkts. Ihr gegenüber gab sich Borges als Handlungsreisender aus. Die Liaison zu ihr bestand seit etwa einem halben Jahr.

Die Überwachung des Diplomaten zeigte, dass es wohl nur über Julia Hempe möglich sein würde, in die Nähe von Michael Borges zu gelangen. Der beste Weg würde sein, sich diese Frau gefügig zu machen und über sie das Blut dem Diplomaten heimlich unterzumischen.

Karl August Strasser sollte mit Julia Hempe in Kontakt treten. Schon mehrfach war er in einer solchen Angelegenheit äußerst erfolgreich gewesen, aber schon das erste Aufeinandertreffen der Beiden verlief anders als geplant. Eigentlich wollte Strasser ihr mit schönen Worten schmeicheln und sie zum Essen ausführen, um sie dann zu seinem Ghul zu machen ohne das die Frau davon etwas bemerkte. Doch wie sollte das gehen, wenn man vor der Haustür stand und sie öffnete? Wie sollte man das Gespräch da in die richtigen, erfolgsversprechenden Bahnen lenken? “Guten Tag. Schön Sie kennen zu lernen. Wollen Sie mit mir essen gehen?”

Schließlich lief es wieder auf eine Entführung hinaus. Julia Hempe wurde zwei Tage festgehalten und durch Strasser zu einem Ghul gemacht. Nachdem dann noch das Blutband zu ihr geknüpft war, erfuhren Strasser und die anderen einiges darüber für wen Julia Hempe Michael Borges hielt. Nichts davon entsprach der Wahrheit. Außerdem bestätigte sie, dass die beiden sich jedes Wochenende trafen und er von Freitagabend bis Sonntagmorgen bei ihr blieb.

Um Michael Borges nun das Blut des Prinzen zu verabreichen, wurde eine Flasche Wein präpariert, von deren Inhalt Julia Hempe ihrem Liebhaber zu trinken geben sollte. Die ganze Aktion würde so dezent ablaufen, dass der Prinz noch nicht einmal für Ablenkung sorgen müsste.

Am Freitag, dem 25. März war es dann soweit. In den frühen Morgenstunden telefonierte Karl August Strasser mit Julia Hempe. Dabei erfuhr er, dass es ihr gelungen war, Michael Borges von dem Blutwein zu trinken zu geben. Umgehend wurde der Prinz davon in Kenntnis gesetzt. Eigentlich war die Angelegenheit damit beendet, doch Karl August Strasser hatte die Frau ja nun zu einem Ghul gemacht und an sich Blutgebunden. Der Gedanke, sich so eine Gefolgsfrau geschaffen zu haben, die völlig nutzlos war, behagte ihm gar nicht. Auf der anderen Seite, konnte das Blutband auch nicht vernachlässigt werden, da sich Julia Hempe sonst eines Tages bewusst würde, was ihr wiederfahren war.

Vielleicht waren es die Vertraulichkeiten des Prinzen als dieser sich in scheinbarer Not an Strasser wandte, die ihn für einen Augenblick gegenüber der Realität blind werden ließen. Er erzählte Angus Thorndale von dem Dilemma mit Julia Hempe und dem geknüpften Blutband. Für einen kurzen Moment herrschte Stille in der Leitung, dann sagte der Prinz: “Ich werde mich darum kümmern”, und legte auf.

Strasser war voller Entsetzen sofort klar: Julia Hempe würde sterben.

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Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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