Der Königinnensohn von Alfheim 2

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Der Hof von Bauer March liegt etwa zwei Stunden Fußweg vom eigentlichen Dorf entfernt. Auf diesem Weg kommt die Gruppe an allerlei anderen kleinen Gehöften vorbei, über grüne Weiden mit Heckenrainen dazwischen und auf ausgetretenen Pfaden an glucksenden kleinen Bächlein entlang. Die Gegend ist leicht hügelig und gestattet es, den Blick schweifen zu lassen; an Bäumen gibt es nur kleine Haine zu sehen sowie natürlich die Ausläufer des ausgedehnten Ebichwaldes fern im Westen. Am Ende eines matschigen Pfades steht eine einzelne armselige
Grassodenhütte mit schilfgedecktem Dach. Neben diesem Wohnhaus ist ein Pferch mit blökenden Ziegen und einem Ackergaul, dessen hölzerne Umhegung Spuren einer unlängst durchgeführten Reparatur zeigt. Hinter dem Haus erstreckt sich ein Acker, auf dem eben die ersten zarten Pflänzlein durch die Krume brechen. Weit und breit ist kein Mensch, doch aus dem Kamin der Hütte steigt ein dünner Rauchfaden.
Als die Ludovicumer an die Haustür klopfen, stellen sie fest, dass auf der Schwelle ein Gemisch aus Salz und Eisenspäne gestreut ist. Sollen hier böse Geister oder Kobolde abgehalten werden?
Auf das Klopfen öffnet Bauer March die Tür. Nach fünfundfünfzig Jahren als Ackerbauer ist Oggo ein knorriger Alter, an dessen sehnigem Körper nicht ein Gramm zu viel ist. Mit wässrigem Blick begegnet er der Gruppe. Seine Haut ist sonnengebräunt und runzlig, und abgesehen von einem borstigen Schnauzbart hat er kein Haar mehr am Kopf.
Zunächst gibt March sich recht unwirsch und spricht keine drei Wörter, wo auch zwei genügen. Doch gerade als die Ludovicumer schon umkehren und den Hof verlassen wollen, zeigt sich ein schiefes Lächeln in seinen gleichmütigen Zügen und er stellt fest: „Könnt schon sein, dass ich die eine oder andere Sach sagen kann über die Gegend hier und über das, was jetzt von Draußen wieder reingekommen ist. Aber erst würd ich doch gern mal sehen, ob ihr der Informationen überhaupt würdig seidz. Wenn ihr mir tatsächlich helfz, dann verzähl ich alles, was ich weiß über das, was da draußen ist, wenn der Mond aufgeht und es wieder dunkel wird.“
Als die Gruppe einwilligt, ihm zu helfen, setzt Bauer March seine Erzählung fort.
„Das ist jetzt die vierte Nacht gewesen, dass was hier war und über meine Geißen hergefallen ist. Es ist was Großes, mit Augen wo im Dunkeln rot brennen. Und im Schlamm da um meinen
Pferch rum, da lässt’s Spuren von gespaltenen Hufen, aber wenn die Sonne aufgeht, dann verschwinden die wieder, die Spuren. Jedenfalls greift’s die Geißen an und macht’s mit einem Stich hin. In der Früh gibt’s dann nich so viel Blut zu finden, wie da eigentlich sein sollt, und ich glaub, das säuft’s irgendwie. Was mich selber schützt, sind ja die alten Tricks“
Wr gestikuliert in Richtung der Linie aus Salz und Eisenspänen.
„Aber billig ist das Salz nich, und zum Einmal-Außenrum-Streuen hab ich nich genug. Wenn ihr das Viech erschlagz oder sonst irgendwie auf Dauer fortjagz, dann verzähl ich euch auch alles, was ich von früher noch weiß von dem, wo jetzt wieder nach Eng kommt.“

Für die Nacht beziehen die Gefährten Posten beim alte Apfelbaum an der Hausseite. Aus der Baumkrone hält einer von ihnen Ausschau. Es ist irgendwann Mitternacht. Plötzlich ist im Mondenschein ein riesiges Wesen zu sehen, das sich auf seine Hinterbeine aufbäumt. Die Wache erkennt es als einen mächtigen Hengst, größer als selbst das größte Streitross, auf dem nur je ein Ritter in seinem Plattenpanzer saß. Erst erscheint das Fell des Tieres gescheckt, dann erkennt man aber, dass es über und über mit eingetrocknetem und geronnenem Blut bedeckt ist, das seinem einst weißen Fell einen rostroten Farbton verleiht. Große, unstete Augen funkeln scharlachrot im Sternenlicht und die Strahlen des Mondes brechen sich blitzend auf dem blutbefleckten, wohl einen Meter langen Horn, das aus seiner Stirn emporragt!
Ein kurzer aber heftiger Kampf entbrennt, in dem es den Helden von Ludovicum gelingt, dass dämonische Einhorn zur Strecke zu bringen.
Der Rest der Nacht verstreicht ereignislos. Am Morgen zergeht das Ungetüm in einer stinkenden Wolke. Nur ein wenig schmieriger Seim und das Horn bleiben zurück. Gilbert nimmt es an sich.

Als sie später mit Bauer March sprechen und ihm das Horn zeigen, ist er erleichtert und fängt an zu erzählen: „Wie ich noch klein war, da war’s in Eng nich so wie überall anders. In der Nacht nämlich, da war’s wie verzaubert, und in den Hecken oder in den Bäumen hat man immer wieder so Lichter gesehen, wo da so getanzt sind, in allen Farben. Und geträumt hat man da auch noch ganz anders. Die Alten – sollen die Götter noch heut ihre Hand über sie halten – die ham gesagt, Eng wär an der Grenze nach Elfenland, und die Feenwesen täten in der Abenddämmerung in unsere Welt rüberkommen und im Morgengrauen wieder abziehen. Und es hat auch geheißen, das Gute Volk tät auf einem Hügel am Ebichwald Festmahle feiern und die Adligen aus Elfenland täten da in der Gegend jagen, in den Wäldern und auf den Wiesen und so. Wenn sie nich grad irgendwelche Sachen mit dem Schönen Volk zu tun hatten, ham sich aber alle ferngehalten von dem Hügel – da wär so ne Art Durchgang in die Länder des Elfenkönigs, hat’s damals geheißen. Aber wo ich fünfzehn Winter gesehen hatte, da kamen die Sanften plötzlich nich mehr nach Eng, einfach so. Geheißen hat’s, der alte Herzog wär irgendwie dem König von Elfenland auf den Schlips getreten, und der hätt dann die Grenzen von der Anderswelt zugemacht. Aber wo jetz ja der alte Herzog tot is, sind die Grenzen vielleicht wieder auf, denk ich mir halt. Bloß sind jetz, und da weiß ich nich warum, jetz sind die wo im Dämmerlicht wandern irgendwie sauer. Das Untier wo ihr erlegt habz, das ist auch vielleicht bloß so ein Vorgeschmack. Wenn man was tun will gegen die Gefahr für uns Engleute, dann müsst man, denk ich, zu dem Hügel gehen und da schauen, wo das daheim war.“
Oggo March beschreibt den Weg, der zum Feenhügel führt, und die Helden von Ludovicum brechen auf.
Am Ostrand des Ebichwaldes liegt am Grund einer flachen Senke der Hügel, von dem der alte March gesprochen hatte. Er ist rund und erhebt sich bei einem Durchmesser von zwölf Meter  etwa sechs Meter über den Grund der Senke. Er ist ganz mit gewöhnlichem grünem Gras bewachsen, und auf seinem Scheitel liegen ein paar alte, bemooste Felsbrocken herum, keiner höher als vielleicht einen halben Meter. Nirgendwo sind irgendwelche Löcher oder Höhlen auszumachen. So verstreicht die Zeit bis zur Abenddämmerung und zum Einbruch der Nacht. Dann breitet sich Bodennebel aus in der Senke und der Hügel ragt darin wie eine Insel inmitten eines Wolkenmeeres empor. Hell leuchten im Schein des Mondes einige der alten Felsen auf der Hügelkrone auf und silberne Flecken sprenkeln das moos- und flechtenüberwucherte Gestein. Plötzlich zeigt sich in der Ostflanke des Hügels ein grün leuchtendes Rechteck und wird langsam breiter, als öffne jemand die Gardine eines hell erleuchteten Zimmers. Aus der strahlenden Öffnung kommen vier menschenähnliche Gestalten, bewaffnet und gepanzert, und nehmen links und rechts davon Aufstellung.

 

Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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