Aufbruch nach Deadwood

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Als der Pulverdampf sich gelegt hatte, verschaffte ich mir eine kurze Übersicht über unsere kleine Gruppe. Terry und John waren von den Spinnenbiestern übel zugerichtet worden. Terry, den es am schlimmsten getroffen hatte und der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, versorgte ich darum zuerst, sobald wir uns weit genug entfernt von dem Erdwurm und in relativer Sicherheit wähnten. Zum Glück konnte ich sowohl Terry als auch John helfen und beide atmeten sichtbar erleichtert auf, nachdem ihre Wunden ordentlich gereinigt und die Verbände sauber angelegt worden waren. Thomas van der Brock hatten die Ereignisse aber scheinbar auf eine andere Art und Weise zugesetzt, denn plötzlich behauptete er, es „rieche“ nach Schlangen, dann meinte er sogar eine im Gebüsch zu sehen und feuerte hysterisch mit seiner Winchester auf das leblose Gestrüpp.

Schließlich konnten wir den Rückmarsch zu den Waggons antreten, stellten dabei aber fest, dass uns ein berittener Indianer in voller Kriegsbemalung aus der Ferne seelenruhig beobachtete. Den noch immer übernervösen Thomas erschreckte der Anblick so sehr, dass er beinahe einen sanften Hang hinunter gerutscht wäre. Dass die Rothaut sich dann auch noch mittels des wohl typischen Tiergeheuls mit anderen seines Stammes verständigte, machte die Situation für uns nicht gerade besser und wir alle hatten es eilig, unseren Weg so schnell es ging fort zu setzen.

Als wir vielleicht noch eine halbe Stunde von den rettenden Waggons entfernt waren, sahen wir wieder einmal diese verdammten Wölfe. Nicht einfach nur die übliche Art, welche die Prärien und Wälder nun einmal durchstreift, sondern diesen unheimlichen, stillen Typ, der als Schreckenswölfe bezeichnet wird. Die Biester können einem wirklich einen Schauer über den Rücken jagen, wenn sie dich aus sicherer Entfernung mit ihren roten Augen so unnatürlich ruhig und abschätzend anzusehen scheinen, fast so, als schmiedeten sie bereits einen Plan, wie sie den Ring um ihre Beute immer enger und enger ziehen könnten.

Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir endlich den Schutz der Überreste unseres Zuges erreichten und beriefen sogleich eine Besprechung mit den restlichen Passagieren ein um zu beraten, was als nächstes zu tun sei. Es war klar, dass uns die Knappheit an Vorräten zum baldigen Aufbruch zwang, auch wenn niemandem das Verlassen unseres Sicherheit gewährenden Unterschlupfes behagen wollte. Ausgerechnet diesem aufgeblasenen Mormonen fiel dann ein, dass es angeblich und vielleicht und möglicher Weise eine geheime und versteckte Momonensiedlung irgendwo hier draußen versteckt im Indianerland nahe der Eisenbahnlinie geben sollte. Mir waren das alles viel zu viele Fragezeichen, als dass ich unser aller Leben für eine riskante Suche nach einer doch sehr hypothetisch anmutenden Mormonensiedlung hätte riskieren wollen und das sagte ich auch klar und deutlich. Der Kerl aber hielt eine flammende Rede, mit der er zumindest den Schwachen und Wankelmütigen Herzen der Überlebenden wieder etwas Hoffnung einhauchte und einzig die Hoffnung ist es, was unsere verzweifelte kleine Gruppe nun noch voran trieb.

Auch dass Miss Giles von einer gut 100 Mann starken Bande gehört haben wollte, die sich angeblich irgendwie mit den Indianern arrangiert habe und ebenfalls in dieser Region ihr Unwesen trieb, trug nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter bei und trieb dem verrückten Mormonen noch mehr Schafe in die Arme. Ein bekannter Gesetzloser namens Jack Griffin soll den Haufen anführen, so hieß es, und die Bande sei stark genug, um die Indianer nicht fürchten zu müssen. Schöne Aussichten sind das für uns, sitzen wir doch gemütlich wie das Weizenkorn zwischen zwei Mühlsteinen ohne Vorräte mitten in diesem gottverlassenem Landstrich! Damned if you do and damned if you don’t, wie man hierzulande sagt.

Dennoch durften wir uns natürlich nicht aufgeben und so begannen wir, Vorbereitungen für unsere Abreise am kommenden Morgen zu treffen. Thomas arbeite hart die halbe Nacht lang an drei Schleiftragen, um uns den Transport des zum Laufen zu geschwächten Mr XXXXX zu ermöglichen, sowie auch der wichtigsten Vorräte, was in diesem Fall die Nahrung und das Wasser bedeutete. Ich weiß nicht, ob es die Übermüdung durch die späte Stunde oder sein noch immer überreizter Verstand war, aber einmal mehr schrak Thomas heftig zusammen und behauptete, er habe wieder diesen Indianergeist gesehen, der ihn verfolgt, seit wir das Indianerlager verlassen haben.

Die Nacht blieb zum Glück ruhig, sodass alle eine letzte Ruhepause in der Sicherheit des Lagers verbringen konnten. Jetzt im Herbst wurde es zwar schon recht kühl und auch unsere alten Bekannten, die Schreckenswölfe beobachteten und wieder in ihrer unheimlichen Lautlosigkeit, doch die Sonne ging schließlich auf, ohne dass es eine unliebsame Störung unserer Nachtruhe gegeben hätte. Kalter Nebel hing in der Luft und nach dem kargen Frühstück hielt wieder der Mormone eine Ansprache. Für was hält der Kerl sich? Etwa einen Prediger? Ja, für den Augenblick mag er den Leuten Hoffnung geben und sie voran treiben, doch wie bitter wird es ihnen erst sein, wenn alle Versprechungen von irgendwelchen Siedlungen zu Staub zerfallen, wenn sich alles als bloße Gerüchte herausstellt!? Schließlich verteilten wir uns auf die Schleiftragen, schickten die Trapper und John ein kleines Stück voraus und zogen los. Meiner Meinung nach schleppte so mancher hier weitaus mehr Gepäck mit sich herum, als gut für ihn war, doch leider hatte alles gute Zureden wenig gefruchtet in meinem Bemühen, die Leute davon zu überzeugen, sich von einigem Hab und Gut zu trennen. Nun gut, sie werden noch früh genug Ballast abwerfen müssen.

Immerhin waren wir nun endlich unterwegs, fort von diesem verfluchten Landstrich. Ich glaube niemandem aus unserem zusammengeschmolzenen Tross war wohl bei dem Anblick, als die Eisenbahnwaggons, und damit die letzte Illusion von Sicherheit, hinter einer Biegung verschwand.

Bis zum Mittag immerhin lief alles ohne Probleme, doch dann sahen wir schon aus großer Ferne eine imposante, breite Staubwolke über die Prärie in unsere Richtung kommen. Indianer würden sich nicht so auffällig bewegen, also musste das diese Bande sein, von der Miss Giles erzählt hatte. Also verließen wir eilig die Gleise und zogen uns tiefer in ein nahes Waldstück zurück, welches parallel zu der Bahnstrecke verlief. Die Trapper taten ihr Bestes unsere Spuren dorthin zu verwischen und tatsächlich blieben wir unentdeckt, obwohl einige der 30 Männer, alles offenbar hartgesottene Banditen, unsere Spuren auf den Gleisen entdeckten und in der Nähe nach weiteren suchten. Als sie nichts finden konnten, folgten sie unserem Weg rückwärts, in Richtung der Waggons und waren schon bald außer Sicht.

Wir blieben zur Vorsicht im Wald, denn jedem war klar, dass wir eine Auseinandersetzung mit diesen Kerlen nicht überleben würden und keiner von uns wollte sein Glück auf unser Verhandlungsgeschick setzen müssen. Bereits im mittleren Nachmittag machten wir Lager, damit die beiden Trapper noch im Tageslicht die Gelegenheit bekämen zu jagen und so unsere spärlichen Vorräte aufzustocken. Immerhin gelang ihnen dies, auch wenn es nur etwas Kleinwild beizusteuern gab, doch in unserer Lage konnten wir kaum wählerisch sein und jedes Kaninchen ist ein erfreulicher Anblick.

Da der Bachlauf, an dessen Ufern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, etwas glitzerte und funkelte, versuchte Thomas doch tatsächlich, mittels einiger Leinentücher Gold und, noch wichtiger, Geistersteinstaub, aus dem Wasser zu waschen. Soweit ich es sehen konnte, waren aber nasse Füße und eiskalte Hände das Einzige, was er dadurch bekam.

Nachdem klar war, dass wir an diesem Tag nicht mehr weiterziehen würden, legte auch er sich hin und hatte daraufhin einen sehr deutlichen Traum. Wieder war es dieser Geisterindianer, der ihm erschien, doch diesmal sprach er klar und deutlich und, obwohl Thomas wusste, dass er in seiner Indianersprache redete, konnte Thomas ihn verstehen. Die Gestalt sagte:“Die Natur ist im Aufruhr, das Land ist vergiftet und verdorben.“ Dann verwandelte sich der Indianer in einen Spielkartengeber und forderte Thomas auf, eine Karte zu ziehen. Er zog einen Herzbuben. „Dein Schicksal wurde geschrieben“, sagte die Erscheinung, dann erwachte Thomas schweißnass.

Mit der Moral unter den Leuten am nächsten Morgen stand es nicht zum Besten, nachdem alle zum ersten Mal eine Nacht ohne schützende Wände und auf harten Steinen verbringen mussten, doch wieder hauchte eine Predigt des Mormonen ihnen den Willen zum Durchhalten ein und wir begannen schließlich den Abstieg in die tiefer gelegene Prärie. In der Ferne konnten wir schon eine vielversprechende Wasserstation neben den Gleisen erkennen, doch leider auch vielleicht 10 Mann der Banditen, die ebenfalls dorthin unterwegs waren. Wir standen nun vor der Wahl weite Umwege und damit Hunger in Kauf zu nehmen, um in den Wäldern zu bleiben, oder eine Konfrontation mit den Banditen zu riskieren. Damned if you do, damned if you don’t. Ich glaube, ich werde mir das auf den Hut sticken lassen.

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