Die Seelenfalle I – Kühnes Senf und der Extraktor

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Fortsetzung unseres Reiseberichts
—von Karl Auenthal

Donnerstag, 7. Mai 1733, Jakobsheim — Michel von der Schanz war an diesem Morgen bereits zeitig aufgebrochen, so dass ich nur noch mit Johann Gerbrand und Don Ignacio im Gasthaus beisammen saß. Im Dorf herrschte grimmige Betriebsamkeit. Die Leichen der letzten Nacht wurden zusammengetragen und am Rand des Moors in einer tiefen Grube verbrannt. Siegfried Kühn, der Gastwirt, bereitete uns ein reichhaltiges Frühstück. Wir waren nun Gäste des Dorfes. So wollten die Jakobsheimer sich erkenntlich zeigen, dafür, dass wir den Ort vor dem Untergang gerettet hatten. Vielleicht sparte Siegfried auch deshalb nicht mit seiner scharfen Würzpaste, die landläufig auch als Kühnes Senf bekannt war.

Wir hatten beschlossen, dass ein Tag Pause uns allen gut tun würde. Ich hatte zwar mein Möglichstes getan, alle Wunden zu behandeln, aber manches heilte einfach nur die Zeit. Dennoch wollten wir uns nicht ganz dem Müßiggang hingeben, sondern noch einmal zum Mausoleum gehen. Während wir noch die Details diskutierten, betrat ein Fremder die Gaststube. Der Mann war schwer gerüstet und trug ein reichhaltiges Arsenal an Waffen mit sich herum. Ganz offensichtlich war er auch ein Jäger. Wir baten ihn an unseren Tisch. Er stellte sich als Heinrich Leopold, Freiherr von Reichenbach vor und bestätigte unsere Vermutung. Wie wir, wollte auch er nach Süden und in Waldenau nach Arbeit suchen. Wir waren uns rasch einig, dass wir unseren Weg gemeinsam fortsetzen sollten. Auch zum Mausoleum wollte er uns begleiten, nachdem wir ihn über die Ereignisse der vergangenen Nacht in Kenntnis gesetzt hatten.

Nach einer Stunde Fußmarsch erreichten wir gegen zwei Uhr nachmittags den Friedhofshügel. Das morastige Umland war in nebeligem Dunst gehüllt, und beim durchqueren hatten uns die toten Augen einiger Soldaten der Schlacht von 1693 angestarrt. Wie es schien, hatten sich bei dem Erweckungsritual nicht alle Körper in Gänze erhoben. Einige hatten es nur zum Teil aus dem Morast geschafft, waren durch den Sumpf aber sehr gut konserviert worden und wirkten erschreckend frisch.

Das Mausoleum, vor dem wir in der Nacht Baron Gerold von Freyberg gestellt hatten und in dem die Gebeine seines Großvaters begraben liegen sollten, war ohne jegliche Verzierungen. Nichts deutete darauf hin, wer hier begraben lag. Das Gebäude selbst war aber viel älter, und muss hier schon lange gestanden haben, weit vor den Ereignissen vor vierzig Jahren. Im Inneren war ein geöffneter und leerer Sarkophag. Auch hier gab es keinerlei Inschrift oder Wappen.

Labyrinth der Hekate

Labyrinth der Hekate

Allerdings war auf dem Sargdeckel mit Kreide ein Pentagram und allerlei Beschwörungssymbole gezeichnet. Viel beunruhigender war aber, dass an der Nordwand der Gruft mit der selben Kreide weitere Zeichen zu finden waren:

Im Zentrum der Symbole formte der Leib einer Schlange ein Labyrinth, dessen Mitte ein Stern mit dem Symbol Hekates war. Eben jenes Zeichen der Hekate war noch einmal oberhalb des Labyrinths angebracht. Links unterhalb war ein durch einen Blitz getrübtes Auge, das mit einem Hirschgeweih verziert war, abgebildet. Rechts unten dann noch ein blutendes Auge.

Symbol Hekates

Symbol Hekates

Ich fertigte Zeichnungen sowohl des Beschwörungskreises als auch der Symbole an der Wand an. Letztere deuteten ziemlich sicher auf kultische Handlungen einer oder mehrerer Hexen hin. Hekate, eine griechische Göttin, war die Schutzpatronin der Hexen und Göttin der Magie, sowie der Nekromantie. Sie war die Göttin der Wegkreuzungen, Schwellen und Übergänge, die Wächterin der Tore zwischen den Welten. Das geblendete Auge mit dem Geweih war das Zeichen Cernunnos, einer keltischen Gottheit der Natur, Fruchtbarkeit und Heilung. Das letzte Symbol, das blutende Auge, konnte ich der Götze Akephalos zuordnen. Sie stand für Heimtücke, Mord, Wiedergänger und Schatten und war ein Dämon aus der griechischen Mythologie.

All das warf allerdings die Frage auf, was hatte der Baron von Freyberg, den wir bisher „nur“ für einen Totenbeschwörer hielten, mit Hexerei zu tun? Beherrschte er selber verschiedene dunkle Künste? Oder hatte er Verbündete unter den Hexen? Wie war das alles in Einklang zu bringen mit dem Symbol der Faustgesellschaft, dass der Baron bei sich trug? Stand er in Beziehung mit den Seelenfängern der Gesellschaft, die einen Tag vor dem Baron durch Jakobsheim gekommen waren?

Ich grübelte noch über all das nach, als mich Johann zur alten Eiche rief, die in der Mitte des Friedhofs wuchs. Am Baumstamm hatte er unter einer Schicht Moos die selben Zeichen eines Hexenzirkels entdeckt, wie ich an der Wand der Gruft. Diese hier waren aber bedeutend älter. Ich schätzte sie auf mindestens zweihundert Jahre. Sie waren damals tief in das Holz gebrannt worden.

Als wir am Abend zurück im Dorf waren, berichteten wir Siegfried Kühn von unseren Entdeckungen. Es würde nun an ihm liegen, zu entscheiden, wie viel er den anderen Dorfbewohnern davon preisgab. Natürlich hörten wir uns diskret noch ein wenig um, doch niemand konnte uns genau sagen, wo die Burg der Freybergs sich befand, jedenfalls muss es etwas weiter weg gewesen sein. Der alte Gerald konnte sich noch erinnern, dass die Familie derer von Freyberg entfernt mit dem Herzogsgeschlecht von Waldenstein verwandt war. Denen sagte man wiederum nach, dass sie vor zweihundert Jahren Verbindungen zu Hexen gehabt haben sollen.

Bei den Seelenfängern der Faustgesellschaft waren nur Männer, etwa drei Dutzend. Ihr Anführer hieß Grün, erzählte uns Siegfried. Da wir keinen konkreten Ansatzpunkt hatten, oder das Dorf uns mit weiteren Nachforschungen beauftragen und bezahlen wollte, beschlossen wir, unserer Reise am nächsten Tag nach Süden Richtung Waldenau fortzusetzen. Dorthin waren auch die Seelenfänger unterwegs. Vielleicht würden wir ja noch auf Spuren von ihnen treffen.

Freitag, 8. Mai 1733 — Unser erstes Etappenziel auf dem Weg nach Waldenau sollte Kronau sein. Bis dorthin wären wir allerdings einige Tage unterwegs. Den ersten Abend verbrachten wir in einer alten Turmruine, die gottlob am Wegrand auftauchte, just als ein Gewitter und Starkregen über uns hereinbrachen.

Samstag, 9. Mai 1733 — Am Morgen hatte es sich aufgeklart. Meine Gefährten berichteten von ihrer Nachtwache, dass sie im Osten im Wald, vielleicht fünf Kilometer entfernt, längere Zeit ein grünliches Leuchten gesehen und einen hohen, sirrenden Ton gehört hatten. Als das Gewitter abnahm, verschwanden sowohl Leuchten als auch das Geräusch. Für mich klang das nach dem Betrieb einer Seelenfalle, eines sogenannten Extraktors, also genau so ein Gerät, wie es die Faustgesellschaft bei sich hatte. Mit ihm konnte man Sturmgeister anlocken und fangen. Die Energie dieser Geister wurde dann im Extraktor umgewandelt in Seelenlicht, mit dem man dann andere Gerätschaften betreiben konnte. Seit dem „Vorfall“ hatte sich ein ganzes, und meinem Meinung nach außerordentlich faszinierendes, Forschungsgebiet – die Sorbonnik – entwickelt, das sich ausschließlich damit befasste, wie man die magische Energie der Sturmgeister umwandelte und das gewonnene Seelenlicht in Apparaturen weiter nutzen konnte.

Es war sehr einfach, das Lager der Faustgesellschaft zu finden, denn ihre Wagen hatten eine deutlich sichtbare Schneise in den Wald geschlagen. Auf einer Lichtung standen fünf große Zelte und in der Mitte der Seelenextraktor. Es lagen ein paar Waffen verstreut herum, aber von den Männern der Faustgesellschaft fehlte jede Spur. Wir untersuchten das Lager. Ich widmete mich zuerst dem Extraktor. Ein beeindruckender Apparat. In einer etwa einen Meter durchmessenden Glaskugel waberte ein grüner Nebel. Die Kugel befand sich in einer Metallfassung, von der Kabel und Röhren nach unten in die Maschine abgingen. Dort war eine Klappe geöffnet zu dem Fach mit den Seelenlichtphiolen. Von den fünfzig Behältnissen fehlten zwölf. Die restlichen Achtunddreißig waren leer.

Derweil hatten die Anderen nach Spuren Ausschau gehalten. Alles wirkte so, als hätten die Seelenfänger in Ruhe ihre Arbeit beendet und sich zum Feierabend ein Bier gegönnt, denn überall lagen Krüge herum, und ein Vorratsfass war fast vollständig geleert. Mir fiel ein süßlicher Geruch auf, der sich mit dem Biergeruch vermischte. Als ich das Fass genauer in Augenschein nahm, sah ich, dass man das Bier mit Mohnsaft versetzt hatte. Irgendwer hatte die Leute hier vergiftet und eingeschläfert. Doch wo waren alle hin?

Drei Spuren führten, neben dem Weg, noch von der Lichtung in den Wald. Die eine waren Schleifspuren von Körpern, die am Schlafittchen gezogen wurden. Derjenige, der das getan hatte, musste über übermenschliche Stärke verfügen, außerdem muss er geschwebt sein, denn wir fanden keinerlei Fußspuren oder ähnliches. Die Zweite war der Karren, der von zwei Pferden gezogen nach Osten tiefer in den Wald verschwand.

Die letzte Spur waren drei Personen. Ihr folgten wir als erstes. Nur wenige Meter im Wald fanden wir dann zwei Leichen. Die Spuren deuteten darauf hin, dass die beiden Männer einen dritten verfolgt hatten. Dann kam es zu einem Kampf, den der Flüchtige für sich entscheiden konnte. Er ist dann aber nicht zum Lager zurück gekehrt, sondern tiefer in den Wald gelaufen. Wir folgten ihm weiter. Nach einer Weile stießen wir dann auf den Karren. Im Geschirr hing noch ein totes Pferd. Es muss bei der Flucht verendet sein. Das Zweite wurde ausgespannt und von dem Flüchtigen als Reitpferd benutzt. Diese Spur führte uns dann zur Straße zurück, wo wir sie erst einmal verloren.

So blieben uns nur die mysteriösen Schleifspuren. Etwas unbehaglich zumute, folgten wir ihnen. Nach etwa einer Stunde erreichten wir eine weitläufige Brache. Das Land war tot, der Boden Schwarz, die Pflanzen verdorrt. Bäume waren entweder umgestürzt oder standen als Gerippe herum. Die Brache reichte so weit man nach Osten, Norden und Süden Blicken konnte. Wir haderten noch damit, ob wir den Schleifspuren in das tote Land folgen sollten, als man das Wimmern eines Kindes vernehmen konnte. Eine offensichtliche Falle, wie mir schien. Doch konnte ich meine Gefährten nicht davon überzeugen, das Weinen zu ignorieren. In einem toten hohlen Baumstamm fand Johann dann wirklich ein wimmerndes und verdrecktes Kind. Er redete beruhigend auf es ein und wollte es hinaus locken. Ich erinnere mich nicht mehr, ob er erfolgreich war.

Mir war das Ganze weiterhin nicht geheuer, und meine Vorsicht zahlte sich aus. Denn ich bemerkte früh genug, dass sich plötzlich um uns herum die Baumgerippe bewegten. Ich warnte die Anderen und zog mich Richtung Wald zurück, doch niemand folgte mir. Meine Gefährten schienen wild entschlossen, das Kind vor den herannahenden Feinden zu beschützen. Es entbrannte ein kurzer, heftiger Kampf, bei dem ich natürlich mein Möglichstes tat, meine Freunde zu unterstützen. Es war aber vor allem ihrer Kampfkraft zu verdanken, dass wir rasch siegreich waren. Just als der letzte „Baum“ gefällt war, kam ein todesängstlicher Kinderschrei aus dem hohlen Baumstamm…

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