Gruft der sterbenden Träume 1 – Das Ultimatum

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03.06.21 – Wir sitzen des Abends gemeinsam im Gasthaus „Der Näherinnen Rast“. Mir ist es zwischenzeitlich gelungen, bei einem Fleischer eine Anstellung als Schlachtergehilfe für einen kargen Lohn zubekommen, in dessen Stall ich auch schlafen kann. Mehr gibt meine zusammengeschrumpfte Barschaft nicht her. Auch Floki plagen Geldsorgen. Sein Vorhaben, bei Griven anzuheuern, ist daran gescheitert, dass der Hexenjäger zusammen mit seinen Schergen Diestelfeste vor ein paar Tagen verlassen hat. Daher erwägt er, den Ritualkodex, den er bei der Häuterin sichergestellt hat, zu versilbern.
Meister Tribor, der immerhin kostenlos im Ordenshaus nächtigen kann, hat bei der Stadtwache seine Dienste als Magier angeboten. Hauptmann Marvello hat zugesichert, sich im Bedarfsfall zu melden. Temedo hingegen gelang es, sich bei einem lokalen Bader zuverdingen.
Herogai ist der Einzige, der nicht von kleineren oder größeren Geldsorgen geplagt wird, doch trotzdem wirkt der stolze Krieger übernächtigt und angeschlagen. Temedo bietet ihm ein seltsames Pulver namens Traumschnupf an, welches ihm in dieser Nacht angenehme Träume und tiefe Ruhe bescheren soll.

Wir besprechen unsere weiteren Ziele. Ich lasse durchblicken, dass ich zumindest mittelfristig nach Karvosti gehen möchte, da sich dort jemand aufhält, den ich dringen zu sprechen möchte. Da die anderen sagen, dass sie mich zum Versammlungsplatz der Barbaren begleiten würden. Auch sie scheinen hier in Diestelfeste nicht sesshaft werden zu wollen. Also beschließen wir, bei einer Karawane, die in den Davokar aufbricht, anzuheuern und so nach Karvosti zu reisen. Zunächst müssen wir uns umhören, wie ein solcher Vertrag zustande kommen kann. Wir sitzen noch eine Weile beieinander und reden, dann trennen wir uns. Herogai zieht sich mit dem Traumschnupf auf sein Zimmer zurück und ich gehe durch dunkle Gassen zurück zu dem Stall, in dem ich mein müdes Haupt zur Ruhe betten kann.
Im Schlaf habe ich einen seltsamen Traum. Ich finde mich auf einer lichtdurchfluteten, zugleich nebelverhangenen Lichtung wieder. Mir ist sofort klar, dass dies ein Traum ist. Aus den Nebelschwaden tritt eine große, schlanke Gestalt, mit scharfen Gesichtszügen und spitzen Ohren. Der Elf mustert mich verwundert, er scheint jemand anderen erwartet zu haben. Sicher Meister Vernam, der vorgab, Freunde unter dem fremdartigen Elfenvolk zu haben und dessen Ring ich am Finger trage. Zögernd hebe ich die Hand zum Gruß, doch schon verblasst der Traum und lässt nur die Dunkelheit des Schlafes zurück.

04.06.21 – Temedo bricht zum Antiquariat seines Bekannten Edogai auf. Er erkundigt sich unauffällig, was man tun sollte, sollte man zufällig im Davokar etwas finden, das mit verbotener Magie behaftet ist. Edogai erklärt, dass man einen solchen Gegenstand am Besten der Kirche Prios‘ übergaben sollte. Natürlich gäbe es in Dieselfeste einen florierenden Schwarzmarkt für alle möglichen Artefakte und Substanzen, doch ein rechtschaffener Mann würde sich auf solche Geschäften niemals einlassen. Als Temedo von dem Ritualbuch erzählt, das mit den Häutermorden in Verbindung steht, empfiehlt der Antiquar, den Kodex dem Orda Magica zu übergeben.

Zu diesem Schluss ist auch Floki gekommen und so trifft er sich mit Meister Tribor als Fürsprecher am Gildenhaus des Orda Magica. Gemeinsam sprechen sie mit Meisterin Eufrynda, die für die hiesige Bibliothek verantwortlich ist. Floki entschuldigt sich für seine etwas rüpelhafte Art, die er bei der ersten Begegnung mit der klapperdürren Magierin an den Tag gelegt hat und bietet ihr den Ritualkodex „Blutverkleidung“ für die Sammlung des Ordens an. Bereitwillig nimmt die Frau das Buch in Verwahrung und entlohnt Floki mit einer Aufwandsentschädigung von zwei Talern. Zwar lässt der Hexenjäger durchblicken, dass er sich schon etwas mehr Münzen erhofft hatte, doch Eufrynda lässt ihn von einem Goblinhausdiener zur Tür gleiten.

Als ich nachmittags mit meiner Arbeit fertig bin, kehre ich zur „Näherinnen Rast“ zurück und treffe mich mit Herogai. Er sieht schon etwas besser aus als am letzten Tag und hat beim Wirt Erkundigungen eingeholt, wo man Wissen über die Geschichte Ambriens und des Davokar erwerben kann. Natürlich kann man sich an gebildetes Volk wie Priester und Magier wenden, meint der Wirt. Oder aber an Soldaten der Königin, die im Urwald patrouillieren und sicherlich auch ihre Erfahrungen mit den Gefahren des Waldes gesammelt haben. Selbstverständlich sind auch fahrende Sänger eine sprudelnde Informationsquelle. Was Expeditionen in die düsteren Tiefen des Davokar angeht, so ist die Brauerei am Ostplatz ein einschlägiger Ort, an dem Mietlinge für Karawanen angeworben werden.

Abends besprechen wir mit den anderen unsere Möglichkeiten. Da wir nicht genau wissen, wann die nächste Karawane aufbrechen wird und ob wir alle bei dem selben Handelszug anheuern können, ziehen wir in Erwägung, auf eigene Rechnung in den Davokar zu ziehen. Hierfür müssten wir jedoch eine entsprechende Lizenz erwerben. Nur wo erhält man diese und was kostet der Spaß? Herogai will auch hierzu Nachforschungen anstellen.
Ich berichte den anderen von meiner Traumvision, in der ich den fremden Elfen getroffen habe. Meister Tribor erklärt, dass Träume in allen Kulturen mystische Eigenschaften zugesprochen werden. Zudem erinnert er daran, dass seine Analyse des Ringes von Meister Vernam ergab, dass er unter anderem eine Verbindung zu weiteren Ringen aufweist. Die Träume scheinen ein Weg zu sein, über den die Ringträger miteinander in Kontakt treten können.

In dieser Nacht finde ich mich erneut auf der Lichtung wieder. Auch der Elf von gestern Nacht tritt in Erscheinung. Mit knappen Worten gibt er zu verstehen, dass ich den eisernen Ring nicht behalten kann und fordert das Schmuckstück zurück.
Ich weiche einen Schritt zurück und erkläre, dass es nicht meine Absicht war, mir widerrechtlich etwas anzueignen. Aber ich bin auf den Schutz, den der Ring gewährt, angewiesen. Ich erkläre dem Elfen, dass ich ein Kind mit einer Hexe zeugte, das ohne Befleckung geboren werden sollte. Um dies zu ermöglichen bat mich die Hexe, die Befleckung des ungeborenen Kindes zu übernehmen. Das Risiko für mich sollte minimal sein. Doch leider traf mich die Korruption wesentlich stärker, als sie es eingeschätzt hatte. Ich berichte ihm von dem Stigma, unter dem ich ohne den Ring leide und dass nicht viel fehlt, bis ich mich in eine Ausgeburt verwandle.
Doch der Fremde erweist sich als unnachgiebig. In spätestens zwei Wochen soll ich zu einer Trauerweide kommen, die etwa eine Tagesreise nördlich der Schädelschnellen im Davokar liegt. Mit der Stellung dieses Ultimatums beendet der Elf die Traumverbindung und lässt mich zurück.

05.06.21 – Herogai hat in Erfahrung gebracht, dass der Preis für eine Expeditionslizenz in den Davokar davon abhängig ist, was wir dort vorhaben. Es gibt eine einfach Grundgebühr von 2 Talern im Monat pro Person. Hinzu kommen noch Aufschläge für den jeweiligen Zweck. Bei Handelsreisen kommt es auf die Art der Waren an. Wer Ruinen durchsuchen und Schätze aus dem untergegangenem Reich Symbaroum suchen will, muss tief in die Tasche greifen. Im Brauhaus konnte noch nicht in Erfahrung gebracht werden, wann dort wieder bei einer Karawane angeheuert werden kann.
Ich höre nur mit einem Ohr zu, meine Gedanken kreisen viel zu sehr um mein unheilvolles Schicksal. Stockend erzähle ich den anderen, dass der Elf mir wieder im Traum erschienen ist und dass er den Eisenring zurückfordert.
Und ich verschweige auch nicht länger, welches Ende mich in Kürze erwarten könnte. Wenn ich das Ultimatum verstreichen lasse und nicht zum Treffpunkt gehe, werden die Elfen kommen und sich den Ring gewaltsam holen, da bin ich mir sicher. Um die anderen nicht zu gefährden, will ich mich von ihnen trennen und mich allein zur Trauerweide durchschlagen. Wie es danach für mich weitergehen soll, weiß ich nicht. Große Perspektiven sehe ich nicht.
Doch die anderen sind fest entschlossen, mich nicht allein ziehen zu lassen und erklären, dass sie mich auf jeden Fall in den Davokar begleiten werden.
Für jemanden, der von seiner eigenen Familie wegen seinem Aussehen vom Hof geprügelt wurde, ein kaum fassbarer Freundschaftsbeweis. Mir kommen fast die Tränen.
Wir verbringen noch den nächsten Tag mit Vorbereitungen und dem Abschließen von kleineren Geschäften, dann brechen wir in den Davokar auf.

06.06.21 – Wir verlassen die Stadt Diestelfeste in Richtung Norden.
Eine Handelskarawane, der wir uns anschließen könnten, gab es nicht.
So ziehen wir auf eigene Faust und ohne Legitimation los.
Herogai ist wegen seiner anhaltenden Schlafstörungen mürrisch und reizbar. Gegen Mittag kommt uns eine Gruppe schwarzgekleideter Priester entgegen, Prios´ Sonnensymbol prangt auf ihren Kutten. Einige Zeit später passieren wir die Ogertreppen. Hier hat meine Liebesnacht mit der fremden Hexe stattgefunden. Wir haben die Felsformation eine Stunde hinter uns gelassen, als Floki in einem Rinnsal, welches quer über den Weg sickert, dunkle Schlieren auffallen. Temedo erkennt Blut im Wasser …
Vorsichtig folgen wir der Spur und entdecken einen toten Goblin, der mit dem Gesicht im Wasser liegt. Das Blut sickert aus einer Kopfplatzwunde.
Der Kerl kann noch nicht lange tot sein, sein Körper ist noch weich, das Blut nicht geronnen. Dafür zeigt sein Fleisch teilweise Spuren wie von Verbrennungen, es stinkt jedoch nicht wie vom Feuer angesengt. Stattdessen glaube ich, Bittermandel zu riechen. Temedo meint, der Goblin könnte auch durch eine Säure verätzt worden sein. An seinen Spuren erkenne ich, dass er um sein Leben gerannt sein muss und dann an dieser Stelle tot zusammenbrach. Floki durchsucht seine wenigen Habseligkeiten, findet jedoch nichts, das für uns von Wert sein könnte. Wir beschließen, unseren Weg fortzusetzen und der Sache nicht weiter nachzugehen.

Gegen Abend suche ich uns einen geeigneten Lagerplatz und entzünde ein Feuer um die Dunkelheit zurückzudrängen. Für die Nacht teilen wir Wachen ein. Irgendwann weckt mich Temedo besorgt. Er hat das Gefühl, dass jemand versucht hat, in seinen Geist einzudringen und ein keckerndes Lachen gehört. Zudem liegt wieder der bittere Geruch in der Luft, den wir auch an dem getöteten Goblin wahrgenommen haben.
Als ich mich umsehe, erkenne ich in der Finsternis ein rotglühendes Augenpaar und höre eine Stimme in meinem Kopf: „Komm zu mir!“
Doch ich widerstehe dem Drang, dem Befehl Folge zu leisten. Ich greife nach Pfeil und Bogen, da verschwinden die Augen in der Dunkelheit.
Herogai wirft sich im Schlaf unruhig hin und her und brabbelt vor sich hin. Wir wecken Floki, damit er sich den Schatten des Kameraden ansehen kann. Doch der Hexenjäger sieht nur leuchtendes Kupfer, keine Befleckung. Dafür kann ich in dem Murmeln Herogais die gequälten Wortfetzen „ … ich will das doch auch … ich komme … ja, Herr …“ erkennen.
Wir wecken ihn, doch Herogai kann sich an absolut nichts erinnern, was er geträumt haben mag. Auch Meister Tribor wird nun wach und wir erklären, was Temedo und ich beobachtet haben.
Mit einer Laterne wagen Herogai und ich uns zu der Stelle vor, an der ich die Augen gesehen habe. Im weichen Untergrund haben sich Spuren von großen Klauenfüßen eingegraben. Zudem finde ich eine Stelle, an der das Moos verätzt wirkt und nach Bittermandeln riecht. Tiefer im Wald sehe ich plötzlich zwei rote Augenpaare glühen. Wir ziehen uns zum Lagerplatz zurück und berichten, dass wir belauert werden. Da es bis zum Morgengrauen noch lange hin ist, beschließen wir, hier auszuharren und zu zweit Wache zu halten. Temedo und ich übernehmen die erste Doppelwache, der Rest legt sich wieder hin. Die Nacht kriecht dahin, der Bader und ich sind angespannt.
Da höre ich, wie sich durch das Unterholz rasch etwas annähert. Schon tritt eine bullige, missgestaltete Kreatur ins Licht des Feuers. Sie läuft auf zwei Krallenfüßen, und neben ihrem grässlichen Schädel, aus dem ein Schnabel wächst, hockt auf der Schulter ein zweiter, kleinerer Kopf, der sich nach links und rechts umsieht. „Aufwachen!“, schreie ich und schieße einen Pfeil auf die Ausgeburt ab. Doch er prallt vom Wanst der Bestie ab. Herogai zieht sein Schwert und macht sich kampfbereit. Meister Tribor kommt auf die Beine und sendet dem Monstrum eine Feuerkaskade entgegen. Es schreit vor Schmerz und versprüht Säure. Herogai und Floki setzen dem Biest mit Klingen-schlägen und Schildstößen zu. Es gelingt mir, die Ausgeburt mit dem nächsten Pfeil zu spicken, dann fange ich mir einen Schlag von ihr ein, der mich zur Seite taumeln lässt. Meister Tribor beweist uns den Sinn seiner akademischen Ausbildung und brennt mittels einer Feuerlanze einen Tunnel quer durch den bulligen Leib der Ausgeburt. Brüllend und Säure spritzend stirbt das Ungeheuer. Während Temedo unsere Verletzungen behandelt starre ich angewidert den Kadaver der Ausgeburt an. Ich sehe meinen Wunsch bestätigt, dass ich lieber als Wechselbalg den Tod finden möchte, als zu so einem Ding zu werden.

Als endlich der Morgen dämmert, ziehen wir weiter.

11.06.21 – Wir erreichen am sechsten Tag der Expedition die morastige Lichtung eine Tagesreise nördlich der Schädelschnellen. In ihrer Mitte erhebt sich eine uralte Trauerweide, noch ist niemand zu sehen. Die anderen bleiben am Rande der Lichtung, während ich schweren Herzens und ohne Waffen zu dem Baum gehe. Der Boden unter mir ist feucht und weich. Zwar versinke ich nicht, doch fast ist es, als würde ich auf Wasser laufen. Als ich die Trauerweide erreicht habe, tritt die Gestalt aus meinem Traum hinter ihrem Stamm hervor. Der Mann trägt ein weites Gewand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. In ihrem Schatten kann ich die scharfen Züge seines Elfenantliz nur erahnen. Wortlos streckt er die Hand aus und fordert den Eisenring.
Widerwillig ziehe ich ihn vom Finger und berge das Schmuckstück in meiner Hand. Kurz überlege ich, ihm meine Faust einfach ins Gesicht zu schlagen, so hart ich kann. Dann lasse ich den Ring in seine geöffnete Rechte fallen. Der Elf lässt ihn in einer Tasche seines Gewandes verschwinden und sofort spüre ich, wie der schützende Zauber von mir weicht. Ein schrecklicher Durst nach Blut macht sich in meiner Kehle bemerkbar. Bevor wir uns trennen, bietet der Fremde an, mir ein Ritual beizubringen, durch das ich meine Befleckung auf ein anderes fühlendes Wesen übertragen kann. So könnte es mir gelingen, meinem grausamen Schicksal zu entrinnen. Es ist das selbe Ritual, das die Hexe mit mir durchgeführt hat. Da dies mein letzte Hoffnung zu sein scheint, stimme ich zu, und lasse mir den Ritus beibringen.

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