Schwertweihe

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Der junge Löwenritter trug sein bestes Gewandt, als er auf einem Schemel neben dem Krankenlager platz nahm. Auf dem Bett lag, halb zugedeckt, ein stattlicher Mann. Die Brust war umwunden von Verbänden, die an einigen Stellen dunkle Flecken aufwiesen. Die Haut des Mannes war bleich. Der Schweiß schimmerte leicht im Kerzenlicht. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Atmung war flach und kaum wahrnehmbar. Für einen Moment verharrte der junge Ritter und betrachtete den Verwundeten nachdenklich, dann begann er leise zu sprechen. »Herr, seid ihr wach?« Der Mann auf dem Bett regte sich nicht. »Ich hatte gehofft, dass ihr mir einen Rat geben mögt. Es ist etwas geschehen – aber vielleicht sollte ich anders Anfangen.« Der junge Ritter überlegte kurz, dann fuhr er fort.

»Ich wurde am zwanzigsten Boron vor einundzwanzig Jahren auf einem kleinen Bronnjarengut namens Eberskoje geboren. Meine Großmutter Ljuta erzählte mir einmal von der Nacht, in der meine Mutter nieder kam. Firuns Atem soll über die Dächer der Hütten geheult haben. Der Wind wurde nur manchmal übertönt von dem grollen des Donners, der von den Nordwalser Höhen ins Tal rollte. Draußen war es völlig finster. Die Nächte im Bornland zu dieser Jahreszeit sind lang, und es dauerte bis zur Dämmerung, als meine Mutter mich endlich zur Welt brachte. Ljuta sagte mir, sie wisse es noch genau, gerade als sie die Nabelschnur durchtrennte, legte sich der Sturm und ein ausgesprochen klarer und kalter Tag brach an. Die ersten Eindrücke, an die ich mich erinnern kann, sind Tage im Spätsommer, an denen ich vor unserer Kate im Gras saß und Ljuta beim Äpfel schälen zusah. Sie hatte neben sich einen großen Holzeimer mit Wasser, in den sie das geschälte Obst warf. Später, das wusste ich, würde sie alle Äpfel kochen und in Weckkrüge füllen, damit wir im Winter frisches Mus essen konnten. Ab und zu beugte sie sich vor und gab mir ein kleines Stück von den Äpfeln. Dabei zwinkerte sie mir immer verschwörerisch zu.

Ich wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Wir lebten zu zwölft in der kleinen Hütte. Neben meiner Großmutter und mir waren da mein Vater Joost und meine Mutter Bernischa, außerdem noch mein blinder Großonkel Rudjew sowie meine drei Schwestern und vier Brüder. Dazu kam noch der Hund, eine Kuh und ein paar Hühner. Der Herr, Baron Bosjew, lebte mit seiner Familie in einem großen Fachwerkhaus. Drum herum waren die Hütten der anderen Leibeigenen. Dann kamen die Felder, die sich in alle Richtungen erstreckten. Insgesamt lebten wohl an die einhundert Menschen in Eberskoje. Wir bestellten ein Stück Land, das unserem Herren gehörte. Einen kleinen Teil der Erträge durften wir selbst behalten. Das musste dann für alle reichen, um den Winter zu überstehen. Sobald ich laufen konnte, nahmen meine Eltern mich mit aufs Feld. Ich wühlte die kleinen Kartoffeln aus der Erde oder sammelte im Herbst Bucheckern und Kastanien. Einmal war ich mit meinem älteren Bruder Pjerow und meinem Vater unten am See die Reusen kontrollieren, da kam der Herr Bosjew zu uns ans Ufer. Wir senkten unseren Blick, wie es Sitte war. Ich sehe noch heute die Hände meines Vaters vor mir, wie sie nervös den alten Filzhut kneteten. Doch der Baron war in guter Stimmung und wechselte nur ein paar Worte mit uns. Sein Sohn Fiete, damals vielleicht acht Jahre alt, begleitete ihn. Es war meines Wissens nach das erste Mal, dass ich auf ihn traf.«

Der junge Löwenritter machte eine Pause und musterte den Verwundeten. Noch immer lag der Mann bewusstlos auf dem Bett. Er seufzte und fuhr dann mit seiner Erzählung fort. »Wir hatten es nicht immer so einfach mit unserem Herren. Im Sommer Eintausendundneun herrschte große Trockenheit. Die Felder trugen nur spärlich Früchte. Und als die Herbststürme kamen, hatten wir liebe Not, die Ernte rechtzeitig einzubringen. Ich war damals schon alt genug und musste mithelfen, die Garben zu binden und auf den Karren zu laden. Von dem Kohl und dem Korn, den Äpfeln und Kartoffeln behielt der Herr soviel ein, dass für uns kaum etwas blieb. Mein Vater bat Baron Bosjew, den Familien etwas mehr zu lassen. Das empörte den Herrn sehr. Er wies meinen Vater zurecht, er solle nicht so gierig sein und sich die Lebensmittel besser einteilen, schließlich sei die Ernte für alle schlecht gewesen. Keiner wagte, ihm zu widersprechen. Ich erinnere mich noch genau, als ich aufschaute sah ich, wie Fiete grinsend in einen Apfel biss.

Der Winter kam früh, und er war streng. Es war im Firun, als unsere Vorräte aufgebraucht waren und wir die Kuh schlachten mussten. All das andere Vieh hatte der Herr bereits zu sich geholt, so dass wir, nachdem von dem Fleisch nach einigen Wochen nichts mehr übrig war, sogar den Hund aßen. Danach begann das Darben. Draußen tobte der Winter, wodurch wir nicht in den Wald konnten, um nach Moos oder Nüssen zu graben. Unsere Kräfte  schwanden mehr und mehr. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, dass ich jemals wieder solch einen Hunger gehabt hatte. Ljuta starb am Abend der Tag-Nacht-Gleiche. Zum Schluss war sie sehr schwach gewesen und nicht mal mehr in der Lage, zum trinken ihren Kopf vom Kissen zu erheben. Als sie starb, war sie so leicht, dass ich sie alleine aus dem Bett nach draußen tragen konnte.

Als die Winterstürme endeten und die Straßen wieder passierbar waren, kam Vater Suschin in das Dorf. Der Peraine-Geweihte betreute unsere kleine Kapelle und reiste regelmäßig von Norburg über die Bronnjarengüter. Er las die Messen, beerdigte die Toten und segnete die Neugeborenen. In diesem Winter hatte Golgari dreiundzwanzig Männer und Frauen aus Eberskoje über das Nirgendmeer gebracht. Der Priester war gerade abgereist, als der Herr Bosjew die Dorfbewohner zusammenrief. Er wies die Männer und Frauen an, alles Vieh aus den Häusern mitzubringen. Als wir uns auf dem Platz versammelten, schwante den meisten schon nichts gutes, denn der Herr war nicht alleine gekommen. Er hatte seine beiden Büttel Olko und Zorjan mitgebracht. Außerdem stand sein Sohn Fiete an seiner Seite und entrollte ein langes Pergament. Er verlas, etwas unbeholfen, die Tiere, die in jeder Familie noch vorhanden sein müssten. Viele der Dorfbewohner hatten natürlich in der Not das Vieh geschlachtet. So wurde jeder, der die Tiere nicht vollzählig beibringen konnte, nach vorne zitiert und erhielt zehn Stockhiebe. Außerdem wurde eine Schuld verzeichnet und die Abgaben entsprechend erhöht. Auch mein Vater musste sich dieser demütigenden Prozedur unterwerfen.

Eines der großen Ereignisse im Jahr war das Rentiertreiben der Nivesen, die ihre Tiere aus der Grünen Ebene bis nach Festum brachten, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen. Im Sommer waren überall auf den Wiesen die Zelte der Hirten und ihre Herden zu sehen. Es war nicht ungewöhnlich, dass man überall, sogar im Dorf, auf Nivesen traf. Dennoch hatte ich nicht damit gerechnet, jemandem unten am See zu begegnen, als ich für Mutter Wasser holen war. Auf einem Stein am Ufer saß ein Mädchen, vielleicht , genau wie ich, neun Jahre alt. Ich weiß noch, dass sie sich fürchterlich erschrocken hatte, als ich plötzlich neben ihr auftauchte. Sie saß dort und hatte mit einem kleinen Messer etwas geschnitzt, was ihr nun aus der Hand fiel. Es war ein noch nicht ganz fertiger Bär, der auf allen Vieren dahin trottete. Obwohl die Figur nichts besonderes war, hatte ich noch nie gesehen, wie man so etwas aus einem Stück Holz machte. Ich entschuldigte mich also und stellte mich vor. Sie hieß Amuri. Als ich sie dann aber mit Fragen bestürmte, wie sie es hinbekam, aus einem Stück Holz so etwas zu machen, musste ich leider feststellen, dass sie, außer ein paar einfachen Sätzen, kaum in der Lage war, meine Sprache zu sprechen. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass ich nur schnell das Wasser zu meiner Mutter bringen und dann wiederkommen würde, aber ich war nicht sicher, ob sie mich verstanden hatte. Also lief ich rasch nach Hause und beeilte mich, so schnell ich konnte an den See zurück zu kehren. Ich hatte Glück, Amuri hatte auf mich gewartet. Wir verbrachten den Nachmittag dort, und sie zeigte mir, wie sie aus dem Holz etwas schnitzte. Ich traf mich mit Amuri noch einige Male und als ihre Familie weiterzog, schenkte sie mir den Bären.

In den folgenden Jahren kam Amuri mit ihrer Sippe immer im Frühsommer und Herbst in der Nähe von Eberskoje vorbei, und wir verbrachten einige Zeit miteinander. Ich lernte ein wenig Nujuka, und sie lernte meine Sprache. Ich war vierzehn, als ich sie das erste mal küsste. Noch heute ist dieser Sommer in bunten Farben in meinem Gedächtnis, und mir wird warm ums Herz, wenn ich an ihr heiteres Lachen und die unergründlichen braunen Augen denken muss. Auch wenn die Zeit in Eberskoje nicht immer einfach war und Fiete sich zu einem echten Fiesling entwickelte, der Spaß daran hatte, die Menschen zu quälen, denke ich noch heute mit Freude an diese Tage zurück. Doch dann kam der Sommer Eintausendundsechzehn. Amuri war am Vortag mit ihrer Sippe in Eberskoje angekommen. Ich ging am Morgen zu unserem Treffpunkt, einer Stelle am Ufer des Sees, die von einigen Tannen umgeben war, so dass sie etwas geschützt lag. Als ich dem schmalen Pfad am Ufer folgte, hörte ich Amuris Rufe. Ich rannte los und sah sie am Wasser stehen. Vor ihr hatte sich Fiete aufgebaut und griff nach ihr. Ich schrie ihn an, er solle sie in Ruhe lassen. Worauf er sich umdrehte, Amuri immer noch fest im Griff. Er sagte, ich solle mich trollen, das würde mich nichts angehen. Als wäre ich Luft, wandte er sich ab und schlug Amuri zu Boden. Außer mir vor Wut, rannte ich schreiend auf ihn zu. Er fingerte sich gerade an seinem Gemächt, als ich mich auf ihn warf und zu Boden riss. Ich spürte, wie Fiete auf mich einschlug, aber mir war in diesem Moment alles egal, auch der Schmerz. Wir wälzten uns auf dem Boden hin und her, ich hörte Amuris Stimme, verstand aber nicht, was sie sagte. Irgendwann riss mich Fiete hoch. Er hatte mich am Kragen gepackt und holte mit der Rechten zu einem Schwinger aus. Da griff ich seine Kopf mit beiden Händen und biss ihm in die Nase. Ich schmeckte Blut und etwas weiches in meinem Mund. Fiete schrie wie am Spieß und ließ mich los. Ich spuckte das Stück Nase aus, da sah ich, wie Fiete sein Messer gezogen hatte und mit blutverschmiertem Gesicht auf mich zustürzte. Als er mit der Klinge ausholte, hörte ich Holz knacken, und Fiete brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Amuri hatte ihn mit einem Ast bewusstlos geschlagen.

Als der Sohn meines Herren so vor mir lag, war mir klar, dass ich mein Leben verwirkt hatte. Mir blieb nur die Flucht. Natürlich wollte Amuri mit mir kommen, aber das war zu gefährlich. Ich verabredete mich mit ihr für den Abend und sagte ihr, dass wir dann im Schutz der Nacht gemeinsam fortgehen würden. Ich kehrte aber nicht mehr ins Dorf zurück, sondern lief so schnell und so weit ich konnte. Ich wusste, dass ich mich von den Wegen fern halten musste. Zwei Tage südlich war die Straße von Norburg nach Festum. Wenn ich die erreichen würde, könnte ich bestimmt bei einem Handelszug oder anderen Reisenden unterkommen und wäre in Sicherheit – so dachte ich. Bis weit in die Nacht hinein lief ich ohne Unterlass, dann schlief ich zwei oder drei Stunden bis der Morgen dämmerte. Kurz vor Mittag hörte ich die Hunde hinter mir, und mir war klar, dass das Fiete war. Oder vielleicht der Bronnjar selbst. Ich lief um mein Leben, doch bereits am frühen Nachmittag sah ich drei Reiter hinter mir. Bis zum Abend kamen sie immer näher. Die Sonne war schon fast hinter dem Horizont gen Efferd versunken, als ich einen steilen Hang hinauf hastete. Hinter mir drei große bornländische Hirtenhunde. Als ich oben angekommen war, sah ich zu meinem Erschrecken, dass direkt hinter der Kuppe der Boden nahezu senkrecht, etwa zehn Meter, in die Tiefe abfiel. Dort unten war die Straße, doch ich hatte keine Zeit mehr, hinunter zu klettern. Die Hunde hatten zu mir aufgeschlossen. Sie fielen aber nicht über mich her, sondern drängten mich zurück an die Kante und schnitten mir so jegliche Fluchtmöglichkeit ab. Dann waren auch schon die Reiter da. Fiete, hoch zu Ross und die beiden Büttel des Barons. Der Bronnjarensohn hatte einen hässlichen Verband um den Kopf gewickelt, der sein Gesicht halb verdeckte. Er kam mit seinem Pferd immer näher, während die Hunde knurrend Platz machten. ‚Eigentlich sollte ich dir die Eier abschneiden und zurück zum Dorf jagen.‘, stieß er spuckend hervor. ‚Aber dann müsste ich deine hässliche Visage ja weiter ertragen!‘ Mittlerweile stand ich mit dem Rücken zum Abgrund. ‚Du darfst ihn nicht töten, hörst du.‘ Fiete imitierte die Stimme seines Vaters fast perfekt. ‚Schneid ihm von mir aus die Nase oder irgendetwas anderes ab, aber bring ihn nicht um.‘ Als er weiter sprach, waren seine Worte dann nur noch ein knurren. ‚Ich scheiß drauf, was der Baron sagt!‘ Fiete trieb das Pferd nur ganz leicht an, aber es reichte, um mich hinab zu stoßen. ‚Das war ’s.‘, dachte ich, als ich fiel. Dann sah ich Amuris Gesicht, ihr Lächeln, diese dunklen, unergründlichen Augen. Ich schlug unten auf dem Boden auf und verlor das Bewusstsein.

Als ich erwachte, schmeckte ich Blut, dann kam der Schmerz. Als ich die Augen aufschlug, sah ich nur verschwommen. Ich hörte ein Schnüffeln, roch beißenden Moschus. Irgendwoher drang ein Knurren an mein Ohr. ‚Die Hunde!‘, kam es mir in den Sinn. Dann hörte ich donnernden Hufschlag, und im aufgehenden Sonnenlicht sah ich einen Reiter. Sein Pferd bäumte sich über mir auf. Gegen die Sonne konnte ich nur die Umrisse sehen, aber noch während das Tier stieg, reckte der Reiter ein Schwert in den Himmel. Das Knurren und Schnüffeln wandelte sich in ein Winseln. Dann hörte ich Stimmen und Karren näher kommen und verlor wieder das Bewusstsein. Ich weiß bis heute nicht genau, wie viele Tage ich dahindämmerte, immer auf der Schwelle zu Borons Hallen. Ich sah Gesichter und hörte Stimmen, ohne sie aber richtig wahrzunehmen. Als ich eines Abends erwachte und mein Geist klar war hatten wir bereits Firunen hinter uns gelassen. Ich hatte noch Schmerzen und meine Glieder waren schwer, aber ich sah alles klar und stellte fest, dass ich mich in einem Karren befand. Eine Norbardensippe hatte mich an dem Morgen nach meinem Sturz am Straßenrand gefunden. Ich war schwer verletzt gewesen aber noch am Leben. Also hatten die Norbarden mich in ihren Wagen geladen und mitgenommen. Ich erinnerte mich an das Schnüffeln, den Tiergestank und vor allem an den Reiter und war mir gewiss, dass ich durch ihn vor Schlimmerem bewahrt worden war. Fiete schien nicht nach mir gesucht zu haben. Oder vielleicht waren es seine Hunde, die ich wahrgenommen hatte? Ich glaube, er hielt mich für tot und war zurück nach Eberskoje geritten.

Mit den Norbarden reiste ich nach Süden. Sie kümmerten sich um meine Verletzungen und waren sehr freundlich zu mir. In allen Orten am Wegrand machten wir halt, und die Leute bauten ihr Stände auf und boten Waren feil. Erst wenn keine Käufer mehr Interesse zeigten zogen wir weiter. So erreichten wir im späten Herbst Festum. Mittlerweile war ich von dem Sturz vollständig genesen. Meine Gedanken waren bei Amuri, und insgeheim hoffte ich, sie auf dem Markt in der Stadt wieder zu sehen. Außerdem träumte ich immer wieder von dem Reiter, den ich gesehen hatte, als ich zerbrochen am Fuß der Klippe lag. Selbst wenn ich wach war, meinte ich manchmal das Hufgetrappel zu hören oder verlor mich so in Gedanken, dass ich die Silhouette des sich aufbäumenden Pferdes und des Reiters mit der erhobenen Klinge förmlich greifen konnte. Ich fand Amuri nicht in der Stadt. Unter den Nivesen waren keine mir bekannten Gesichter, und niemand den ich fragte konnte mir weiter helfen. Ich war hin und her gerissen, wusste aber, dass es aussichtslos und gefährlich sein würde, nach Eberskoje zurück zu kehren, um Amuri zu suchen. So schloss ich mich wieder den Norbarden an, als diese sich auf den Weg nach Tobrien machten. In Vallusa waren wir eine Weile, und dann kamen wir am ersten Wintertag hier auf die Burg. Die Sonne war an dem Morgen gerade hoch genug gestiegen, dass sie uns über die Festungsmauern hinweg blendete, als wir aus dem Torbogen in den Hof einfuhren. Ich wäre fast vom Kutschbock gefallen, als ich gegen das Licht die Silhouette des Reiters sah, auf seinem aufgebäumten Pferd, sein Schwert zum Himmel reckend. Mitten auf dem Hof der Burg! Ich merkte rasch, das ich nur eine Statue vor mir hatte, doch das Bild war genau das aus meinen Träumen. In diesem Moment war ich mir gewiss, dass ich meinen Bestimmungsort erreicht hatte.

Noch am selben Tag erbat ich von euch meine Aufnahme als Novize im Orden der heiligen Ardare zu Arivor und erfuhr, dass es sich bei der Statue um ein Bildnis der ehrwürdigen Arvedua von Neetha handelte. Dass sie es war, die den Theaterritterorden in das Bornland führte, und was es bedeutet, ein Diener der Alveransleuin zu sein, lernte ich freilich erst einige Zeit später. Ich muss euch gegenüber die nächsten Jahre wohl nicht ausführlich darlegen, die meiste Zeit habt ihr ja selbst die Ausbildung der Novizen und Akoluthen überwacht, aber ich möchte Euch vergewissern, dass ich meine Entscheidung nicht einen Tag bereut habe. Auch in der Nacht, als wir gezwungen waren, die Festung vor dem anrückenden Heer des Dämonenmeisters mit Booten Richtung Vallusa zu verlassen und ich kurz vor erreichen des Hafens unter dem Beschuss des Feindes über Bord ging, habe ich nicht mit meinem Entschluss gehadert. Doch vor einer Woche, als auf den Vallusanischen Weiden die Schlacht tobte….

Ich war an Eurer Seite, als wir in Formation durch die Reihen des Feindes drangen und uns mit der Spitze der bornländischen Truppen zusammenschlossen, als er plötzlich neben mir ritt. Dort wo einstmals die Nase war, klafften zwei Löcher, doch auch so hätte ich ihn erkannt. Fiete von Eberskoje. Sein erstaunen war mindestens ebenso groß wie das meinige, und so verharrten wir gefühlt eine Ewigkeit nebeneinander und starrten uns an. Erst als Ihr, mein Herr, von dem Pfeil getroffen wurdet, konnte ich mich losreißen. Durch meine Unaufmerksamkeit war eure Flanke nicht gedeckt gewesen und der Pfeil, der eigentlich mich hätte treffen sollen, verwundete euch.« Der Mann auf dem Lager vor dem jungen Löwenritter öffnete die Augen und lächelte leicht. »Und weswegen bist du zu mir gekommen und erzählst mir all dies?« »Am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, soll ich die Schwertweihe erhalten. Ich habe zwei Tage im Gebet verbracht, wie es Sitte ist, doch ich habe Zweifel.« »Warum zweifelst du, Rowin?« Der junge Ritter schwieg einen Moment, dann sagte er: »Als ich Fiete gegenüber stand, habe ich meine Pflicht versäumt, euch zu schützen ehrwürdiger Schwertbruder.« »Pflichtversäumnis sagst du, hm? Deine Pflicht ist es, dich dem Kampf zu stellen. Und wenn du dies tust, dann deine Ehre zu bewahren. Mich muss niemand beschützen, schon gar nicht so ein Jungspund wie du.« Der Mann musste lachen, doch sofort verzog er sein Gesicht schmerzvoll. Rowin schaute besorgt. »Aber Herr, es ist nicht nur, dass ich abgelenkt war. Als ich erkannte, wen ich vor mir hatte, keimte der Zorn wieder in mir. Ich spürte blanken Hass. Und hätte nicht – nun, hätte nicht der Pfeil euch getroffen, Herr – ich hätte den Bastard in diesem Moment erschlagen.«

Der junge Löwenritter senkte sein Haupt. Die Stimme des ehrwürdigen Schwertbruders war leiser als er antwortete. »Du musst eines verstehen, Rowin. Auch das Leben ist ein Kampf, und nicht jede Schlacht kann man gewinnen. Nach deinem Sturz hättest du fast verloren gehabt, doch dir ist jemand zur Hilfe geeilt. In der Schlacht hättest du beinahe deinem Zorn freien Lauf gelassen, doch du tatest es nicht. Manchen Kampf gewinnt man, manchen verliert man. Wichtig ist nur, dass man beides ehrbar tut. Dein Leben und dein Blut ist mit Rondra verbunden seit deiner Geburt. Als du damals hier eintrafst und um Aufnahme gebeten hast, war mir sofort klar, dass dies der Wille unserer Herrin ist. Also hadere nicht. Die Sonne geht gleich auf, du solltest in die Halle zurück kehren, um deinen Segen zu empfangen.« »Aber Herr….« »Kein aber! Geh und spute dich. Es ist eine große Ehre, den Segen vom Schwert der Schwerter zu empfangen. In den vergangenen Jahren hatten nicht viele diese Möglichkeit.« Zögerlich erhob sich der junge Mann. Der ehrwürdige Schwertbruder nickte ihm noch einmal aufmunternd zu und schloss dann wieder seine Augen. Es stimmte Rowin traurig, dass sein Mentor und Ordensoberhaupt der Ardariten zu Vallusa nicht an seiner Schwertweihe teilhaben konnte. Sicher war es eine Ehre, vom Schwert der Schwerter persönlich in den Bund aufgenommen zu werden, doch Rowin wäre es lieber gewesen, hätte er den Segen vom Schwertbruder empfangen.

Als die Sonne sich über die Vallusanischen Weiden und die Burg der Ardariten erhob, begann der Rondradienst in der großen Halle der Festung. An diesem Tag, dem ersten im Monat der Herrin 1021 BF, sieben Tage nach der verheerenden Schlacht, wurden zwölf Löwenritter vom Schwert der Schwerter Ayla Armalion saba Rih von Schattengrund in den Bund Rondras aufgenommen. Als Dritter trat Rowin aus Eberskoje vor den Altar und sprach die Worte des Schwurs von Nebachot.

»Herrin des Krieges, Beherrscherin des Sturmes, vor dir leiste ich diese Gelübde: Mein Schwert ist an meiner Seite, aufrecht und Stolz trage ich deine Farben, von heute an, wie auch an allen folgenden Tagen. Mit Wort und Tat werde ich dir dienen und deine Worte in die Länder Deres tragen. Verleihe meinem Herzen Stärke und zugleich die nötige Milde, dass ich mich des Verlassenen annehme, dem Irrenden recht rate, dem Unwissenden lehre, für den unmündigen spreche, dem Armen helfe, den Schwachen stärke, den Gefallenen aufrichte, den unterdrückten rette, den Wehrlosen zu kämpfen lehre, dass ich standhaft sei und meine Feinde fordere und niemals eine Herausforderung ablehne, dass ich segne, die deines Segen bedürfen, wohltue denen, die dich verehren und allem Leben soviel Gutes erweise in deinem Namen als ich kann, stets der Ehre genüge und durch mein Bestreben die deine mehre. Ich werde meiner geistlichen Obrigkeit Ehrerbietung erweisen und verträglich gegenüber meinen geweihten Brüdern und Schwestern sein. Niemals soll mein Vertrauen in dich wanken, noch wird mein Wille dir zu dienen schwinden. In allem unterstelle ich mich deinem göttlichen Befehl, unterwerfe mich von ganzem Herzen den Lehren deines Glaubens und werde dieselben standhaft bewahren, sie mutig bekennen und befolgen, solange ich lebe. Dein göttlicher Wille, oh Herrin, sei mir Befehl, jetzt und bis ans Ende aller Zeit.«

Rowin wählte den Schwertnamen ‚Zul ay’Assadra‘, welcher aus dem tulamidischen stammte und ‚Leben von Rondra‘ bedeutet.

***

Sebion war ein einfacher Soldat. Er gehörte noch nicht einmal zur Stadtwache von Vallusa sondern war mit den Kaiserlichen hierher gekommen. Doch während die ganzen Geweihten in der großen Halle versammelt waren, war er abkommandiert worden, das Dormitorium der Ardaritenburg zu bewachen. Zahlreiche Verwundete waren nach der Schlacht hierher gebracht worden, um behandelt zu werden. Natürlich keine einfachen Soldaten, wie er einer war, nein, die Verwundeten hier waren alle ‚von Stand‘, wie es hochtrabend hieß. Sebion sollte es egal sein. Hier in der Burg war der Gestank der Leichen wenigstens nicht so penetrant. Im Heerlager zwischen der Festung und der Stadt Vallusa im Norden, war es  kaum auszuhalten. Seit einigen Tagen wehte der Wind von Efferd her und damit direkt vom Schlachtfeld hinüber, auf dem immer noch hunderte, wenn nicht gar tausende Erschlagene lagen.

Mit mäßigem Interesse betrachtete Sebion die Statue im Burghof, eine lebensgroße Abbildung eine Kriegerin auf einem sich aufbäumenden Pferd, den Arm und das Schwert in den Himmel gereckt. ‚Die Amazonen, die ich in den letzten Tagen gesehen habe, sahen anders aus‘, dachte sich Sebion. Dann fiel ihm wieder ein, dass er einen der Geweihten hatte reden hören, dass das Weibsbild wohl eine Ordensritterin gewesen sein soll. Aber irgendetwas hatte das ganze auch mit Schaustellerei zu tun, denn in der Erzählung kam immer wieder das Theater in Arivor zur Sprache. Sebion dachte noch angestrengt darüber nach, als sich die Tore der großen Halle öffneten und zahlreiche Geweihte hinaus strömten. Er hatte gehört, dass auch das Schwert der Schwerter an der Zeremonie teilgenommen haben soll. Und so reckte er den Hals, um vielleicht einen Blick auf die als ausgesprochen hübsch geltende Hochgeweihte der Rondrakirche zu erhaschen. Er hatte keinen Erfolg. Auf dem Hof sah er nur zahlreiche Rondra-Geweihte, von denen einige gerade ihre Weihe empfangen haben mussten. Ihre Wämser und Rüstungen sahen aus, wie gerade erst angelegt, während man bei anderen deutliche Spuren der vergangenen Schlacht ausmachen konnte.

Ein junger Mann löste sich aus dem Pulk und kam über den Hof auf Sebion zu. Er musterte  ihn neugierig. Definitiv war dies einer der neu geweihten. Sein weißer Wappenrock mit dem roten Schwert der Ardariten wies keinerlei Flecken auf. Dazu trug er einen Kettenmantel. ‚Der mag wohl schon mal benutzt worden sein‘, dachte sich Sebion. An der Seite hatte der Mann ein Schwert, vermutlich einen Rondrakamm. Sebion hielt diese Art von Anderthalbhänder zwar für völlig unpraktisch, er musste sich aber einräumen, dass er in der Schlacht den ein oder anderen Geweihten gesehen hatte, der damit ganz ordentlich umgehen konnte. Der junge Geweiht grüßte ihn mit der Faust zum Herzen. Sebion nickte ihm zu. Sein Blick verharrte kurz auf den hellen blauen Augen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren. Vielleicht wegen dem schwarzen Haarkranz, der topfrund das Haupt des Geweihten bedeckte. Der Fremde kam nicht unsympathisch daher, wenn auch die wohl mehrmals gebrochene Nase ein wenig grobschlächtig wirkte.

»Rowin  Zul ay’Assadra von Vallusa. Rondra zum Gruße, Soldat. Lass mich durch, ich muss mit dem ehrwürdigen Schwertbruder des Ordens sprechen.« Sebion zögerte. »Was ist? Hast du nicht verstanden? Tritt zur Seite!« Sebion räusperte sich. »Vergebt mir, Herr, aber ich muss euch leider berichten, dass der ehrwürdige Schwertbruder seinen Verletzungen erlegen ist.« Der Geweihte wurde sichtlich blass. »Aber das kann nicht sein. Ich habe heute morgen noch an seinem Krankenbett gesessen und mit ihm gesprochen.« Sebion trat unruhig von einem Bein aufs andere, dann faste er sich ein Herz und blickte den jungen Geweihten fest in die Augen. »Herr, da müsst ihr euch irren. Der Schwertbruder ist bereits vor zwei Tagen gestorben.«

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