02. November 2512, Übersreik, Reikland
Liebe Hildrun,
ja, ich stimme dir zu. Diese Stadt verleidet einem sehr vieles und ich befürchte, in Altdorf wird es nicht besser sein. Mir kommen langsam Zweifel, ob all die Mächtigen hier auf der richtigen Seite stehen. Wobei- was ist hier eigentlich die richtige Seite?
Aber zurück zum Zinnsporn bzw. dem Treffen von Reikhart und Rudelvater Kretschmer. Warum musste das eigentlich mitten in der Nacht und mitten im Wald stattfinden?
Über einen Pfad ging unsere Gruppe langsam durch den dichten Nadelwald. Sehen konnten wir aber trotz allem gut. Neben Mannslieb stand auch Morrslieb grün und kalt leuchtend am Himmel. Schon wieder. Zufall? Daran glaube ich nicht mehr. Die Stimmung war angespannt, die Gruppe schweigsam, als wir eine größere Lichtung erreichten. Hier gab es einige verwitterte Steinkreise und in der Mitte in einer Senke einen Ulric-Schrein. Reikhart und die Seinen gingen sofort hin, knieten nieder und beteten. Wir traten näher und bemerkten, dass der Schrein verfärbt war, vielleicht mit altem Blut. Ich betete auch, aber nur im Stillen und zu Sigmar, war mir Reikhart doch immer noch unheimlich.
Mehr passierte zunächst nicht, die Stille der Nacht war zum Schneiden. Man hörte nicht mal einen Kauz und obwohl es nicht kalt war, kroch uns Kälte langsam die Beine hoch. Ich fror etwas, doch gleichzeitig fing ich an zu schwitzen. Kalte Nebelschwaden zogen über den Boden, alles war in gespenstisches grün getaucht und die Zeit wollte nicht vergehen. Alles wirkte irgendwie gedämpft, das Licht wie auch einige Geräusche, die wir jetzt vernahmen, aber nicht zuordnen konnten.
Ruben bemerkte kurz, dass er magische Winde spürte als plötzlich eine Gruppe aus dem Wald trat. Es war Rudelvater Kretschmer mit acht Begleitern: jeweils zwei Priester und Akolythen und vier Ritter des Weißen Wolfes. Kretschmer wirkte, soweit wir das in dieser Atmosphäre beurteilen konnten, angespannt aber auch neugierig.
ReikharT Gestenstark und seine vier Kämpfer, wahrscheinlich Norscaner und möglicherweise auch Gesegnete, erhoben sich. Man begrüße sich knapp und alle setzten sich dann in den Steinkreis, Kretschmer und Reikhart in die Mitte.
Jetzt wurden die Geräusche aus dem Wald etwas intensiver, wir hörten das Knacken von Ästen. Und dann nahm die Nacht eine nicht unerwartete und dennoch unschöne Wendung. „Wir werden angegriffen!“ rief Kruger plötzlich laut in die Stille.
Ein riesiger Koloss in Trollgröße brach aus dem Wald heraus, gefolgt von weiteren humanoiden Gestalten. Über einen Troll hätte ich mich angesichts dessen, was da aus dem Wald kam, fast noch gefreut, denn was da kam, verschlug mir kurz den Atem. Eine über und über mit eitrigen Beulen und Hörnern gespickte Chaoskreatur, wahrscheinlich direkt aus den Niederhöllen, gerüstet und mit riesiger Axt. Die anderen Gestalten waren ebenfalls Chaoskreaturen, widerlich anzusehen, eine Karikatur von Leben. Und es waren viele.
Einen kurzen Moment waren Kretschmers und Reikharts Gruppen wie gelähmt und dann entlud sich die angesammelte Spannung in Hektik. Alle, die saßen, sprangen auf und griffen soweit vorhanden nach ihren Waffen, Befehle wurden gebrüllt, Pfeile eingelegt und Pistolen gespannt.
Dann flogen einige Bolzen und Pfeile aus dem Wald, Ruben konnte hinter den Chaoskreaturen Mutanten ausmachen. Ja fein, die auch noch. Er meinte auch Gregor “Einauge” Spaltmann auszumachen. Nachdem Pfeile und Bolzen geflogen waren, griffen die Chaoskreaturen und Mutanten an.
Da wir nicht ganz vorne standen, sahen wir, wie Reikhart und seine Männer sich in mannsgroße Wölfe verwandelten und auf die Kreaturen losgingen. Während Kretschmers Gruppe geordnet kämpfte, fielen die Wölfe wild über alles her, was sich Ihnen in den Weg stellte. Einer heulte auf und aus dem Wald antworteten andere Wölfe.
Gegen die Ritter und die Wölfe und, wenn ich das in aller Bescheidenheit anmerken darf, uns, hatten die Chaoskreaturen eigentlich wenig Chancen. Doch ihre schiere Masse war beängstigend und sie verbreiteten Panik. Und der Koloss kam direkt auf uns zu.
Was einem zu unmöglichen Zeitpunkten manchmal so durch den Kopf geht. Wollte Onkel Otto nicht schon letztes Jahr sein Haus verkaufen? Dachte ich noch bei mir als ein weiterer Bolzen mich an die Realität erinnerte. Spaltmann hatte offensichtlich uns im Visier. Wem hatten wir da wohl in die Suppe gespuckt? Eins war klar, wenn ich das überlebe, finde ich es heraus.
Wir erwehrten uns des großen Kolosses und einigen Mutanten, als wir wahrnahmen, dass hinter uns noch etwas anderes aus dem Wald kam. Was fehlte? Klar, Tiermenschen! Drei dieser widerwärtigen Kreaturen griffen uns zusätzlich an und als fünf weitere aus dem Wald kamen, vernahmen wir Hufgetrappel. Endlich gute Nachrichten, Wulfhelm Rakers und seine Ritter sprengten in vollem Galopp auf die Lichtung und zwischen die Feinde.
Jetzt allerdings wurde es richtig wild. Wer hier gegen wen kämpfte war nun nicht mehr genau zu sehen, denn Rakers Leute griffen auch die Wölfe an und umgekehrt. Letztere hatten schon einige Wunden und auch Kretschmers Gruppe war dezimiert. Wir waren ebenfalls alle verwundet, Kruger und Alanus hatten sogar schwerere Wunden erhalten. Aber wir standen noch und hatten den Koloss besiegt.
Damit die ganze Szenerie endgültig jegliche Übersichtlichkeit verlor, kam nun noch Felix Eisenseite mit den Gladiatoren hinzu und mischte mit. Dadurch gewannen die Nicht-Chaosanbeter endgültig die Oberhand.
Man könnte meinen, dass dadurch die Situation endlich leichter wurde, mitnichten. In der Senke beim Ulric-Schrein hatte sich ein separater Kampf entwickelt, Reikhart gegen Raker gegen Kretschmer, oder mit Kretschmer? Jeder knüppelte da auf jeden und Felix gesellte sich auch noch dazu. Raker wollte Reikharts Kopf, aber gegen wen Kämpfte jetzt Kretschmer? Und Felix? Alle vier waren ausgezeichnete Kämpfer, man konnte nicht sehen, wer die Oberhand hatte.
Die Kämpfe um die vier herum waren abgeebbt, alle Überlebenden versorgten entweder die Verletzten oder sahen sich das Spektakel an. Niemand griff ein. Die Wölfe und Rakers Ritter bekämpften sich allerdings noch. Rudelvater Kretschmer ging zu Boden, Kruger zog ihn sofort aus dem Getümmel und Ruben verband ihn. Zumindest hatte er überlebt.
Ich eilte ein Stück in den Wald hinein in der Hoffnung, Spaltmann zu finden, der hatte aber schon das Weite gesucht. Da es wahrscheinlich noch Chaosanbeter im Wald gab, ging ich wieder zurück auf die Lichtung, wo auch gerade eine Abordnung von Wachen und Soldaten aus Übersreik mit unserem alten „Freund“ Rudi Klumpenkrug, dem alten Hundsfott.
Der Kampf in der Mitte ging zu Ende als Reikhart, selbst schwer verwundet, Wulfhelm Raker zerfetzte. Felix war unverwundet. Dann legte sich eine unheimliche Stille über die Lichtung.
Hoffentlich klärt sich jetzt einiges, ich werde dir wieder schreiben.
Bis dahin Sigmars Segen
Dein Konrad



