Die Seelenfalle III – Hubert Gimpel muss warten

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—Reisebericht von Karl Auenthal

Zwanzig Gulden wollte die Faustgesellschaft uns zahlen für jede Phiole mit Seelenlicht, die wir zurückbringen könnten. Doch bevor wir die Verfolgung von Hubert Gimpel aufnahmen, bat uns Herbert Grün, ihm und seinen Männern dabei zu helfen, die Kreatur, die wir alle Charlotte Grendel getauft hatten, zur Strecke zu bringen. Ich hatte ein paar Bedenken und warf die auch in den Raum, Schließlich handelte es sich bei der Kreatur um einen Alb, also nicht um ein beseeltes Monster oder einen Dämon aus dem Höllenriss, sondern um eine „normale“ Kreatur, die es auch schon vor dem Vorfall gab. Meine Gefährten hatten aber starke Argumente. Vor allem die zahllosen Leichen in der Höhle, die die Wurzeln für die Brut von Grendel ausgesaugt hatten, waren ein überzeugender Grund, das Ding nicht weiter wüten zu lassen.

Also brachen wir am Morgen des 10. Mai 1733 zurück zur Vegetationsinsel in der Brache auf. Kurz vor Mittag, und nach einem beschwerlichen Anstieg, erreichten wir im Zentrum der Insel ein Lichtung. Wir beschlossen, auch wenn die Faustgesellschafter am liebsten den Ort im Sturm erobern wollten, dass ich mich zunächst vor schleiche und den Ort auskundschafte.

Mir bot sich ein seltsames Bild. Im Zentrum der Lichtung erhob sich eine schwarze Eiche. Der Stamm war etwa sieben Meter durchmessend, und die Rinde glänzte ölig. Dornige Ranken schlangen sich um den Baum, der sich dreißig bis vierzig Meter in die Höhe reckte. Ab vielleicht zwanzig Metern sprossen an den Ästen seltsame weiß-violette Blüten. Gerade als ich ankam, erhoben sich einige Vögel aus der Krone, und ich meinte, zwischen den Blüten kurz einen hohlen Eingang in den Stamm gesehen zu haben.

Außer dem Baum befanden sich noch zahlreiche Pilze auf der Lichtung. Viele kleine, aber auch drei übermannsgroße, die wie überdimensionierte Fliegenpilze aussahen. Auf einem der Pilze bemerkte ich ein kurzes Flimmern in der Luft. Saß dort eventuell jemand auf der Kappe? War das Charlotte Grendel? War sie etwa unsichtbar? Meine Besorgnis nahm zu. Unruhig machten mich auch die zahlreichen Wespen, die überall herum sirrten. Vor allem deswegen, weil sie so groß wie fette Ratten waren. Wie sollte man so etwas nennen? Raespen vielleicht?

Ich kehrte zu meinen Freunden und den Faustgesellschaftern zurück und berichtete, was ich gesehen hatte. Herbert Grün drängte darauf, die Lichtung einfach zu stürmen. Meine Bedenken bezüglich der unsichtbaren Charlotte Grendel und den vielen Wespen schlugen sie in den Wind. Da uns auch nach längerem Überlegen nichts Besseres einfiel, griffen wir kurz nach Mittag an.

Ein heftiger Kampf entbrannte. Als Heinrich von Reichenbach mit seiner Hellebarde auf den Pilz eindrosch, auf dem mutmaßlich Charlotte Grendel saß, spaltete der diesen zwar, lies aber auch eine Pollenwolke auf uns herabregnen, die uns alle benebelte. Dennoch gelang es uns schließlich, alle Wespen und am Ende auch Charlotte Grendel zur Strecke zu bringen. Ihr toter Körper verging schnell und lies eine sprießende Stelle zurück mit Wurzeln und Blumen.

Sollte das alles gewesen sein? Wir wollten noch die Höhle im Baum erkunden. Hierzu bauten wir eine Leiter. Don Ignacio machte sich an den Aufstieg. Die Baumrinde war schwarz und glänzend, dabei aber trocken und glatt wie Glas. Als der Spanier die letzten Meter in der Baumkrone zurück legte, rüttelte und schüttelte sich die Eiche, als wolle sie ihn herunterstoßen. Glücklicherweise gelang es Don Ignacio, die Balance zu halten. Nach einem niedrigen Durchgang kam er in eine Baumhöhle. Die Wände waren durchzogen mit pulsierenden Adern. Auf einem Bett von Gulden ruhte der Leib von Charlotte Grendel. Es schien, als würde sich der Alb von seinen Verletzungen regenerieren. Don Ignacio, kein Mann von halben Sachen, schnitt der Kreatur kurzerhand die Kehle durch und durchtrennte zahlreiche der pulsierenden Adern des Baums. Dann kletterte er mit reicher Beute hinunter.

Ziemlich sicher war der Grendel-Alb nun endgültig tot. Es schien auch so, als begönne der Baum welk zu werden und abzusterben. Um da auf Nummer sicher zu gehen, hätten wir allerdings längere Zeit auf der Insel verweilen müssen. Dazu hatte keiner von uns Lust, außerdem mussten wir ja noch Hubert Gimpel stellen. Also brachen wir direkt auf und erreichten bis zum Abend noch die Straße nach Waldenau.

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