Erzählt von Eldoril, Priester E’lis
13.10.358 AC – Gegen Mittag kehrte Fuchsohr zu uns zurück. Die Ereignisse der vergangenen Stunden lasteten schwer auf uns, und lange berieten wir, wie wir weiter vorgehen sollten. Besonders die Standarte, die wir entdeckt hatten, beunruhigte uns. Ihr Wappen war uns unbekannt, doch eines schien gewiss: Es gehörte nicht zu den Guten Göttern. Das Motto dieses Ordens — sinngemäß „Gehorche oder stirb“, „Unterwirf dich oder stirb“ — ließ nichts Gutes erwarten. Auch erinnerten wir uns daran, in Neraka Wappenröcke in Blau und Schwarz gesehen zu haben.
Schließlich brachen wir zur Pyramide auf. Wir wollten näher heran, um mehr über diesen Ort, seine Bewohner und die Absichten jener fremden Macht zu erfahren. Noch waren wir ratlos, doch Stillstand hätte uns keine Antworten gebracht. Der Wald um uns war feucht, neblig und bedrückend. Ein unwirklicher Urwald aus Wasser, Wurzeln, Moder und dichter Vegetation. Der Boden war uneben, verwachsen, nass und schwer zu begehen. Und doch war dieser Wald nicht tot. Fuchsohr spürte seine Lebenskraft. Überall waren Geräusche der Tierwelt zu hören, und inmitten dieser bedrückenden Schwüle lag etwas Lebendiges. Aber zugleich hatte Fuchsohr den Eindruck, als trüge der Wald eine schwelende Wunde in sich. Ob diese Wunde die Pyramide war, vermochten wir nicht zu sagen.
Fuchsohr führte uns durch das Dickicht. Der Weg war schwierig, und oft kam es mir vor, als bewegten wir uns in Schlangenlinien, doch der Druide bewies erneut sein Geschick. Nach etwa einer halben Stunde wurde der Wald lichter, und ein Bachlauf kreuzte unseren Weg. Die meisten von uns überquerten ihn ohne große Mühe. Therion jedoch hatte weniger Glück, musste ein Stück schwimmen und trocknete sich anschließend mit einem Zaubertrick.
Dann geschah etwas Seltsames.
Gotrek hörte eine Stimme in seinem Kopf. Nur er. Irritiert fragte er uns, ob auch wir etwas vernommen hätten, doch keiner von uns hatte etwas gehört. Ich wirkte Magie entdecken auf ihn und erkannte, wie etwas Magisches aus seinem Nimmervollen Beutel entwich und im Wald entschwand. Auch Therion sah es. Er vermutete, dass diese Erscheinung vom Karfunkel Malativas herrühren könnte. Zugleich erkannte er, dass auch der Wald selbst von Magie durchzogen war. So entstand der Vorschlag, diesem magischen Band zu folgen — vielleicht in der Hoffnung, auf einen Verbündeten zu stoßen oder Malativa einen letzten Willen zu gewähren. Fuchsohr unterstützte diesen Gedanken und versicherte uns, den Weg zur Pyramide jederzeit wiederfinden zu können. Als Gotrek den Stein herausnahm, wurden die Stimmen deutlicher. Im selben Augenblick hatte Fuchsohr den Eindruck, als sei etwas erwacht. Etwas hatte den Wald aufgeweckt. Auf seine Bitte hin wirkte ich einen Schutzkreis. Der dunkle Eindruck wich, die Stimmen verstummten, und die Verbindung wurde unterbrochen. Es war keine gute Kraft, die dort nach uns griff.
Gotrek verließ den Schutzkreis, und sofort stellte sich das Band wieder her. Also folgten wir ihm. Nach einiger Zeit endete die Wirkung meines Schutzes. Etwa achtzig Minuten später spürten wir erneut diesen Druck, als sei uns der Wald nicht mehr gewogen. Wir versuchten zu deuten, was uns führte. War es der grüne Drache, der Kontakt aufnehmen wollte? Oder wirkte die Krankheit, die einst Malativa befallen hatte, noch immer auf den Karfunkel ein und führte uns nun zu ihrer Quelle? Stunde um Stunde verging.
Schließlich endete der Wald, und die Dämmerung setzte ein. Der Himmel war wolkenverhangen. Vor uns erhob sich eine Anhöhe aus dem Urwald. Ihr Hang war von schwarzen Dornen überwuchert, während weiter oben wieder grüne Farne und Bäume wuchsen. In der Flanke des Hügels klaffte ein schwarzes Loch von mehr als sechs Schritt Durchmesser. Der Hügel selbst mochte vierzig Schritt hoch sein, der Eingang lag vielleicht fünfzehn Schritt über dem Boden. Wir fragten uns, ob dies das Heckenlabyrinth war — oder die Wohnstätte eines Drachen.
Gotrek steckte den Stein zurück in seinen Beutel, und die Stimmen wurden leiser. Fuchsohr bereitete sich innerlich auf die Begegnung mit einem Drachen vor. Therion sandte seinen Luftelementar Azyr in die Höhle, um sie zu erkunden. Gotrek wollte nach Spuren suchen, und wir begleiteten ihn. Aus der Höhle drang ein bitterer Geruch. Mandelartig. Ich erinnerte mich an den Säureodem des grünen Drachen, der einen ähnlichen Geruch getragen hatte. Fuchsohr fand Spuren eines großen Drachen. Er musste hier gelandet und wieder gestartet sein. Die Spuren waren nicht alt. Dann hörten wir einen Schrei — und die Verbindung zu Azyr brach ab.
Gotrek stapfte entschlossen zur Höhle hinauf, mit einem Funkeln in den Augen. Er brummte etwas in seinen Bart, sinngemäß, dass wir nun endlich einmal etwas zu Ende bringen sollten. Der Drache müsse angeschlagen sein, und nun könnten wir ihn erschlagen. Sein Vetter Murgrosch folgte ihm.
Bei allen Göttern — in diesem Augenblick fürchtete ich, dass uns die Zwerge den Tod bringen würden. Doch ich hatte auf unserer Reise gelernt, dass es Schlimmeres gibt als den Tod.
Wir betraten die Höhle. Kaum waren wir im Tunnel, wurde es dunkel. Hinter uns verschlossen Ranken den Eingang, und kein Tageslicht drang mehr hinein. Therion schuf Licht. Vor uns erkannten wir die Kante eines gewaltigen Beckens, gefüllt mit Edelsteinen und Gold. Die Höhle war riesig, vielleicht zweihundert bis dreihundert Schritt weit und zwanzig bis dreißig Schritt hoch. Auf dem Schatz bewegte sich etwas: ein schlangenartiger, geflügelter Leib.
Dann spürten wir sie.
Drachenangst.
Mögen die Guten Götter uns beistehen.
Die Stimme des Drachen erklang in unseren Gedanken: „Was haben wir denn da?“
Es war ein grüner Drache. Er verspottete uns: „Seid ihr stumm, oder seid ihr dumm?“
Gotrek antwortete, der Drache habe uns doch hierhergerufen. Doch der Drache wollte nur eines: den Stein. Den Karfunkel.
Dann wurde Gotrek bezaubert. Das Licht erlosch. Und er gab dem Drachen den Karfunkel.
Murgrosch versuchte, den Drachen anzugreifen, doch es gelang ihm nicht, den Verlauf der Dinge aufzuhalten. Ein wahnsinniger, völlig ungleicher Kampf begann. Therion und ich versuchten, uns zurückzuziehen. Auch Fuchsohr rief zum Rückzug. Doch die Zwerge kämpften. Dann setzte der Drache seinen Atem ein.
Gift.
Therion und Fuchsohr brachen zusammen. Ich selbst wurde schwer vom Gift gezeichnet und floh. Gotrek griff nach Fuchsohr und rief Murgrosch zu, er solle den Magier nehmen und fliehen. Doch der Drache wandte sich gegen Gotrek. Mit seinem Maul biss er zu und verletzte ihn schwer. Einen weiteren Angriff überlebte Gotrek nicht. Er brach zusammen.
Murgrosch stellte sich dem Drachen entgegen. Heldenhaft. Er rief mir nur zu: „Flieh!“
Der Drache griff erneut an. Klauen und Maul trafen den Zwerg, und doch stand Murgrosch noch immer. Er kämpfte weiter, mutig und unbeirrbar. Dann fiel auch er. Aber dieser eine Augenblick, den Murgrosch mir erkaufte, rettete mein Leben. Danke, Murgrosch.
Im letzten Augenblick gelang es mir, die Höhle zu verlassen. Meine Waffe des Glaubens legte den Eingang frei, sodass ich hindurchschlüpfen konnte. Ich floh hinaus in den nächtlichen Mangrovenwald. Der Drache verfolgte mich nicht. In der Ferne hörte ich ihn noch brüllen.
Ich war allein.
Bei allen Göttern. Meine Freunde waren gefallen. Ist es nun vorbei? Und warum habe ausgerechnet ich überlebt?



