Am Rand der zivilisierten Lande beginnt die Welt, anders zu klingen. Der Wind trägt dort nicht nur Wetter, sondern auch Gerüchte, und selbst ein ausgetretener Weg kann plötzlich wirken, als führe er in Vergessenheit statt zu einem Ziel.
Auf dem Weg zu den Wetterbergen
Am 1. April 2956 D.Z. zogen wir ostwärts, der Alten Straße folgend, hinauf in jene offenen, rauen Weiten, wo das Land sich streckt und die Hügel wie vernarbte Rücken im Dunst liegen. Hinter uns verblassten die Lichter der Menschen, vor uns wuchsen die fernen Zacken der Wetterberge, hart und kalt gezeichnet, als hätten sie gelernt, jeden Frühling nur widerwillig zu dulden.
Gegen Abend erreichten wir die Verlassene Herberge. Sie war nicht mehr das Gasthaus, das Reisende einst begrüßt hatte, sondern eher ein Überrest davon, ein ummauerter Hof mit einem Hauptgebäude und einer Stallung, deren Holz dunkel und verwittert war, und deren Steine mehr Moos als Stolz trugen. Was noch stand, stand, weil es zu schwer war, um zu fallen. Dass man sie Herberge nannte, war fast Spott, eher war sie eine Ruine, die man noch benutzen konnte, ein Ort, an dem sich gelegentlich Menschen zusammendrängten, weil die Nacht draußen schlimmer war als der Schmutz drinnen. Aus späteren Überlieferungen lässt sich sogar ableiten, dass dieses Haus schon lange vor unseren Tagen verlassen oder verfallen gewesen sein konnte, möglicherweise bereits um 2941 herum.
So schliefen wir dort, nicht in Frieden, sondern in einer Art Waffenstillstand mit der Dunkelheit. Und am Morgen brachen wir wieder auf.
Moorland und leuchtende Schatten
Am 2. April trugen uns zwei weitere Tage durch eintönige Weiten, bis das Land feuchter, schwerer wurde. Moor und sumpfige Senken lagen wie graue Tücher zwischen dürrem Gras, und der Boden gab stellenweise nach, als wolle er jeden Schritt behalten. Dort sahen wir in der Ferne leuchtende Gestalten, ein flackerndes, ungesundes Licht, nicht wie Feuer, eher wie Erinnerung. Selbst wer nicht an Geister glaubt, schweigt in solchen Stunden lieber.
Am 4. April standen wir unterhalb der Wetterberge. Nachts suchte ich die Wetterspitze mit wachsamen Augen ab, doch ich sah nichts. Gerade das war es, was beunruhigte, als hielte der Gipfel den Atem an.
Um die Berge herum und ein Hof im Zwielicht
Am 5. April ließen wir die Wetterberge hinter uns und folgten einem Karrenweg, der wie eine Narbe durch die Wildnis lief. Das Licht wurde dünn, die Dämmerung kroch über das Land, und jedes Geräusch schien weiter zu tragen als am Tag.
Nach etwa einer Meile tauchte ein Wehrhof vor uns auf, Farrels Hof, keine Burg, doch auch kein gewöhnlicher Bauernhof. Eine niedrige Mauer schloss den Hof ein, und das Tor war so gebaut, dass es mehr versprach als bloß Viehschutz. Schutz vor dem, was nachts aus Hecken und Gräben kommt. Die Gebäude standen gedrängt, als hätten sie gelernt, sich gegenseitig zu wärmen, Stall, Speicher, Wohnhaus, alles robust, alles praktisch, alles mit dem stillen Misstrauen jener errichtet, die zu oft schlechte Besucher hatten.
Kaum näherten wir uns, schlug ein Pfeil in unserer Nähe ein, ein Warnschuss, deutlich genug, dass kein Zweifel blieb, er galt uns. Wir riefen nach Gastfreundschaft, doch sie wurde uns nicht leicht gewährt. Man musterte uns lange, wägte ab, ob wir Gefahr oder Hilfe seien. Erst nachdem wir erklärten, dass wir Freunde suchten, die sich einem Grauen Wanderer angeschlossen hatten, und nachdem wir Schutz und Arbeitskraft anboten, öffnete man das Tor.
Die Nacht am Wehrhof
Das Mahl war einfach, aber kräftigend, Brot, Eintopf, was der Hof hergab. Dennoch schmeckte man in jedem Bissen die Anspannung, nicht die der Speise, sondern die der Menschen, die sie reichten. Der Bauer selbst trank zu viel, wie Männer trinken, die nicht schlafen wollen. Er sprach von bösen Zeiten, von Dingen, die er gesehen habe, und je mehr er trank, desto mehr schien ihm die Welt zu beweisen, dass sie schlechter geworden war.
Nach dem Nachtmahl hielten wir abwechselnd mit dem Gesinde Wache. Der Bauer ließ die Hunde am Tor anbinden, eine kluge Maßnahme, hätte die Nacht nicht ihre eigenen Klugheiten gehabt.
Später schlich sich Farrel der Jüngere aus dem Haus und traf sich draußen mit seinem Bruder Farweld, mit dem Cornifera Wache hielt war. Cornifera wurde fortgeschickt, weg vom Tor, weg vom Gespräch. Die Brüder redeten leise, doch nicht leise genug für einen, der gelernt hat, im Schatten zu hören.
Ich pirschte mich heran und fing Worte auf, die wie Rost klangen: „Wie lange sollen wir noch warten, bis Vater uns den Hof übergibt. Bald ist es zu spät …“
Dann übernahm ich wieder Wache und bemerkte etwas, das die Nacht endgültig verriet. Fleisch flog über die Mauer zu den Hunden. Sie fraßen gierig, als hätten sie lange darauf gewartet. Doch es war kein Geschenk. Es war eine List.
Ich schlug Alarm. Cornifera war sofort zur Stelle und kümmerte sich um die Tiere, als hinge an ihnen mehr als Wachsamkeit, als hinge an ihnen der Hof selbst. In der Ferne erkannte Annúngildor Bewegung.
Wir hielten weiter Wache, bis kurz vor der Dämmerung der Angriff kam, Brandpfeile. Sie zischten, schlugen ein, rissen Funken aus Holz und Stroh. Wieder Alarm. Annúngildor antwortete mit dem Bogen, ruhig und tödlich, als sei Dunkelheit für ihn nur ein anderer Tagesrand.
Cornifera und ich schlichen hinaus zu den Schützen. Sie war klein, ja, aber klein heißt nicht harmlos. Ihr Hobbitbogen sang, und im Zwielicht verlor die Überheblichkeit der Angreifer ihren Halt. Schließlich kehrten wir zum Hof zurück, und die Nacht verstrich, ohne dass die Mauer fiel.
Spuren in den Norden und ein Land, das tot wirkt
Am 6. April frühstückten wir ausgiebig, nicht aus Genuss, sondern aus Vernunft. Wer in solchen Landen marschiert, muss essen, solange er kann. Dann erkundeten wir die Stellung der Angreifer. Ich nahm die Spuren auf, sieben Personen, nordwärts.
Wir folgten ihnen bis in den Mittag hinein und noch zwei Stunden weiter. Dann fanden wir hinter einer Art Dornenhecke ein großes Zelt. Cornifera entdeckte einen Durchgang. Der Weg durchs Dickicht war unerquicklich, wir verliefen uns teilweise, so verschlang uns das Gestrüpp, als wolle es uns wieder ausspucken, woher wir kamen.
Als wir endlich hindurch waren, lag in ein paar hundert Metern eine Ruine vor uns. Das Land ringsum wirkte leblos, wie ausgezehrt. Cornifera schlich näher heran. Sie sah zwei Personen, die sich unterhielten und sie erkannte einen von ihnen. Zugleich bemerkte sie etwas an einem Fenster der Ruine, doch im selben Moment packte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, als läge ein Blick wie ein Gewicht auf ihrem Nacken.
Sie floh und aus dem Turm kam ein Zischen. Verfolgung. Hastig zurück durchs Dickicht. Als wir herauskamen, dämmerte es bereits.
Wir schlugen Lager auf, hielten alles im Auge. Später hörte Cornifera Geräusche und sah acht Personen aus der Ruine treten. Es war Nacht geworden, und aus dem Turm war ein Leuchten zu erkennen. Einen der Männer erkannten wir als unseren „alten Freund“ Tom.
Die Gruppe zog in Richtung Farrels Hof. Wir folgten in sicherem Abstand. Dann sahen wir sie die Mauer erreichen und angreifen, über das Mauerwerk springen, als hätten sie diesen Sprung schon oft geübt.
…
Hier endet diese Niederschrift, genau an der Schwelle, an der die heimliche Bedrohung zur offenen Gewalt wird. Und die Nacht, die Nacht hatte noch nicht ausgesprochen, was sie uns schuldig war.



