Tagebuch Norvid Runeson – Februar 1881
Auftrag von: Oberinspektor Olaf Dahl, Bergen, Norwegen
Ort: Insel Værøy, südliche Lofoten
Die Insel wirkt von der Welt abgeschnitten. Alles um sie herum ist eingefroren. Vorbereitung der Reise. Ich nehme ein Buch über die Sagenwelt der Lofoten mit. Gemeinsames Gebet mit Ida im Tempel der Artemis
Die Reise beginnt
Wir reisen mit dem Zug von Upsala nach Bergen. Die notwendige Kälteausrüstung erwartet uns vor Ort. Wir verfügen über ein Sitzabteil, geschlafen wird in Schlafabteilen, getrennt nach Männern und Frauen. Einige Mitglieder des Zugpersonals kommen uns bekannt vor, als hätten wir sie bereits auf unserer Reise vor einigen Monaten nach Upsala gesehen. Die Fahrt dauert vier Tage und Nächte.
Tag 1
Der Schaffner betritt unser Abteil zur Fahrkartenkontrolle. Es ist derselbe Schaffner wie auf der Übernachtfahrt von Stockholm nach Upsala am 31.12.1880. Bengt spricht ihn darauf an. Nach kurzem Zögern erkennt er uns wieder und gratuliert uns dazu, weiterhin das Zugsystem zu nutzen.
Kaum ist der Schaffner gegangen, hört Bengt ein Klimpern und kurz darauf erneut. Er versucht, Kollo hervorzulocken. Sunna legt ein Geldstück auf die Fensterbank.
Im Speisewagen treffen wir den Kellner vom 31.10.1880 wieder. Besonders an Bengts Großzügigkeit erinnert er sich noch gut. Bengt spricht mit ihm über seine Angst vor der Seefahrt. Sunna hat dafür bereits einen Betäubungscocktail vorbereitet. Bengt bittet darum, ihn schwächer zu dosieren, um die Angst bewusst wahrzunehmen und sich ihr zu stellen. Aus Vorsicht verwahrt Sunna die Munition seiner Waffe.
Bengt spricht über Butch und wendet sich dabei an mich. Ich werde abgelenkt, denn ich sehe Butch plötzlich als Erscheinung im Abteil. Niemand außer mir nimmt ihn wahr. Nach wenigen Augenblicken verblasst er.
Während wir darüber sprechen, schlägt von außen ein Vogel gegen das Fenster. Es ist inzwischen dunkel, und es beginnt zu schneien. Wir ziehen uns in unsere Schlafkojen zurück. Alle haben das Gefühl, dass es dieselben sind wie im Zug vom 31.10.1880. Mitten in der Nacht ertönt ein lautes „BABAM“, als wäre der Zug über etwas hinweggefahren, genau wie damals.
Tag 2
Am Morgen erwachen wir. Bengt meint erneut, einen klingenden Beutel gehört zu haben. Wir machen uns in den nach Geschlechtern getrennten Waschräumen frisch.
Ida fragt den Schaffner nach dem heftigen Ruckeln in der Nacht. Er vermutet ein Tier auf der Strecke, versichert jedoch, dass nichts Ernstes geschehen sei. Die Fahrt bleibt dennoch unruhig, da die Hauptstrecke weiterhin gesperrt ist. Vor einigen Wochen ist im Grenzgebiet zwischen Norwegen und Schweden ein Zug mit mehreren Bergarbeitern verunglückt. Es handelte sich um Angestellte der SVEA-Bergbaugesellschaft. Die Ursache des Unglücks ist noch ungeklärt.
Als wir über die SVEA-Bergbaugesellschaft sprechen und die Bergafru erwähnen, beginnt der Zug erneut stärker zu rumpeln. Sunna sieht in der Kabine einen Mann sitzen: mittellanges Haar, Mütze, Bart, ungepflegt, eine Zeitung in der Hand. Ein Arm fehlt, eine Gesichtshälfte ist verbrannt, Blut tritt aus seinem Torso, vermutlich ein Bergarbeiter. Wir anderen sehen nichts.
Sunna steht auf und versucht, ihn zu berühren. Seine Haut ist eiskalt. Der Mann nimmt sie wahr und starrt sie mit weit aufgerissenen Augen an, der Blick eines Sterbenden, wie Sunna ihn bereits kennt. Dann löst sich die Erscheinung auf.
Sunna öffnet kurz das Fenster. Neben ihr erscheint eine Frau in einem Kleid, die gemeinsam mit ihr hinausschaut. Plötzlich ruckelt der Zug heftig. Der Körper der Frau bewegt sich, als würde sich der Zug drehen, und ihr Kopf wird durch das Fenster abgetrennt.
Ida hört Klänge, die sakral und schamanistisch wirken. Sie sieht drei Priesterinnen mit Opferschalen voller Blut am Abteil vorbeigehen. Sunna sieht den Geist eines Bergarbeiters durch den Gang fliegen, eine Metallstrebe löst sich, und er wird aufgespießt. Für einen Moment glaubt Sunna, dessen Schmerzen und das Blut zu spüren. Sie wird erneut von uns angeblickt.
Wir gehen in den Speisewagen, Ida als Letzte. Dort sieht Ida die Frau mit dem zweigeteilten Gesicht.
Der Zug wird wieder durchgeschleudert. Wir befinden uns nun in den Bergen. Sunna sieht, wie jemand an der Theke nach hinten geschleudert und von einem Schrank zerquetscht wird. Eine tiefe, weibliche Stimme aus uralten Zeiten spricht: „Die Jagd hat begonnen.“
Sunna sieht immer wieder sterbende Menschen aus dem früheren Zugunglück. Nach mehreren Stunden kehren wir auf die alte Strecke zurück. Je weiter wir uns vom Ort entfernen, desto schwächer werden die Erscheinungen.
Ich blicke aus dem Fenster und meine, dreimal ein Horn gehört zu haben. In den Bergen sehe ich riesige, steinerne Wesen, die sich aus dem Fels lösen. Die Stimme spricht erneut:
„Der verlorene Berg kehrt zurück.“
Die folgenden Tage, der dritte und vierte, verlaufen ereignislos.
Ankunft in Bergen
Wir erreichen Bergen, die Stadt der sieben Hügel, am späten Vormittag. Ein junger Mann erwartet uns mit einem Schild: „Die Gesellschaft aus Upsala“.
Er organisiert eine Kutsche, die uns zu einem renovierten, luxuriösen Hotel bringt. In einem privaten Speisesaal sind bereits Speisen vorbereitet. Herr Dahl und ein Kollege warten dort auf uns.
Bengt erschreckt Herrn Dahl, als er ihn direkt fragt, ob er etwas von dem Zugunglück mitbekommen habe, ohne zu erwähnen, dass es sich um ein Wochen zurückliegendes Ereignis handelt.
Im Gespräch erfahren wir, dass um die Insel noch immer eine Polare Finsternis herrscht, obwohl diese längst hätte enden müssen.
Kapitän Harrock betritt den Raum. Er will in einer Stunde ablegen, die See ist derzeit tückisch. Proviant für drei Monate ist an Bord. Ziel ist Sorland, Værøy.
Am Hafen sehen wir Kapitän Harrocks Eisbrecher die Miss Paulina. Er wirkt, als sei er nochmals aufgerüstet worden. Wir erhalten eigene Kabinen.
Überfahrt
Die Besatzung besteht aus fünfzehn Mann, hinzu kommen fünf Soldaten unter Leutnant Harald Lieden, die Militärärztin Dorothe Lokonen sowie Pfarrer Markus von Sydow. Die Reise soll sieben Tage dauern. Kältekleidung wird uns an Bord gestellt. Gewehre und Schusswaffen stehen zur Verfügung.
Bei der Ausfahrt sehen wir einen Wal blasen. Wir halten Kurs entlang der norwegischen Küste, immer weiter in Richtung der Polarnacht. Die Tage werden stetig kürzer.
Die Mannschaft erzählt, der Klabauter an Bord heiße Klaas. Auch wenn sie ihn weder sehen noch hören, ist man sich sicher, dass er da ist. Wir sehen ihn gelegentlich aus der Ferne. Sunna spricht mit ihm.
Bengt sucht das Gespräch mit der Ärztin und besorgt sich bei Harrock zusätzlich eine Pistole, ein Entermesser und eine Harpune.
Gespräche an Bord
Ein Teil der Mannschaft ist überzeugt, dass bei früheren Schiffen die Besatzung erfroren sei, weil Meerjungfrauen sie in eine Falle gelockt hätten. Man erzählt, diese Wesen hätten bereits größere Schiffe ins Verderben geführt. Als ein junger Matrose von einem Riesenkraken berichtet, wird er ausgelacht. Niemand hält das für möglich.
Der Priester kann nur wenig beitragen. Er wurde aus Norwegen als geistlicher Beistand mitgeschickt und weiß selbst kaum mehr als wir. Die Freja gilt als vollständig verschwunden, dreißig Mann Besatzung, ohne jedes Lebenszeichen.
Die Militärärztin berichtet ausführlicher. Leutnant Lieden war zuvor auf der Alexandria, doch das Schiff konnte wegen des dichten Eises nicht näher heranfahren. Sie erzählt von einem Seemann der Freja, der in einem Ruderboot im Eis trieb. Ein Arm und ein Bein waren unnatürlich abgewinkelt. Augen und Mund standen weit offen, der Mund so sehr, dass er ausgerenkt wirkte. Über dem Körper lag eine vollständige Eisschicht. Die Haut erschien marmoriert, als bestünde sie selbst aus Eis. Der Mann ließ sich nicht auftauen – auch nicht auf der Rückfahrt der Alexandria. Wohin er anschließend gebracht wurde, weiß sie nicht.
Die Eisfahrt
Am fünften Tag der Reise sehen wir nur noch Polarlichter. Die Sonne geht nicht mehr auf, obwohl sie es in dieser Region längst müsste. Die Temperaturen sinken weiter.
Bengt versucht, unsere bisherigen Erkenntnisse zusammenzufassen. Aktuell halten wir Eistrolle oder ähnliche Wesen mit Eisatem für möglich. Der Schiffsklabauter Klaas mischt sich ein, doch seine Einwürfe helfen uns nicht weiter. Der Schnupftabak, den Bengt gefunden hat, stammt nicht von ihm.
Das Schiff stößt auf Eis und bricht sich mühsam hindurch. Wir befinden uns am fünften Tag, die Ankunft ist für den siebten geplant. Soweit das Auge reicht, erstreckt sich eine riesige, nicht enden wollende Eisfläche. Anfangs kommt der Eisbrecher noch gut voran, doch bald wird das Eis dichter und widerständiger. Kapitän Harrock zeigt deutliche Sorgenfalten. Es ist das Ende des fünften, der Beginn des sechsten Tages.
Mit dem Fernglas ist die Insel noch zu erkennen. Der Hafen ist vollständig von Schnee und Eis bedeckt, ohne jedes Zeichen von Leben. Wir legen Skier an und beladen Schlitten mit Proviant und weiterer Ausrüstung. Die Soldaten sollen uns begleiten, am Hafen einen Stützpunkt errichten, während wir weiter nach der Ursache suchen. Die Eisfläche hat sich auf mehr als zwei Kilometer ausgedehnt.
Wir stehen an Deck, als erneut Schnee einsetzt und sich ein leichter Schneesturm aufbaut. Gemeinsam mit den fünf Soldaten machen wir uns auf den Weg.
Der Weg zur Insel
Ida und Bengt entdecken tief im Eis eingefrorene Menschen und glauben, Teile eines Schiffes zu erkennen. Ich sehe eine Gruppe von Wikingern, die sich in nordischem Slang sprechend in Richtung der Insel bewegt. Ich habe das Gefühl, etwas Entscheidendes zu übersehen.
Die Temperaturen liegen bei mindestens minus zwanzig Grad. Die Bedingungen setzen den meisten von uns stark zu. Je näher wir dem Festland kommen, desto kälter wird es. Die Häuser sind bereits von einer dicken Eisschicht überzogen.
Ich sehe eine Horde Wikinger, die schreiend wie bei einem Angriff auf den Hafen zustürmt. Ihre Ausrüstung entspricht der Zeit von Alt-Upsala (790 – 1050 n Chr. Frühe Wikinger). Es ist Abend und Nacht zugleich. Die Sternkonstellationen wirken fremd. Aus alten Büchern erinnere ich mich daran, wie die Priester von Upsala in den Sternbildern die alten Götter erkannten. Der jetzige Sternenhimmel entspricht genau diesem alten Sternenhimmel, so wie ihn die Wikinger deuteten.
Der Hafen
Wir erreichen den Hafen und bewegen uns zwischen den Anlegern. Etwa zwei Häuser stehen offen, die übrigen Gebäude wirken verlassen, viele sind verschlossen oder zugenagelt.
In einem Boot sitzen Menschen, eingefroren in ihrer Bewegung. Andere liegen auf dem Boden, von dicken Eisschichten umschlossen. Ein Mann ist mitten im Lauf erstarrt. Die Menschen wirken wie Marinesoldaten, möglicherweise Angehörige der Freja. Die eingefrorenen Körper strahlen keine stärkere Kälte aus als ihre Umgebung.
Eine Straße führt vom Hafen den Hang hinauf zu den Gebäuden des Ortes. Ein Bau ähnelt stilistisch einem alten Langhaus, vielleicht dem Rathaus oder einem Gemeindehaus.
Gemeinsam mit den Soldaten untersuchen wir zunächst die Gebäude am Hafen. In einem offenstehenden Haus finden wir Essensreste und Geschirr auf dem Tisch. Bengt bricht eines der verschlossenen Häuser auf, ein Bootshaus. Im Inneren ist es mit Runen übersät. Eine Inschrift ist deutlich zu lesen:
Deutsch:
„ᛏᛁ ᚴᛁᛚᛏᛁ ᛏᛁ ᚢᛁᚱ ᚠᛁᛅᚱᚾ“ / „Die Kälte, die wir feiern.“
Altnordisch:
„ᚴᚢᛚᛏᛁ ᛋᛅ ᛁᚱ ᚢᛁᛦ ᛒᛚᚢᛏᚢᛘ“ / „Kuldi sá er vér blótum“
Eine Treppe führt hinab. Ida und ich hören ein leises Wimmern und ein „Pssst“. Eine brüchige weibliche Stimme summt ein Schlaflied. Der Lichtkegel der Sturmlaterne wird abgelenkt, und unter der Treppe sehen wir eine bleiche, abgemagerte Frau mit einem Säugling im Arm. Sie bittet uns, niemandem von ihnen zu erzählen. Sie hätten alles getan, um es zu besänftigen, doch es habe sie alle bestraft. Nun sei niemand mehr da, und sie seien so hungrig.
Weiter unten finden wir Kisten und Säcke mit Vorräten. Außerdem liegen dort die Überreste einer Frau mit ihrem Kind, bereits leicht verwest. Beide müssen vor dem Einsetzen des Eises gestorben sein. Der Geist der Frau steigt die Treppe hinab, spricht: „Mein Kind, wir müssen keinen Hunger mehr leiden.“ Dann verschwindet sie.
Wir sehen eine ganze Familie, im Bett gestorben. Fast überall entdecken wir alte Zeichen und Symbole zum Schutz und zur Ehre.
Die Soldaten versuchen, eines der Häuser am Hafen aufzuheizen. Wir selbst schlagen uns weiter in Richtung des langhausartigen Gebäudes durch. Die Kälte greift unsere Verfassung massiv an.
Aufstieg in den Ort
Wir legen einen Zwischenhalt bei der Hafenmeisterei ein. Das Gebäude besteht aus dicken Tannenstämmen und ist stärker vereist als die übrigen. Im Inneren finden wir Menschen, die bei der Arbeit überrascht und eingefroren wurden. Auch hier ist alles von Eis überzogen. Es handelt sich um Mitarbeiter der SVEA-Bergbaugesellschaft.
Wir folgen dem langen, gewundenen Weg hinauf in den Ort und kommen an weiteren Häusern vorbei. Nur wenige stehen offen, die meisten sind verschlossen oder vernagelt. Aus der Ferne sehen wir ein Langhaus, aus dessen Schornstein Rauch aufsteigt. Clara fühlt sich beobachtet.
Der Sturm nimmt zu, die Sicht wird schlechter, und wir kommen nur langsam voran. Auf halber Höhe hören wir ein tiefes Grollen, das die Insel erzittern lässt. Es kommt von hinter den Bergspitzen. An den Klippen sehen wir Menschen, die in Schutzstellung zum Meer hin eingefroren sind. Noch bevor wir das Gebäude erreichen, hören wir erneut ein zornerfülltes Grollen.
Das Gasthaus
Das Langhaus wirkt wie ein Gasthaus und scheint vergleichsweise neu zu sein. Jede Ritze ist zugenagelt. Das Feuer im Inneren ist schwach; ein richtiges Kaminfeuer müsste deutlich mehr Rauch erzeugen.
Ida klopft an die Tür. Sie meint, kurz ein Geräusch gehört zu haben, dann herrscht wieder Ruhe. Bengt klopft lauter und ruft. Ida hört, wie ein Hahn gespannt wird. Bengt geht um das Haus herum und prüft den Hintereingang.
Sunna klopft erneut und erklärt, dass wir Vorräte haben. Eine brüchige Stimme fragt, welche Vorräte es seien, und fordert uns auf, sie vor die Tür zu legen und zurückzutreten.
Die Tür öffnet sich kurz. Im Hintergrund stehen zwei bewaffnete Gestalten. Im Inneren ist es dunkel. Der Mann vorne wirkt völlig verwahrlost, mit ungepflegten Wunden und Resten einer Marineuniform. Er zieht das Essen hinein und schlägt die Tür zu. Wir hören, wie sie die Verpackungen aufreißen und das Essen gierig verschlingen. Auf weiteres Klopfen und Zureden reagieren sie nicht mehr.
Das Blockhaus und die Nacht
Wir suchen ein nahegelegenes Blockhaus auf und prüfen, ob wir dort ein Feuer entfachen können. Es gelingt uns, das Haus zu öffnen. Tür und Schloss waren im Rahmen festgefroren. Im Inneren ist es etwas wärmer als draußen. Die Schränke stehen offen, Kleidung liegt verstreut herum, es wirkt wie das Ergebnis einer hastigen Flucht.
Wir machen den Ofen gangbar und entzünden ein Feuer. Gepäck und Schlitten ziehen wir ins Haus. Es ist nach Mitternacht. Unser Zeitgefühl ist uns völlig abhandengekommen.
Ich übernehme die erste Wache. Vom Norden der Insel höre ich ein Geräusch, als würden tonnenschwere Eismassen splittern, gefolgt von einem wütenden, urtümlichen, unmenschlichen Schrei.
Ida hält die zweite Wache und spürt immer wieder leichte Erschütterungen. Sunna übernimmt danach. Bengt hält die letzte Wache. Aus den Bergen kommt ein Summen herab, als würde sich etwas langsam den Hang hinunter bewegen. Es ist ein Gesang, ruhig, kalt, streng, rhythmisch.
Ich verstehe keine Worte im eigentlichen Sinne. Doch der Sinn drängt sich auf, unausweichlich:
„Jemand kommt. Er holt alle. Er zieht sie in die Kälte.“
Der Gesang ist fordernd. Es ist eine Sprache, älter als Altnordisch, nicht für Menschen bestimmt. Manche Laute lassen sich kaum denken, geschweige denn sprechen.
Draußen herrscht absolute Stille. Das Feuer im Ofen schimmert bläulich. Auch dieses Haus ist mit Schutzzeichen versehen, mit Symbolen von Göttern und der Kälte. Daneben finden sich auch Kreuze. Die Zeichen der Kälte deuten auf alte Zeremonien und Rituale hin. Laut Karte liegt nördlich eine Kirche oder ein alter Tempel.
Morgengrauen
Am Morgen bekommen wir die Tür kaum auf. Sie ist fest zugefroren, eine kniehohe Eisschicht ist über Nacht daran emporgeklettert.
Als wir schließlich hinaustreten, trifft uns der Anblick wie ein Schlag: Die gesamte Landschaft ist vollständig eingefroren. Im Hafen liegen über drei Meter hohe Eisschollen. Es wirkt, als sei das Eis von Norden her über die Insel hereingebrochen. Mächtige Eisrampen haben sich gebildet.
Aus dem Kamin des Gasthauses steigt noch Rauch auf. In der Luft liegt der Geruch von verbranntem Fleisch.



