30. Januar 1881
Fassungslos starren wir auf die schwarz verkrustete Gestalt mit dem Raubtiergebiss. Clara und Ida stöhnen entsetzt auf und erstarren förmlich vor Angst, während Bengt panisch das Weite sucht. Norvid spricht das Geschöpf mit Jörgen an, woraufhin die Kreatur ihn anspringt. Zum Glück kann er ausweichen.
Ich lasse meinen Stab auf den Rücken des Scheusals krachen, als ich ein zweites Mal zuschlage weicht es blitzschnell aus. Bengt feuert ein paar Schüsse ab aber das Vieh ist viel zu schnell und weicht seinen Schüssen, meinen Schlägen und den Weihwasser- Attacken von Ida geschickt aus. Wir haben seinen Attacken gegenüber weniger Glück, während es Bengt und mir nur ein paar tiefe Fleischwunden zufügt, richtet es Norvid und Ida übel zu.
Meine Versuche Norvids Wunden schnell notdürftig abzubinden haben keinerlei Wirkung und unser knusprig schwarzer Gegner tobt weiter wild angreifend um uns herum. Als ich die Beine in die Hand nehme, um Hilfe aus dem Innern der Mine zu holen höre ich plötzlich Idas Ruf: „Es ist fort“.
Wir versorgen notdürftig unsere Wunden und untersuchen die Höhle nach Spuren der Kreatur. Dabei entdeckt Clara ein Warnschild, das Besucher und Arbeiter wohl davon abhalten soll den mittleren Tunnel zu betreten. Ida spürt wie heiße Luft aus dem mittleren Tunnel strömt und während wir die Risiken des Betretens diskutieren, betritt sie einfach den Tunnel, Bengt und Norvid im Schlepptau. Clara und ich folgen ihnen.
Wir sehen wie sie auf eine Steinmauer zulaufen, die den Tunnel einst versperrte aber nun ein großes Loch aufweist. Wir sehen sie durch das Loch steigen und plötzlich verschwinden. Eine uns bekannte Situation, im und um das Schloss herum schon oft erlebt. Natürlich steigen wir ebenfalls durch die Stelle im Mauerwerk.
Hinter der Mauer untersucht Ida soeben den Fundort der nicht gealterten und nicht verwesten Leiche des Bergmanns, der interessanterweise Martin Ekdahl hieß, ein Vorfahre von Jörgen? Sie zeigt uns ein paar feine schwarze Spinnenfäden, die den Platz der Leiche umrandet hatten, so etwas haben wir noch nie gesehen, wir wissen nicht was wir damit anfangen sollen.
Urplötzlich taucht die kohlschwarze Kreatur im Durchbruch des Mauerwerks auf. Uns stockt der Atem, doch sie kann uns scheinbar nicht wahrnehmen, schnuppert nur ein paar Mal und kehrt dann wieder um. In der Höhle, auf unserer Seite der Mauer ist ein unendlich tiefer Schacht. Aus ihm schießt zweimal heiße Luft empor.
Ich habe das Gefühl das dies ein Versuch des Berges ist, ein Gespräch mit uns zu beginnen. Ich lege mich auf dem Bauch an den Rand des Schachts und rufe: “Berg, hier wird zu tief gegraben, das ist nicht recht, wir wollen dir helfen, aber wir brauchen deine Unterstützung, hilf uns“.
Die Antwort ist eine tiefe Erschütterung der Minen und das Aufleuchten eines grünen Lichtes in der Tiefe. Plötzlich haben es Norvid und Clara ganz eilig von hier fort zu kommen, sie drängen uns andere SOFORT mit ihnen die Höhle zu verlassen. Schade, ich hätte mich gerne noch weiter mit dem Berg unterhalten, aber ihr Tonfall duldet keinerlei Aufschub.
Als wir wieder zurück in der Mine sind liegen neue, bis zur Unkenntlichkeit verbrannte, Leichen überall in den Gängen. Norvid meint, dass die Leichname mindestens schon einen halben Tag dort gelegen haben müssen, ihrem Zustand nach und als wir zum Minenausgang kommen ist die Mine geschlossen und verbarrikadiert.
Kleine Veränderungen am Sternenhimmel können von Bengt so gedeutet werden, dass wir mehr als einen Tag in dieser Zeit fort waren und doch zeigt die Taschenuhr von Norvid an, dass wir nur zwei Stunden in den Minen waren, die Zeit hinter der Mauer muss eine andere gewesen sein als die in dieser Gegenwart. Wir laufen Unheil ahnend Richtung Falun, das ungute Gefühl, dass es dort inzwischen noch ganz andere Feuer zum Löschen geben wird, treibt uns zur Eile an.
Als wir durch das Viertel der Bergbau-Leute hasten sehen wir verlassene und verrammelte Häuser und im Stadtviertel stoßen wir auf Barrikaden. Wir laufen zum Fika-Haus und wahrscheinlich mitten in einen tobenden Bürgerkrieg hinein. Beim Fika-Haus finden wir ebenfalls verbarrikadierte Türen und Fenster vor und als wir klopfen, fällt die Kellnerin, die daraufhin zur Tür kommt, fast in Ohnmacht als sie uns sieht, denn in der Stadt gelten wir als tot, in den Minen verunglückt.
Madame Dubois und Franzibald Hansen sind nicht anwesend, da sie geladene Zeugen der Hexenprozesse sind, die genau in diesem Moment in der Kirche abgehalten werden. Fassungslos stehen wir im Schankraum und diskutieren kopflos und übermüdet unser weiteres Vorgehen.
Während wir debattieren erscheint Graubart, weicht Norvids Fragen sämtlich aus und verschwindet genau so plötzlich wieder. Scheinbar sind wir die Einzigen, die ihn gesehen haben und sich an ihn erinnern können. Was ist Graubart wirklich?
Nun müssen wir rasch eine Entscheidung treffen, ich will die Kirche stürmen und den Pfarrer vor seiner anvertrauten Gemeinde schlecht machen, den Gläubigen die Augen öffnen und die vermeintlichen Hexen erretten. Ida und Clara scheinen vorsichtigere Pläne im Sinn zu haben, trotzdem laufen wir alle in die gleiche Richtung und an den bewaffneten Männern, die offenbar die Kirche bewachen sollen, vorbei mitten in das Gotteshaus hinein.
Dort sitzen in der ersten Reihe einige Frauen der Bergleute mit gefesselten Armen und im Altarraum besprengt Pfarrer Bruselius die Hauptangeklagte Lisa Johansson mit Weihwasser und schreit hysterische Glaubensparolen und Schuldzuweisungen.
Ich suche die Reihen der im hinteren Kirchenschiff sitzenden Bergleute nach meinem “Verlobten” Hetgar ab und sehe ihn und die anderen weiß vor Zorn und mit geballten Fäusten, es kann nicht mehr lange dauern, bis hier eine Schlacht um Leben und Tot entbrennen wird.
Ich platze lautstark in die Hasspredigt von Pfarrer Bruselius und während wir uns anschreien und seine Männer und Bengt mit Gewehren aufeinander anlegen wir es in der Kirche immer heißer und heißer.
Und dann schwebt brennend ein schwarzer, in Flammen stehender Baby-Myling von der Kirchendecke und wirft hasserfüllt Feuerbälle auf alle anwesenden Menschen. Der erste Feuerball trifft Pfarrer Bruselius, der daraufhin lichterloh in Flammen steht und so das Schicksal erfährt, dass er kurz zuvor noch den Frauen der Bergleute zugedacht hatte. Bengt versetzt ihm einen Gnadenschuss.
Im brennenden Inferno, das sich im Inneren der Kirche ausbreitet, entsteht eine Massenpanik. Wir versuchen so viele Menschen zu retten, wie wir können, doch viel zu viele finden heute auf grausame Art ihr Ende. Lisa und Emilie können wir vor den Flammen retten. Ich wende mich, gemeinsam mit Clara, gegen den bösen Myling und haue ihm mehrmals mit meinem Stock ordentlich eine rein. Es lässt daraufhin ein ohrenbetäubendes Kreischen und Wimmern ertönen, dass uns fast den Verstand raubt, und löst sich an der Decke des Altarraums auf.
Als wir die geretteten Menschen versorgen, die nach und nach wieder zu Bewusstsein kommen, sehen wir, dass auch Emilie, die ebenfalls beim Anblick des Mylings in Ohnmacht gefallen war, wieder zu sich kommt. Sie bricht in Tränen aus und gesteht uns eine Tat, die uns das Herz im Leibe gefrieren lässt.
Sie hat ihr eigenes Baby, das Kind ihrer großen Liebe Jörgen Ekdahl, mit eigener Hand erstickt, um es vor einer Kindheit, die durch Ziehvater Pfarrer Bruselius die Hölle auf Erden gewesen wäre, zu bewahren. Die Gebeine des Säuglings hatte sie, nachdem der Körper durch den Pfarrer verbrannt wurde, in der Mine versteckt, an der Stelle, an der sein Vater verstorben war.
Wir können sie überzeugen, mit uns diesen Ort aufzusuchen. Tief in der Mine nimmt Emilie behutsam die winzigen Gebeine ihres kleinen Mädchens in die Arme und verspricht ihm, dass nun alles gut werden wird. Ich frage: „Und was wird aus Jörgen? Soll er nicht auch seinen Frieden finden?“.
Genau in diesem Moment, wie eine Antwort auf meine Frage, taumelt die schwarze Kreatur in den Gang auf seine Frau zu. Er nimmt sie mitsamt den Gebeinen des Kindes in die Arme und setzt sie in Flammen. In den Flammen können wir nun Jörgen Ekdahl in seiner ursprünglichen menschlichen Gestalt sehen. Trotz des sicheren Todes sehen wir in den Gesichtern der kleinen Familie Liebe, Erleichterung und Erlösung. Nun sind sie vereint.
Plötzlich schreit Clara auf und deutet auf eine Stelle hinter uns. Dort steht Lisa, kreidebleich, den bluttriefenden Kopf von Franzibald in der Hand und Franzibalds grüne, jetzt stark pulsierende, Kette um den Hals.
Sie spricht mit einer tiefen gutturalen fremden Stimme auf Altnordisch: „Die Steine gehören den Göttern und nicht den Menschen, die Vanadisir müssen sterben!“ und für einen Moment sehen wir dort, wo Lisas Gesicht sein müsste, das Gesicht der Hüterin, die bei unserer Zeitreise in den alten Hügelgräbern beschworen wurde. Eine Gesichtshälfte sieht aus wie untote Kriegerin aus Helheim, die andere wie die Schildmaid aus den alten Tagen von Upsala.
Wir brechen vor Angst und Grauen zusammen, die frühere Lisa verschwindet so schnell wie sie kam. Als wir wieder klar denken können und uns auf den Weg aus der Mine machen, wirken Bengt, Ida und Norvid sehr mitgenommen.
Was ich nicht auszusprechen wage ist, dass sie mich ein Stück weit an die Insassen der Nervenheilanstalt in Upsala erinnern. Norvid spricht auf dem Rückweg kein Wort, ich sehe, dass sein ehemals dunkelbraunes Haar innerhalb von Sekunden schlohweiß geworden ist, schlohweiß wie das Haar von Linnea Elfeklint…



