Wildherz 1 – Der Nebel

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Tag 1 – Spätherbst
Die Clans der Ejdlande waren zum Thing zusammen gekommen. Hunderte von Menschen hatten sich versammelt, um den Göttern Blutopfer darzubringen und die jungen Männer der Stämme in den Kreis der Erwachsenen aufzunehmen. Letztes Jahr hatte ich, Jorn Kolsvarta, meine Initiation erhalten, und bereits heute ging ich den Priestern bei den Zeremonien zur Hand. Ich säuberte die Blutschalen, half beim aufziehen der Opfergaben an den großen Blutpfählen und kümmerte mich um all die Kleinigkeiten, die es drumherum zu erledigen gab.

Es war der letzte Abend. Das meiste Gepäck hatte ich schon zusammengeräumt. Die Männer der Stämme saßen an den Feuern für ein letztes Abendmahl beisammen, als mit der untergehenden Sonne Nebel aus den Wäldern in die weite Senke kroch.  Im Lager machte sich Unruhe breit, denn in dem grauen Schleier konnte man einige riesenhafte Schatten sich bewegen sehen. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis der Nebel das gesamte Thing verschlungen hatte und Chaos ausbrach. Dumpf hörte ich Alarmsignale und Schreie. Menschen liefen vorüber. Irgendwo loderte Feuer auf. Ich griff mir mein geschnürtes Bündel und lief in Richtung Wald, als sich plötzlich vor mir aus dem Nebel eines dieser Ungetüme herausschälte. Gerade vergrub ein Clankrieger mit einem Schrei seine Axt in den Leib des Monsters, wurde aber von einer skelettartigen Klaue wie ein lästiges Insekt beiseite gewischt. Pfeile schlugen aus verschiedenen Richtungen in die Kreatur ein  und ließen sie schauderhaft aufstöhnen. Dabei sah ich den bizarren Kopf der Abscheulichkeit, der nur noch knöchern war und am ehesten dem eines Hirsches ähnelte. Aus der bleichen Schädeldecke wuchs ein dornenscharfes Geweih, dass die Bestie jetzt herumwarf. Der Krieger hatte sich aufgerappelt und stürzte sich erneut in den Kampf. Mir blieb nur eine Möglichkeit, ihm zu helfen. Ich hatte das in der Form noch nie getan, aber nun würde sich erweisen, wie gut meine Ausbildung war. Ich konzentrierte mich und rief den Zorn Tyrds herbei, schnitt mir mit meinem Blutstab in die Handfläche und kanalisierte alle Kraft in das Pyrusmal, dass ich dann dem Monster entgegen schleuderte. Wieder war dieses Stöhnen zu vernehmen. Der Geruch von verbranntem Fleisch lag in der Luft. Weitere Pfeile schlugen in die Kreatur ein. Mit einem letzten mächtigen Hieb fällte der Clankrieger schließlich die Abscheulichkeit, die mit einem knöchernden Klappern, als wäre der Leib hohl, zusammenbrach.

Ich war von der Anrufung der Götter bereits erschöpft, dennoch begann ich damit, laut zu Sunvei zu beten, in der Hoffnung, dass ihre Gnade und Wärme den Nebel und die Schrecken der Dunkelheit vertrieb. Ich bemerkte, dass sich noch zwei weitere Krieger, vermutlich die Bogenschützen, bei der Leiche des Monsters einfanden und diese untersuchten. Währenddessen kamen im Nebel von allen Seiten hohe schlanke Schatten auf uns zu und umringten uns so, dass es kein entkommen mehr gab. Ich betete lauter und trug die Worte immer schneller vor,  in der Hoffnung, dass die Sonne die Monster vertrieb. Plötzlich wich der Nebel, so schnell wie er gekommen war, vor uns zurück. In diesem Moment sah ich, dass die großen Schatten Bäume waren. Der Thingplatz war fort. Ich stand mit den drei anderen Kriegern inmitten eines von abendlichem Sonnenlicht durchfluteten Herbstwald. Neben uns vermoderte – und es geschah so schnell, dass man dabei zusehen konnte – der Kadaver der Abscheulichkeit, bis der Leib vollständig von Farne und Buschwerk bedeckt war und nur hier und da noch bleiche Knochen hindurch schimmerten.

Meine Mitstreiten schienen genau so verwirrt wie ich zu sein. Der eine, der mit der Axt auf das Monster eingedroschen hatte, nannte sich Thorgrim Eisenkante und war aus der Nähe betrachtet über zwei Meter groß. Er wirkte grobschlächtig und bedrohlich auf mich und schien schon in einigen gefährlichen Situationen gesteckt zu haben, aus denen er nur knapp entkommen konnte, denn sein Leib war von zahlreichen  Kampfnarben übersät. Aber zumindest den Bären, der ihm diesen hässlichen Schmiss zugefügt hatte, konnte er offensichtlich besiegen, denn dessen Kopf trug er als Helm auf seinem Haupt.

Die beiden Bogenschützen unterschieden sich wie Tag und Nacht. Der eine, Gorhar, war athletisch gebaut und hochgewachsen, ganz ansehnlich, mit eleganten und flinken Bewegungen. Der andere, Skogbiorn, war klein und knotig, verwachsen wie ein alter Baum, mit struppigem Haar, dass büschelweise an vielen Körperstellen wucherte. Er hatte eine prägnante Nase und eine ebenso prominente Warze im Gesicht, aus der drei drahtige Borsten wuchsen.

Es stellte sich schnell heraus, dass keiner von uns wusste, wie wir hierher gekommen waren, noch wo genau „hier“ eigentlich ist. Es konnte auch niemand sagen, was das für untote Kreaturen waren und warum sie das Thing angegriffen hatten. Um sich zu orientieren, kletterte der Kurze auf einen der Bäume und mutmaßte anschließend, dass wir uns in einem großen Wald befinden müssten, vermutlich dem Wildherz, und dass die Ejdlande wahrscheinlich im Westen lägen. Da es aber bald dunkel werden würde, beschlossen wir, zunächst einen geeigneten Lagerplatz zu suchen. Sowohl Skogbiorn als auch Gorhar schienen sich gut im Überleben in der Wildnis auszukennen. Das beruhigte mich ein wenig, denn alleine wäre ich hier wohl aufgeschmissen gewesen.

Als wir einen Unterschlupf für die Nacht gefunden hatten, machte ich noch eine interessante Beobachtung. Skogbiorn hatte sich etwas abseits begeben. Erst dachte ich, er führe dort Selbstgespräche, dann sah ich aber, dass er offensichtlich mit einem kleinen Vogel sprach, der auf einem der unteren Äste eines Baumes hockte. der Kurze hatte also durch sein Trollblut nicht nur sein exzentrisches Äußeres geerbt, sondern auch die Fähigkeit, das Vitner zu formen.

Ich fragte ihn, als er zu uns zurück kam, was der Vogel ihm zu berichten wusste. Skogbiorn schien nicht verwundert zu sein, dass ich seine Zauberei bemerkt hatte. So wie es aussah, war der Weg nach Westen ersteinmal sicher. Allerdings gab es in der Gegend wohl ein paar Trolle, die wir auf unserem Marsch aber hinter uns lassen würden.

Tag 2
Den gesamten Tag liefen wir nach Westen. Wir hatten beschlossen, zu den Trollen etwas Abstand zu gewinnen, bevor wir ein bis zwei Tage rasten würden, um uns Vorräte für die Reise anzulegen. Gorhar und der Kurze waren sich einig, dass wir mindestens eine Woche, vielleicht auch ein wenig länger, unterwegs sein würden. Bis zum Abend kamen wir gut voran. Der Wald war beeindruckend, wild und urtümlich, überall kreuchte und fleuchte es. Nach und nach fiel uns allerdings auf, dass es sich dabei nur um kleines Getier handelte. Nirgendwo gab es einen Wildwechsel, Tierpfade oder irgendein anders Anzeichen dafür, dass in diesem Wald außer uns etwas größeres als ein Eichhörnchen lebte. Das führte dazu, dass ich mich doch ein wenig besorgt schlafen legte an diesem Abend. Irgendwas an diesem Wald stimmte nicht.

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