Opfer eines harten Winters II

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Am Ausgang der Höhle angekommen ging es zügig den vereisten Wasserfall hinunter. Unten angekommen, war es wieder einmal Magnus der die beiden Raben als erster erblickte, die in einer Tanne unweit vor uns saßen und auf uns herabblickten. Als der letzte von uns unten war, erhoben sich die beiden und flogen einen schmalen Pfad entlang der weiter in ein Wäldchen führte. Natürlich folgten wir sofort.

Erst viel es mir gar nicht auf, aber es war wärmer geworden. Natürlich war es immer noch kalt, aber eben so dass man meinen konnte, dass die letzten Tage des Winters angebrochen sind und der Frühling darauf wartet zu beginnen. Auch schien um uns herum der Schnee angefangen zu haben, zu schmelzen und so sah man immer öfter Gras oder Heidekraut durch die weiße Schneedecke blicken. Zu allem Überfluss war dies auch nicht mehr das Tal welches wir zuvor beschritten hatten.

Natürlich sah es dem vorherigen sehr ähnlich, aber es war hier nicht zu ende und auch der Wald mit den wilden Eismännern war verschwunden. Es wirkte alles wärmer und freundlicher, überall um uns herum gab es mehr und mehr grün und je weiter wir gingen, desto öfter hörte man das Plätschern eines Baches. Damals war ich mir sicher, dass wir irgendwie nach Vanaheim gelangt sein mussten. Die Eishexe hat uns ein Rätsel aufgegeben welches wir lösen mussten, um von ihr antworten zu erhalten und dafür hatte sie uns nach Vanaheim geschickt. In die Welt der Wanen, wo alles ausgewogen und friedlich war.

So folgten wir den beiden Raben weiter und weiter, nahmen Wildpfade oder liefen über sumpfig grüne Wiesen. Gegen Mittag, als die Sonne am höchsten stand und wir eine kleine Rast an einem Bach einlegten, stellten wir fest das der Schnee gänzlich verschwunden war. Schnell wurden die Trinkschläuche gefüllt, wobei Ubbo die Überreste eines Mannes fand, welcher schon halb verwest einige Meter aufwärts des Baches lag. Er trug nichts weiter bei sich und schnell war klar, dass er bereits seit einigen Tagen oder gar Wochen dort lag. Vielleicht befand er bis vor wenigen Tag noch unter einer dicken Schneeschicht und war deshalb noch nicht ganz zerfallen.

Aber zu mehr Rätselraten war keine Zeit mehr, denn von der neuen Position aus, konnten wir mehrere kleine Rauchfahnen einige hundert Schritt entfernt in oder hinter dem nächsten Wald erkennen. Wenig später und natürlich mit einiger Vorsicht, kamen wir an ein kleines Dorf. Vielleicht nicht viel mehr als 150 Seelen lebten dort und es war überdies nicht sonderlich geschützt. So gab es keinen Späher Turm oder gar eine Palisade, lediglich zwei Männer mit Speeren standen in der Mitte der wenigen Langhäuser und kamen sofort auf uns zu, als sie uns erblickten. Die Häuser selbst waren ähnlich wie die in Dänemark gebaut und mit Schilf gedeckt, aber ihre Holzbalken wahren viel aufwändiger geschnitzt und mit Runen und Abbildungen der Götter versehen. Wir waren also noch irgendwo im Norden, denn die beiden Männer sprachen uns freundlich und in unseren Worten an. „Seit willkommen Fremde, unser Jarl Bjarni wartet bereits auf euch. Eure Ankunft wurde von unserer Heilerin Skuld bereits vorhergesehen.“

Nun und so standen wir wenig später in dem kleinen Langhaus des jungen Jarl Bjarni von Folkvang, an seiner Seite seine Schwester Gudny, welche uns ebenfalls freundlich begrüßten. Nach den üblichen Worten der Freundlichkeit, welche uns die Götter Tyr, Thor und Snotra gebieten erzählte uns Bjarni von seinem Dorf Folkvang, welches nur einen Gang der Sonne und des Mondes von Thrymheim in Norwegen entfernt lag.

Auch berichtete er von der Weissagung ihrer Heilerin Skuld. Diese lebt alleine und in einiger Entfernung zu Folkvang im Wald und hatte ihnen bei ihrem letzten Besuch die Ankunft von fünf Männern vorhergesagt. Diese fünf würden die Zeichen der Götter deuten und Folkvang von dem Übel befreien können, welches über sie gekommen ist. Wenige Tage zuvor wurden im Dorf die ersten Schafe gerissen und Bjovulf der Jäger und Bjarnis Berater in Dingen des Kampfes, war von einer Jagd nicht zurückgekehrt. Überdies gab es Berichte von einem riesigen Wolf oder gar Bären mit roten Augen, welcher wohl immer wieder um das Dorf schleichen würde. Aber zu erst sollte es zu unseren Ehren am Abend ein kleines Fest geben.

Wenn die Befreiung eines kleinen Dorfes von einem Wolf mit roten Augen, die Aufgabe der Raben war, die wir zu erfüllen hatte umso von der Eishexe Antworten zu erhalten, dann bei Heimdall sollte es mir recht sein. Allein die Fahrt mit dem Schiff die Norwegische Küste hinauf und Skadis Stürmen trotzen war gefährlicher. Was war hier schon passiert, ein paar Schafe wurden gerissen und ein Jäger war verschwunden. Nun ja, aber wir waren auf dem richtigen Weg, den die beiden schwarz gefiederten Boten Odins waren immer wieder zu sehen. Mal saßen sie auf einem der Häuser oder schauten wenig später mit ihren schwarzen Augen von einem Baum auf uns herab.

Am Abend gab es dann Fleisch und Fisch, sowie ein paar Humpen Met. Dabei lernten wir vermutlich den Großteil des Dorfes kennen. Der Müller Ingvor, der Schmied den sie Svine nannten oder die Alte Ida wurden uns vorgestellt. Letzte war vermutlich schon lange gestorben, so alt wie sie aussah. Aber hatte dies wohl nicht mitbekommen, weil sie unentwegt Geschichten erzählte oder sich über die Menschen um sie herum das alte Maul zerriss. An diesem Abend war ich mir fast sicher das Garm der Wolf aus Hels Reich, verantwortlich für die Geschehnisse in und um Folkvang war. Er wartete vermutlich nur darauf, um die alte endlich in die Unterwelt zu holen.

Es war dann Ragnar, der irgendwann das Haus verließ, um sich draußen ein wenig um zu schauen wie er sagte. Auch Ubbo wollte noch etwas Luft schnappen und wieder Bäume befragen. Doch es dauerte nicht lange und wir standen alle draußen. Das Geschrei einer jungen Frau hatte uns heraus eilen lassen. Es war Liv die ihrem Mann, der an diesem Abend die Schafe in einem der Gehege bewachen sollte, nicht fand. Aber stattdessen einen großen Blutfleck samt Hirtenstab und Dolch im Gehege zu sehen bekam. Eilig fing Magnus an Spuren zu suchen, mit Björn der versuchte ihm zu helfen. Doch es gab nichts, keine weiteren Blutspuren, noch sonst irgendwelche Zeichen eines Kampfes.

Ubbo der wenige Augenblicke später von einem der anliegenden Hausdächer rief, war etwas im angrenzenden Wald aufgefallen. Warum und wie er in dieser Nacht auf eines der Häuser geklettert war und nicht wie er zuvor meinte um die Bäume zu befragen, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber mittlerweile sollte jedem klar sein, dass Ubbo vermutlich einmal zu viel Thors Hammer geküsst hatte. Seine Gedanken waren wirrer, als ein Fischernetz nach einem Wintersturm. Dennoch, er hatte eine vielleicht zwei bis drei Schritt große Kreatur am Waldrand, unweit des Dorfes stehen sehen. Er war sich nicht sicher ob es ein aufrechtstehender Bär oder gar Wolf gewesen war, aber das Wesen stand nur da und starrte auf das Dorf.

Schnell eilten wir anderen zu der Stelle, aber dort war nichts und niemand. Magnus fand nur in gut zwei Schritt Höhe ein paar Kratzer in einem Baum, so als ob ein großer Bär seine Krallen getestet hätte. Mehr sahen wir nicht und es wurde schnell klar, dass wir im Dunkeln auch nicht mehr finden würden. Also gingen wir zurück ins Langhaus und besprachen das Geschehen noch einmal mit Jarl Bjarni, bevor wir uns schlafen legten. Wir erfuhren noch das der verschwundene Hirte vor wenigen Tagen erst mit Liv vermählt worden war. Dies zwar zum Leidwesen ihrer Familie, die lieber gesehen hätte, wenn sie den viel älteren Schmied gewählt hätte.

Auch erfuhren wir noch, dass niemand bislang die Überreste von Bjovulf gefunden hatte. Natürlich erzählten wir sofort von dem Toten, den wir im Bach gefunden hatten. Aber das war er wohl nicht. Bjarni meinte, dass jeden Frühling irgendwelche Toten die Berge herunter gespült würden, wenn der Schnee schmilzt. Nein, die anderen Jäger im Dorf hatten nach Bjovulf gesucht und nichts gefunden, außer seinen drei Hunden die er selbst ausgebildet und mit zur Jagd genommen hatte. Diese saßen wohl verängstigt und auf ihren Herren wartend auf einer kleinen Lichtung, nicht weit vom Dorf. Auch erfuhren wir das Bjovulf gar nicht aus Folkvang stammte, sondern erst vor zwanzig Sommern dorthin gezogen war. Zuvor hatte er, so sagt man bei einem anderen Jarl als Kriegsführer gedient und ist mit diesem immer wieder auf Raubzug gegangen. Warum er dies beendete wusste niemand, auch nicht warum er dann ausgerechnet nach Folkvang kam. Dort nahm er Thurid zur Frau die ihm zwei Kinder schenkte, die nun ohne Vater waren.

Wir beschlossen am nächsten Morgen zuerst noch einmal in den Stallungen nach Spuren zu suchen. Dann zu Thurid zu gehen umso vielleicht etwas über Bjovulfs Vergangenheit zu erfahren und danach wollten wir zu der Stelle im Wald wo die Jäger die Hunde fanden um abschließend Skuld aufzusuchen. Vielleicht wusste sie ja mehr zu erzählen, wenn sie schon unsere Ankunft gesehen hatte, noch bevor wir überhaupt aufgebrochen waren.  So konnte sie vielleicht auch hinter diese Geheimnisse blicken.

Als Magnus beim ersten Tageslicht die Stallungen untersucht findet er keine weiteren Spuren, die auf einen Wolf oder Bären hindeuteten. Aber er fand im Strohlager eine massive Keule an der noch immer Blut klebte. Sofort fing Ragnar an wirres Zeug zu erzählen und meinte sofort zu wissen was passiert war. Kein Unwesen hatte hier seiner Meinung nach gewütet, sondern der Schmied, der Liv haben wollte und die Gunst der Stunde nutzte. Die gerissenen Schafe der letzten Tage und das gesehene Wesen, die Raben und die Vorsehung Skulds wollte er dabei gänzlich vergessen. Auch wenn seine Worte eine wenig Wahrheit beinhalteten, so glaube ich immer mehr, dass er sich an Ubbos Pilzen bedient und in seinem Wahn die Götter leugnet. Hoffentlich werden sie uns dafür nicht irgendwann strafen.

Bei Thurid erfahren wir hingegen, dass Bjovulf früher in Finnland lebte und dort auch auf Raubzug ging. Aber er habe mit Thurid nicht viel über die alten Zeiten geredet. Lediglich eine Sache hatte er ihr erzählt, dass er bei einem der Raubzüge von einer Frau verflucht wurde bevor er sie erschlug. Sie soll ihm die Worte, „Sei verflucht dunkler Mann, möge der Fluch dich eines Tages zu dem Machen was an Bösem in dir steckt.“

Wenig später sind wir dann aufgebrochen, zu der Stelle im Wald, wo die anderen die Hunde von Bjovulf gefunden hatten. Diese hatten wir natürlich wieder mitgenommen und sofort fingen sie an Witterung auf zu nehmen. Nachdem wir auf der Lichtung nichts fanden, folgten wir den Hunden einige Zeit durch den dichten Wald. Es brauchte etwas bis wir zu einer Ruine eines Steinhauses kamen. Jemand oder etwas hatte sich dort eine Lagerstätte eingerichtet, denn wir fanden ein wenig Stroh und ein paar Schafsfelle. Eine kleine durch Krallenhände verkratzte Holzkiste mit einer alten modrigen Puppe und ein paar Zinntellern stand ebenfalls in dem Lager. Vielleicht waren dies ja die Felle der in Folkvang gerissenen Schafe, vielleicht gehörte diese Puppe ja jemandem aus dem Dorf. Wir wollten Thurid davon erzählen und ihr die Puppe zeigen. Aber zuvor ging es zu Skuld, der Heilerin und vielleicht hatte sie zu den Geschehnissen ja ebenfalls etwas zu berichten.

Die Sonne hatte gerade den höchsten Punkt überschritten als wir an Skulds Hütte traten. Diese lag wirklich mitten und ganz allein im Wald und wenn nicht Bjarni und einer seiner Männer uns begleitet hätten, so wären wir vermutlich an ihr vorbei gelaufen. Klein und völlig mit Efeu zugewachsen, stand die Hütte vor uns. Zu erst glaubten wir, dass niemand zu Hause sei, doch plötzlich stand sie vor uns. Eine alte Frau, die ihre besten Jahre bereits hinter sich gelassen hatte, aber dabei nicht schwach oder hilflos wirkte. Natürlich fragten wir sie über die Geschehnisse über Folkvang aus und über das was sie über uns gesehen haben will oder wer es ihr gesagt hatte. Aber so wenig wie ich bis heute verstehe wie man ganz alleine mitten im Wald leben kann, so wenig habe ich damals ihre Worte verstanden. Sie hatte nichts zu erzählen und verschwand auch wenig später genau so plötzlich wie sie gekommen war. Etwas Unheimliches lag in der Luft, aber zugleich nichts Bedrohliches. Wissen die Götter selbst warum Skuld uns nichts zu erzählen vermochte, aber wir erreichten kurz vor Einbruch des Sonnenunterganges Folkvang.

Im Langhaus wärmten wir uns auf und aßen eine Kleinigkeit, dabei erzählte Ida, die ebenfalls wieder im Langhaus war, dass Bjovulf sich an jenem Tag an dem er verschwand noch mit dem Schmied gestritten hatte und danach reichlich Met trank. Letzteres war sonst gar nicht seine Art, ganz im Gegenteil, niemand hatte ihn sonst etwas trinken sehen. War das wichtig? Ubbo, Magnus und ich beschlossen noch am Abend zu Thurid zu gehen und sie zu fragen, vielleicht konnte sie auch etwas mit der Puppe aus dem Lager anfangen. Björn und Ragnar wollten den Schmied Svine aufsuchen und ihm zu dem Streit befragen.

Nun und ihr könnt es euch sicherlich denken, aber Lager erkannte die Puppe als die ihrer Tochter und wollte sofort mit uns zu dem Lager gehen. Vielleicht war es ja wirklich Bjovulf der dort draußen lebte und wenn dann würde er ihr vielleicht nichts tun. Svine hingegen berichtete nur von einer Streitigkeit mit Bjovulf über Dinge im Dorf. Dabei soll Bjovulf wohl aggressiv auf ihn eingegangen sein. Svine sah ihn später nur noch mit seinen Hunden das Dorf verlassen.

Im Dunkeln brachen wir zusammen mit Thurid auf. Natürlich brauchten wir etwas länger als bei Tageslicht, aber am Schluss fanden wir die alte Ruine dennoch. Es lag alles noch genau so wie am Morgen da und auch sonst schien alles ruhig zu sein. Thurid erkannte schnell auch die anderen Dinge in der Truhe und war sich sicher, dass Bjovulf nicht tot sein konnte.

Im gleichen Augenblick als sie mit den Tränen in den Augen welche sich im Fackelschein zeigten, die Kiste schloss, knackte es bedrohlich im dunklen Unterholz. Irgendetwas Großes kam auf die Lichtung zu gelaufen, dies war ganz deutlich zu hören. Schnell hatten wir unsere Waffen in der Hand, als ein gut drei Schritt großer auf zwei Beinen gehender Bär in den Fackelschein trat. Er hatte Krallen so lang wie Dolche und Handteller große Zähne bleckten uns aus seinem offenen Maul entgegen. Über und über war es mit zottigem Fell bewachsen welches selbst auf die Entfernung einen üblen Geruch abgab. Aber als sein Blick auf Thurid viel blieb es stehen und gab ein Brüllen von sich welches schon fast an ein Wehklagen erinnerte.

 

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