Der Graue König

Schreibe eine Antwort Beitrag drucken

Dr. Charles Underwood, Leiter des Bethlem Royal Hospital, musterte den Patienten, der zu später Stunde in sein Büro geführt worden war. Dass er selbst einen der Insassen der Anstalt befragte, war eigentlich weit unter seiner Würde. Aber dieser Fall lag etwas anders. Nichts desto trotz hätte er den Irren nicht persönlich in Augenschein genommen, wenn es nach seinem Willen gegangen wäre. Der Patient saß auf einem groben Holzstuhl vor Underwoods Schreibtisch. Auf Anweisung des Doktors hatte man ihn gewaschen und in einen neuen, grauen Anstaltskittel gesteckt. Selbst das Haar hatte er ihm scheiden lassen. Der Irre starrte nach auf den Boden, die Hände mit den abgebissenen Fingernägeln waren durch Lederhandschellen aneinander gefesselt. Die zwei Pfleger, die ihn hergebracht hatten, warteten an der Tür. Nicht, dass sich Dr. Underwood vor einem elfjährigen Straßenjungen fürchtete, aber man konnte nie wissen. Erst vor zwei Monaten hatte ein Insasse der Anstalt einem seiner Männer in einem Tobsuchtsanfall ein Ohr abgebissen. „Also, kannst du mir deinen Namen nennen?“, begann Dr. Underwood das Verhör. Der Junge schwieg und blickte weiter auf seine Hände. Dr. Underwood tippte ungeduldig mit seinem Stift auf das Schreibpapier vor ihm. „Dein Name. Tomas. Du kannst dich doch an deinen Namen erinnern, nicht war?“ Der Junge schwieg. „Ich habe seit unserem letzten … Gespräch etwas recherchiert, Tomas. Ich weiß jetzt besser, was geschehen ist, bevor du hier eingeliefert worden bist, Tomas. Ich sprach mit Mr. Hill, dem Leiter des Waisenhauses, in das man dich erst gebracht hat. Ein sehr guter Freund von mir, der froh ist, dass ich mich jetzt um deinen Fall kümmere. Bevor du dort hingebracht worden bist, hast du auf der Straße gelebt, in Whitechaple. Mit anderen Straßenbälgern, Taschendieben und sonstigen Gezücht. Dann hat man dich erwischt und ins Heim von Mr. Hill gebracht. Danach gab es aber ein paar … unschöne Vorkommnisse. Du weißt wovon ich rede, nicht war, Tomas?“ Der Junge kratze mit den Fingern über den rauen Stoff des Kittels, sah aber nicht auf. Dr. Underwood merkte, wie seine Geduld langsam zur Neige ging. Er legte die Fingerspitzen an einander. „Es wäre besser für dich, mir zu antworten, wenn ich es verlange. Du hast mit den anderen Kindern Streit angefangen. Es gab da diesen Jungen … George, oder so … ihr habt euch gestritten und am nächsten Tag fand man ihn tot in einer der Gassen. Was kannst du mir darüber sagen, Tomas? Hast du ihn getötet?“ Der Junge schüttelte leicht den Kopf. Na, wenigsten eine Reaktion, dachte Dr. Underwood verdrießlich. „Nein? Mr. Hill sagte mir, du hättest dich mit dem Jungen geschlagen und gesagt, du wolltest ihn umbringen! Und am nächsten Tage war er tot.“ „Das habe ich nicht gesagt“, flüsterte der Patient, den Blick noch immer auf dem Boden. Dr. Underwood blinzelte. „Wie bitte?“ „Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: Wenn du morgen durch diese Gasse gehst, dann bist du tot.“ Dr. Underwood schnaubte. „Eine Drohung. Oder soll das heißen, du wolltest ihn warnen? Lächerlich. Woher solltest du denn wissen, dass ihn ein anderer umbringen wollte? Vom Grauen König?“ Jetzt sah der Junge auf. Dr. Underwood triumphierte innerlich. Erwischt. „Kennen Sie den Grauen König? Spricht er zu Ihnen auch?“ „Ich stelle hier die Fragen! Mr. Hill erzählte mir, dass du mehrfach beobachtet worden bist, wie du mit dir selbst gesprochen hast. Nachts hast du im Schlafsaal geflüstert. Manchmal hast du geschrien. Einmal beim Essen hast du deinen vollen Teller an die Wand geschleudert und gebrüllt „Der Graue König, der Graue König! Hat er dir gesagt, dass du diesen George mit einem Pflasterstein erschlagen sollst?“ „Nein! Der Graue König hat mir gesagt, wenn George durch diese Gasse geht, stirbt er. Ich habe ihm gesagt, er solle nicht gehen!“ „Natürlich hast du den anderen Jungen erschlagen! Dieser Graue König ist nur ein Hirngespinst! Du hast diesen Jungen getötet und auch damals die Scheune in Lacock angezündet, gib es zu! Ja, ich weiß Bescheid. Ich habe dir doch gesagt, dass ich nun besser darüber informiert bin, was geschehen ist, bevor du hier eingeliefert worden bist, Tomas. Du bist in Lacock Village aufgewachsen und hast deinen Eltern, arm und ungebildet wie sie waren, nichts als Kummer bereitet. Immer wieder sind Unglücke in deiner Nähe passiert. Dinge sind verschwunden. Bei dir wurden sie gefunden. Ein Pferd brach sich ein Bein. Der Besitzer schwört, dich in der Nähe der Koppel gesehen zu haben!“ Dr. Underwood wedelte mit seinen Aufzeichnungen, während ihn der Junge mit dunkeln Augen ansah. „Immer wieder hast du von deinem Grauen König gefaselt, der dir befohlen hat, all diese Dinge zu tun. Und dann brannte vor etwa zwei Monate eine Scheune nieder. Das Feuer hätte auf den ganzen Hof übergreifen können! Die Leute wussten, dass du das Feuer gelegt hattest. Irgendwie hast du den letzten Funken gesunden Menschenverstandes zusammengekratzt und bist nach London geflohen, bevor sie dich einfach am nächsten Baum aufhängen. Oder hat dir das auch dein Grauer König gesagt? Aber ein Irrer kann von den Stimmen in seinem Kopf nicht davon rennen, nicht wahr? Darum hast du diesen anderen Straßenjungen erschlagen, so war es doch!“ Tomas starrte ihn noch immer an. Die Augen waren das Fenster zu Seele und die eines Irren waren meistens leer. Doch bei manchen waren sie auch wie dunkle Brunnen, in deren Tiefen sich etwas Fremdartiges verbarg. „Nein! Nein!“Er schüttelte den Kopf so heftig, dass die Pfleger einen Schritt in den Raum hinein taten. „George sollte nicht in diese Gasse gehen! Nicht an dem Tag! Der Graue König hatte uns gewarnt. Aber Georg wollte nicht hören! Darum ist er tot! Tot! Tot!“ Der Junge holte rasselnd Luft und starrte Dr. Underwood wieder an. „Der Graue König hat mir gesagt, ich solle nicht mehr mit Ihnen sprechen. Er sagt, Sie sind es nicht wert, gewarnt zu werden!“ Dr. Underwood schloss die Faust so fest um seinen Stift, dass er ihn knacken hörte. „Burt, Carl. Bringt diesen Patienten zurück in seine Zelle. Fixieren. Für zwei Tage.“ Die beiden packten den Jungen und schleppten ihn aus dem Büro. Tomas starrte Dr. Underwood an, gab aber keinen Laut von sich. Dann fiel die Tür ins Schloss. Außer Dr. Underwood war nun keine Menschenseele mehr anwesend. Er erhob sich, umrundete den Schreibtisch und verschloss die Tür. Dann kniete vor seinem Schreibtisch nieder. Wie ein Spuk erschien sie aus dem Nichts. Groß, in dunklen Samt gehüllt, das weinrote Haar floss wie Blut ihren Rücken herunter. „Mylady?“ „Ihr tatet Recht, mich zu rufen“. Beim Klang ihrer Stimme frohlockte Dr. Underwoods Herz. „Dieser junge Bursche hat das Talent, welches ihn zu meinen Knappen machen könnte. Tragt Sorge dafür, dass er die nächsten Jahre im Bethlem Royal Hospital überlebt. Ich werde ihn mir holen, wenn seine Nacht gekommen ist!“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzhinweise: Die E-Mailadresse wird an den Dienst Gravatar übermittelt (ein Dienst der Wordpress Entwickler Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Deiner Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Dich auf unsere Datenschutzerklärung. Du kannst gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

47 + = 49