Das Schicksal des grausamen Magiers

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Sie hatten den Schmerz so lange ertragen, dass er Teil ihres Blutes geworden war. Keiner wusste mehr, wann Broshgar kam. Manche sagten, er sei schon immer da gewesen – ein krebsartiges Geschwür in den Eingeweiden des alten Wachturms. Andere flüsterten, er sei aus dem Norden gekommen, mit Augen wie kaltes Feuer und einem Herz, das nur Hass kannte.
Was alle wussten: Broshgar nahm. Werkzeuge, Nahrung, Vieh, Kinder. Er kam nicht selbst – nie selbst. Immer waren es die Nebelwesen, die er schickte. Graue Schemen, die durch Türen glitten, Hände nach Wiegen ausstreckten, Frauen an den Haaren zerrten und Männer in Stücke rissen, wenn sie den Mut aufbrachten zu widersprechen.

Ludovicum war ein Dorf aus gebrochenen Menschen. Bis jetzt.

Der Winter war anders. Die Kälte fraß sich durch Wände und Knochen. Die Leichen in den Hütten stapelten sich, und die letzten Vorräte waren verschimmelt oder mit Broshgars Gift verseucht. Es war Karli, der das Schweigen brach – eigentlich ein Taugenichts und Beutelschneider. Seine Stimme war wie ein rostiges Messer: „Wer nicht kämpfen will, kann hier liegen bleiben und verfaulen.“

Niemand lachte. Niemand widersprach. Sie sammelten sich. Männer mit Händen, die wie gesprungene Tonkrüge wirkten, Frauen mit Augen, die nie wieder träumen würden, und Kinder, die zu früh gelernt hatten, was Hunger bedeutet. Fackeln zischten im Schnee. Werkzeuge wurden zu Waffen: Heugabeln, Äxte, ein verrosteter Schwertstumpf.

„Wir sterben sowieso,“ murmelte Bert, der Schmied, während er seinen Hammer über die Schulter legte. „Dann soll er uns wenigstens schmecken.“

Der Zug wankte durch den Schnee. Über ihnen kreisten Raben, schwarze Schemen gegen einen blutroten Himmel. Der Wind schnitt in ihre Gesichter wie Glassplitter. Jeder Schritt fühlte sich wie der letzte an. Der Wachturm ragte vor ihnen auf – ein faulender Zahn aus schwarzem Stein, das uralte Holztor verkrustet mit Runen und Blut.

„Wir brennen ihn raus,“ zischte Karli. „Alles bis auf die Knochen.“

Sie hämmerten gegen die Tür. Holz splitterte, Eisen quietschte. Ein heiseres Lachen hallte aus dem Inneren, tief und widerlich wie das Gurgeln eines Ertrinkenden. Dann ein Wispern – kein Laut, sondern ein Kältehauch direkt im Schädel: ‘Ihr seid Staub. Und Staub fällt.’

„Scheiß auf Staub,“ brüllte der Schmied und rammte seinen Hammer ein letztes Mal gegen das Tor. Mit einem Ächzen gab es nach.

Drinnen war es warm – warm wie ein Magen. Die Luft roch nach verbranntem Fleisch und faulendem Blut. Zwanzig Männer und Frauen betraten den Turm, der gespickt war mit Fallen und namenlosen Schrecken. Nur eine Handvoll von ihnen kam oben auf dem Turmplateau an.
Dort erwartet Broshgar sie bereits. Sein Gesicht war vor Zorn und Hass zu einer widerlich hässlichen Grimasse verzerrt. Während er die Dörfler wütend schnaubend anstarrte, riss er die Hände in die Luft. Vier schwere Kristallkugeln auf Sockeln an den Rändern des Turmes begannen zu glühen. Eine feuerrot, eine tiefblau, die Dritte in weiß und die Letzte in giftigem grün. Broshgars Grimasse wandelte sich zu einem herablassenden Lächeln.

Broshgar

Broshgar der Grausame

Der Kampf war kein Kampf – es war ein Massaker. Broshgar lenkte mit seiner Magie die Kräfze der Kugeln gegen die Angreifenden. Doch die Dörfler ließen sich nicht aufhalten. Für jeden Gefallenen stürmten zwei weitere nach, schreiend, weinend, wütend. Blut spritzte.
Irgendwann stand Karli vor dem grausamen Magier. Seine Fackel zischte, als er sie ihm gegen die Brust drückte.
Broshgar lachte, auch als das Feuer seine Haut fraß. „Ihr seid Staub…“ röchelte er, bevor der Schmied ihm den Schädel mit einem Schlag zerbarst.
Das Leuchten der Kugeln erlosch.

Nur Karli und der Schmied Bert verließen den Turm. Alle anderen waren gefallen. Der Himmel war schmutzig grau, als der Morgen dämmerte. Keiner sprach. Beide wussten, dass dies kein Sieg war. Nur ein weiteres Kapitel im endlosen Buch des Schmerzes. Hinter ihnen stieg schwarzer Rauch auf, als der Wachturm in Flammen aufging. Die Raben saßen in den Bäumen und sahen zu.

Über thd

1984 DSA 1 zum Geburtstag gewünscht und wider Erwarten die Basis-Box bekommen. Nachdem ich Silvana drei mal befreit hatte, merkte ich, dass ich Mitspieler brauchte, um mit der Box weiter etwas anfangen zu können. Glücklicherweise sah ein Freund aus der Nachbarschaft die Bücher bei mir herum liegen und meinte, sie würden in einer Runde etwas ähnliches Spielen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Klar hatte ich das, und so bin ich mit Dungeons & Dragons angefangen. Zahlreiche Runden, Systeme und eine Vereinsgründung später, findet sich auf THORNET ein ziemlich großer Ausschnitt meiner Rollenspielerlaufbahn.

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