Chronik eines Gebundenen – Verfasst von Eldoril, Priester des E’li
(so gut ein Geist schreiben kann – mit Erinnerung, Gebet und dem Echo der Lebenden)
22.07.358 a. c. – Sanction, Morgengrauen
Die Sonne zwang mir die Nebelgestalt auf. Nicht draußen, wo ein Schatten noch Schatten sein darf. Nicht über Feldern, wo der Wind frei ist. Mitten in Sanction.
Mit dem ersten Licht nahm mir der Fluch den Leib – nicht wie ein Dolchstoß, sondern wie eine kalte Hand, die etwas Vertrautes langsam aus mir herauszieht. Fleisch verlor Gewicht, Knochen ihre Gewissheit. Ich zerfiel zu Dunst, zu bleichem, kaltem Nebel, der sich zwischen steinernen Mauern fing wie eine Schuld in einer Beichte.
Ich hasste diesen Zustand.
Nicht aus Selbstverachtung – sondern aus Abscheu gegen das, wozu man mich gemacht hatte. Ich wollte dies nicht. Ich will es nicht. Und ich werde es nicht wollen, solange ein Funken meiner Seele mir gehört.
Der Hunger regte sich. Nicht als Lust. Nicht als Sehnsucht. Als Forderung.
Ein fremdes Drängen, das sich an mein Innerstes presste, als wollte es den Glauben aus mir herausquetschen wie Wasser aus einem Tuch. Ich unterdrückte ihn. Ich hielt ihn nieder mit Gebet, mit Disziplin, mit dem bitteren Trotz dessen, der im Angesicht des Abgrunds sagt: Nicht heute. Nicht durch mich.
Getrieben irrte ich durch Sanction. Stimmen klangen verzerrt, als kämen sie aus einem Traum, den ich nicht mehr teilen durfte. Schritte gingen durch mich hindurch. Menschen passierten mich, ohne zu wissen, dass ein Geist zwischen ihnen zitterte – nicht vor Angst vor dem Tod, sondern vor Angst vor dem Leben anderer.
Dann spürte ich Kühle. Feuchtigkeit. Moder. Ein Kanal – ein dunkler Schlund unter der Stadt.
Ich ließ mich hinabziehen, folgte dem schmierigen Lauf, bis ich an ein Ende gelangte. Dort war ein Luftzug, ein kaum wahrnehmbares Flüstern, als hätte die Welt eine Ritze gelassen, um mir Zuflucht zu gewähren. Mühsam presste ich mich hindurch. Und fand mich in einem Kellerraum wieder.
Staub.
Nicht der gewöhnliche Staub, der sich in Tagen legt, sondern der Staub von Jahrhunderten, der sich in Schichten auf alles legt, was vergessen werden soll. Regale standen an den Wänden, vollgestopft mit Rollen und Dokumenten. Worte, die niemand mehr las. Erinnerungen, die niemand mehr tragen wollte.
Eine Gittertür sicherte den Raum. Für einen Körper wäre sie ein Hindernis gewesen. Für Nebel war sie eine Höflichkeit. Ich sammelte mich, zwang mich zurück in feste Form und folgte einer Treppe nach oben. Sie endete vor einem schweren Vorhang. Dahinter lag Tageslicht – und damit Urteil.
Ich wartete.
Stunden vergingen, vielleicht mehr. Zeit ist in solchen Augenblicken kein Fluss, sondern ein Stein auf der Brust. Erst als die Dämmerung kam, als das Licht schwächer wurde und die Schatten wieder Besitz von den Räumen ergriffen, wagte ich mich vor. Ich durchschritt Zimmer, Korridore, alte Flure – und dann blieb mir der Atem stehen.
Ein Schrein. Ein Schrein des Paladin. Ein Schrein des E’li. Hier. In Sanction. In einer Stadt, die nach Schwefel und Macht roch, stand plötzlich etwas, das nach Wahrheit roch. Nicht, weil es duftete – sondern weil es still war. Still wie ein Versprechen.
Ich sank nieder. Ich betete.
Nicht um Erlösung ohne Preis. Nicht um ein bequemes Ende. Ich bat um Gnade für meine Seele. Um Führung. Um Kraft, dem Fluch zu widerstehen. Um die Fähigkeit, niemandem zu schaden – auch dann nicht, wenn mein Körper mich dazu zwingen wollte.
Und der E’li antwortete. Nicht mit Worten. Mit Gewissheit. Er hatte mich nicht verlassen.
Das machte den Konflikt nicht kleiner. Es machte ihn größer: Denn wie viel schmerzhafter ist es, in Gnade zu stehen – und dennoch so zu leiden?
Geräusche.
Im Gang stand eine Gestalt, affenähnlich – aber nicht wie die Tiere aus den Geschichten der Menschen. Diese Wesen waren aufrecht, schmal, beweglich. Ihre Bewegungen hatten etwas Wachsam-Intelligentes, kein stumpfes Fletschen, keine tierische Gier. Ihre Augen wirkten wie dunkle Spiegel: alles sehend, wenig verratend.
Sie sprachen. Laute, die wie Klicks und kurze Rufe klangen, als wäre ihre Sprache mehr Rhythmus als Wort. Ich verstand nichts.
Weitere traten hinzu, leise, mit geschmeidigen Schritten. Sie stellten sich nicht wie Soldaten auf, eher wie Jäger, die prüfen, ob das Fremde gefährlich ist – und ob es krank ist.
Ich wirkte ein Wunder. Nicht, um Macht zu zeigen, sondern um Wahrheit zu zeigen: Ich bin ein Priester. Ein Diener des Guten. Auch jetzt.
Überraschung ging durch sie. Ein Flackern von Unruhe. Dann spürte ich den Pfeil. Klein, fast unscheinbar. Ein Stich, ein Kribbeln an der Wunde, als hätte jemand einen Hauch Winter in meine Haut gelegt. Sonst nichts.
Ein Schlag traf meinen Kopf. Und die Welt erlosch.
22.07.358 a. c. – Tief unter dem Tempel: Shilo-Thahn
Als ich erwachte, lag ich in einer Höhle, einem Kerker. Das Gestein war kühl, die Luft alt. Bei mir saß eines der Wesen. Es beobachtete mich nicht wie Beute – eher wie ein Richter, der zugleich Heiler sein könnte. Ich spürte, wie es an meinem Geist tastete. Vorsichtig. Prüfend. Ich ließ es zu.
So begann die Verständigung. Nicht mit Worten – mit Bildern. Erinnerungen. Empfindungen. Ein Austausch, der keine Lüge duldet. Sein Name war Shilo-Thahn – ob dies sein eigener Name war oder der seines Volkes, wusste ich nicht. In seinem Geist war beides möglich.
Ich zeigte ihm, wer ich war. Priester des E’li. Paladin im Herzen. Verdammter im Fleisch. Ich zeigte ihm den Fluch: nicht als Rechtfertigung, sondern als Last, die ich verabscheue. Ich zeigte ihm meinen Willen, nicht zu werden, was man aus mir machen wollte. Er glaubte mir – langsam, aber wahrhaftig.
Er erzählte mir, dass ich im Tempel von Huerzyd sei, einem uralten Ort, in dem die Schreine von sechs guten Göttern bewahrt worden seien. Niemand betrete ihn mehr. Nur sein Volk lebe hier und in den Höhlen darunter – neutral, keinem Gott verpflichtet, doch nicht blind für Heiligkeit.
Dann kam seine Frage, schlicht und schwer wie ein Stein: “Was willst du gegen dein Dasein tun?”
Und sein Angebot, fremd und gnädig: Er könne meinen Geist vom Körper trennen. Mein Leib würde einbalsamiert – der Fluch, der mich weiter treiben könnte, würde angehalten. Meine Seele wäre sicher, gebunden an einen Kristall. Nicht frei. Aber bewahrt. Und er würde mich so zu meinen Gefährten bringen.
Ich dachte an den Hunger. An die Möglichkeit, eines Tages zu versagen. An den Schaden, den ich dann anrichten könnte. Und ich dachte an den E’li: Gnade ist nicht nur Trost. Sie ist Verantwortung. Um meiner Seele willen – und um niemandem mehr zu schaden, auch nicht unwillentlich – stimmte ich zu.
Nacht vom 22. auf den 23.07.358 a. c. – Das heilige Symbol
Bevor Shilo-Thahn das Ritual vollziehen wollte, verlangte er Gewissheit. Nicht über den Fluch – über den Glauben. Er zeigte mir Bilder: ein Symbol, geweiht, vertraut. Mein heiliges Zeichen. Ein Anker. Ein Beweis. Ohne es, so verstand ich, würde er den Akt nicht wagen.
Shilo-Thahn verließ den Tempel.
Ich wartete. Ich betete, so gut ich konnte, während mein Körper – irgendwo in der Tiefe – vorbereitet wurde. Ich dachte an meine Gefährten, an ihre Gesichter, an ihre Stimmen. Ich dachte daran, wie oft die Welt den Guten Prügel statt Belohnung gibt.
Später erfuhr ich, was in dieser Nacht geschah: Shilo-Thahn näherte sich dem Gasthaus „Fürsten der Reben“. Er tat es nicht wie ein Dieb, sondern wie ein Bote. Er hing kopfüber am Fenster, ein Wesen aus dunklem Fell und spannender Flügelhaut, mit kleinen Händen, die gleichzeitig geschickt und vorsichtig wirken konnten. Ein Geruch nach Kräutern und altem Stein soll ihn begleitet haben – als käme er aus Höhlen, nicht aus Straßen. Er gurrte, zirpte, klickte – doch ein Wort brachte er klar hervor: „Symbol.“
Fuchsohr, so wurde mir erzählt, zögerte. Man zögert, wenn man spürt, dass dies kein Handel ist, sondern ein Knoten im Schicksal. Dann reichte er das heilige Zeichen. Und er tat mehr: Aus Mitgefühl, aus instinktiver Opferbereitschaft, füllte er eines der Fläschchen, die Shilo-Thahn bei sich trug, mit seinem eigenen Blut. Nicht aus Aberglauben, sondern aus Hoffnung – weil ein Priester, der gegen den Fluch kämpft, vielleicht mehr braucht als Worte. Shilo-Thahn nahm beides. Und verschwand in die Nacht.
23.07.358 a. c. – Das Ritual der Trennung
Erst jetzt geschah es. Mit dem heiligen Symbol bei sich kehrte Shilo-Thahn zurück in die Tiefe. Ich erinnere mich nicht an jede Einzelheit – manche Dinge sind in einem Geist eher Empfindung als Bild – doch ich erinnere mich an die Stille, die plötzlich größer wurde als die Höhle selbst.
Die Trennung meines Geistes von meinem Leib war kein Schmerz wie eine Wunde. Es war ein Schmerz wie ein Abschied. Als würde man eine Tür schließen und wissen: Dahinter war ich einmal. Mein Körper wurde einbalsamiert. Der Fluch angehalten. Nicht gebrochen – angehalten. Meine Seele gebunden. Als ich wieder wahrnahm, war ich im Kristall. Und mit einem Schlag galt, was wir vereinbart haben – und was ich nie wieder vergessen kann: Im Kristall sehe ich keine Räume. Ich höre keine Geräusche. Ich kenne keine Landschaft. Ich nehme nur Nähe wahr: Bewusstseine, Präsenzen, die Wärme lebender Seelen wie Lichtpunkte in endloser Dunkelheit. Ich war wach. Und gebunden.
Nacht vom 23. auf den 24.07.358 a. c. – Sanction, „Fürsten der Reben“: Die Übergabe des Kristalls
Wieder Bewegung. Nicht Weg – Übergang. Nicht Raum – Veränderung. Shilo-Thahn trug mich. Ich spürte die Nähe meiner Gefährten, bevor ich irgendeinen „Ort“ hätte erahnen können: Fuchsohr. Murgrosch. Später auch andere im Hintergrund – diffuse Präsenzen, wie Schatten am Rand eines Lichts.
Der Kristall wurde abgelegt. Als Murgrosch ihn berührte, griff etwas in mir instinktiv nach Leben – nicht aus Bosheit, nicht aus Hunger im Sinne eines Willens, sondern aus dem Reflex einer gebundenen Seele, die auf Wärme trifft. Ich konnte nicht zulassen, dass sie Angst bekommen, dass sie mich zerstören oder fortwerfen. Also handelte ich.
(Manifestation) – 24.07.358 a. c., kurz nach Mitternacht
Ich trat aus dem Kristall hervor. Nicht als Körper. Nicht als Fleisch. Als Erscheinung. Geisterhaft, durchscheinend – und doch erhaben, weil meine Gelübde nicht im Grab verrotten. Die goldene Robe eines Paladin-Priesters zeichnete sich klar ab, als wäre sie aus Licht und Erinnerung gewebt. Die Wand hinter mir blieb sichtbar. Kerzenflammen sollen gezittert haben, als hätte die Welt selbst kurz den Atem angehalten. Ich bat sie, den Stein nicht zu zerstören. Und dann erzählte ich alles, ohne Schmuck, ohne Lüge: Von Sanction. Vom Kanal. Vom Keller. Vom Schrein. Von Shilo-Thahn. Vom Tempel von Huerzyd. Vom heiligen Symbol. Vom Ritual. Von der Bindung. Ich sprach auch von meinem Hass auf den Fluch – und davon, dass ich dieses Dasein nicht will. Dass ich nicht frei bin, aber dass ich widerstehen werde, solange der E’li mir Gnade lässt.
Die Zwerge zweifelten. Das war zu erwarten. Skepsis ist ihre Rüstung. Fuchsohr hörte zu. Ihm vertraute ich den Kristall an – nicht weil er der Stärkste ist, sondern weil er die Verantwortung versteht, die in stillen Entscheidungen liegt. Dann zog ich mich zurück. Der Kristall schloss sich um mich, und die Welt wurde wieder zu Nähe und Dunkel.
24.07.358 a. c. – Sanction: Letzte Tage und Einschiffen
Was in Sanction noch geschah, erfuhr ich nicht durch Augen – sondern durch Stimmen und Stimmungen, die an mir vorbeistrichen wie Wind über Stein. Ich nahm Anspannung wahr. Geldnot. Entscheidungen. Die Unruhe eines Plans, der nicht scheitern darf. Später hörte ich, wie sie den Hafenmeister aufsuchten, wie es zur Verhandlung mit der Kapitänin der Dünenläufer kam, wie Geld gezählt, Preise verflucht und Listen geführt wurden – und dass mein Name gestrichen wurde, weil ich nicht mehr mit einem Körper reisen konnte.
Am Abend des 24.07.358 a. c. schifften sie ein.
Für mich gab es keine Wellen, keinen Himmel. Nur Nähe: die Atemwärme der Lebenden im Bewusstsein, die Distanz der See als Gefühl, nicht als Sicht. Sie hielten Wache in der Nacht.
Ich war da – gebunden, still, wach.
Therion konnte mich durch Magie rufen. Wenn er es tat, war es wie ein klarer Impuls in der Dunkelheit, eine Botschaft, die mich erreichte, obwohl kein Mund sprach. Dann antwortete ich kurz, so gut ein Geist antworten kann.
05.08.358 a. c. – Port Shallsea: Banner, Listen, höfliche Kälte
Am 05.08.358 a. c. erreichten wir Port Shallsea. Ich spürte es, bevor ich es verstand: Plötzlich viele fremde Präsenzen, geordnet, kontrolliert, wie Zähne in einem Kamm. Soldaten. Beamte. Hafenarbeiter. Eine Burg im Hintergrund – nicht als Bild, sondern als Gefühl: Macht.
Später wurde mir berichtet, wie Stadtgesandte an Bord kamen – zwei Beamte, die Namen aufnahmen, Einreisegründe erfragten. Wie in der Bucht eine große Kogge mit dem Wappen von Caergoth lag. Wie die Bürokratie lächelnd die Hand reichte und gleichzeitig die Fesseln zeigte.
Man empfahl die Unterkunft „Zum Goldenen Hirschen“. Doch die Gruppe wollte weiter. Unser Ziel war nur noch drei bis vier Tage entfernt. Sie wollten die Burg nicht erneut besuchen.
Therion sollte Vorräte beschaffen, weil die Mittel der anderen knapp waren. Und Therion drängte darauf, bei Lord Edmond vorzusprechen, hoffend, dass dort Hilfe zu finden sei – vielleicht auch für mich. Die anderen waren dagegen.
Gotrek erzählte Therion von Khardras und Gadar, als Warnung: Manche Türen öffnen sich nur, um einen hineinzuziehen. Sie erledigten die Besorgungen. Gegen Mittag verließen sie die Stadt.
05.08.358 a. c. – Am Stadttor: Der Stadtbüttel
Da erschien er: der Stadtbüttel. Ein Mann, der Autorität trug wie ein zu großes Wams. Er sagte, er sei im Auftrag von Herrn Lüdenscheidt gekommen – jenem Beamten vom Schiff. Man wolle sie zu Sir Edmond bringen. Er drängte, unbeholfen, fast tölpelhaft – doch mit dem unbeugsamen Ton derer, die sich hinter fremden Befehlen verstecken: „Herr Lüdenscheidt will es so…“
Fast wären sie ihn losgeworden. Dann vergriff sich Therion im Ton – nur ein Moment, nur ein falscher Griff am Wort, doch genug, dass der Büttel sich aufblies und auf seinem Auftrag bestand. Und dann trat Gotrek vor. Ein paar Worte, hart wie Hammerschläge. Der Mann erblasste – und floh.
Im Kristall nahm ich nur die Wellen wahr: Anstieg von Zorn, Entschlossenheit, dann das plötzliche Wegbrechen einer Präsenz, die sich panisch entfernte. Und ich wusste: Wir hatten uns entschieden, ohne solamnische Hand im Nacken weiterzugehen.
05.–07.08.358 a. c. – Die Landreise: Klippen, Wald und die Bitte eines Luftwesens
Sie zogen über eine Landzunge. Weit und breit kein Mensch. Dann Klippenstraße: links Wald, rechts Abgrund. Fuchsohr suchte Lagerplätze, die Schutz boten, und die Nächte wurden zu Prüfsteinen für Geduld. In einer dieser Nächte manifestierte ich mich kurz – nicht aus Eitelkeit, sondern weil Handeln nötig war. Und in dieser Stunde sprach Auzyr, Therions Luftelementar, zu mir. Er bat um Befreiung von seiner Bindung. Ich sagte ihm die Wahrheit: Ich wisse nicht, ob ich das könne; ich könne mit Therion sprechen. Auzyr wollte das nicht.
Die Nacht verstrich ereignislos. Die Reise ging weiter.
07.08.358 a. c. – Die Bucht: Wrack, Seelen und das Drama, das nicht vergehen will
Am 07.08.358 a. c. verwandelte sich Fuchsohr in eine Möwe und erkundete die Gegend. Ich spürte sein Fernsein – und zog mich vorsorglich tiefer in den Kristall zurück. Er sah Rauchsäulen im Osten. Berge in der Ferne. Im Süden sogar die Burg auf dem Berg. Und dann flog er zur Bucht. Dort lag es. Das Wrack.
Als wir am frühen Nachmittag die Bucht erreichten, lagen am Strand ein großes Beiboot und kleinere Ruderboote, hochgezogen, verlassen. Kein Mensch. Keine Stimme. Nur Meer.
Wir diskutierten. Gotrek dachte an magische Bergung. Dann sollte ich das Wrack erkunden. Ich manifestierte mich – denn ohne bewusste Handlung bleibe ich im Kristall und kann nichts tun – und glitt zum Wrack hinaus. Doch das Wasser wies mich zurück. Nicht wie eine Hand, die stößt – eher wie eine Grenze, die einfach da ist. Ich konnte nicht eindringen. Nicht untertauchen. Kein Fuß, kein Schritt, kein Hinab. Stattdessen spürte ich sie. Fünfundvierzig Seelen. Untot nicht, weil sie böse waren – sondern weil ihr Ende zu grausam war, um Frieden zu finden. Sie lagen nicht still. Sie klammerten sich an das, was war, weil ihnen nie erlaubt wurde, zu wählen. Ich kehrte zurück und berichtete.
Und dann begann Fuchsohr zu erzählen.
Das Drama der Galeere – und Fuchsohrs Rolle
Fuchsohr sprach nicht wie ein Held. Er sprach wie jemand, der weiß, dass jede Rettung manchmal einen Schatten wirft. Die Galeere, sagte er, war ein Sklavenschiff gewesen. Menschen waren an Ruderbänke gekettet. Nicht für Stunden – für Tage. Für Nächte. Der Trommler gab den Takt vor. Wer schwächer wurde, wurde geschlagen. Wer krank wurde, wurde liegen gelassen. Ketten wurden nicht gelöst, nicht zum Schlafen, nicht zum Leben. Dann kam die Nacht der Flucht.
26.06.358 a. c. – so nannte er das Datum, als würde es wie ein Nagel in seinem Geist stecken. Die Galeere lag in einer abgelegenen Bucht vor Schallsea. Auf Deck war Bewegung. Beiboote wurden zu Wasser gelassen. Es gab einen Moment, in dem der Aufseher fort war – und nur der Trommler blieb. Sie schlugen zu.
Fuchsohr half, Fesseln zu lösen, soweit es ging. Gotrek streckte den Trommler nieder. Murgrosch war schwach. Die Sklaven schrien, man solle sie losmachen. Schritte kamen. Gefahr wuchs. Und Fuchsohr traf eine Entscheidung: Er riss mit Magie ein Loch in den Rumpf. Ein Weg ins Meer. Ein Weg hinaus. Sie sprangen. Sie schwammen. Sie erreichten das Ufer. Doch nicht alle konnten befreit werden. Und diese Wahrheit nagte bereits an Fuchsohr, als wäre sie ein zweiter Fluch. Dann kam die zweite Entscheidung, die das Schicksal besiegelte.28.06.358 a. c.
Fuchsohr kehrte zur Galeere zurück – um sie zu sabotieren. Nicht aus Grausamkeit, sondern um zu verhindern, dass sie weiter Unheil trägt. Er schwamm heran. Eine Wache bemerkte ihn. Alarm. Keine Zeit. Also riss Fuchsohr ein weiteres Loch in den Rumpf – diesmal so, dass Wasser eindrang. Unterhalb der Linie, wo Holz und Meer sich nicht verzeihen. Er entkam. Die Galeere sank.
01.07.358 a. c. sahen sie das Ergebnis: Das Schiff lag auf Grund, nur das Heck ragte aus dem Wasser. An Land sah man Söldner und Crew – aber keine Sklaven. Die Unfreien waren mit dem Schiff untergegangen. Und nun – Wochen später – spürte ich ihre Seelen, gefangen in dieser Bucht, als hätte das Meer sie nicht aufgenommen, sondern nur verwahrt. Fuchsohr verschwieg seine Rolle nicht. Er machte sich nicht zum Märtyrer, aber er floh auch nicht vor der Wahrheit. Er hatte gehandelt, um Unheil zu stoppen. Und doch hatte sein Handeln einen Preis gefordert, den niemand wollte.
In diesem Moment kniete ich nieder. Ich betete. Um Frieden für jene, die nie eine Wahl hatten.
07.08.358 a. c. – Das Ende dieses Abschnitts
Als das letzte Wort verklang, hörten wir es. Trommeln. Aus dem Osten. Aus dem Wald. Das Schicksal hat uns gefunden, noch bevor wir entscheiden konnten, ob wir es suchen.
Schlusswort
Ich bin gebunden.
Ich bin verflucht.
Ich will dieses Dasein nicht.
Aber ich stehe in der Gnade des E’li.
Und solange ich widerstehe,
solange ich bete,
solange ich handle, wenn Handeln nötig ist –
bin ich nicht gebrochen,
bin ich nicht verloren.




