Die Stadt der Ketten I

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Wir verabschiedeten uns von Gunnar und Inga und dankten ihnen mit unserem letzten Fass Rohald Met, welches wir ihnen zum Dank überließen und stießen uns beim letzten Strahl der untergehenden Sonne vom Strand ab. Das Wetter war wie gemacht für eine zügige und sichere Fahrt in Richtung Süden und damit zurück nach Hause.

Sicherlich drei bis vier Tage die wir unbehelligt und Seelenruhig in Sichtweite der Küste entlang fuhren. Schnell hatten wir den Scherengarten mit den gefährlichen Inseln und kleinen Felsbrocken unter der Wasseroberfläche hinter uns gelassen und konnten so gut Fahrt machen. Ich erinnere mich noch, wie wir einmal an Land gingen um frisches Wasser auf zu nehmen und Magnus drei vier Schneehühner erlegte. Das war ein Gaumenschmaus nach all dem Fisch der letzten Tage. Auch erinnere ich mich, dass wir die ganze Zeit über von lustigen kleinen Vögeln begleitet wurden, die einen bunten Schnabel hatten und immer wieder auf unserem Mast landeten. Ach ja, eine sehr angenehme Fahrt war das, bis zu dem Augenblick als Magnus vorne am Bug unseres Schiffes einige Punkte am Horizont ausmachen konnte. Als wir näherkamen, waren deutlich mehrere Boote zu erkennen. Drei von ihnen hatten schlichte Leinensegel gesetzt, aber die anderen sechs waren in einem dunklen rot getaucht und zeigten als wir uns weiter annäherten, eine gelbe Sichel die mit großen schwarzen Kettengliedern durchzogen war. Ich war mir damals nicht ganz sicher, aber das musste das Zeichen der berüchtigten Sklavenstadt der Ketten sein. Heute weiß ich es genau, es war das Zeichen der Stadt der Ketten. Diese sechs Schiffe schienen die drei anderen zu verfolgen, oder vor sich her zu treiben. Auf jeden Fall fuhren sie uns entgegen, so dass ein ignorieren nicht mehr möglich schien. Was hätte es auch gebracht, die Stadt der Ketten ist nicht ohne Grund als größter Sklavenmarkt auf Midgard bekannt. Überdies waren es sechs Schiffe und wir wussten was das zu bedeuten hatte. Also wies Ostwif die Leute an sich Kampfbereit zu machen.
Derweil kamen wir dem ersten Schiff immer näher und wieder war es Magnus der als erster, Guerd Latik am Bug dieses Schiffes stehen sah. Den Kriegsführer und Vasallen von König Olaf Gunderson von Jütland.
Manchmal glaube ich das Midgard auf einem großen Haufen Kuhdung erschaffen wurde und wo auch immer man hin fasst, so greift man unweigerlich in die Scheiße. Nun ja, Loki mochte seine Freude daran haben uns Sterbliche zu ärgern, aber ich wurde dem Ganzen langsam überdrüssig.
Wie auch immer noch als Magnus uns zu rufen konnte was er gesehen hatte, trennten sich die drei vorausfahrenden Schiffe. Das von Guerd Latik zog rechter Hand an uns vorbei und schien auf das Festland zu zuhalten und wurde dabei von einem der roten Segel verfolgt. Die zwei anderen Schiffe hielten hingegen auf das offene Meer zu und wurde dabei von fünf der roten Segel verfolgt.
Wir entschieden uns dafür Guerd Latik zu helfen, auch wenn er ein Jüte war, so hatte er die Sklaverei bestimmt nicht verdient. Also ließen wir die beiden Boote passieren und Ostwif schmiss das Ruder herum. Mit lautem ächzten bäumte sich das Schiff auf und der Drachenkopf am Bug unseres Schiffes stieg empor, so als wolle er noch einmal tief Luft holen bevor er seinen feurigen Atem auf die Welt wirft. Aber natürlich waren durch diese Wende die beiden anderen Boote weit an uns vorbeigezogen und wir konnten erst einmal nur zu sehen, wie Guerd Latik Boot immer weiter auf die Küste zu hielt um etwas später auf einen langen Sandstrand auf zu laufen. Dicht gefolgt von dem Boot mit dem roten Segel. Als wir ebenfalls auf den Strand aufsetzten und der Sand unter unserem Bug zu knirschen begannen, war der Kampf zwischen den beiden anderen bereits in vollem Gange. Nun und es sah so aus, als ob Guerd Latik unsere Hilfe nur zu gut gebrauchen konnte, denn die Jüten waren schwach und unterlagen öfter als man glauben mag. Zu unserem Glück hatte Ostwif uns passend auf den Strand geschoben, so dass wir nun die Sklavenfänger in die Zange nehmen konnten.

Ich muss hier nicht extra erwähnen, dass Björn, Magnus und auch Thorgrim vorne in der ersten Reihe standen und einiges an Blut aus unseren Gegnern prügelten. Ja, es war ein kein Kampf, es war ein Gemetzel.

Ich gebe gerne zu, dass meine Leistung bei diesem Kampf nichts in ruhmreichen Erzählungen zu suchen haben sollte. Aber an diesem Tag, dass weiß ich noch wie heute, da wünschte ich mir Bjovulf aus Folkvang an unsere Seite. Ihr wisst schon den Krieger, der durch einen Fluch in eine Bestie verwandelt wurde. Viel größer als ein Bär und mit mächtigen langen Klauen. Was hätte Bjovulf wohl an diesem Strand anrichten können?
Aber was soll ich euch sagen, die Götter erhörten mich und wenig später sah man am Rand des Strandes ein Monster aus dem Unterholz treten. Bestimmt drei bis vier Schritt hoch und mit Messerscharfen Klauenhänden kam es langsam aber stetig näher und schien direkt auf die Sklavenfänger zu zuhalten.
Ihr werdet mir glauben, dass dies unter denen keine Freudenschreie verursacht hat, sondern man die pure Angst in ihren Blicken erkennen konnte. Damit wurde es für die Jüten und natürlich für uns noch leichter Midgard von diesem Abschaum zu befreien. Nach einem gefühlten Wimpernschlag gehörte der blutrote Strand uns und niemand von den Sklavenfängern tat mehr einen Atemzug.
Natürlich hatten einige der Jüten ihr Leben gelassen, aber sie waren ehrenvoll gestorben und wer weiß, vielleicht konnte man am Abend den Himmel wieder leuchten sehen. Aber natürlich hatten auch wir aus Rohald nicht alles unbeschadet überstanden. Einige der Männer waren schwer verwundet, aber zum Glück konnte Ubbo mit einigen Kräutern, Pilzen und gemurmelten Formeln der Weisheit oder was auch immer, helfen. Zumindest verloren wir keinen und alle erholten sich wieder.

Guerd Latik kam wenig später zu uns herüber. Man konnte es ihm direkt ansehen, dass es ihm nicht recht gefiel wer ihm hier das Leben gerettet hatte. Aber was half es, wir waren dort und er erfreute sich bester Gesundheit.
Schnell berichtete er uns von den Geschehnissen die zu unserem Zusammentreffen führte. Er war mit drei Schiffen unterwegs und auf dem Weg zurück nach Jütland. Auf einem der Schiffe war Hedriss Gunderson, die Tochter von König Olaf Gunderson von Jütland und auf dem anderen Vagn Hordson, der Sohn von Jarl Hord Beinirsson von Odense. Er sollte beide zurückbringen und vermutlich war ihre Hochzeit bereits eine abgemachte Sache und hätte beiden Vätern einen klaren politischen Vorteil verschafft. Aber nun wo sie entführt wurden? Was sollte König Gunderson denken oder gar Jarl Beinirsson? Sie mussten doch davon ausgehen, dass der andere das Kind entführt hatte, um den Gegenüber damit zu erpressen.
Ich konnte vor meinen Augen bereits die Küste Dänemarks in Flammen stehen sehen. Dies musste unweigerlich zu Krieg führen und ich merkte, dass auch die anderen diese Erkenntnis bekamen. Wir mussten also helfen und die beiden Kinder zurückbringen oder Rohald würde mit in den Flammen untergehen.
Um euch nicht unnötig zu langweilen fasse ich mich kurz, wir entschieden zusammen mit Ostwif und Guerd Latik, dass diese das Jütische und auch das Sklavenfängerschiff zurück nach Jütland und Odense bringen sollten, um die Geschehnisse zu Berichten und mit Beweisen zu bestätigen. Wir hingegen wollten Ostwifs Schiff, samt der Hälfte der Besatzung nehmen und uns als Sklavenkäufer ausgeben um in Hirsk, so heißt dieses Nest von menschlichem Geschmeiß von wo die roten Segel kamen, nach den beiden Kindern zu suchen. Dafür sammelten wir alles Silber zusammen was wir hatten und Guerd Latik gab uns zwei seiner Männer mit, Ligurd und Juren, damit wir die Kinder auch erkennen konnten, wenn sie vor uns standen. Tja und so wurde es gemacht. Aber erst am nächsten Tag, den Guerd Latik wollte diesen Abend nicht ohne einen Tropfen Met und Bier verstreichen lassen. Immerhin waren er und seine Männer noch am Leben und das wollte gefeiert werden. Was wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen ließen. Immerhin hatten wir selbst ja kein Met mehr an Bord und konnten so ohne Reue den Jüten die Fässer leer saufen. Doch soviel sei gesagt, der Tagesvollste war an diesem Abend wohl Ubbo. Es bleibt ein Rätsel wie man von zwei Humpen Met so nieder gehen kann. Aber Magnus vermutete später, dass es eine verstärkte Wirkung der Pilze sein musste, die Ubbo nach wie vor ständig in sich hineinstopfte. Doch bevor es soweit war, befragte er noch die Knochen über unsere weiter Zukunft und den verbleib der beiden Kinder. Dabei soll er zwei verschiedene Orte gesehen haben, einen eisernen Käfig, ausgelegt mit dreckigem Stroh und eine kleine dunkle Lehmhütte in der ein kleines Torffeuer brannte. Doch mehr wollten uns die Götter an diesem Abend nicht verraten. Was aber wohl schon mehr als Genug war, den Hudin und Mudin tauchten wenig später auf und setzten sich laut krächzend auf den Mast von Ostwifs Schiff. Egal was die Knochen auch sagen oder nicht sagen wollten, Odin hatte sein Auge auf uns und das ließ uns in der Nacht in einen ruhigen und erholsamen Schlaf fallen.

Am nächsten Morgen ging es los. Nun und da ich die meiste Erfahrung mit dem Segeln hatte, übernahm ich die Navigation und das Ruder. Tja und weil mir die Worte eher zufallen als Ubbo oder den anderen, auch gleich die Aufgabe des Redens in Hirsk und nebenbei bekam ich auch das ganze Silber an die Hand. Wahrleich, vom kleinen Fischer aus Rohald zum Schiffsführer und Sklavenhändler in nur wenigen Wochen. Oh ja, die Zeichen standen gut für mich.
Doch lassen wir das Scherzen, wir entschieden das es besser war, wenn wir in Hirsk unter anderem Namen auftraten. Immerhin war es ein Ort wo viele verschieden Menschen zusammen kamen. Nun und wer weiß wen wir dort trafen. So überlegten wir uns neue Namen und einen neuen Ort aus dem wir kamen. Die Wahl viel auf Skagen, hoch oben im Norden Dänemarks, am Skagerrak gelegen. Tja und Magnus sollte fortan Ingvar Björnson heißen, Ubbo war Andri Ubboson, Björn riefen wir Gamli Eriksan und ich nannte mich Thorbjörn Egner.

Wir benötigten vier weitere Tage um die Norwegische und Schwedische Küste herunter zu fahren umso endlich nach Hirsk zu gelangen. Tja und die Berichte die ich zuvor von diesem Ort vernommen hatte, waren nicht übertrieben. Die Stadt lag eingebettet von hohen Felsen direkt am Meer und der Seeweg konnte durch eine schwere eiserne Kette versperrt werden. Diese Kette war links und rechts an den Felsen befestigt und konnte herauf oder wieder abgelassen werden, so wie es Aris Stigson, dem so genannten König von Hirsk gerade gefiel. Die Legend erzählen sogar, dass diese Kette von Jotunen geschmiedet wurde und kein Mensch Midgards könne sie zerstören. Kurz, dieser Ort glich mehr einer natürlichen Festung als einer Handelsniederlassung. Auch konnten man sofort erkennen womit gehandelt wurde, denn unschwer waren schon von See aus die großen Käfige zu erkennen in denen die Menschen wie wilde Tiere gehalten wurden. Dazwischen gab es immer wieder Lehm und Holzhäuser, sowie Plätze an denen Waren gelagert wurden. Nun und weiter nach oben, den Felsen hinauf, wurden die Häuser größer und sauberer. Hier musste wohl Aris selbst leben.
Auf jeden Fall steuerten wir unser Schiff sicher und zielstrebig an einen der freien Liegeplätze im Hafen und wurden sogleich von einem halben Dutzend bewaffneter Männer in empfang genommen. Der Redner stellte sich als Torfin Arson und als erster Kämpfer von König Aris vor. Wir wurden nach unserem Namen und unserem Anliegen gefragt und bekamen danach gleich eine einfache Hütte unweit des Hafens zugeteilt. Auf dem Schiff durften wir nicht bleiben und mussten dies alle samt verlassen.

Ja und da waren wir nun, in Hirsk, dem übelsten Ort auf Midgard wie man sagt. Mir kam es damals eher vor wie Muspelheim, nur dreckiger und vermutlich sogar gefährlicher. Aber davon berichte ich, wenn ich einen neuen Humpen Bier hier vor mir stehen habe.

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