New Orleans bei Nacht – Kapitel 1: Der Fall Candy

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New Orleans, The Big Easy, pulsierende Stadt im Delta des gewaltigen Mississippi River. Im Jahre 1718 von französischen Siedlern gegründet, hat sich New Orleans im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte zu einer der bedeutendsten Städte Amerikas entwickelt. New Orleans ist die Wiege des Jazz, die Heimat des legendären Mardi Gras und berühmt für seine kreolische Küche. Einst befand sich hier im Hafen einer der wichtigsten Umschlags-punkte für den Sklavenhandel. Doch diesem blutigen Geschäft machte der 13. Zusatzartikel zur Verfassung am 18. Dezember 1865 ein Ende. Durch den 14. Zusatzartikel erhielten die Afroamerikaner 1868 ihre Bürgerrechte formal zugesprochen. Tatsächlich leben Weiße und Afroamerikaner „seperate but equal“ wie in parallelen Gemeinschaften nebeneinander her.

Doch neben den menschlichen Bewohnern existiert noch eine ganz andere Gesellschaft in der Stadt. Verschwiegen, mysteriös und gefährlich; geschützt durch die uralte Tradition der Maskerade. Herrscher über dieses andere Gesellschaft ist Prinz Doran aus dem Clan der Ventrue. Hier in New Orleans versucht er, den Traum des alten Karthago wieder aufleben zu lassen. Ein Traum, der gegen viele Widerstände und Bedrohungen verteidigt werden muss…

Montag, der 03.04.1916: Unerwartet erhalte ich Besuch in meinem Bootshaus am Rande der Stadt. Es ist Eli, ein Gangrel, der unserem Prinzen als Geißel dient. Mit knappen Worten informierte er mich darüber, dass Prinz Doran eine Gruppe Kainskinder aufstellen möchte, die „außerhalb der Hierarchien“ für ihn arbeiten soll, was immer das genau heißen soll.
Sein Ahn habe ihn dafür vorgeschlagen und nun soll Eli anfragen, ob ich nicht auch Interesse daran habe. Nun, ich bin der Überzeugung, dass ein cleverer Nosferatu sich immer nützlich machen sollte, wenn er in der Gesellschaft wenigstens toleriert werden möchte. Darum halte ich ja auch die Grenze zu den Bayous im Auge, die dem Werwolfstamm der Uktena zugesprochen worden sind. Sicher kann es nicht schaden, dem Wunsch des Prinzen zu entsprechen. Und so bekommen ich noch etwas mehr Kontakt zu anderen Vampiren. Also erklärte ich Eli, dass ich bereit bin, mich dieser neuen Gruppe anzuschließen.

Dienstag, der 04.04.1916: Im September 1915 suchte ein verheerender Hurrikan New Orleans heim und schlug tiefe Schneiden in die Stadt. Als der alte Lazarus dieses Mal bei Madi Gras vom Weltuntergang gepredigt hat, nahm der Malkavianer auf die Katastrophe Bezug und erklärte, dies sei das erste Zeichen, dass sich seine Prophezeiungen erfüllen werden. Dann hatte er angekündigt, dass sich das Blut der Ersoffenen in die Wellen mischen wird. Seine kleine Ansprache fanden diesmal einige gar nicht witzig, denke ich.
Als ich mich dem Treffpunkt im French Quarter nähere, sehe ich hier nichts von Verwüstungen, die der Sturm in den Randbezirken der Stadt angerichtet hat und die noch immer nicht alle beseitigt worden sind. Wir treffen uns in einem Stadthaus, das Prinz Doran gehört. Ich entdecke Eli und nicke ihn in meiner Verdunkelungsgestalt freundlich zu. Die anderen Vampire sind auch schon da. Bis auf den Gangrel und ich sind alle Weiße. Wir nehmen auf Dorans Geheiß an einer schlichten Tafel Platz.
Doran ist ein alter Vampir aus England, sein Erzeuger soll noch aus Karthago selbst stammen. Er gilt als freundlich und liberal für einen Prinzen. Doch sollte man nicht denken, dass man ihn leicht um die Finger wickeln könnte. Immerhin gelang es ihm sogar, einen Waffenstillstand mit den Uktena auszuhandeln und sich mit ihnen gegen ein feindliches Rudel, das mit den Frankokanadiern herkam, zu verbünden. Und das will was heißen.

Auch die anderen Kainskinder kenne ich vom Sehen oder wenigstens vom Hörensagen. Da hätten wir den Toreador Etienne Lefevre, der hier im Viertel das „Saints and Sinners“ betreibt und manchmal sogar selbst Trompete dort spielt. Gilt als Gigolo und Frauenheld, soweit ich weiß.
Dann ist da Father Josef Wilhelm Neumann, ein deutschstämmiger Tremere. Der einzige Tremere, der hier in der Stadt weilt, obwohl dies ein magischer Ort sein soll. Er ist ein katholischer Priester, der eine Kirche als Domäne unterhält. Soll sich dort um alle verirrten Schäfchen gleich welcher Hautfarbe kümmern.
Etwas überrascht bin ich davon, hier David Emanuel Antoine Demond hier zu treffen. Der Ventrue gilt als Freund von Prinz Doran, soll ein Kunstliebhaber und geradezu unanständig reich sein. Er gibt sich höflich und zuvorkommend. Soll ein Menschenfreund sein, soweit mir das bekannt ist.
Eli, der Gangrel, ist Geißel, wie schon gesagt. Und hin und wieder dient er seinem Ahn als Leibwächter. Er haust irgendwo draußen in den Sümpfen. Hier in der Stadt kriegt man ihn wohl über seine Blueskneipe „Good Old Boyz“ zu sprechen.
Prinz Doran eröffnet uns, warum wir hier sind. In der Vergangenheit gab es in New Orleans immer wieder Dinge, die zügig und diskret erledigt werden müssen. Dazu braucht er Leute, die nicht so im Fokus der Gesellschaft stehen. Monsieur Demond soll sich um den Aufbau einer administrativen Infrastruktur kümmern und als Verbindungsmann zum Prinzen dienen.
Einen ersten Auftrag hat Prinz Doran auch schon für uns, der in den nächsten Wochen erledigt werden soll.
Der Prinz führt uns in den Hinterhof zu einem Nebengebäude. Uns schlägt ein strenger Geruch nach Tod und Verwesung entgegen. M. Doran entzündet eine Öllampe. Auf einem aus wuchtigen Bohlen gezimmerten Tisch liegt ein abgedeckter Körper. Der Prinz führt aus, dass sich in der Regel alle Vampire an die Umgangsformen der Stadt halten. Wie viele Kainskinder tatsächlich in New Orleans sind, ist wegen der liberalen Auslegung der Tradition der Gastfreundschaft nicht gesichert. Als der Prinz das Tuch zurückschlägt, fällt das Licht der Öllampe auf die Leiche einer weißen Frau. Ihre Schminke ist verlaufen, die Haut bleich. Ihr Name ist unbekannt. Am Hals trägt sie eine eindeutige Bisswunde. Die tote Prostituierte wurde vor zwei Tagen in einer Seitengasse in „Storyville“ gefunden. Das Rotlichtviertel wurde zur allgemeinen Ernährung für uns Kainskinder freigegeben. Wenn jetzt aber jemand über die Strenge schlägt und Menschen beim Trinken tötet, so muss dem Einhalt geboten werden. 1901 gab es schon einmal so einen Fall, der betroffene Vampir wurde jedoch vernichtet. Prinz Doran erteilt uns den Auftrag, den neuen unbeherrschten Trinker ausfindig zumachen und – wenn möglich – zu ihm zu bringen. Ansonsten sollen wir ihn zur Strecke bringen.
Damit verlässt uns der Prinz.
Wir anderen beratschlagen, wie wir uns organisieren sollen. M. Demond bietet an, für uns im Hafen ein Lager- oder Speditionsgebäude als Hauptquartier zu erwerben. M. Lefevre möchte die Leiche der armen Frau für die Nachforschungen fotografieren. Wir versuchen noch, vom Thomas, dem Hausdiener, genauere Informationen über den Leichenfund zu erhalten.

Doch er verweist uns nur an Pierre Martiné, der Ahn der Brujah soll Details kennen. Für diese Nacht trennen sich unsere Wege und wir verabreden uns für morgen nach Sonnenuntergang im „Saints and Sinners.“ Father Josef wird sich in seiner Suppenküche umhören.

Eli und ich sehen uns noch etwas in „Storyville“ um. Die Straßen sind trotz später Stunde voller betrunkener Sethskinder, Jazz erklingt aus den Musikkneipen. Über uns bieten auf Balkonen barbusige Frauen ihre Dienste an. Eli gibt sich als besorgter Nachbar aus, der von dem Mord an einer Prostituierten gehört hat. Tatsächlich wird er von einer der Damen nach oben ins Zimmer gerufen. Da ich kein Geld bei mir trage, errege ich bei den Ladys kein derartiges Interesse. Nach einer Weile kommt Eli wieder auf die Straße.

Er konnte in Erfahrung bringen, dass die Tote (natürlich) Candy hieß und in Zimmer 7 im Erdgeschoss ihrer Arbeit nachkam. Ein Kerl namens Anderson soll der zuständige Zuhälter gewesen sein. Gemeinsam schleichen wir uns in das Zimmer 7, dass noch nicht wieder für das horizontale Gewerbe genutzt wird. Auf dem dreckigen Bettlaken sind Flecken, die nicht nur von käuflicher Liebe herrühren. Die dunkelbraunen Spritzer scheinen Blut zu sein.
Es könnte aus der Bisswunde an ihrem Hals stammen. Wenn ja, ist das meiste Blut nicht ins Laken gesickert. Auf dem Weg nach Draußen fällt Eli auf, dass sich unter der Treppe nach oben eine Tür befindet.
Die Verriegelung ist kaputt, die Tür steht etwas offen. Wir entdecken eine kleine Kammer voller Kisten und Säcken. Es riecht nach Kartoffeln und Tee. Es gibt ein kleines Fenster zu einer Seitengasse hin. Im Holz unter dem Fenster sind Kratzspuren zu sehen, zu groß, um von einem Tier zu stammen. Elis Augen flammen rot auf. Er sagt, dass man die Tür von außen nicht abschließen konnte. Dennoch wurde der Riegel wie in Panik eingedrückt. Vielleicht hatte Candy noch versucht zu fliehen, nachdem sich der unbeherrschte Trinker an ihr genährt hatte. Ich rufe die Mäuse aus dem Gebäude herbei, um sie zu befragen. Tatsächlich können sie sich an ein „Ungeheuer“ erinnern, dass hier gewesen sein soll. Doch wann das gewesen ist, vermögen sie nicht einzuschätzen. Mehr erfahren wir in dieser Nacht nicht und so verziehen wir uns.

Mittwoch, der 05.04.1916: Wir treffen uns im „Saints and Sinners“ in einem kleinen Hinterzimmer. M. Lefevre präsentiert das Foto, das er von Candy geschossen hat. Eli und ich berichten, was wir gestern noch in Erfahrung bringen konnten. Father Josef schlägt vor, die Leiche zu untersuchen.
Wir kehren zu Prinz Dorans Stadthaus im French Quarter zurück.
Der Zustand der Leiche ist deutlich schlimmer geworden, sie stinkt fürchterlich und ihre Haut beginnt sich dunkel zu verfärben. Father Josef und Eli untersuchen die Leiche. Sie hat deutliche Kratzspuren auf dem Rücken. Sie könnten zu denen passen, die ich unter dem Fenster gesehen habe.
Candy weist keine eindeutig tödlichen Verletzungen auf. Es spricht immer mehr für die Fluchttheorie. Wahrscheinlich floh sie in die Vorratskammer, verfolgt von dem Fremden. Entweder in der Kammer oder in der Gasse brach sie dann tot vor Entkräftung zusammen.
Wir beschließen, „Storyville“ weiterhin zu überwachen. Außerdem wollen wir mit dem Luden Anderson sprechen.

Mr. Thomas C. Anderson residiert hinter dem Bahnhof der Southern Railway Station in einem Bürogebäude. Seine Sekretärin erkennt M. Demond und lässt uns ohne Umschweife zu ihm durch.
M. Demond erzählt eine Alibigeschichte über Candy; sie sei die Angehörige eines Angestellten von ihm und verschwunden. Man habe ihm gesagt,
Mr. Anderson könnte vielleicht hilfreich sein. Der Zuhälter gibt gern Auskunft (Hey, Beherrschung und Präsenz sind schon Türöffner. Aber wenn du auch noch als stinkreicher Gönner bekannt bist, dann wird dir zusätzlich noch der Rote Teppich ausgerollt!) Anderson räumt ein, ihr ein Zimmer vermietet zu haben. Was Candy dort trieb, war ihre Sache. Leider wurde sie vor ein paar Tagen tot in der Nebengasse unter dem Fenster aufgefunden. Constable Miller war der erste Polizist vor Ort. Später übernahm ein Detective Robert Carter von der Hauptpolizeiwache die Ermittlungen.
Wir verabschieden uns von dem Luden.

Ich erkläre den anderen, dass ich jemanden bei der Polizei kenne. Vielleicht kann er mit dem Namen was anfangen oder kann sogar an die Ermittlungsakte herankommen. Also trenne ich mich von den anderen und mache ich auf den Weg zum Hafen, wo Deputy Thoma Leroy sein Revier und auch seine Wohnung hat. Großzügigerweise hat M. Demond mich mit Barmitteln zur Motivation für ihn ausgestattet. Aber, oho, als der Name Robert Carter fällt, wird Leroy schlagartig unkooperativ und drängt mich nach Draußen. Entweder hat Leroy persönlich schlechte Erfahrungen mit dem Detective gemacht oder genug gehört, um ihm aus dem Weg gehen zu wollen. Auch das ist aufschlussreich …

Donnerstag, den 06.04.1916: M. Demond hat uns ins Hotel Lafayette eingeladen. In einem kleinen Saloon berichte ich von dem Erlebnis mit meinem Kontaktmann. M. Demond erklärt, dass uns Ende der Woche ein renovierungsbedürftiges Objekt am Hafen als HQ zur Verfügung stehen wird. Father Josef hat sich indes darum gekümmert, dass Candy endlich ein angemessenes Begräbnis herhält. Möge sie in Frieden ruhen.
Wir gehen wieder unseren Nachforschungen nach. M. Lefevre wohnt diversen Prostituiert bei und stellt unauffällige Fragen zu Detective Carter.
M. Demond lässt bei seiner Zeitung anfragen, was dort im Archiv über Carter abgelegt worden ist.

Eli und ich streifen wieder durch „Storyville“. Er als Fledermaus, ich im Schutze der Verdunkelung. Das Rotlichtviertel ist voller Seemänner.
Im Haften hat das Kriegsschiff USS Enterprise angelegt und die Matrosen sind auf Landgang. Plötzlich fällt mir auf, dass der Gangrel augenscheinlich einem der Seemänner hinterher fliegt. Ich folge ihnen durch das Gedränge und kann bei dem Mann keinen Atem in der kalten Nachtluft sehen.
Da ertönt lautes Schreien aus der Gasse, in der Candy gefunden wurde.
Ich fluche leise und renne zurück an den Ort des Verbrechens. In der Gasse hat sich schon eine Menschentraube gebildet. Ein toter Matrose liegt auf dem Boden, er ähnelt den Seeleuten, die ich auf der Hauptstraße gesehen habe. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie weitere Matrosen versuchen, die Gasse unauffällig zu verlassen. Im ersten Obergeschoss steht ein Fenster offen, vielleicht ist der Mann von dort auf die Straße gestürzt. Ich werfe einen Blick auf seinen Körper. Der Hals ist verdreht, ich erkenne zwei bis drei Bissspuren eines Vampirs. Verdammt! Da sehe ich, wie Eli auf der Bildfläche erscheint. Er verschwindet für kurze Zeit im Gebäude, dann kommt er wieder heraus und verlässt die Gasse. Ich folge ihm, doch als er wieder Fledermausgestalt annimmt, beschließe ich, dass es keinen Sinn hat, zu Fuß hinter ihm herzurennen. Also kehre ich wieder zum Bordell zurück. Die Leiche des Matrosen wird fortgetragen. Es gelingt mir, die Polizei zu belauschen; der berüchtigte Detective Carter scheint aber nicht hier zu sein. Der Matrose wollte sich mit einer Prostituierten namens Lucy treffen. Sie wird von der Polizei verhört und hat eine böse Platzwunde am Kopf. Sei beschreibt einen Angreifer mit kahlem Schädel und Boxernase. Der Tote soll Ben Walker heißen, ein Matrose der „Enterprise“. Verdunkelt dringe ich in das besagte Zimmer vor. Dort ist die Polizeiarbeit voll im Gange. Es gibt Blutspritzer, die auf Kampf hindeuten. Es scheint sich um herkömmliches Menschenblut zu handeln. Doch vielleicht kann Father Josef mehr feststellen. Ich tupfe ein bisschen Blut mit einem Taschentuch auf, ohne dass die anwesenden Polizisten etwas merken. Damit habe ich mein Glück für diese Nacht genug strapaziert. Unbemerkt verlasse ich das Gebäude und verschwinde im Dunkel der Nacht.

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