Opfer eines harten Winters III

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Im gleichen Augenblick als sie mit den Tränen in den Augen, welche sich im Fackelschein zeigten, die Kiste schloss, knackte es bedrohlich im dunklen Unterholz. Irgendetwas großes kam auf die Lichtung zu gelaufen, dies war ganz deutlich zu hören. Schnell hatten wir unsere Waffen in der Hand, als ein drei Schritt großer auf zwei Beinen gehender Bär in den Lichtschein trat. Er hatte Krallen so lang wie Dolche und Handteller große Zähne bleckten uns aus seinem offenen Maul entgegen. Über und über war er mit zottigem Fell bewachsen welches selbst auf die Entfernung einen üblen Geruch abgab. Aber als sein Blick auf Thurid fiel, blieb er stehen und gab ein Brüllen von sich welches schon fast an ein Wehklagen erinnerte.

Eine ganze Weile standen wir so in den Ruinen, wir auf der einen und dieses Wesen auf der anderen Seite. Für Thurid war schnell klar wer dort vor ihr stand und als es sich nach einiger Zeit abwendete und wieder in den Wald zurück ging, stand sie erneut weinend vor uns. Natürlich gaben wir ihr unser Wort, dass niemand außer Bjarni etwas davon erfahren würde. Nicht solange wir einen Weg gefunden hatten Bjovulf wieder zu einem Menschen zu machen. Auf dem Weg zurück ins Dorf hörten wir es dann wieder, lautes Krähen und sahen die beiden Raben vor uns in einem der Bäume sitzen.

In Folkvang angekommen war es bereits mitten in der Nacht, aber Bjarni und seine Schwester Gudny waren noch auf, um auf unsere Rückkehr zu warten. Kurz berichtete er das der Müller während unserer Abwesenheit die hinterhältige Tat an dem jungen Hirten gestanden hatte. Was man aber mit ihm machen wollte, dass war noch nicht klar und dass sollten die Ältesten in den nächsten Tagen entscheiden. Natürlich erzählten wir ihm ebenfalls von den Geschehnissen und wer dort draußen herumlief, oder besser was mit Bjovulf passiert war. Ich glaube sogar er konnte sich ein recht gutes Bild von diesem Wesen machen, das Feuer erzählt manchmal besser Geschichten als ich es selbst mit Worten vermag.

Auf jeden Fall willigte er ein, die Sache für sich zu behalten. Auch wollte er hin und wieder ein Schaf außerhalb des Dorfes anbinden lassen, damit Bjovulf nicht zu nah an das Dorf kommen musste. Aber wir sollten schnell versuchen eine Lösung zu finden, um den Fluch von ihm zu nehmen. Eine Volva musste her und Skuld war wie wir wussten keine Hilfe. Aber vielleicht konnte man uns in Thrymheim dem nächstgrößeren Ort im Westen ja weiterhelfen. In Folkvang warten, das die Götter es richten würden, war zumindest kein Alternative. Darüber hinaus sollte Bjarnis Schwester Gudny eh einmal nach Thrymheim reisen, um dort den ältesten Sohn von Jarl Kjartan kennen zu lernen. Nun und wie sollte das besser gehen als wenn ich und die anderen sie dort hinbegleiten würden.

So sind wir dann bei leichtem Regen am nächsten Tag zusammen mit Gudny aufgebrochen, um nach Thrymheim zu kommen. Alles verlief natürlich ereignislos und Bjarnis Schwester erwies sich als redselige und nicht auf den Kopf gefallene junge Frau. Sie machten den grauen und tristen Tag ein wenig angenehmer und auch die beiden Raben schien es zu gefallen, denn sie folgten uns aufs Neue. Nun und wenn ihr glaubt, dass Hugin und Munin keinen Hunger verspüren nur weil sie die Raben Odins sind, so täuscht ihr euch. Natürlich fressen die beiden genau so gerne frisches Flachbrot wie du und ich. Ab dieser Reise an, trage ich immer ein wenig bei mir.

Schnell hatten wir den Wald von Folkvang verlassen und liefen durch eine Stein- und Gerölllandschaft, die immer wieder von kleinen Seen und Teichen durchzogen war und in der das grau der Steine und das grün der Gräser die dazwischen wuchsen, die einzigen Farben waren. Denn auch Thor und Njörd hatten den Himmel mit grauen Wolken zu gezogen.

Gegen späten Nachmittag trafen wir auf einen kräftigen älteren Mann, der sich selbst Harbard nannte. Er wäre von Thrymheim aufgebrochen und nun auf dem Weg nach Osten. Wohin genau, dass wollte er uns nicht sagen. Aber vielleicht bis nach Uppsala, dem göttlichsten Ort auf ganz Midgard. So erzählte er zumindest und das war er wohl auch, ein Erzähler, ein Skalde, ein Schwätzer. Gudny war schnell von ihm angetan und bot ihm etwas zu essen und zu trinken an. In kurzen Worten berichtete Harbard, dass es am Abend zuvor in Thrymheim einen Überfall gegeben hatte. Etwa zwei Dutzend Männer hätten die Palisaden überwunden und die Tochter von Jarl Kjartan entführt. Vermutlich würde man Fremden nun nicht ganz so freundlich begegnen, wie sonst üblich. Wir sollten also gewarnt sein.

Beim Einbruch der Dunkelheit erreichten wir dann endlich die Palisaden von Thrymheim . Ein Dorf etwas größer als Folkvang und zwischen einigen großen Felsen in einer Senke gelegen. Von weitem ist es aufgrund seiner Lage schwer zu erkennen, was eine gewisse Art von Schutz bietet, dafür sammelt sich das viele Regenwasser in der Senke, so dass Thrymheim eher ein grau brauner und wenig freundlicher Ort ist. Zumindest für das Auge. Nun und Harbard sollte recht behalten, einige Männer empfingen uns recht unfreundlich an den Palisaden. Einer von ihnen war Asgeir, der älteste Sohn von Jarl Kjartan, ein eher schlichter Mann, den die Götter vermutlich mit mehr Muskel-, als Geisteskraft beschenkt hatten. Aber sei es drum, Gudny war mitgekommen, um gerade diesen Mann kennen zu lernen und für uns andere war es nicht schwierig ihn zu überreden, uns zu seinem Vater zu bringen.

So standen wir wenig später in der dunkeln und mit Rauch durchzogenen Halle von Thrymheim und sprachen mit Jarl Kjartan. Dieser war ein älterer, kampferprobterer Mann, dass sah man ihm auf den ersten Blick an. Aber im Gegensatz zu seinem Sohn hatte er etwas mehr von Mimirs Quelle gekostet, wenn ich es einmal so sagen darf. Er führte sein Dorf und die Bewohner darin mit eiserner Hand. So gab es in Thrymheim vermutlich mehr Sklavinnen als irgendwo sonst in den Nordlanden. Seine Männer gehorchten ihm ohne zu murren und so war die große Halle weniger von Fröhlichkeit der Menschen durchzogen als von dem beißenden Qualm des wärmenden Feuers.

Aber Kjartan bot uns und Gudny die Gastfreundschaft an und lud uns ein die nächsten Tag unter seinem Dach zu verbringen, seine Tafel und die Sklavinnen zu teilen. Was uns alle erleichtert aufatmen ließ, wenn mir auch damals mehr nach etwas Warmen zu essen war, als nach einem warmen Bett. Nun ja, aber Kjartan erzählte uns, dass sie in Thrymheim keine Volva oder einen Seher hätten. Aber er wüsste wo wir einen finden könnten. Doch zuvor, müssten wir ihm einen Dienst erweisen. Eine Antwort und sein Wort darauf, gegen das Zurückbringen seiner Tochter Thorun. So lautete sein Angebot, welches wir annahmen. Welche Wahl hatten wir schon?

Am nächsten Morgen wollten wir dann ohne Gudny aufbrechen, um nach Spuren zu suchen. Doch insgeheim war uns klar, dass die Angreifer ihre Beute bereits zur Küste gebracht hatten und schon etliche Meilen zwischen Thrymheim und sich gebracht hatten. Immerhin lag das Dorf wohl nicht mehr all zu weit von der Küste entfernt.

Am Abend gab es dann noch reichlich Met und Fleisch, dass könnt ihr euch aber sicherlich schon denken. Alles in allem ein wohl ganz normaler Abend in Thrymheim. Doch eine der Sklavinnen, die uns immer wieder nachschenken sollte, erweckte meine Aufmerksamkeit. Nicht was ihr nun denkt, nein sie war nicht einmal schön an zu schauen und hatte vermutlich Jütische Eltern, aber sie benahm sich auffallend komisch, wenn wir über Thorun sprachen. Heimdalls Eingebung folgend nahm ich sie wenig später zur Seite und befragte sie. Nun und was soll ich euch sagen, die Angst vor mir war noch größer als die vor Jarl Kjartan. Sie erzählte mir, dass Thorun freiwillig mitgegangen war. Einige Tage vor dem Überfall besuchten drei Jütische Händler das Dorf und einer von ihnen bot ihr an, sie zu Frau zu nehmen. Doch dies hätte Kjartan wohl nie zugelassen, hatte er seine Tochter doch bereits einem anderen versprochen. Thorun hatte ihrer Sklavin versprochen sie wenig später ebenfalls zu befreien, wenn sie ihr bei ihrer Flucht helfen würde. Dieses dumme Ding, als ob sie für eine Sklavin zurückkommen würden.

Am nächsten Morgen brachen wir also auf. Das Wetter war immer noch nicht besser und zu allem Überfluss war der Wind von See stärker geworden. In den nächsten Tagen würde es bestimmt Sturm geben und Thor würde Mjölnir wirbeln lassen. Wir mussten uns also beeilen, wenn wir wenigsten noch ein paar Spuren finden wollten. So war es natürlich wieder Magnus der damit begann hinter dem Dorf nach Hinweisen zu suchen. Nun und natürlich hatte Kjartan uns angeboten, ein zwei Männer mit zu geben, aber nach dem was die Sklavin zu erzählen hatte, wollten wir uns die Option nicht verbauen einen anderen Weg zu finden. Immerhin waren wir in Thrymheim, um Hinweise und Hilfe für Folkvang und Bjovulf zu finden.

Einige hundert Schritt hinter den Palisaden von Thrymheim fand Magnus dann die ersten Spuren, welchen wir einige Minuten folgten. Doch es dauerte nicht lange und diese teilten sich auf. Eine der Spuren verlief nördlich weiter die Küste hinauf und die andere ging leicht südlich und dann direkt hinunter zum Wasser. Wir nahmen die nördlichen Spuren und gelangten etwas später an einen kleinen Krater. Umgeben von Felsen, welche von unserer Seite aus nicht zu erklimmen waren. Lediglich ein schmaler Pfad schien in den Krater zu führen und dieser wurde bewacht. Björn oder Ragnar waren die ersten, die Männer auf dem Kraterrand ausmachten. Aber das waren weder Norweger noch Jüten, sondern vielmehr Gauten aus dem Süden von Schweden, zumindest deutet ihre Kleidung darauf hin.

Aber es mochte sein wie es war, überraschen konnten wir sie nicht mehr und so gingen Ragnar, Magnus und ich weiter in den Krater, während Björn auf Ubbo aufpasste. Letzter fing seit Verlassen des Dorfes an, immer wirrer im Kopf zu werden und auch dort begann er wieder irgendetwas in sich hinein zu murmeln und von einem Stein hinter den nächsten zu hüpfen. Aber Loki selbst schien seine Freude an dem Irren zu haben, tauchte doch wenig später Nebel auf, der Ubbo und Björn fast gänzlich umschloss. Wobei sie nicht mit Njörd gerechnet hatten, denn der schickte unablässig seinen Wind über Midgard und so war der Nebel schneller verschwunden als Ubbo seinen Mund auf und zu machen konnte.

Im Krater indes brannte ein Feuer und gut ein Dutzend Männer war im Krater und vermutlich noch einmal so viele auf Posten um ihn herum verteilt. Alle waren gerüstet und machten einen sehr wehrhaften Eindruck. Hier hätte ein Angriff für uns vermutlich nur den frühzeitigen Eintritt in die Hallen Odins bedeutet.

Ein Mann namens Osrec begrüßte uns und lud uns mit einer Geste ein, ans Feuer zu treten. Er machte uns unmissverständlich klar, dass eine kämpferische Auseinandersetzung für uns schlecht ausgehen würde, aber wenn wir uns friedlich verhielten, er sehr wohl mit uns sprechen wollte.

Osrec und seine Männer waren Gautische Söldner, die vor drei Tagen von einem Jütischen Händler angeworben und bezahlt wurden in Thrymheim einzufallen, um dort die Tochter des Jarl zu entführen. Dies hatte sich der Jüte einiges kosten lassen. Natürlich hätten wir ihm das gleiche zahlen können und Osrec hätte die Tochter wieder zurückgeholt. Aber weder hatten wir so viel Silber bei uns, noch wollten wir uns den Spaß mit einem jütischen Händler entgehen lassen. Laut Osrec befanden sich die Jüten mit ihren Booten in einer kleinen Bucht etwas weiter südlich. Aber ob sie noch dort waren oder mutig genug noch vor dem Sturm auf zu brechen wusste auch er nicht.

Wir verabschiedeten uns von Osrec und folgten eilig den Spuren Richtung Küste. Langsam fing es an wieder dunkel zu werden und noch rechtzeitig erreichten wir die Bucht, bevor die Dunkelheit einen Marsch durch die steinige Gegend unmöglich gemacht hätte. Nun und tatsächlich zwei Boot lagen noch in der besagten Bucht und zwei große Zelte waren auf einem kleinen Sandstrand, keine fünfzig Schritt breit, aufgebaut und vor ihnen brannte ein Feuer.

Der Wind den Njörd schickte wurde immer stärker und mir war sofort klar warum wir die Jüten noch angetroffen hatten, nur ein Narr würde bei einem solch aufziehenden Unwetter auf die offene See fahren. Vermutlich hätte die Hälfte dieser jütischen Hunde kotzend über der Reling gehangen bevor das Boot vor einen der vielen Steine an der Küste gedrückt wurde. Ja wir hatten augenscheinlich wieder Hilfe und noch als ich darüber nachdachte, konnte ich Hugin und Munin unweit von uns auf einem Stein sitzen sehen.

Schnell verschafften wir uns einen Überblick, eine Wache bei den beiden Ruderbooten am Strand, jeweils eine vor jedem Zelt und einer der durch das Lager lief. Ein leichtes für mich, aber was sollten die anderen tun? Ha, natürlich wäre ich ohne Björn und Ragnar nicht ins Lager gegangen, aber wir hatten schon schlimmere Gegner als diese Hand voll Jüten. Doch war es richtig die Tochter zu entführen, die vor ihrem Vater und einer Zwangsheirat geflohen war? Eine Weile redeten wir über den willen der Götter, über Richtig oder Falsch und darüber wie wir Bjovulf helfen und schlussendlich das Rätsel der Eishexe lösen konnten. Doch am Ende siegte der Schwertarm über die Vernunft. Später erst erkannte ich das die beiden Raben bei unserem darauffolgenden Angriff, aufstiegen und verschwanden.

Doch es war entschieden und ich bat erneut den Wind den beiden Wachen an den Zelten ein Schlaflied zu spielen. Magnus kümmerte sich derweil um den herumlaufenden Mann, während Björn und Ragnar zu den Zelten stürmten. Ich erspare euch die Details, denn wenig später färbte das Jütische Blut den Sand rot, wo er zuvor durch das Feuer noch gelb und weiß erschien.

Durch eine der Zeltrückwände konnten Thorun und ihr Liebster samt einem gerüsteten Wächter entfliehen und Richtung der Boote laufen. Doch ich erkannte die Situation und stellte mich ihnen um zu verhindern das sie zu den großen Booten in der Bucht fahren konnten. Klar das die anderen auch ihren Teil getan haben und so ist es heute unwichtig wer nun wen und wieviel Jüten in Hels Reich schickte. Wer dem Händler einen Pfeil in die Brust jagte, wer dem Wächter erst den Schwertarm vom Leib nahm und wenig später auch den Kopf. Wichtig ist, dass am Ende nur noch Thorun , ihr jütischer Händler und wir am Strand standen.

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