Der Jäger IV

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Wer weiß was uns in Gunnvor erwarten würde, wenn wir mit den drei toten Söhnen des Jarl auftauchen. Hoffentlich hatten die Götter wirklich ein Auge auf uns, wie Hild immer wieder betont hatte. Eine lange Reise sollte auf uns warten, meinte sie als wir in Rohald aufbrachen. Was wenn selbst fünf Tage bereits für sie eine lange Reise waren? Oh, ihr glaubt gar nicht wie meine Gedärme zwickten bei dem Gedanken daran. Wie gerne hätte ich auch ein paar der Pilze gegessen, die Ubbo immer wieder Gnor in den Mund stopfte. Aber ich vermute, ihm ging es wie mir und er wollte seinen Vorrat nicht auch noch durch drei teilen müssen.

Am Mittag des fünften Tages erreichten wir Gunnvor. Das Dorf selbst lag direkt an einem Fluss, welcher wenig später im Osten ins Meer mündete. Und so der Ansiedlung die Möglichkeit gab ebenfalls seetüchtige Boote zu bauen und einzusetzen. Das Material dazu hatten sie in ausreichender Fülle, denn Gunnvor war umgeben von einem dichten Eichenwald durch den sich unser Weg bereits seit einiger Zeit hindurch zog. Eingefasst durch eine Holzpalisade und gesichert mit einem massiven Tor welches durch zwei Holztürme flankiert wurde, bot es zumindest gegen die Wildtiere oder kleine Überfalltrupps genügend Schutz.

Wir wurden bei unserer Ankunft argwöhnisch von den Türmen beobachtet und vermutlich hatte der ein oder andere Bogenschütze bereits auf uns angelegt als wir uns zu erkennen gaben und dem vordersten Wachmann erklärten wer und woher wir kamen und dass wir wichtiges mit ihrem Jarl Ottar Stigsson zu besprechen hätten.

Nach einiger Zeit des warten, wurden wir von Sigurd Ivarsson, dem Ersten Krieger von Gunnvor in das Dorf gelassen und direkt zum Langhaus des Jarl von Gunnvor geleitet. Wo uns Ottar Stigsson lediglich in kleinem Kreis empfing. Bei ihm waren ein Kämpfer namens Thorgrim Olavsson, Gydha Skuldsdottir die Volva des Dorfes und ihr Gehilfe Juren.

Thorgrim war ein blonder mit Muskeln bepackter und grimmig dreinschauender Hüne, der so machte es den Anschein, uns mehr durch seine Kampfkraft gefährlich werden konnte als durch seinen scharfen Geist. Ich bin mir nicht sicher ob selbst Ragnar und Björn zusammen gegen ihn hätten bestehen können. Aber sicher ist, dass wenn er die drei Söhne des Jarl in der besagten Nacht begleitet hätte, dann hätten vermutlich unsere kalten Leiber auf dem Karren vor dem Haus gelegen.

Die Volva Gydha hingegen war genauso, wie Gnor sie beschrieben hatte, eine alte kleine und gebeugt gehende Frau, die ihre besten Tage schon lange hinter sich gelassen hatte, sofern sie diese überhaupt jemals erlebt hatte. Ihr langes kastanienbraunes und wenig gepflegtes Haar, ihre in die Unendlichkeit wachsenden Fingernägel, mit denen sie vermutlich Augen ausstechen konnte um sie sogleich zu verspeisen und die nicht enden wollenden Falten ihrer Haut taten ihr Übriges. Bei Freya sie war fern ab von dem was sich ein Mann bei einer Frau wünscht. Ich glaube selbst Ubbo, der ja bekannterweise seine Vorlieben für ungewohntes hat, dürfte hier dankend ablehnen.

Ihr Begleiter Juren hingegen war ein freundlicher junger Mann, immer zu vor kommend und nett. Ihm sah man sogleich an, dass er nicht aus Gunnvor stammen konnte. Er sprach zwar Dänisch, aber sein Akzent verriet, dass sie ihn vermutlich von einer Beutefahrt als Sklaven mitgebracht hatten. Wer weiß, vielleicht hatten sie ihn an Gydha gegeben und er suchte nun etwas Glück aus seinem Unglück zu schlagen, umso irgendwann seine Freiheit wieder zu erlangen. Wobei ihm wohl die Bilder der alten nie aus dem Kopf gehen dürften.

So trugen wir Ottar Stigsson also vor, was wir zu sagen hatten und natürlich war er tief getroffen über das erzählte. Aber und das ließ uns alle aufatmen, er war ein Mann von Weitsicht und Ehre. Er wusste, dass unser Tod seine Schmerzen nicht gelindert hätte und dass es nichts bringen würde unsere verstümmelten Körper zurück nach Rohald zu schicken. In einem späteren Gespräch zeugte er uns sogar Anerkennung, dass wir es waren die seine Söhne erschlugen und dennoch den Mut hatten vor ihn zu treten. Wenn ich bis dahin nicht wusste wie sich Stolz anfühlte, so war es mir ab diesem Zeitpunkt klar und es war ein erhabenes Gefühl, das sage ich euch.

So gewährte uns Jarl Ottar Stigsson seine Gastfreundschaft und hieß uns willkommen an den Feuern von Gunnvor. Wir waren seine Gäste für die nächsten Tage, wenn auch ohne die Erlaubnis das Dorf verlassen zu dürfen. Auch musste jeder von uns noch ein paar Tropfen seines Blutes geben, damit Gydha die Götter fragen konnte, ob wir auch wirklich die Wahrheit sprachen. Natürlich war mir nicht ganz wohl dabei der alten mein Blut zu geben, hatte ich in der letzten Zeit doch mehrfach sehen können was Hild damit alles lesen konnte. Aber was waren ein paar Tropfen meines Blutes gegen das verlieren meines ganzen Kopfes?

Wie auch immer, Ottar wollte mit uns am nächsten Tag über eine entsprechende Entschädigung für den Tod seiner Söhne verhandeln. Auch sollten wir der Hinrichtung Gnors beiwohnen, denn nur sein Tod konnte die gerechte Strafe für sein Handeln sein.

So wurden wir wenig später von Thorgrim ins Gästehaus gebracht wo wir uns weiter aufwärmen und ausruhen konnten. Doch die Ruhe sollte nicht lange andauern. Wenig später hörten wir Reiter ins Dorf kommen und sahen wie Kurt Wendler und Guerd Latik von den Pferden stiegen. Die beiden Jüten mussten in Rohald mitbekommen haben was passiert war und hofften das Lokis Spiel ihnen vielleicht einen Vorteil einbringen konnte. Wenn Rohald und Gunnvor in Fehde miteinander lagen, war Olaf Gunderson der König von Jütland der lachende Gewinner. Er hätte dann ganz leicht beide Clans unterwerfen können.

Nun und wenn das noch nicht genug der schlechten Nachrichten war, so tauchte wenig später auch noch Thorgren Dormalsson der Skalde aus Schweden auf, welcher ebenfalls aus Rohald gekommen war. Wie er von der Sache gewusst haben konnte, war mir nicht klar. Immerhin war er ja schon einige Tage zuvor aus Rohald abgereist. Er war ein Schönling und Schwätzer, der mehr im Schilde führte als es auf den ersten Blick den Anschein hatte, da bin ich sicher. Wenn ihr mich fragt, dann sage ich euch er war Lokis Gehilfe und seine Lieder und Geschichten langweilten die Menschen am abendlichen Feuer mehr als der erhobene Zeigefinger der Großmutter, wenn wir als kleine Kinder wieder mit dem Herdfeuer spielten. Aber das ist natürlich nur meine Meinung und die ein oder andere Magd in den Dörfern Odenses dürfte das vielleicht anders sehen. Sei es drum.

Am Abend gab es noch ein kleines Fest oder vielleicht besser ein Essen im Langhaus, was aber vielleicht mehr den anderen drei Fremden galt als uns. Aber wir waren eingeladen mit zu essen und zu trinken und das nahmen wir an, auch wenn wir uns alle ein wenig am Gürtel rissen, um nicht noch mehr aufzufallen als ohnehin schon. Außerdem mussten wir am nächsten Tag klar im Kopf sein, wenn es um die Verhandlungen über das Totengeld für die drei Söhne gehen sollte. Nun und so soll Heimdall mein Zeuge sein, ich habe an diesem Abend nur drei Hörner Met getrunken und keines mehr.

Am nächsten Morgen hingen graue Wolken über Gunnvor und es hatte in der Nacht leicht angefangen zu schneien, so dass der Wind die kleinen Schneeflocken zwischen den Häusern hindurch trieb. Es war als ob das Wetter mit Jarl Ottar um seine drei Söhne trauern würde. Es dauerte nicht lang und eine Magd brachte allen Gästen im Haus ein reichhaltiges Frühstück, was die beiden Jüten und der Schwede aber kaum anrührten und alsbald beschäftigt das Haus verließen.

Es gab Hering mit frischem Brot und dazu Honig und Haferbrei. Laut schmatzend verputzten wir alles was man uns auf den Tisch stellte. Nun und im gleichen Augenblick als Magnus noch genüsslich rülpste um dem letzten Hering in seinem Bauch Platz zu machen, trat Astrid Ottarsdottir in das Gästehaus. Sie war die Tochter des Jarls und die Frau die Gnor in der Nacht vor seiner Flucht aus Gunnvor gegen ihren Willen genommen haben soll. Ich betone, das Wort soll, den Asrid war keine der Frauen die sich nicht ihrer Haut zu erwehren vermochte, dass erkannte ich sofort. Sie war zwar bildhübsch auf der einen Seite, mit ihrem langen blonden Haar welches sie zu einem Zopf zusammengebunden trug und ihrem strahlenden Lächeln. Aber sie war auch eine ausgebildete Kriegerin die ihr Schwert auch hier im Dorf nicht ablegte und ihr starkes Auftreten unterstrich ihre Kampfkraft.

Wie in allen Göttern Namen sollte ein Mann wie Gnor sie überwältigt haben. Wie sollte er, der kaum im Stande war ein Schwert gegen einen Wolf zu heben, sie die kampferprobte Tochter des Jarl zu Gunnvor überwältigen? Diese beiden waren wie Tag und Nacht und selbst die grauen Wolken an diesem Tag konnten an diesem Gleichnis nichts ändern. Hier war etwas anderes im Spiel. War Gorn vielleicht unschuldig? War er vielleicht nur eine Spielfigur anderer Mächte? Aber warum waren sich alle so sicher, dass er es war

Astrid selbst hingegen wollte nur sehen wer die Männer waren die ihre Brüder im Kampf besiegten und die ihren Peiniger zurück nach Gunnvor brachten, wo er seiner Strafe für sein Tun bekommen sollte. Aber auch sie trat uns ebenso wie ihr Vater nicht unfreundlich und ablehnend gegenüber. Sie bat uns sogar heute Nachmittag mit zuzusehen wie ihr Peiniger seine gerechte Strafe erhalten sollte. Er musste in einem Zweikampf gegen sie antreten. Einem Kampf bei dem alle sehen konnten was mit Männern passiert die solche Taten begehen.

Aber bis es soweit war, galt es mit Jarl Ottar noch über das Totengeld für seine Söhne zu verhandeln. Gegen Mittag wurden wir von Thorgrim abgeholt und zu Ottar gebracht. Um es kurz zu machen, er forderte von Rohald und Jarl Hrolf Knudson das seine drei Söhne in Silber aufgewogen werden sollten und große Landflächen welche die Grenze des Clan Arnkel bis auf eine Tagesreise an Rohald herangebracht hätte. Eine Forderung die Hrolf ja bereits in Rohald befürchtet hatte. Aber darüber hinaus forderte er einen Gefallen von uns persönlich, von den Männern die seine Söhne erschlugen. Wir hatten Zeit bis zum frühen Abend um über die Forderungen nachzudenken.

Aber so viel Zeit war dies gar nicht, denn beim heraus treten aus dem Langhaus wurden wir von Juren erwartet, der uns zu Gydha bringen sollte. Sie erzählte uns von Dingen die sie ebenfalls in unserem Blut gelesen haben wollte. Das Wesen welches uns seit Tagen verfolgt und von dem auch Hild sprach war ein Rachegeist, ein Wesen aus dem Totenreich, ein Wesen welches die herumziehenden Seelen aufnimmt und wieder auf Midgard wandeln kann. Etwas was nicht auf unserer Welt besiegt, sondern lediglich vertrieben werden kann. Die einzige Chance wäre mit ihm zu sprechen, um es von seinem Handeln abzubringen. Dies kann aber nur in der Traumwelt zwischen den Reichen geschehen. Wir beschlossen also, dass Björn und Magnus diese Reise am nächsten Tag mit der Hilfe von Gydha antreten sollten. Das Ganze bedurfte keinen längeren Aufschub, den einen weiteren Kampf gegen den Rachegeist würden wir nicht überleben.

Nun und Kampf war das Stichwort, denn als wir wieder vor die Hütte der Alten traten und zurück zum Gästehaus laufen wollten, wurden wir von Sigurd abgefangen. Er brachte uns zum Dorfplatz wo alles bereits vorbereitet war für den Kampf zwischen Gnor und Astrid. Gnor der schon direkt nach der Ankunft in irgendeinen Verschlag verbracht wurde, sah nun noch verängstigter aus als sonst. Die Wirkung von Ubbos Pilzen schien verflogen, so dass er wohl mitbekam was um ihn passierte. Irgendwer hatte im einen Schild und eine Lanze in die Hände gedrückt und ihn auf den Platz gedrängt. Kurz darauf trat auch Astrid auf denselben, ebenfalls mit einem Schild und einer Lanze bewaffnet, aber ungleich aufrechter gehend und keinesfalls verängstigt wirkend.

Nach einigen Worten von Jarl Ottar, zu der Schuld die sich Gnor aufgeladen hatte, begann der Kampf. Wobei Kampf nicht das rechte Wort ist für das was dann geschah. Gnor hatte keine Chance gegen Astrid, eine Frau die eine Ausbildung im Umgang mit Waffen hatte. Sie spielte regelrecht mit Gnor, wie eine Katze mit einer Maus spielt, die ihre Krallen nur so tief in das Fleisch des Opfers jagt um es fiepen zu lassen. So stach Astrid auf Gnor ein, gerade so tief das es schmerzen musste aber nicht, dass er dadurch unfähig wurde sich zu bewegen. Immer und immer wieder griff sie ihn an und immer wieder war er zu langsam mit seinem Schild. Wie also vermochte dieser Mann also eine solche Frau zu überwältigen? Also mit Kraft auf jeden Fall nicht. Immer mehr beschlich mich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen konnte.

Nach einigen Runden der zur Schaustellung von Astrids Überlegenheit, beendete Ottar das Ganze und bedeutet Astrid von ihm abzulassen, sowie zwei seiner Männer Gnor zu packen. Er wurde wenige Meter weiter auf einen bereits aufgeschichteten Haufen Reisig gebracht und auf einen darin befindlichen Holzstamm gebunden. Danach nahm Ottar eine Fackel und hielt sie in das Holz. Wenige Augenblicke später leckten die Flammen nach oben und die Schreie des Mannes aus Odense hallten über den Dorfplatz. Doch Freya selbst hatte wohl ein Einsehen und erlöste ihn schnell von seinem Leid. Ein letztes auflodern der Flammen und die Schreie verstummten. Ob er wirklich die Schuld an seinem Tode trug und verantwortlich für all das war oder nicht spielte keine Rolle mehr, sein Lebensfaden war zerrissen und seine Seele konnte hinüberwandern nach Niflheim wo Garm höchst selbst entschied ob er würdig für den Eintritt in das Reich Hels war oder nicht.

Als wir uns gerade abwenden wollten, trat Sigurd erneut zu uns und lud uns abermals ins Langhaus um mit Jarl Ottar über unsere Entscheidung zu sprechen. Ich fasse mich kurz, denn ich möchte euch nicht mit langweiligen Ränkeschmieden und dem tun der Mächtigen langweilen. Soviel sei aber gesagt, ich glaube wir haben unserem Jarl Hrolf gute Dienste geleistet. Wir konnten mit Ottar vereinbaren, dass jeder seiner Söhne nur zur Hälfte mit Silber aufgewogen wurde. Auch sollte nur wenig Land und das auch nur Sumpfland an die Arnkels fallen.

Weiterhin schuldeten wir Ottar einen Gefallen und hatten überdies ein Jahr und einen Tag Zeit für seine Tochter Astrid einen würdigen Bräutigam zu finden. Also alles in allem eine doch geringe Bürde für Hrolf, aber eine umso größere für uns. Aber ich denke jedem von uns war damals schon klar das, dass Leben welches wir bis dahin geführt hatten, so nicht mehr existierte. Alles was Urd, Verdandi und Skuld bis zu diesem Tag für uns vorgesehen hatten, war gewöhnlich und sollte nun außergewöhnlich werden. Aber lasst mich weiter von dem Tag in Gunnvor erzählen.

Nachdem wir uns also mit Jarl Ottar Stigsson über das Totengeld für seine Söhne geeinigt hatten, erhob er sich mit den Worten, „Wenn dies nun alles geklärt ist und euer Lebensfaden in meiner Schuld steht, dann lasst uns nun meine Söhne ins Reich der Götter übergeben, damit sie einziehen können in die Hallen Odins, um am letzten Tag mit allen ehrenhaften Kriegern in die Schlacht zu ziehen um den Fimbulwinter zu beenden.“

Kurz darauf standen wir und das gesamte Dorf am Ufer des Flusses, wo bereits ein prächtiges Boot vorbereitet wurde. Ein Boot mit einem mächtigen Drachenkopf der den Bug zierte, sowie etlichen Rundschilden auf dem das Wappen Gunnvors und der Arnkels zu sehen war flankierten die Seiten. Das große rot weiße Segel hing leicht wehend im schwachen Abendwind und die an beiden Seiten senkrecht in den Himmel aufgestellten Ruder wirkten als ob sie die Götter bitten wollten, die Toten in ihr Reich aufzunehmen. Die Körper der drei Söhne waren in weiße Leinentücher geschlagen und lagen aufgereiht und ein jeder für sich auf Reisighaufen an Deck des Schiffes.

Es war eine göttliche Stille eingekehrt, niemand sagte etwas, auch nicht als Ottar das Zeichen gab das Boot auf den Fluss zu entlassen. Als dieses dann gut dreißig Schritt vom Ufer entfernt war flogen drei Brandpfeile auf das Boot welches sofort Feuer fing. Eine Weile noch stand das gesamte Dorf am Ufer des Flusses und schaute dem brennenden Boot hinterher, wie es langsam aber stetig in die Flussmündung und ins offene Meer trieb.

Ich habe mir später sagen lassen, dass einige der Fischer das brennende Boot noch Tage später vor der Küste haben schwimmen sehen, mit drei jungen Männern am Bug oder dem Ruder stehend. Aber dies mag sicherlich Aberglaube sein, denn was am nächsten Morgen geschah erzählt eine gänzlich andere Geschichte.

Wie also mit Gydha abgesprochen wurden wir am nächsten Morgen noch vor dem ersten Hahnenschrei von Juren geweckt. Schnell machten wir uns Aufbruch bereit und traten hinaus in den noch jungen und kalten Tag. Es schneite nicht mehr, aber es lag dichter kalter Dunst über dem Boden, der als wir vor das Tor in der Palisade traten noch dichter zu werden schien. Still und unheimlich lag der Eichenwald vor uns, kein Laut, kein Tier oder ähnliches war zu hören, alles wurde von dem immer stärker werdenden Dunst verschluckt. Über einen kleinen Pfad oder Wildwechsel, abseits des Hauptweges auf dem wir vor zwei Tagen Gunnvor erreichten, führte Juren uns durch den Wald. Ich hatte schnell die Orientierung verloren und ich glaube den anderen ging es nicht besser. Meine Zweifel an der alten Volva kamen wieder hoch und versuchten mich zur Umkehr zu bewegen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wandelte sich das Bild, die Eichenbäume wurden weniger und wechselten sich mit etwa vier Schritt hohen Birken ab. Diese trugen kaum mehr Laub, so dass es wirkte als ob man durch eine Gruppe Menschen lief und die nur darauf warten würden, einem den Rückweg zu verwehren. Der Dunst, der hier bereits so dicht war das man keine zehn Schritt weit schauen konnte, tat sein Übriges. Vielleicht noch hundert weitere Schritt und die Birken gaben eine kleine Lichtung preis. Eine Lichtung inmitten dieses Nichts, aber mit einer kleinen Holzhütte die gerade einmal groß genug war, um zwei Männern bei einem Unwetter hier draußen Schutz zu bieten.

Gydha erwartete uns bereits. Sie hatte auf der Wiese vor der Hütte, welche hingegen dem umliegenden Wald nicht mit Schnee bedeckt war, einen Kreis aus einem grau schwarzen Pulver gezogen. Dieser war groß genug damit sich vielleicht vier bis fünf Männer hineinsetzen konnten. Sie fragte noch einmal wer von uns dem Rachegeist in der Traumwelt gegenübertreten wollte, aber es blieb dabei, Magnus und Björn sollten gehen und wir anderen sicherten die Umgebung.

Sie schärfte uns ein, niemals diesen Pulverkreis zu betreten oder gar dessen Linie zu zerstören. Auch erklärte sie den beiden abermals, dass sie versuchen mussten den Rachegeist von seinem Tun ab zu bringen. Dann ging alles sehr schnell, Gydha bedeutet den beiden sich in den Kreis zu setzen und gab ihnen einen Sud aus einem Holzbecher. Augenblicke später sackten die beiden zusammen und man konnte sehen wie sich ihre offenen Augen weiß färbten. Dann war alles wieder still, zu still.

Wir anderen stellten uns in einigem Abstand um den Kreis und beobachteten die beiden, sowie den Dunst außerhalb der Lichtung. Nichts geschah, die beiden saßen regungslos in dem Pulverkreis. Als Ragnar es wohl als erster war nahm, die Augen von Juren und Ubbo die uns auf der anderen Seite des Kreises gegenüberstanden, waren plötzlich blau. Der Geist war hier! Ganz nah, das konnte jeder spüren.

So schnell wie unsere Beine uns tragen konnten stürmten wir auf Ubbo und Juren zu, die ihrerseits sich daran machten den Pulverkreis zu betreten. Zum Glück leisteten sie keine Gegenwehr, so dass es uns recht schnell gelang die beiden bewusstlos zu prügeln. Doch diese Zeit der Unaufmerksamkeit hatte der Rachegeist genutzt um sich direkt neben Gydha zu zeigen. Mit einer schnellen Armbewegung schleuderte er die Alte gut zehn Schritt über die Lichtung, wo sie gegen eine der Birken prallte und reglos liegen blieb.

Ich weiß es noch wie heute, als Ragnar und ich uns anschauten und durchatmeten und dann mit lautem Geschrei auf den Rachegeist zu stürmten. Doch es war zu spät, dieser hatte bereits mit einer schnellen Fußbewegung den Pulverkreis unterbrochen und holte mit seinem Schwertarm aus, um Magnus zu treffen. So schnell wie die beiden im Kreis weggetreten waren, so schnell waren sie nun wieder bei uns. Aber es war zu spät, Magnus wurde heftig getroffen und aus dem Kreis geworfen. Wir anderen drei griffen das Wesen an und ein wilder Kampf entbrannte, bei dem wir im wahrsten Sinne dem Geist die Seelen aus dem Leib prügelten. Na ja vielleicht waren es mehr Ragnar und Björn die dies taten, aber sei es drum.

Nach einem heftigen Schlag gegen seinen Hinterkopf konnte man förmlich sehen wie das gerade vorherrschende Gesicht, welches natürlich einem der drei Söhne von Jarl Ottar gehörte, aus der Hülle des Geistes drückte und in einem lauten Seufzer verschwand. Ab diesem Moment, kämpfte das Wesen nur noch in Form von zweien der Brüder. Auch schien es dabei schwächer zu werden, so dass es nicht lange dauerte bis augenscheinlich die zweite Seele den Körper des Wesens verließ.

Nun und ihr könnt euch denken, ich wäre heute nicht hier, wenn es uns nicht gelungen wäre auch die dritte Seele zu befreien. Mit einem letzten Seufzer entwich eine der Seelen dem Wesen, worauf es verschwand. Stille umfing uns wieder, nur unterbrochen durch unser lautes Keuchen und Versuchen nach Atem zu ringen. Als plötzlich zwei Raben, welche oben in einem der Bäume gesessen hatten aufstiegen und mit lautem Krächzen davon flogen. Hugin und Munin, die beiden Raben Odins hatten alles gesehen, da bin ich mir sicher. Wahrscheinlich haben sie Odin selbst davon berichtet. Berichtet, so wie ich euch hier berichte.

Ubbo, Juren und Gydha ging es gut, sie lebten. Auch Magnus war noch bei uns, auch wenn ihn der Angriff des Rachegeistes stark mitgenommen hatte. Nun langsam und in aller Ruhe machten wir uns auf den Weg zurück nach Gunnvor. Je näher wir kamen desto weniger Dunst war zu sehen und als wir die Palisade erreichten erreichten uns die ersten Sonnenstrahlen. Ja die Götter waren mit uns, daran gab es und gibt es keinen Zweifel.

 

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