Carl von Vieregg

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Ich kam am 12. September 1876 in Bayern auf die Welt. Wie meine Geschwister bekam ich Unterricht von Privatlehrern auf dem Schloss unserer Familie, und später studierte ich Geisteswissenschaften an der Universität München. Dem folgte eine Laufbahn im diplomatischen Dienst. Durch meine Heirat mit der Tochter eines bayrischen Kanzleirates im Jahre 1899 stand mir eine steile Karriere bevor.

Die ersten Jahre begleitete mich meine Frau auf allen Stationen im europäischen Ausland. Wir hatten bald Kinder. Im Sommer 1913 wurde ich zum Millitärattache an der deutschen Botschaft von Sarajewo berufen. Um für unsere mittlerweile vier Kinder die beste Erziehung zu gewährleisten, blieb meine Gemahlin diesmal mit den Kindern auf unserem Schloss in Bayern zurück. Die Schauspielerin Natalia wurde meine Geliebte. In der Botschaft war Major Roland Schneider vom Geheimdienst mein engster Vertrauter.

Im Frühjahr 1914 teilte er mir mit, dass mich ein Informant persönlich zu sprechen wünsche. Das Treffen fand in einem Straßencafe statt. Er streifte seine Glaceehandschuhe ab und legte eine Taschenuhr offen daneben auf den Tisch – ein Ritual, das sich bei jedem unserer folgenden Begegnungen wiederholen sollte. Er deutete an, dass die Schwarze Hand Attentate auf ausländische Staatsoberhäupter plane, und dass ihr erstes Ziel das Theater, in dem Natalia auftrat, sein sollte.

Ich nahm die Warnungen ernst, doch sah ich mich nicht imstande einzugreifen, ohne dass man mir unangenehme Fragen stellen würde. Ich reiste mit Natalia aufs Land, und ihre beste Freundin, die die Zweitbesetzung war, sprang für sie im Theater ein. Am zweiten Abend kam der mir weiterhin namentlich nicht bekannte Herr ins Restaurant, und ich zog mich mit ihm in den Salon zurück. Er berichtete, dass das Ensemble sich für ein Foto vor dem Theater versammelt hatte, als eine Autobombe explodiert war, mehrere Mitglieder schwer verletzt und die Zweitbesetzung tödlich verwundet worden waren. Ich ließ mir nichts anmerken, und wir blieben wie geplant noch die Nacht, die sehr ungestüm wurde, und einen weiteren unbeschwerten Tag, bevor wir zurückfuhren.

Einige Zeit später überreichte mir Major Schneider eine versieglten Pergamentbrief mit der Post. Das Siegel wies ein Ziffernblatt auf, und der unbekannten Herrn lud mich erneut ins Straßencafe ein. Dort erfuhr ich von ihm, dass Kaiserin Auguste Viktoria von Deutschland sich mit Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Ungarn in Sarajewo treffen wolle, um mit ihrer Präsenz ein Zeichen der Stabilität in diesen Zeiten des Umbruchs zu setzen. Ich war baff, denn ich war darüber noch nicht informiert gewesen. Diese beiden sollten das Ziel der Schwarzen Hand werden. Abermals mangelte es an belastbaren Beweisen, so dass mir die Hände gebunden waren. Wir begannen Schach zu spielen, und ich war mit einem ebenbürtigen Gegner konfrontiert. Er bot mir Remi an – mir entging nicht die Symbolträchtigkeit dieser Geste, doch ihre eigentliche Bedeutung erschloss sich mir nicht – und ich nahm an.

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass der Herr Botschafter durchaus Bescheid gewusst hat, den Besuch ihrer kaiserlichen Hoheit aber noch für sich behalten hatte. Aus Gründen der Würde, lehnte er es ab, der Kaiserin vom Besuch abzuraten, solange es keine konkreten Beweise gab. Alles was wir hatten, war die Aussage eines Fremden. Major Schneider musste eingestehen, dass es sich bei dem Informanten nicht um einen Geheimdienstler der k. und k. Doppelmonarchie handelte, sondern scheinbar um eine Privatperson. Er wusste auch nicht, wie wir mit ihm Kontakt aufnehmen konnten.

Ich setzte mich am Abend in das Straßencafe, spielte mit mir selber Schach, und hoffte, dass er kommen möge. Schneider hatte einen seiner Leute postiert, um unser Treffen zu beobachten, und ihn danach zu beschatten. Es dauerte kaum eine Stunde, da setzte er sich zu mir an den Tisch. Er wollte mir noch nichts über seine Person mitteilen, und wir spielten höflich eine gewöhnliche Partie Schach. Am nächsten Morgen berichtete Schneider, dass sein Mann verschwunden war. Weder tauchte dieser in den nächsten Tagen auf, noch ward seine Leiche gefunden. Wir waren besorgt.

Es stand kein genauer Termin für den Besuch fest, aber die Zeit drängte. Aus Verzweiflung fuhr ich eines Abends zu Madame Olga, die als Medium mit Geistern Kontakt aufnehmen konnte. Ich hatte kaum begonnen zu Fragen, da griff sie zu ihren Strickzeug und wie besessen griff sie mich mit den Stricknadeln an. Ich überwältigte sie. Als sie wieder zu sich kam, schickte sie mich ohne weitere Erklärung fort.

Der Unbekannte riet mir, der Kaiserin direkt zu telegrafieren, was ich aber nicht wagte, da ich den Botschafter nicht übergehen wollte. Einige Tage später rief mich dieser zu sich, und schrie mich an, was ich mir erlaube. Angeblich hätte ich nachts zuvor der Kaiserin eine Warnung zukommen lassen. Außer dem Botschafter und mir gab es kaum jemanden, der eine verschlüsselte Botschaft hätte erstellen können, und von denen war nur der Botschafter in meine Bedenken eingeweiht gewesen. Ich war blamiert, und außerdem verwies er mich der Botschaft. Richtig sonderbar wurde es erst bei meiner Rückfahrt. Mein Kutscher bestätigte mir, dass er mich letzte Nacht zur Botschaft gebracht hatte – ich hatte keine Erinnerung an diese Vorfälle.

Ich verdrängte diese Schmach, indem ich mich mehr mit Natalia traf. Sie hatte in wenigen Tagen Geburtstag, und ich besorgte ihr eine Halskette. Von meinen Verpflichtungen befreit sah ich mir ihre Vorstellung an, holte sie aus der Garderobe ab, und ging mir ihr essen. An diesem milden Sommertag saßen wir draußen. Wie ich ihr das Geschenk überreichte, bog ein Wagen in unsere Straße ein. In ihm saßen Erzherzog Franz Ferdinand sowie seine Frau, Herzogin Sophie Chotek, aber nicht ihre kaiserliche Hoheit. Hatte „mein“ Telegram ihr tatsächlich das Leben gerettet? Sofort fielen Schüsse auf der Paar, und Querschläger trafen uns. Natalia und ich waren tödlich vewundet.

Ein Paar Glaceehandschuhe umfasste meinen Leib von hinten, hob mich hoch, und zog mich mit den Worten „Es ist noch zu früh für Euch zu sterben.“ fort. Bevor mir die Sinne schwanden, sah ich den Attentäter, der irgendwie überrascht wirkte. Es prägte sich mir noch eine andere Figur ein, die sich hinter ihm aufgehalten hatte. Jemand der in den folgenden Jahren berühmt-berüchtigt werden sollte.

Ich wachte in einem Gewölbe auf und hatte einem Verband über meinem durchschossenen Herzen. Darauf bewegten sich Runen. Mein Retter eröffnete mir, dass er mich zu einem unsterblichen Vampir machen könnte. Die Runen verblassten, aber ich nahm mir die Zeit, Anworten auf wenigstens die wichtigsten meiner Fragen zu bekommen. Mir war noch nicht die Tragweite meines Entschlusses klar geworden, aber ich willigte ein.

Die folgenden Jahre wurde ich in Wien im Stammhaus der Tremere in die Geheimnissen der Thaumaturgie eingeweiht. Später begab ich mich nach Berlin, wo ich festes Mitglied der Vampirgesellschaft wurde.

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