Opfer eines harten Winters V

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Es dauerte nicht allzu lang und wir erreichten eine Lichtung und als wir sie betraten, war es still um uns herum. Kein Wind wehte oder heulte und kein Regen trieb uns ins Gesicht. Natürlich konnten wir um uns herum immer noch den Regen sehen und wie der Wind die Bäume hin und her wirbelte, aber dort auf der Lichtung war Stille. Die Götter selbst schienen hier ihre Hand auf diesem Ort zu halten. Im Schein der Blitze um uns herum, erkannten wir alte Steinruinen und einige Hügel und in einen dieser Hügel war sogar ein Eingang getrieben. Vielleicht eine Höhle oder alte Mine.

Etwas erschöpft von der Wanderung durch den Wald und den Sturm, hielten wir kurz inne. Diese unbeschreibliche Ruhe, bei all dem was außerhalb dieser Lichtung, außerhalb von Ydalir los war, hatten wir uns dies auch verdient.

Magnus sah dann dabei etwas im Wald herumlaufen, etwas was nicht auf die Lichtung treten wollte oder konnte, diese aber wohl genau im Auge behielt. Es war Bjowulf, der mit seiner bärenähnlichen Gestalt und seinen roten Augen in diesem Unwetter noch bedrohlicher aussah.
Ubbo indes, der die Ruinen anfing zu untersuchen, fand einen Steinkreis in dem ein mächtiger Tisch aus Stein aufgestellt worden war. Alles war bereits von Moos und langem Gras zugewachsen, aber noch immer schien etwas Übersinnliches von diesem Kreis aus zu gehen. Ich fand wenig später auch in den Tisch eingeschlagene Runen, Zeichen von Macht und Stärke. Doch auch mir blieben die Bedeutungen dieser Runen verborgen. Magnus und Ragnar fanden ebenfalls Spuren im Gras und um den Steinkreis, welche wohl von Wölfen zu stammen schienen. Diese verschwanden aber in dem Kreis oder kamen aus ihm heraus. So als ob er ein Durchgang wäre, oder vielleicht sogar der Bifröst selbst. Wenn die Götter in all dem um uns herum ihre Finger im Spiel hatten, warum sollte dies eigentlich nicht ein Übergang nach Asgard oder zumindest zum Weltenbaum sein? Doch was machten dann wir hier? Noch vor wenigen Tagen fuhr ich morgens zum Fische fangen raus auf die See, Magnus ging auf die Jagd rund um in den Wäldern von Rohald und Ragnar oder Björn verrichteten ebenfalls ihr Tagwerk in aller Ruhe und auch Obbo war weit davon entfernt heute den Bifröst nach Asgard zu betreten. Was also hatten die Nornen sich dabei gedacht, als sie unsere Lebensfäden spannen? War die Begegnung mit einem Draugard, einem Rachegeist etwa noch nicht genug für ein Menschenleben? Mussten wir nun auch noch zu Lebzeiten den Göttern begegnen? Was wenn die Geschehnisse am Strand…?

Aber mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken und euch liebe Freunde, sehe ich an das ihr wissen wollt was noch auf der Lichtung passierte und wo Bergota war. Ja, Ragnar trieb uns an, endlich die Höhle zu betreten. Die selbe die wir schon beim Erreichen der Lichtung vorfanden. Schnell hatten wir die wenigen mitgebrachten Fackeln entzündet und gingen langsam und einer nach dem anderen in die Höhle. Schnell wurde uns klar, wonach die Menschen hier gegraben hatten, noch immer schimmerte es grün aus dem Stein um uns herum. Smaragde, so grün und funkelnd wie die Augen von Valthjona oder Skuld. Immer weiter ging es in die Höhle, die zu unserem Glück nicht kleiner und Enger wurde, sondern sich mehr und mehr zu einer großen Halle ausmachte. Inmitten ein Kleiner See, der umringt von seltsam leuchtenden Pilzen ruhig und still dar lag. Als unsere Fackeln irgendwann erloschen, hüllten diese Pilze die Höhle in ein wundersames Licht. Es war weder hell noch richtig dunkel und doch ganz anders, so dass es in Worte zu fassen nicht geht.

Doch zuvor fanden wir die Gebeine zweier Menschen. Sie lagen noch nicht all zu lange dort, oder zumindest hatte die Zeit sich noch nicht allzu stark an ihnen vergangen. Das eine war ein uns unbekannter Mann und die anderen Überreste gehörten einer Frau. Sie sah aus, als ob sie im Wasser gelegen hatte und trug noch immer einen Talisman aus Walknochen bei sich, welcher wohl Njörd darstellen sollte. Dies musste dann wohl Bergota sein, die Frau von Jarl Ivar aus Fensalir.

Ubbo begann sofort damit, Zeichen aus dem Überresten zu lesen, so wie er es schon einige Male zuvor auf unserer Reise getan hatte. Mit glasigen Augen saß er wenig später vor uns auf dem Höhlenboden und redete wirres Zeug. „Ich sehe Nebel, den Steinkreis… Da sind Wölfe, zwei große Wölfe mit weiß schwarzem Fell und blauen Augen, die aus dem Nebel kommen. Bei ihnen ein Riese, nein ein Mensch, der den Winter führt. Das ist Ullr, der Gott des Schnees und der Kälte. Sie kommen aus dem Steinkreis. Der Nebel wird stärker und nimmt die Sicht auf Idalier. Ich… Ich…“. Nun und damit war es dann auch schon wieder vorbei und Ubbo viel die Augen verdreht rücklings auf den Boden. Das gesehene schien ihm stark mitgenommen zu haben, aber uns brachte es recht wenig, immerhin waren wir hier um Teile von Bergota zu Valthjona zu bringen. Aber reichten vielleicht die Überreste aus der Höhle aus, oder bedurfte es Teile des Rachegeistes? Wir beschlossen zu warten, denn immerhin sollte es nur hier möglich sein den Geist zu sehen und zu verletzen.

Wenig später saßen wir alle zusammen an einem kleinen Feuer, welches Björn am Höhleneingang entzündet hatte. Nur Ragnar wurde immer unruhiger, er wollte nicht warten, er wollte nur fort von dieser Lichtung. Alles gute Zureden brachte nichts und so brach er alleine etwas später auf in Richtung Folkvang. Er wollte mit Skuld reden oder sie zumindest zur Rede stellen. Doch sein Tun war nicht von Erfolg gekrönt, wie wir später erfahren sollten.

Wir hingegen blieben auf der Lichtung und warteten auf Bergota, oder zumindest das was noch von ihr auf Midgard wandelte. Wir mussten dem ein Ende bereiten, wir brauchten Krallen oder ähnliches von ihr, damit Valthjona die Dörfer vor all dem Übel um uns herum schützen konnte. Auch wäre es sicherlich besser den Geist zu Hel zu schicken als ihn weiter in Breidablick unschuldige Menschen im Schlaf heim suchen zu lassen. Doch lange Zeit passierte nichts und wir beschlossen auf der Lichtung im Schutz der Höhle zu übernachten. Als Ubbo und Björn Wache hielten, waren sie die ersten die das fürchterliche Klagen hörten, ein Geräusch welches das Blut in den Adern erstarren ließ. Mit noch müden und verschlafenden Augen erkannte ich, dass zu all dem auch die Überreste der Frau sich zu bewegen anfingen und sich erhoben. Ganz deutlich war zu erkennen, dass die Finger des Toten Körpers sich zu langen Krallen verformten und auch aus ihrem Mund ragten immer länger werden Hauer heraus. Immer mehr begann ihr Äußeres das Aussehen einer Jütin anzunehmen, die Haut verlor den hellen Farbton eines Toten und wurde mehr und mehr blau grau. Eine Abscheulichkeit wie ihr sie euch kaum vorzustellen vermögt.

Ich muss euch nicht erzählen, dass wir alle vier sofort auf den Beinen waren, das Schild, das Schwert oder die Axt in der Hand und auf Bergota oder dass was sie nun war, vorgingen. Wie schwer konnte es schon werden, wir hatten einen Rachegeist aus drei erprobten Kämpfern besiegt. Was konnte dann ein solcher in Form einer Jarlsfrau gegen uns schon ausrichten?

Leider eine ganze Menge wie wir feststellen mussten. Ihre langen Krallen waren Wieselflink und ihre Reaktionen schneller als die eines Habichts im Sturzflug. Immer wieder schlug sie uns tiefe Wunden und kostete uns alles an Kraft und Ausdauer die wir noch aufbringen konnten. Nur mit größter Anstrengung und dem Blick bereits auf Odins Hallen gerichtet, gelang es uns sie zu überwältigen. Ein letzter unsicherer Schlag von Bjorn auf ihren Hals, trennten den Kopf vom Rumpf und machte dem ganzen ein Ende. Auf einmal war es wieder totenstill und nur das laute, erschöpfte Keuchen von uns allen durchbrach diese Ruhe. Schnell noch die Krallenhände abschlagen, bevor sie sich womöglich wieder zurück verwandelten und raus aus dieser Höhle, war zumindest mein erster Gedanke damals. Nun und ich schien damit nicht allein, den Magnus hatte bereits das Messer angesetzt und trennte die Klauen dieses Wesens ab und verstaute sie in irgendeinem Tuch.

Wir wollten gerade wieder aufbrechen und uns zurück durch den Sturm zum Turm schlagen, als am Steinkreis mit seinem Tisch, sich plötzlich Nebel bildete. Erst war es nicht mehr als ein paar kleine Fäden die entstanden, doch Zusehens wurde es mehr und wenig später war der gesamte Steinkreis in einer Nebelwand verschwunden. Alles sah so aus, wie Ubbo es am Tag zuvor noch beschrieben hatte. Nun und als ob dies nicht schon ausreichend genug war, so traten kurz darauf zwei mächtige, weiß schwarze Winterwölfe mit tief blauen und klaren Augen aus dem Nebel. Die beiden Tiere gingen mir vielleicht bis zu den Schultern, ein Hieb mit ihrer Pfote hätte nach dem Kampf gegen den Rachegeist, vermutlich gereicht um mich um zu hauen. Von einem Biss mit ihrem großen Kiefer möchte ich gar nicht erzählen. Aber sie verhielten sich ruhig, schauten auf der Lichtung umher und sogen die Luft prüfend ein. Sie warteten auf ihren Herren, der nur Augenblicke später aus dem Nebel trat. Ein Mann, fast ein Riese, kräftig gebaut und er strahlte eine Macht aus, wie ich sie nie zuvor und auch nie wieder danach verspürt habe. Er war gekleidet feinste Winterfelle von Bär, Wolf, Fuchs und an seiner Seite trug er eine mächtige Axt. Dieser Mann, war kein geringerer als Ullr, der Gott des Schnees und des Winters, daran gab es keinen Zweifel. Ubbo hatte doch die Zukunft in den Knochen gelesen und insgeheim wünschte ich, er hätte es nicht getan.

„Warum habt ihr das Feuer schon ausgeschlagen? Wollen wir uns nicht setzen und eine Kleinigkeit zu uns nehmen?“, ertönte eine tiefe aber freundliche Stimme und wenig später saßen wir alle wieder am neu entfachten Feuer und aßen Flachbrot mit getrocknetem Hasenfleisch, welches Ullr uns reichte und wir es erst vorsichtig, später ab freudig aßen. „Euer Freund liegt verwundet und sterbend im Wald. Er wurde von einem Geist angegriffen, dem Geist von Gunnar dem Jüten, den ihr erschlagen habt. Soll ich ihn herbringen lassen?“, ohne eine Antwort abzuwarten nickte er den beiden Wölfen zu und diese gehorchten sofort und liefen großen Schrittes in Richtung Wald in der Ragnar verschwunden war. Augenblicke später verschlang sie das Dunkel des Waldes und nur das Grün der Bäume und das Unwetter blieben zu sehen. Wenig später kamen beide mit einem leblosen Ragnar zurück auf die Lichtung, sie schienen genau gewusst zu haben wo sie suchen mussten, den es vergingen nur wenige Augenblicke. Irgendetwas hatte Ragnar schwer zugesetzt und es stand nicht gut um ihn. „Sein Lebensfaden ist dünn und die nächsten Stunden werden zeigen was die Nornen für ihn vorgesehen haben. Doch sagt mir Männer aus Rohald, warum seid ihr hier?“

So erzählten wir dem Gott Ullr unsere Geschichte und er wiederum erzählte uns von einem Pakt zwischen dem Gott Njörd und den Jarls aus Folkvang, Trynheim, Fensalir und Breidablick und dass sie Frevel an Idalier, dem Ort wo wir saßen, begangen hatten. Bjowulf, Skuld und auch Valthjona standen unter Ullrs Schutz und niemand durfte ihnen Leid antuen. Wir sollten zu den beiden noch lebenden Jarls Kjarltan und Ivar gehen und sie dazu bringen, freiwillig nach Idalier zu kommen und ihm Ullar gegenüber zu treten. Dann und nur dann würde das Unheil welches diese Gegend heimsuchte vorüber gehen. Doch in Acht nehmen sollten wir uns vor Harbart dem Wanderer, er wäre im Dienste Njörd unterwegs.

So verging eine gefühlte Ewigkeit, wo wir rund um das Feuer in Idalier saßen und dem Gott Ullr zuhörten. Natürlich wagte niemand von uns etwas zu fragen oder gar zu wiedersprechen. Nein, wir bedankten uns später für seine Gastfreundschaft und versprachen unser Möglichstes zu tun um alles wieder in Einklang zu bringen. Nun und so ging der Gott Ullr wieder wie er gekommen war, er verschwand im Nebel, der ebenfalls darauf wieder verschwand. Wir hingegen standen auf der Lichtung, inmitten eines unbeschreiblichen Sturms. Um uns herum bogen sich die Bäume, es regnete als gäbe es am nächsten Morgen kein Wasser mehr auf Midgard und immer wieder zuckten Blitze durch den Himmel. Die Götter waren bei uns? Oh ja, sie waren bei uns und hatten uns nicht verlassen. Nein sie hatten uns sogar zu einem Werkzeug ihres Kampfes untereinander gemacht.

Ubbo schaute noch einmal auf unsere Wunden und legte jedem von uns noch ein paar Kräuter auf. Er selbst genehmigte sich eine Hand voll Pilze und drängte uns dann zum Aufbruch, um schnell zurück zum Turm und Valthjona zu kommen.

Wieder kämpften wir uns durch das Unwetter, mitten durch den Wald und kamen einige Stunden später wieder am Turm an. Magnus übergab Valthjona die Klauen von Bergota und ich berichtet ihr was wir gesehen hatten und wer uns begegnet war.

Was mit Ragnar geschehen ist wollt ihr wissen? Nun Ragnar …

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