„Manche Wunden der Erde heilen unter Sonne und Regen, doch wo das Blut von Helden vergossen wurde und der Schatten seine Klauen tief in den Stein grub, dort schläft das Unheil nur, bis ein törichter Ruf es weckt.“
Von falschen Zauberern und brennendem Trug
Es begab sich im Lenz des Jahres 2956, als die Gefährten – unter ihnen der standhafte Damrod, der geschickte Yadri und der edle Annungildor – einen einsamen Turm im Dickicht des wilden Landes erreichten. Still wie die Schatten der Dämmerung näherten sie sich dem grauen Gemäuer, fest entschlossen, das Geheimnis in dessen Tiefen zu lüften. Ihr Pfad führte sie über die oberen Ränge, wo sie auf eine seltsame und frevelhafte Szenerie stießen.
Dort oben, inmitten von beißendem Schwefelrauch und wirren Apparaturen, hausten zwei Männer: Einer, den sie Osmer nannten, ein Gaukler, der sich mit dem Antlitz und den Künsten eines grauen Zauberers schmückte, und sein Gehilfe, ein Jüngling namens Hamfast. Als das Verhandeln fehlschlug und die Klingen aus den Scheiden glitten, entfesselte der falsche Mittler ein tückisches Feuerwerk. Krachende Explosionen erschütterten das Gebälk und hüllten Yadri und Annungildor in gleißende Funken, deren Hitze das Fleisch versengte. Doch Damrod, erfahren in den Künsten der Heilung, linderte ihre Pein, während der Kampf tobte.
Das Schicksal jedoch war an diesem Tage dunkel gestimmt. Osmer, der Drahtzieher des Truges, weigerte sich, dem Ruf der Vernunft zu folgen, und fiel im Handgemenge. Mit ihm verstummten auch die Antworten auf die Frage nach seinen dunklen Beweggründen. Die überlebenden Schergen, des Mutes beraubt, ergaben sich dem Urteil der Gefährten und wurden in den finsteren Kellern festgesetzt.
Das vergossene Blut der Speermaid
In der Tiefe des Turmes, wo die Luft nach Grabeskälte und altem Leid schmeckte, fanden sie Farrell den Jüngeren. Er lag bleich und blutend neben einer Grabstätte, die einst ehrwürdig gewesen sein mochte, nun aber von frischem Blut besudelt war. Es war ein Ort, über dem ein schwerer Schatten hing – eine Aura der Verderbnis, die einst helleres Licht gekannt hatte.
Unter dem strengen Blick der Gefährten begann Johann, ein Halunke von niederer Gesinnung, zu sprechen. Er berichtete von Gorlanc, einem dunklen Gebieter, für den Osmer gearbeitet hatte. Sowohl hier als auch fernab in den Wetterbergen hatten sie Höfe belagert. Das Schicksal Scyldas, die ebenfalls dem falschen Gandalf gefolgt war, blieb im Dunkeln verborgen.
In der Hoffnung, den Segen des Ortes wiederherzustellen, reinigten die Gefährten den steinernen Sarg. In alter Runenschrift offenbarte sich die Geschichte: Hier ruhte Gwendaith, die tapfere Speermaid, die im Letzten Bündnis vor den Toren von Barad-dûr gestritten hatte. Sie war einst eine Ratgeberin von Valandur gewesen, jenen Gelehrten, die in der Tiefe des Waldes eine Bibliothek des Wissens errichteten.
Trotz des Wissens um den Schatten, der in den Ritzen des Steins nistete, entschlossen sich die Wanderer, im Schutze des Turmes zu rasten. Doch die Dunkelheit von Eriador ist nicht leichtfertig zu unterschätzen. Obschon sie den Feind aus Fleisch und Blut bezwungen hatten, war das Grauen, das den Ort band – der namenlose Unhold – noch nicht gebannt.
Als die Nacht am schwärzesten war und die Sterne hinter Wolken erstarben, erhob sich die Kreatur erneut. Mit dem Hunger der Äonen und der Kälte des Grabes trat das Grauen aus der Finsternis, bereit, eine erneute Ernte unter den Lebenden einzufordern. Die Hoffnung der Gefährten wurde auf eine harte Probe gestellt, denn das Eisen allein vermag gegen einen solchen Schatten nur wenig auszurichten…



