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Opfer eines harten Winters I

Ubbo, Juren und Gydha ging es gut, sie lebten. Auch Magnus war noch bei uns, auch wenn ihn der Angriff des Rachegeistes stark mitgenommen hatte. Langsam und in aller Ruhe machten wir uns auf den Weg zurück nach Gunnvor und noch immer hallten die Worte des Rachegeistes in meinem Kopf nach, „Ich verfluche euch, für ein Jahr und einen Tag“. Aber je näher wir dem Dorf kamen desto weniger Dunst war zu sehen und als wir die Palisade erreichten schienen uns auch die ersten Sonnenstrahlen entgegen und vertrieben endgültig die trüben Gedanken. Ja die Götter waren mit uns, daran gab es keinen Zweifel.

Natürlich wuschen wir uns und aßen eine Kleinigkeit, aber viel war in Gunnvor nicht mehr zu tun. Wir beobachteten wie die Jüten Wendler und Latik Geschäfte mit Jarl Ottar Stigsson machten und stellten fest, dass der Schwede Thorgren Dormalsson wieder einmal alleine ausgeritten war. Auch sprachen wir noch einmal mit der Volva Gydha Skuldsdottir über Gorn, darüber warum er Astrid Ottarsdottir und vor allem wie er sie geschändet haben soll. Aber es gab keine neuen Erkenntnisse. Loki vermochte seine Finger im Spiel zu haben, aber noch offenbarte er sich nicht.
Aber es blieb nicht viel Zeit zum Ausruhen, denn schon am Abend drängte Ubbo zum Aufbruch zurück nach Rohald. Irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein, dies verrieten ihm wohl wieder die Vögel welche er kurz nach dem Frühstück befragt haben wollte. Nun und so brachen wir am nächsten Morgen auf, um zurück nach Rohald zu fahren. Im Grunde war der Rückweg ereignislos und so wie man sich eine Reise Im Winter in Dänemark eben vorstellt. Es lag ein wenig Schnee und die eisige Kälte kroch einem unter die Haut, die Tage waren grau und kurz und über allem lag eine Stille wie man sie selbst draußen auf dem Meer nur selten erleben kann. Es ist wohl auch nicht verwunderlich das wir alle nicht viel schliefen auf dieser Reise und immer wieder von unruhigen Träumen heimgesucht wurden, die großes Unheil für Rohald zeigten.

Als wir in Rohald ankamen, war den Götter sei Dank, alles so wie es immer war. Alle gingen ihrem üblichen Treiben nach und auch die Gäste waren bis auf die Familienmitglieder von Jarl Hrolf abgereist. So waren also noch Gudrid Hrolfsdottir und ihr Mann, sowie Yngwes Bruder, Sigr Gunnarsson, im Dorf.

Natürlich haben wir Jarl Hrolf sofort von den Geschehnissen in Gunnvor berichtet und welchen Handel wir mit Ottar Stigsson ausgehandelt hatten. Aber all dies schien für ihn nebensächlich zu sein, denn er berichtete uns im Beisein von Volva Hild Thorbjornsdottir, dass auch er in den letzten Tagen von unruhigen Träumen heimgesucht wurde, die alle von einem großen Unheil für Rohald erzählten. Es war ähnlich wie bei uns nichts Genaues zu erkennen und auch Hild konnte sich nicht erklären was oder wer für diese Träume verantwortlich war und viel schlimmer, auch sie konnte nicht sagen was sie zu bedeuten hatten.

Nur eines konnte sie ganz genau sehen, nachdem wir wieder nach Rohald zurückgekehrt waren, der Rachegeist war noch immer mit uns verbunden. Aber ob es sein Fluch über uns oder etwas anderes war, konnte sie nicht sagen. Viele offene Fragen lagen vor uns und wieder einmal drängte es sie zu beantworten. Hrolf berichtete kurz von Gesprächen und möglichen Ränkespielen der Jüten gegen ihn und Rohald. Er brauchte jemanden der Antworten geben konnte, denn er selbst war nicht im Stande nach ihnen zu suchen, dafür gab es zu viel anderes zu erledigen.

Doch wo bei den Göttern soll man Antworten finden, wenn selbst die Weisen nicht wissen was zu tun ist? Der Mimirsbrunnen konnte sicherlich helfen, aber wie sollten wir zu den Wurzeln der Weltenesche gelangen, wenn doch kein Sterblicher den Eingang kennt? Heimdal oder Odin selbst hätten helfen können, aber die Götter mischen sich bekanntlich nicht in die Dinge der Menschen auf Midgard ein. Die drei Nornen? Aber selbst, wenn wir sie fänden, würden sie Antworten? Aber wieder einmal war es Hild, die von einer Frau aus dem hohen Norden wusste, die dort nur die Herrin des Eises genannt wird. Eine Frau die so alt sein soll wie die Riesen selbst und die über Wissen verfügt wie es sonst kein Lebewesen auf Midgard tut. Aber auch einer Frau die nicht jeden empfängt und schon so mancher tapfere Mann kam nie wieder zurück, der versuchte sie zu finden. Aber sie war die beste Chance die wir hatten, um an Antworten zu gelangen. Antworten die wir brauchten um Schaden von Rohald und Jarl Hrolf abzuwenden.

So war schnell entschieden, dass wir zusammen mit Sigr Gunnarsson der ja aus Norwegen stammte in den Norden segeln würden, um dort die Herrin des Eises zu suchen. Das Boot sollte Osvif steuern, welcher ein alter Seemann und schon einige Male im hohen Norden unterwegs war. Überdies hatte er das schnellste und seetüchtigste Schiff, welches wohl am ehesten den Winterstürmen Skadis widerstehen konnte. Am nächsten Morgen sollte es bereits losgehen und natürlich gab es am Abend noch ein kleines Festessen samt ein zwei Fässern Met. Aber ich glaube ich muss euch hier nicht erneut erzählen wie wir in Rohald feiern, das habe ich bereits zur Genüge getan. Nur vielleicht erwähnen sollte ich, dass Björn sich an diesem Abend noch von Hild einen Raben stechen ließ, der von da an seinen Körper zierte und allen zeigte unter wessen Schutz er stand. Aber das Lager teilte sie dann dennoch nicht mit ihm, sondern mit mir. Aber Schluss der vielen Worte.

Am nächsten Morgen begrüßte uns die goldene Sonne und ein blauer Himmel machte uns den erneuten Abschied von Rohald nicht unnötig schwer. Natürlich war es noch immer bitter kalt. Aber als wir wenig später von einem Wal begleitet wurden, der einige Zeit neben unserem Schiff her schwamm, da war klar, dass die Götter auch diese Reise auf uns achten würden.

Etliche Tage fuhren wir in Richtung Norden. Fast eine ganze Woche dauerte es bis wir die Küste Norwegens erreichten, an der wir dann westlich weiter entlang nach Norden fuhren. Eines ums andere Mal schickte Skadi einen Sturm der die Wellen des Meeres Meterhoch trieb, aber Osvif wusste sein Schiff zu steuern wie kein zweiter und außerdem würde ich heute nicht hier sitzen und euch erzählen können, wenn es anders gewesen wäre.

Weitere zwei Wochen fuhren wir so die Küste hinauf und passierten dabei kleinere und größere Inseln und hielten unentwegt Ausschau nach einer besonderen Landmarke, welche laut Hild den Ort beschreibt an dem diese Herrin des Eises zu finden sei. Tja und am letzten Tag der zweiten Woche war es dann soweit. Es war ein Tag an dem die See fast ganz ruhig da lag, kaum ein Wind regte sich und Nebel umhüllte das Boot, so dass man vielleicht noch ein hundert oder zweihundert Schritt weit sehen konnte. Kaum ein Plätschern oder das Kreischen der Möwen war zu hören. Der Nebel schien sogar die Laute der Natur zu fressen. Wir mussten aufpassen um nicht auf eine der vielen kleinen Inseln oder Felsen auf zu laufen.

Doch dann sahen wir sie, die Felsen die ein Tor beschrieben. Genau so wie Hild es uns erklärt hatte. Vorsichtig und nun rudernd durchfuhren wir das Tor und wenig später lichtete sich der Nebel. Eisschollen schwammen in einer kleinen Bucht, die vor uns auftauchte und noch einmal mehr schien Uller seinen eisigen Hauch über die Welt zu schicken. Es war bitter kalt geworden. War es zuvor schon kalt, so war es nun fast nicht aus zu halten. Hier konnte nichts leben, außer Schnee und Eis. Vorsichtig manövrierten wir um die umhertreibenden Eisschollen, bis es unweit des Strandes nicht mehr weiterging. Vorsichtig verließen wir das Boot und hatten nach mehreren Wochen zum ersten Mal wieder Land, bzw. Eis unter den Füßen.

Vor und um uns herum bot sich eine felsige und mit Schnee bedeckte Landschaft. Hinter uns die Bucht und das Meer, links und rechts aufragende Felsen und Berge und nur nach vorne verlief ein breites langes weißes Tal. Hin und wieder tauchten Krüppelbirken auf und Heidekraut durchbrach die Schneedecke und je tiefer wir in das Tal vordrangen, desto öfter sahen wir kleine Tannen.

Als wir eine Weile gelaufen waren, entdeckte Magnus als erster, in einiger Entfernung einen kleinen Wald aus dem eine Rauchfahne aufstieg. Vor dem Wald lag eine verschneite Geröll- oder gar Heidefläche und zur rechten ragte bereits eine Felswand empor, aus der ein zugefrorener Wasserfall zu kommen schien. Aber lang konnten wir uns an die sich verändernde Landschaft nicht gewöhnen, denn schon bald sahen wir einige Wesen aus dem Wald kommen. Für Riesen waren sie zu klein, für Unterirdische aber zu groß. Nun und für Trolle zu beweglich und zu flink. Sie sahen aus wie Menschen, doch waren sie nur mit Fellen bekleidet und trugen Speere mit Steinspitzen.

Wenn dies Norweger waren, dann hätte ich den Jüten bis dahin sehr Unrecht getan, aber Sigr Gunnarsson war auch Norweger und der trug nicht nur Fell und Steinwaffen bei sich. Nein dies waren Wilde Menschen, Eismenschen wie ich sie heute nenne, denn ihre Augen wahren weiß wie Schnee und ihr Blick damit leer und ohne Wärme. Sie waren von den Göttern verlassen und selbst Skadi hatte wohl kein Mitleid mit ihnen. Dennoch für Mitleid blieb wenig Zeit, denn sie griffen uns mit ihren primitiven Waffen an.

Ich muss euch nicht erzählen was passierte, denn natürlich waren wir fünf ihnen weit überlegen. Doch wollten wir nicht ein ganzes Dorf auslöschen und versuchten zum gefrorenen Wasserfall zu kommen. Hier hatte Magnus eine kleine Höhle erspäht, aus dem der Wasserfall zu kommen schien. Auch war dies wohl die einzige Stelle wo es weitergehen konnte, denn hinter dem Wald schien das Tal ebenfalls zu Ende zu sein. Vielleicht fanden wir diese Herrin des Eises ja dort und es schien der einzige Weg zu sein.

Mit etwas Mühen und nur leichten Verletzungen gelangten wir wenig später über die Eiswand des gefrorenen Wasserfalls in die Höhle. Hier war es noch einmal kälter und glaubt es oder nicht, aber mein Atem viel vor mir als Schneeflocke zu Boden, so kalt war es.

Die kleine Höhle wurde nach hinten hin immer größer und ihre Wände und der Boden war über und über mit Eis bedeckt. In allen Blautönen die ihr euch nur vorstellen könnt, erstrahlte das Eis um uns herum. Schnell waren Fackeln entzündet und da erkannten wir erst das Ausmaß dieser Höhle, sie war riesig. Es war schon fast ein Eispalast, mit Säulen aus purem Eis. Bei genauerem hinsehen konnte man eingeschlossene Männer und Frauen und Tiere erkennen. Wenn es wirklich eine Herrin des Eises geben sollte, dann konnte sie nur hier leben und was mit den vielen hilflosen Seelen passiert war, welche versuchten sie zu finden war uns nun auch klar.

Vorsichtig gingen wir voran und erkannten, dass von diesem Saal sechs weiter Gänge abgingen. Welchen sollten wir nehmen? Wenn es der falsche war würden wir vielleicht auch bald als Eissäule enden. Wenn die Götter wollten das wir hier wieder herauskommen sollten, dann würden sie uns schon den rechten Weg weisen. So war es Björn, der Odins Führung vertrauend voran schritt und wir einfach den zweiten Gang von links nahmen und hindurchgingen. Doch sogleich wurde mein Geist umhüllt von Kälte und Finsternis. Ich weiß nicht ob es an der Temperatur dieses Ortes lag, oder ob wir mit übersinnlichen Kräften angegriffen wurden, aber ich erkannte, dass es den anderen nicht besser erging.

Doch dieses Gefühl der Hilflosigkeit dauerte nur wenige Augenblicke und so gelangten wir abermals in einen großen Saal. In diesem Stand ein Thron aus purem Eis, flankiert durch zwei Feuerschalen, welche aber keine Wärme spendeten. Nun und im nächsten Augenblick stand sie vor uns. Eine Frau, hochgewachsen und mit ebener weißer Haut, an der kein Makel zu erkennen war. Ihre Gesichtszüge und der Blick so scharf und schön als wäre sie aus Albenheim und gekleidet war sie in feinstem Fell eines Polarfuchses.

Heute kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, ob sie direkt mit uns sprach, oder ob ihr klare kalte Stimme nur in meinem Kopf zu hören war. So fern und fremd war dieses Zusammentreffen, dass es mich heute noch fröstelt, wenn ich nur daran denke.

„Ihr seid gekommen um Antworten zu finden, doch will ich sehen ob ihr die Aufgabe der Raben erfüllt. Geht hinaus und zeigt ob ihr einer Antwort würdig seid.“

Das waren die Worte die mir in Erinnerung geblieben sind.  Nun und im nächsten Moment war sie verschwunden und die Feuerschalen erloschen, als ob sie nie gebrannt hätten. Keiner von uns wagte etwas zu sagen, stattdessen versuchten wir so schnell wie möglich aus dieser Höhle zu kommen.

Am Ausgang der Höhle angekommen ging es zügig den vereisten Wasserfall hinunter. Unten angekommen, war es wieder einmal Magnus der die beiden Raben als erster erblickte, die in einer Tanne unweit vor uns saßen und auf uns herabblickten. Als der letzte von uns unten war, erhoben sich die beiden und flogen einen schmalen Pfad entlang der weiter in ein Wäldchen führte. Natürlich folgten wir sofort.